Palliativmedizin, Zusatz-Weiterbildung Teil 4 · Stufe WBJ 4

Kommunikation: Modelle, schwierige Gespräche und Familiengespräche

Kommunikation ist in der Palliativmedizin kein Beiwerk, sondern Behandlung. Sie lässt sich lernen wie eine Technik: mit Modellen, Formulierungen, Übung und Rückmeldung.

Neufassung für das E-Learning nach der S3-Leitlinie Palliativmedizin (Version 3.0, Juli 2026, Kapitel Kommunikation und Angehörige), dem Patientenrechtegesetz (§§ 630c und 630e BGB), der Handlungsempfehlung „Reden ist Gold“ des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, dem Cochrane-Review zu Kommunikationstrainings und der Primärliteratur zu Gesprächsmodellen, sowie Lehrbüchern der Palliativmedizin (siehe Literatur), deren Inhalte neu formuliert und aktualisiert wurden. Eigenes Schema und eigene Tabellen, Fragen neu formuliert.
Lernziele
  • Kommunikationsmodelle erklären und auf schwierige Gesprächssituationen anwenden.
  • Emotionen mit NURSE wertschätzend beantworten und Informationen mit Ask-Tell-Ask und Teach-back dosieren.
  • Prognose ehrlich und hoffnungsvoll zugleich vermitteln und Therapiezielgespräche mit REMAP führen.
  • Aufklärungs-, Entscheidungs-, Konflikt- und Fehlergespräche strukturiert führen.
  • Familiengespräche vorbereiten, leiten und nachbereiten und die Kommunikation der Betroffenen untereinander fördern.
  • Mit Menschen mit Aphasie, Demenz, Beatmung oder Sprachbarriere verlässlich kommunizieren.
  • Mit schwer kranken Kindern und ihren Eltern altersgerecht und ehrlich sprechen und künstlerische Therapien als Ausdrucksweg kennen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sieben Lektionen mit Fragenblöcken, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt die Facharzt-Einheit Kommunikation mit Patienten und Angehörigen voraus, in der SPIKES eingeführt wird.
  3. Die Familienkonferenz auf der Intensivstation behandelt die Einheit Therapiezieländerung und Sterben auf der Intensivstation.

Lektion 1

Kommunikationsmodelle, Wahrnehmung und aktives Zuhören

Kommunikationsmodelle erklären, warum Gespräche gelingen oder scheitern. Das Vier-Seiten-Modell, auch Kommunikationsquadrat genannt, beschreibt, dass jede Nachricht vier Botschaften zugleich enthält: einen Sachinhalt, eine Selbstkundgabe, einen Beziehungshinweis und einen Appell. Sagt ein Angehöriger „Mein Vater hat seit gestern nichts gegessen“, kann der Empfänger eine Sachinformation hören, die Sorge des Sohnes, einen Vorwurf an das Team oder die Aufforderung, eine Ernährungssonde zu legen. Welches „Ohr“ der Arzt öffnet, bestimmt seine Antwort. Wer nur auf der Sachebene antwortet, verfehlt oft die eigentliche Botschaft, besonders wenn es um Angst geht.

Die pragmatischen Axiome der Kommunikationstheorie ergänzen diesen Blick. Man kann nicht nicht kommunizieren: Auch Schweigen, ein Blick auf die Uhr oder ein Gespräch im Stehen teilen etwas mit. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei der Beziehungsaspekt bestimmt, wie der Inhalt verstanden wird. Die Beteiligten setzen unterschiedliche Anfangspunkte in einer Abfolge („Sie informieren uns nie“, „Sie fragen nie nach“). Menschen kommunizieren sprachlich und nichtsprachlich, und Beziehungen können symmetrisch oder komplementär sein. Für die Praxis heißt das: Haltung, Körpersprache, Sitzposition und Zeit sind Teil der Botschaft.

Aktives Zuhören ist die Grundtechnik jedes schwierigen Gesprächs. Dazu gehören ungeteilte Aufmerksamkeit, Pausen, das Paraphrasieren des Gehörten mit eigenen Worten, das Verbalisieren der mitschwingenden Gefühle und das Zusammenfassen am Ende eines Abschnitts. Offene Fragen („Wie geht es Ihnen damit?“) öffnen das Gespräch, geschlossene Fragen klären Einzelheiten. In einer Studie an Ambulanzen wurden Patienten im Median schon nach etwa elf Sekunden unterbrochen (2019); dabei dauert die ununterbrochene Eröffnung meist weniger als zwei Minuten und liefert die wichtigsten Anliegen.

Auch der Rahmen spricht mit. Wer sich setzt, wird als länger anwesend und zugewandter erlebt, selbst wenn das Gespräch gleich lang dauert. Augenhöhe, ein Abstand, der Nähe erlaubt, ohne zu bedrängen, ein ausgeschaltetes Telefon und ein kurzer Satz zum Zeitrahmen („Wir haben jetzt eine halbe Stunde“) schaffen Sicherheit. Widersprechen sich Worte und Körpersprache, glauben Patienten meist der Körpersprache.

Was Patienten und Angehörige von Gesprächen erwarten, ist gut untersucht (Tabelle 1). Die meisten Menschen mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung wollen umfassend informiert werden, auch über schlechte Nachrichten; in einer großen britischen Befragung (2002) galt das für etwa 85 %, nur etwa 8 % wollten keine Einzelheiten wissen. Das Informationsbedürfnis wird von Ärzten und Angehörigen dennoch regelmäßig unterschätzt, und um den Patienten entsteht ein Schweigen, das seine Anpassung an die Lage erschwert. Auch Menschen aus Kulturen, in denen Diagnosen traditionell der Familie mitgeteilt werden, wünschen oft selbst eine offene Auskunft. Kulturelle Hintergründe sind deshalb eine Frage wert, aber keine Grundlage für Annahmen; welchen Umgang mit Information ein Mensch möchte, wird bei jedem Patienten erfragt.

Tabelle 1: Was Patienten und Angehörige im ärztlichen Gespräch erleben
hilftbelastet
verständliche Information über die Erkrankungkein Angebot, über Ängste und Sorgen zu sprechen
Zuversicht, wo sie berechtigt istfehlende emotionale Unterstützung
Fragen ohne Zeitdruck stellen könnenUnterbrechungen und spürbare Hektik
ein fester ärztlicher Ansprechpartnerdas Gefühl, ein beliebiger Fall zu sein
Interesse an der Person und ihrer LageGespräche, die nur um Befunde kreisen

Neben dem Inhalt verdient die Form einer Äußerung Aufmerksamkeit: abgebrochene Sätze, plötzliche Themenwechsel bei emotionalen Themen, das Übergehen eines angesprochenen Punkts, einsilbige Antworten, ein Rückzug aus dem Gespräch oder eine veränderte Stimme. Nichtsprachliche Zeichen sind Blickrichtung, Atmung, Gestik und Mimik, Erröten am Hals, Muskelspannung. Einzelne Signale lassen sich nicht wie ein Wörterbuch übersetzen, verschränkte Arme können einfach bequem sein; aussagekräftig sind Veränderungen im Gespräch. Besonders wichtig sind Widersprüche zwischen Wort und Körper, etwa wenn jemand heiter über das Sterben spricht und dabei angespannt und kurzatmig wirkt. Solche Beobachtungen werden nicht gedeutet, sondern vorsichtig gespiegelt: „Mir fällt auf, dass wir immer wieder beim Einkauf landen, wenn ich von den Befunden spreche. Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“ Oft öffnet das den Zugang zu Angst, Widerspruch oder einem ganz anderen Anliegen.

Aufmerksamkeit gilt auch dem eigenen Erleben. Wer im Gespräch nur an den nächsten Behandlungsschritt denkt, hört wenig; wer eigenes Unbehagen, Ärger oder Abneigung gegenüber einem Patienten bemerkt, gewinnt eine wichtige Information, die er prüfen und nicht wegschieben sollte. Hilfreich ist die Haltung, dem Patienten als Mensch auf Augenhöhe zu begegnen: Fachwissen trennt, die Verletzlichkeit am Lebensende teilen alle. Für die nichtsprachliche Präsenz gibt es eine einfache Merkhilfe, die sich an den englischen Anfangsbuchstaben orientiert: den Patienten ansehen, eine offene Haltung einnehmen, sich leicht zuwenden, Blickkontakt halten und ruhig sitzen. Aus der Forschung zu Gesprächen mit Schwerkranken lassen sich einige Grundsätze ableiten: mit dem beginnen, was den Patienten gerade beschäftigt; emotionale und sachliche Hinweise gleichermaßen beachten; im Tempo des Patienten bleiben und immer nur einen Schritt weitergehen; Empathie ausdrücklich in Worte fassen; zuerst sagen, was möglich ist, dann, was nicht mehr geht; über Ziele sprechen, bevor es um Maßnahmen geht; und in jedem Gespräch wenigstens einen Moment ungeteilter Aufmerksamkeit schenken, auch wenn die Zeit knapp ist.

Lektion 2

Schwierige Nachrichten, NURSE, Ask-Tell-Ask und Prognose

Emotionen sind in schwierigen Gesprächen keine Störung, sondern Information. Solange ein Mensch von Angst oder Trauer überflutet ist, nimmt er kaum Sachinformationen auf. Deshalb wird zuerst die Emotion beantwortet, dann informiert. Das NURSE-Schema gibt dafür fünf Formen empathischer Antworten: Benennen (Naming), Verstehen ausdrücken (Understanding), Respekt zollen (Respecting), Unterstützung zusagen (Supporting) und die Emotion weiter erkunden (Exploring). Nicht jede Antwort braucht alle fünf; oft genügt ein benennender Satz und Stille.

Tabelle 2: NURSE mit Beispielsätzen
ElementBeispiel
Naming: benennen„Ich habe den Eindruck, das macht Ihnen große Angst.“
Understanding: verstehen„Nach allem, was Sie durchgemacht haben, kann ich gut nachvollziehen, dass Sie erschöpft sind.“
Respecting: respektieren„Ich bewundere, wie Sie Ihren Mann in den letzten Monaten gepflegt haben.“
Supporting: unterstützen„Wir werden Sie auf diesem Weg nicht allein lassen.“
Exploring: erkunden„Erzählen Sie mir mehr davon, was Ihnen gerade am meisten Sorgen macht.“

Informationen werden nach dem Prinzip Ask-Tell-Ask dosiert: erst erfragen, was der Patient weiß und wissen möchte, dann in kleinen Portionen informieren, dann erfragen, wie die Information angekommen ist. Mit Teach-back bittet der Arzt den Patienten, das Besprochene mit eigenen Worten wiederzugeben („Damit ich sicher bin, dass ich es verständlich erklärt habe: Was werden Sie Ihrer Tochter erzählen?“). Die Frage prüft die Erklärung, nicht den Patienten; Übersichtsarbeiten zeigen, dass sie Verständnis und Umsetzung verbessert. SPIKES aus der Facharzt-Einheit lässt sich damit vertiefen: den Informationswunsch ausdrücklich erfragen, einen Warnschuss setzen („Ich habe leider keine guten Nachrichten“), nach der Kernbotschaft schweigen und erst nach der emotionalen Antwort weitergehen.

Prognosen werden ehrlich und in Spannen mitgeteilt, etwa „eher Wochen als Monate“, verbunden mit dem Hinweis auf Unsicherheit. Das Prinzip „Hoffen und Vorbereiten“ verbindet beides: „Ich hoffe, dass die Therapie wirkt. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen, dass sie es nicht tut, und ich denke, wir sollten auch für diesen Fall planen.“ Sätze wie „Ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten“ drücken Anteilnahme aus, ohne die Wahrheit aufzuweichen. Hoffnung verschiebt sich im Verlauf von Heilung auf Zeit, Beschwerdefreiheit, Beziehungen und ein gutes Sterben; die Aufgabe ist, sie zu begleiten, nicht sie zu nehmen oder falsch zu nähren. Erfragen Sie auch die Wünsche zur Prognose: Manche Patienten wollen Zahlen, andere nur die Richtung.

Eine schwierige Nachricht ist jede Information, die das Bild eines Menschen von seiner Zukunft ernsthaft verdunkelt. Was schwierig ist, bestimmt der Empfänger, nicht der Arzt: Die Verschiebung eines kleinen Eingriffs kann für einen Patienten, der bis zu einem Familienfest wieder essen möchte, eine schlimme Nachricht sein, und die Mitteilung vom Tod eines lange leidenden Menschen kann bei Angehörigen neben Trauer Erleichterung auslösen. Deshalb wird vor dem Gespräch überlegt, welche Erwartungen und Pläne der Patient hat, und das Team trägt seine Kenntnisse zusammen. Ärzte reagieren in aufgezeichneten Gesprächen nur auf etwa jeden dritten negativen emotionalen Hinweis mit empathischen Worten; auf Traurigkeit gehen sie häufiger ein als auf Angst oder Ärger, und oft antworten sie mit medizinischen Fakten statt mit einer Reaktion auf das Gefühl (2009).

Bei der Mitteilung selbst helfen einfache Regeln. Ein separater Raum statt Mehrbettzimmer oder Flur, eine Vertrauensperson an der Seite des Patienten und möglichst eine vertraute Pflegekraft. Eine Vorwarnung erlaubt dem Patienten, sich innerlich zu wappnen. Die Sprache ist einfach, die Sätze sind kurz; Darmkrebs heißt Darmkrebs und nicht „Raumforderung“ oder „Entzündung“. Dramatisierende Bilder sind zu meiden: Ein Tumor „zerfrisst“ nichts, und Sätze wie „Sie werden ersticken“ oder „das wird ein Todeskampf“ erzeugen Angst, die mit guter Palliativversorgung meist unbegründet ist. Der Satz „Wir können nichts mehr für Sie tun“ sollte nie fallen; ehrlicher ist, dass die Erkrankung nicht mehr heilbar ist, aber viel getan werden kann, damit das Leben so gut wie möglich bleibt. Wer eine schlechte Nachricht überbringt, redet meist zu viel; nach der Kernbotschaft wird geschwiegen. Am Ende wird gefragt, was angekommen ist, das Wichtigste wird wiederholt oder handschriftlich mitgegeben, und es gibt einen festen nächsten Termin. Niemand wird mit einer schlechten Nachricht ins Leere entlassen. In Befragungen von Menschen mit einer neu diagnostizierten ALS war die Zeit, die sich der Arzt für das Gespräch nahm, der wichtigste Faktor ihrer Zufriedenheit.

Nur die Angehörigen aufzuklären und den Patienten nicht, ist abzulehnen. Es verletzt sein Recht auf Information und die Schweigepflicht, wenn er der Weitergabe nicht zugestimmt hat, und es macht wirksame Einwilligungen in Behandlungen unmöglich. Zudem zwingt es die Familie in ein Schweigen, das gemeinsamen Abschied verhindert. Selbst wer schonungslos informiert werden will, braucht Hoffnung in Teilbereichen: auf Linderung, auf ein erreichbares Etappenziel wie ein Familienfest, auf Begleitung. Wie unterschiedlich Hoffnung gewichtet wird, zeigte eine bekannte Befragung: Menschen mit Krebs nahmen eine belastende Chemotherapie schon bei einer Heilungschance von 1 % in Kauf, Ärzte, Pflegende und Gesunde forderten deutlich höhere Chancen (1990). Unrealistische Hoffnungen auf Heilung oder Jahre werden behutsam korrigiert, ohne jede Hoffnung zu nehmen.

Eine Prognose entsteht in zwei Schritten: Sie wird ärztlich eingeschätzt, aus Befunden, Verlauf, Scores und Erfahrung, und sie wird mitgeteilt. Ärzte liegen mit ihrer Schätzung oft zu optimistisch und teilen sie noch optimistischer mit. Anlässe für ein Gespräch über Prognose und Zukunft sind die Frage des Patienten, eine fortschreitende, nicht heilbare Erkrankung, die Antwort „nein“ auf die Frage, ob man überrascht wäre, wenn der Patient im nächsten Jahr stirbt, eine Verschlechterung, eine anstehende Therapieentscheidung, Erwartungen, die zur ärztlichen Einschätzung nicht passen, und jede Überweisung an ein Palliativteam, Hospiz oder eine Palliativstation. Hilfreich ist, den Patienten zuerst selbst beschreiben zu lassen, was sich in den letzten Wochen verändert hat, was er nicht mehr kann und wie seine Kraft ist; so entsteht die Einschätzung gemeinsam. Statistische Angaben wie ein Median werden mit dem Hinweis versehen, dass sie für den Einzelnen wenig sagen, die Einschätzung wird regelmäßig überprüft, und die Worte „sterben“ und „Tod“ werden dort gebraucht, wo sie hingehören. Angehörige fragen oft „Wie lange noch?“; dahinter steht häufig mehr der Wunsch, darüber sprechen zu dürfen, als die Erwartung eines Datums.

Lektion 3

Therapiezielgespräche, Aufklärung und partizipative Entscheidung

Ein Therapiezielgespräch ist nötig, wenn eine Behandlung ihr Ziel nicht mehr erreichen kann. Das REMAP-Schema gliedert es in fünf Schritte. Reframe: die Lage neu einordnen, etwa „Die Behandlungen wirken nicht mehr so, wie wir gehofft hatten; wir sind an einem anderen Punkt.“ Expect emotion: mit Emotion rechnen und sie mit NURSE beantworten. Map: die Werte und Ziele des Patienten erkunden, zum Beispiel „Was ist Ihnen jetzt am wichtigsten? Was möchten Sie auf keinen Fall?“. Align: die Werte zurückspiegeln, „Wenn ich Sie richtig verstehe, ist Ihnen wichtig, zu Hause zu sein und klar im Kopf zu bleiben.“ Plan: eine ärztliche Empfehlung geben, die diesen Werten entspricht, und die nächsten Schritte vereinbaren. Der Patient muss nicht aus einer Liste von Maßnahmen wählen; er erfährt, was aus ärztlicher Sicht seinen Zielen dient.

Die Aufklärung vor einer Maßnahme ist nach § 630e BGB mündlich, rechtzeitig und verständlich durch einen Behandelnden mit ausreichender Ausbildung zu führen; Unterlagen dürfen ergänzen, aber nicht ersetzen. Sie umfasst Art, Umfang, Durchführung, Folgen, Risiken, Notwendigkeit, Erfolgsaussichten und Alternativen, in der Palliativmedizin ausdrücklich auch die Alternative, auf die Maßnahme zu verzichten. Für Entscheidungsgespräche bewährt sich das Drei-Schritte-Modell der partizipativen Entscheidungsfindung: Team Talk (es gibt eine Entscheidung zu treffen, und wir treffen sie gemeinsam), Option Talk (Optionen mit Nutzen und Belastung vergleichen) und Decision Talk (Präferenzen erfragen, entscheiden oder Bedenkzeit vereinbaren).

Es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen: Verzichtet ein Patient ausdrücklich auf Aufklärung, ist sie entbehrlich (§ 630e Abs. 3 BGB). Dieser Verzicht wird respektiert und dokumentiert, zusammen mit der Frage, wer stattdessen informiert werden soll. Er gilt nicht für immer; das Angebot wird bei neuen Entscheidungen wiederholt. Umgekehrt ist es keine Aufklärung, wenn ein Patient mit Befunden überschüttet wird, die er nicht einordnen kann.

  1. Reframe: Lage neu einordnen, Warnschuss
  2. Expect emotion: Emotion erwarten und beantworten
  3. Map: Werte und Ziele erkunden
  4. Align: Werte zurückspiegeln
  5. Plan: Empfehlung geben und nächste Schritte vereinbaren

Partizipative Entscheidungsfindung ist mehr als die Aufzählung von Optionen. Der Arzt ist Experte für die Krankheit, der Patient für sein Leben, seine Prioritäten und seine Grenzen; aus beidem entsteht eine Entscheidung, die keiner allein so getroffen hätte. Weder die bevormundende Entscheidung noch die einsame Wahl eines mit Informationen überschütteten Patienten gibt Schwerkranken die Sicherheit, die sie suchen. Ein Übermaß an schwer einzuordnenden Daten lähmt eher, als dass es befähigt. Entscheidend ist, gemeinsam herauszuarbeiten, was dem Patienten wichtig ist, und dann die relevanten Optionen mit Bedenkzeit zu besprechen. Die Kriterien des OPTION-Instruments helfen, solche Gespräche zu prüfen (Tabelle 3). Vor dem Gespräch wird geklärt, wie sehr der Patient beteiligt sein möchte; manche Patienten schätzen es, ein Gespräch aufzunehmen und zu Hause mit der Familie noch einmal zu hören. Fragt der Patient „Was würden Sie an meiner Stelle tun?“, verdient er eine ehrliche Antwort statt eines Ausweichens.

Tabelle 3: Merkmale partizipativer Entscheidungsgespräche (nach dem OPTION-Instrument)
MerkmalBeispiel
Entscheidungsbedarf benennen„Wir müssen entscheiden, wie wir mit dem Tumor im Hals umgehen. Darf ich das mit Ihnen besprechen?“
mehrere Wege betonen, auch Abwarten„Es gibt nicht nur einen richtigen Weg; auch abzuwarten und später neu zu entscheiden ist eine Möglichkeit.“
Vor- und Nachteile verständlich erklärenmit Worten, Zahlen oder einer Skizze, wie der Patient es bevorzugt
Vorstellungen und Sorgen des Patienten erfragen„Wie hatten Sie sich das Vorgehen vorgestellt? Was macht Ihnen Sorgen?“
Verständnis prüfen, Fragen ermöglichenTeach-back, Zeit für Rückfragen
gewünschte Beteiligung erfragen„Wie sehr möchten Sie selbst mitentscheiden?“
Aufschub anbieten und Überprüfung vereinbaren„Das muss nicht heute entschieden werden. Ich komme am Donnerstag wieder.“

Eine Besonderheit tritt nahe am Lebensende auf: Sehr geschwächte Menschen ziehen sich in sich zurück und stimmen manchmal allem zu, was ihnen angeboten wird, einfach weil ihnen die Kraft zum Widerspruch fehlt. Wenn zugleich die Vergütung große Eingriffe belohnt und Gespräche kaum honoriert, entsteht ein Interessenkonflikt. Umso wichtiger ist, dass Entscheidungen in dieser Phase im Team, mit den Angehörigen und mit Blick auf die früher geäußerten Ziele getroffen und jederzeit neu bewertet werden. Für Therapiezielgespräche in der Palliativsituation wurde SPIKES um einen Schritt erweitert, in dem nach den Emotionen ausdrücklich über Ziele, Symptomlinderung, Therapiebegrenzung, Vertreter und Unterstützung durch Pflege, Psychotherapie, Seelsorge oder Kunsttherapie gesprochen wird.

Worte können Konflikte erzeugen oder verhindern (Tabelle 4). Die Frage „Sollen wir alles tun?“ lässt nur ein Ja zu; ein „aber“ entwertet alles, was davor gesagt wurde; „Es tut mir leid“ kann als Schuldeingeständnis missverstanden werden, wo Anteilnahme gemeint ist, und lässt sich durch einen Wunschsatz ersetzen: „Ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten.“ Wie stark Formulierungen wirken, zeigt eine Studie, in der dieselbe Anordnung deutlich häufiger akzeptiert wurde, wenn sie als Zulassen des natürlichen Sterbens statt als Verzicht auf Wiederbelebung beschrieben wurde (2008). Ziele positiv zu benennen, etwa möglichst viel Zeit zu Hause, ist ehrlicher als eine Liste von Verboten.

Tabelle 4: Formulierungen, die Konflikte fördern, und bessere Alternativen
Häufige FormulierungAlternative
„Wir können nichts mehr tun.“„Heilen können wir die Krankheit nicht. Jetzt konzentrieren wir uns auf das, was Ihnen hilft.“
„Sollen wir alles machen?“„Was ist Ihnen wichtig, und wie sollen wir Ihnen dabei helfen?“
„Wir stellen die Maschinen ab.“„Wir beenden die Beatmung, wie er es wollte, und geben Medikamente, damit er ruhig atmet.“
„Ich verstehe Sie, aber er ist sehr krank.“„Sie hoffen, dass es besser wird, und aus ärztlicher Sicht ist die Lage sehr ernst.“
„Keine Wiederbelebung“das Ziel benennen: natürliches Sterben zulassen, Linderung und Zeit zu Hause

Lektion 4

Fehler, Konflikte, Wut und die Frage nach Sterbehilfe

Fehler kommen auch in der Palliativmedizin vor, etwa Verwechslungen bei Opioiden oder übersehene Anordnungen. Patienten und Angehörige haben ein Recht, davon zu erfahren: Nach § 630c Abs. 2 BGB informiert der Behandelnde über erkennbare Umstände, die einen Behandlungsfehler begründen können, auf Nachfrage oder zur Abwendung gesundheitlicher Gefahren. Die Handlungsempfehlung „Reden ist Gold“ des Aktionsbündnisses Patientensicherheit beschreibt das Vorgehen: zuerst die medizinische Versorgung sichern, dann zeitnah, möglichst innerhalb von 24 Stunden, mit Patient oder Angehörigen sprechen, möglichst durch einen erfahrenen Arzt, der den Patienten kennt, gemeinsam mit einer vertrauten Pflegekraft.

Im Gespräch werden die bekannten Tatsachen offen dargestellt, ohne Spekulationen und ohne Schuldzuweisungen an Kollegen. Bedauern und eine Entschuldigung werden ausgesprochen („Es tut mir leid, dass das passiert ist“). Das ist kein Schuldanerkenntnis und gefährdet den Versicherungsschutz nicht; nur eine förmliche Haftungsübernahme wird mit dem Versicherer abgestimmt. Dazu gehören die Folgen, die nächsten Schritte, ein fester Ansprechpartner und ein Folgetermin. Das Gespräch wird dokumentiert, der Vorfall analysiert, und die beteiligten Mitarbeitenden erhalten Unterstützung, weil sie als „zweite Opfer“ oft selbst stark belastet sind.

Konfliktgespräche entstehen, wenn Angehörige oder Kollegen andere Ziele verfolgen. Hilfreich ist, Person und Sache zu trennen, hinter Positionen die Interessen zu suchen („Sie fordern die Infusion, weil Sie nicht wollen, dass Ihre Mutter leidet“), Ärger als Emotion zu würdigen und in Ich-Botschaften zu sprechen. Nicht jeder Konflikt lässt sich in einem Gespräch lösen. Klare Grenzen, ein zweiter Termin, ein Moderator oder eine ethische Fallbesprechung sind legitime Schritte. Wer Vorwürfe persönlich nimmt, verteidigt sich; wer sie als Ausdruck von Angst versteht, kann antworten.

Wut und Vorwürfe richten sich oft gegen die, die gerade da sind. Manche Ärzte reagieren darauf mit Rückzug, mit Rechtfertigung oder mit zusätzlichen Maßnahmen, um ein Gefühl des Versagens abzuwehren. Zur Deeskalation hilft ein Vorgehen in vier Schritten: Kontakt herstellen durch ruhige Körpersprache, das Eingestehen tatsächlicher Fehler und das Anerkennen der schweren Lage; die Emotion verstehen und in Worte fassen, ohne Angriffe persönlich zu nehmen; nach vorn schauen, Rollen klären und Vertrauen neu aufbauen; und schließlich eine konkrete Vereinbarung treffen, etwa eine tägliche feste Zeit, in der die gesammelten Fragen der Familie beantwortet werden. Grundsätzlich bestimmt der Empfänger, was eine Botschaft bedeutet: Jede Information wird durch Aufmerksamkeit, Vorerfahrungen und Ängste gefiltert, und nicht selten haben Angehörige parallel aus Internet, Bekanntenkreis oder Presse ganz andere Informationen. Wer merkt, dass er im Gespräch vor allem recht behalten will, tritt einen Schritt zurück. Hilfreich ist eine Haltung aus drei Teilen: aufmerksam sein für das eigene Erleben und die Reaktion des Gegenübers, offen sein, beides zunächst anzunehmen, und sich engagieren, also den Konflikt ehrlich, transparent und respektvoll ansprechen. Konflikte werden angesprochen, zu einem gut gewählten Zeitpunkt und bei Bedarf gemeinsam mit einer Pflegekraft.

Eine besonders schwierige Frage lautet: „Können Sie mir helfen zu sterben?“ Sie wird nie mit einem bloßen Ja oder Nein beantwortet. Ein schnelles Ja übergeht die Botschaft hinter der Frage, ein knappes Nein nimmt dem Patienten noch mehr Kontrolle und kann das Vertrauen dauerhaft beschädigen. Todeswünsche äußern in Studien etwa 8 bis 15 % der Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung, gedacht werden sie häufiger. In einer Verlaufsstudie ließen sich drei Formen unterscheiden: der Wunsch als gedachter Notausgang, falls die Krankheit unbeherrschbar wird, der Wunsch als Ausdruck akuter Verzweiflung, oft nach einer schlimmen Nachricht oder bei starken Schmerzen und meist nach Tagen abklingend, und in den letzten Lebenstagen der Wunsch als Zeichen des Loslassens, wenn Besuche und Reize zur Last werden. Das Gespräch klärt Ursprung und Stärke des Wunsches, fragt nach behandelbaren Symptomen, Depression, Sinnquellen und dem sozialen Netz und endet mit der Zusage weiterer Begleitung und, mit Einverständnis, der Information des Teams. Vertieft wird das in der Einheit Ethik und Recht am Lebensende.

Nach einem Zwischenfall wird der Patient zuerst vor weiterem Schaden geschützt. Alle Beteiligten schreiben zeitnah ein Gedächtnisprotokoll, verwendete Medikamente, Materialien und Geräte werden gesichert. Das Gespräch führt ein verantwortliches Teammitglied, dem der Patient vertraut; schwerwiegende Fehler sind Sache der Leitung. Die Analyse sucht nicht nach einem Schuldigen, sondern fragt nach Faktoren auf allen Ebenen: Zustand und Kommunikation des Patienten, Aufgabe und vorhandene Standards, Wissen und Belastung der Mitarbeitenden, Kommunikation im Team, Personalausstattung und Arbeitsumgebung, Organisation und Sicherheitskultur. In der Palliativmedizin, in der ein erheblicher Teil der Arzneimittel außerhalb der Zulassung und viele Betäubungsmittel eingesetzt werden, ist diese offene Fehlerkultur besonders wichtig. Zum Gespräch mit Betroffenen gehören die Tatsachen, Bedauern, die möglichen Folgen und Hilfen, das Angebot, auf Wunsch die Betreuung zu wechseln, die Darstellung dessen, was daraus gelernt wird, und regelmäßige Rückmeldung über neue Erkenntnisse.

Lektion 5

Familiengespräche und Kommunikation der Betroffenen untereinander

Familiengespräche bringen Patient, Angehörige und Team an einen Tisch. Sie entlasten, weil alle dieselbe Information hören, und sie ermöglichen Entscheidungen, die von der Familie mitgetragen werden. Die Vorbereitung entscheidet über den Erfolg: Was ist das Ziel? Wer nimmt teil, und hat der Patient zugestimmt? Ist das Team sich über Befunde, Prognose und Empfehlung einig? Werden ein Dolmetscher, die Seelsorge oder der Sozialdienst gebraucht? Ein ruhiger Raum, genügend Stühle und eine Stunde Zeit sind Voraussetzungen.

Ablauf eines Familiengesprächs1 VorbereitenZiel, Teilnehmer,Team abstimmen2 EröffnenVorstellung, Ziel,Zeitrahmen3 Wissen erfragenalle Beteiligtenkommen zu Wort4 InformierenKernbotschaft,dann Pause5 Emotionenbenennen, würdigen(NURSE)6 Werte klärenWas würde derPatient sagen?7 PlanEmpfehlung, nächsteSchritte, Kontakt8 Nachbereitendokumentieren,Team informierenDer Patient entscheidet, wer teilnimmt, wenn er einwilligungsfähig ist. Die Gesprächsleitung achtet darauf, dassStille ausgehalten wird und stille Familienmitglieder, auch Kinder, zu Wort kommen. Nach dem Gespräch folgt einekurze Nachbesprechung im Team. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Ablauf eines Familiengesprächs. Eigene Darstellung

Viele Familien sprechen untereinander nicht über das Sterben, obwohl alle wissen, dass es bevorsteht. Dieses schützende Schweigen soll den anderen schonen, isoliert aber oft beide. Eine Aufgabe der Palliativmedizin ist, die Kommunikation der Betroffenen untereinander zu fördern, ohne sie zu erzwingen. Dazu gehören Fragen, die eine Person einlädt, über eine andere zu sprechen („Was glauben Sie, bereitet Ihrem Mann gerade die größten Sorgen?“), das behutsame Benennen eines Tabus („Manche Paare sprechen in dieser Zeit nicht über den Abschied, um den anderen zu schonen. Kennen Sie das?“) und das Angebot, ein Gespräch zu moderieren, in dem Wünsche, Dank oder Vergebung Platz haben. Das Team übersetzt nicht und urteilt nicht, es hält den Raum.

Kinder als Angehörige merken, dass etwas nicht stimmt, auch wenn niemand spricht. Ohne Information füllen sie die Lücke mit Phantasien und oft mit Schuldgefühlen. Empfohlen wird, Kinder ehrlich und altersgerecht einzubeziehen: klare Worte wie „sterben“ und „tot“ statt „einschlafen“, kurze Informationen mit der Möglichkeit, nachzufragen, die Zusicherung, dass sie nicht schuld sind und versorgt bleiben, und die Einladung, sich zu verabschieden, wenn sie möchten. Eltern werden darin beraten und unterstützt, dieses Gespräch selbst zu führen; bei Bedarf helfen Familientrauerbegleiter oder Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Nachbereitet wird mit einer kurzen Zusammenfassung für alle, der Dokumentation von Teilnehmern, Inhalten und Absprachen, der Information von Hausarzt und Pflege und einem vereinbarten Folgekontakt. Eine kurze Teamrunde nach belastenden Gesprächen gehört dazu.

Im Verlauf einer schweren Erkrankung ändern sich die Rollen in der Familie: Die Ehefrau wird zur Pflegenden, der Jugendliche übernimmt Aufgaben, der früher bestimmende Vater wird abhängig. Das kann Nähe schaffen, aber auch überfordern. Pflegende Angehörige werden ermutigt, sich Aufgaben einzuteilen und früh Hilfe anzunehmen. Unter Druck kommt es zu Szenen, die alle später bedauern, etwa Streit ums Erbe oder Bemerkungen, der Kranke sei eine Last, auch in seiner Gegenwart. Viele Familien denken über Sterbeort, Gestaltung des Zimmers, Bestattung und Abschied nach, sprechen aber nicht darüber, um einander nicht zu belasten; das Team kann dazu einladen. Grundregel bleibt, wichtige Befunde nicht ohne den wachen Patienten zu besprechen, es sei denn, er wünscht es ausdrücklich. Angehörige verstehen und behalten besser, wenn sie beim Gespräch dabei sind. Fragen nach der verbleibenden Zeit werden wahrheitsgemäß und mit dem Hinweis auf Unsicherheit beantwortet, etwa „eher Tage bis wenige Wochen“; das genügt meist, damit sich alle innerlich einstellen können.

In Pflegeeinrichtungen gehören auch Mitbewohner zum Umfeld. Wer mit einer Verstorbenen befreundet war, möchte vielleicht Abschied nehmen, traut sich aber nicht zu fragen; eine Einladung dazu wird oft dankbar angenommen. Wie eine Einrichtung mit Sterben und Tod umgeht, zeigt sich an ihren Routinen nach einem Todesfall. Diese hängen in der Praxis oft davon ab, wer gerade Dienst hat, und verdienen deshalb regelmäßige Besprechung im Team.

Lektion 6

Kommunikationseingeschränkte Menschen, Dolmetscher und Training

Menschen, die nicht oder kaum sprechen können, haben dasselbe Recht auf Information und Mitentscheidung. Bei Aphasie helfen kurze Sätze, eine Frage auf einmal, Ja-Nein-Fragen, Bilder, Schreiben, Gesten und vor allem Zeit; lauteres Sprechen hilft nicht, denn die Sprachverarbeitung ist gestört, nicht das Gehör. Bei Demenz werden Gefühle ernst genommen, auch wenn Inhalte nicht mehr stimmen, und Schmerzen werden mit Beobachtungsskalen wie BESD erfasst. Beatmete und tracheotomierte Patienten verständigen sich über Lippenlesen, Buchstabentafeln, Sprechventile oder bei fortgeschrittener ALS über Augensteuerung; ein vereinbartes Ja-Nein-Zeichen wird für alle sichtbar dokumentiert.

Bei Sprachbarrieren werden professionelle Dolmetscher eingesetzt, persönlich, per Video oder Telefon. Angehörige, und Kinder schon gar nicht, sollen nicht dolmetschen: Sie filtern, schonen oder sind selbst überfordert. Vor dem Gespräch wird der Dolmetscher kurz über Ziel und Inhalt informiert; im Gespräch spricht der Arzt den Patienten direkt an, in kurzen Abschnitten und ohne Fachjargon. Kulturelle und religiöse Vorstellungen darüber, wer eine schlechte Nachricht erfährt, werden erfragt, nicht vorausgesetzt: „Manche Menschen möchten alles selbst wissen, andere möchten, dass ein Familienmitglied die Informationen erhält. Wie ist das bei Ihnen?“ Gehörlose Menschen haben Anspruch auf einen Gebärdensprachdolmetscher; für Menschen mit geistiger Behinderung helfen Leichte Sprache, Bildkarten und vertraute Bezugspersonen, die den Patienten kennen, ohne für ihn zu sprechen.

Evidence Box

Ein Cochrane-Review mit 17 randomisierten Studien zeigte, dass Kommunikationstrainings für Ärzte und Pflegende in der Onkologie die Empathie verbessern (moderate Vertrauenswürdigkeit) und reine Faktenvermittlung verringern (2018). Ein messbarer Nutzen für Angst, Zufriedenheit oder Lebensqualität der Patienten und für das Burnout der Behandelnden ist nicht belegt, und die Nachhaltigkeit ist unklar. Wirksame Trainings sind erfahrungsbasiert, mit Rollenspiel oder Simulationspatienten, Rückmeldung und mehrtägig. Eine systematische Übersicht fand, dass professionelle Dolmetscher Verständnis, Zufriedenheit und Versorgungsqualität gegenüber Laiendolmetschern verbessern (2007).

Kommunikation wird damit wie eine praktische Fertigkeit geübt. Supervision und kollegiale Beratung, beschrieben in der Einheit Team, Supervision und Selbstsorge, helfen, das Gelernte in den Alltag zu übertragen.

Kommunikation lernt man nicht nebenbei. Was Studierende und junge Ärzte an Vorbildern erleben, prägt sie oft stärker als jeder Unterricht, im Guten wie im Schlechten. Junge Ärzte fürchten in schweren Gesprächen vor allem, Fehler zu machen, starke Gefühle auszulösen, nicht mehr weiterzuwissen oder zu viel Zeit zu verlieren; sie wünschen sich Vorbilder, Übung, Zeit zur Vorbereitung und Nachbesprechung. Gespräche über den Übergang zur palliativen Behandlung erleben auch erfahrene Ärzte als unbefriedigender als Gespräche über erfolgreiche Therapie. Palliativpatienten selbst sind oft bereit, Lernende an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen, und ermutigen sie, mehr zu fragen, auch nach Gefühlen, und keine Angst vor Nähe zu haben. Dazu gehört die Sorge für sich selbst: ein tragendes Team, ein funktionierendes Privatleben, Supervision und das Wissen um die eigenen Grenzen.

Lektion 7

Kommunikation mit schwer kranken Kindern und Kunsttherapie

Kinder mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung merken meist, wie es um sie steht. Sie erleben Untersuchungen, Schmerzen und Rückfälle, manchmal den Tod anderer Kinder auf der Station, und sie registrieren genau, wie sich ihre Eltern und das Team verhalten. Schweigen schützt sie deshalb selten; es lässt sie mit ihren Ängsten allein. Häufig entsteht ein Konflikt, wenn Eltern ihrem Kind die Schwere der Erkrankung verschweigen wollen und Ärzte und Pflegende offen sprechen möchten. Das Kind spürt solche Spannungen und gerät in einen Loyalitätskonflikt, der Angst, Anspannung und Schmerz verstärken kann. Eltern bleiben die wichtigsten Bezugspersonen und in der Regel die ersten Ansprechpartner; bei Jugendlichen kann in Abstimmung mit den Eltern auch der Patient selbst im Vordergrund stehen. Das Team spielt eine ergänzende Rolle und erarbeitet mit den Eltern, was für ihr Kind gut ist.

Die Erfahrung aus Befragungen spricht für Offenheit. In einer landesweiten schwedischen Studie bereute keiner der Eltern, die mit ihrem sterbenskranken Kind über den Tod gesprochen hatten, dieses Gespräch; von den Eltern, die es nicht getan hatten, bedauerte das später etwa jeder vierte, besonders wenn sie spürten, dass ihr Kind um seinen Tod wusste (2004). Wie ein Kind den Tod versteht, hängt von Entwicklungsstand, eigener Krankheitserfahrung, Erlebnissen mit Sterben und den Vorstellungen seiner Familie ab (Tabelle 5); kranke Kinder entwickeln oft früher ein realistisches Verständnis als Gleichaltrige. Die Altersangaben sind eine Orientierung, kein Schema.

Tabelle 5: Todesvorstellungen von Kindern als grobe Orientierung
AlterVorstellung und Kommunikation
bis etwa 2 JahreVerlust wird über die Gefühle der Bezugspersonen erlebt; Nähe, Körperkontakt, Spiel und verlässliche Personen
etwa 2 bis 4 JahreTod als Unbeweglichkeit oder Schlaf, vorübergehend gedacht; Fragen nach dem Verstorbenen ehrlich in einfachen Bildern beantworten
etwa 4 bis 7 Jahremagisches Denken: eigene Wünsche oder Böse-Sein könnten den Tod bewirken; Schuldgefühle aktiv entlasten, Neugier zulassen
etwa 7 bis 10 JahreTod als endgültig, universell und körperlich verursacht; Angst vor Verletzung und Verstümmelung; sichere Umgebung und Gespräche
ab etwa 10 Jahrerealistisches, zunehmend philosophisches oder religiöses Verständnis; Fragen nach Gerechtigkeit und Sinn; Jugendliche als eigene Gesprächspartner

Für das Gespräch gelten einige Regeln. Das Kind bestimmt, mit wem es spricht, über welches Thema, wie offen und wie lange. Umschreibungen wie „schlafen“ oder „auf eine lange Reise gehen“ werden vermieden, weil sie Angst vor dem Einschlafen oder vor Reisen auslösen können. Kleine Kinder brauchen vor allem verlässliche Nähe; Vorschulkinder brauchen die ausdrückliche Versicherung, dass niemand durch Gedanken oder Verhalten schuld ist; Schulkinder brauchen eine vertraute Umgebung mit eigenem Spielzeug und Gespräche über ihre Sorgen, etwa die Angst, ein Körperteil zu verlieren; Jugendliche ringen mit der Ungerechtigkeit ihres Schicksals und brauchen einen ehrlichen, eigenen Gesprächspartner. Angst zeigt sich bei Kindern oft nicht in Worten, sondern als Rückzug, Aggression oder Rückschritt in der Entwicklung, und wird durch genaue Beobachtung erkannt. Nichts ist für eine Familie schwerer als ein Team, das Kontakt meidet, weil es sich einem Gespräch nicht gewachsen fühlt. Wer einmal keine Kraft für eine Begegnung hat, bittet besser ein anderes Teammitglied, als sich zurückzuziehen.

Kunsttherapie eröffnet Kindern wie Erwachsenen einen Weg, wo Worte fehlen. Zwischen Patient und Therapeut tritt das Bild als Drittes: Schon das Gestalten kann entlasten und Spannung lösen, und das Gespräch über das Bild macht sichtbar, was vorher nicht sagbar war, etwa Verzweiflung und Lebenswille zugleich oder eine Kraftquelle aus früheren Lebensphasen. Bilder können auch Angehörigen einen Zugang eröffnen. Die Evidenz beruht überwiegend auf kleinen Studien und Erfahrungsberichten; Kunst- und Musiktherapie werden in der Palliativversorgung als ergänzende Angebote im multiprofessionellen Team eingesetzt.

Lektion 8

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 9

Merksätze

Merksätze

  • Jede Nachricht hat vier Seiten; hören Sie auch die Selbstkundgabe und den Appell.
  • Emotion vor Information: benennen, verstehen, respektieren, unterstützen, erkunden (NURSE), und Stille aushalten.
  • Ask-Tell-Ask dosiert Information, Teach-back prüft die eigene Erklärung.
  • Prognose in Spannen, Hoffen und Vorbereiten zugleich.
  • Therapiezielgespräch mit REMAP: einordnen, Emotion, Werte, spiegeln, Empfehlung.
  • Nach Fehlern: Patient sichern, binnen 24 Stunden offen sprechen, entschuldigen, Mitarbeitende unterstützen.
  • Familiengespräche vorbereiten, leiten und nachbereiten; schützendes Schweigen behutsam öffnen, Kinder ehrlich einbeziehen.
  • Professionelle Dolmetscher statt Angehöriger; bei Aphasie Zeit, kurze Sätze und Hilfsmittel.
  • Schwierig ist, was der Empfänger so erlebt: vorwarnen, einfach sprechen, schweigen, nie ins Leere entlassen, nie nur Angehörige aufklären.
  • Kinder spüren ihren Zustand: ehrlich, altersgerecht, ohne „einschlafen“, Schuld entlasten, das Kind bestimmt das Tempo.

Aufgaben

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Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Vier-Seiten-ModellKommunikationsquadrat: Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung, Appell
NURSEempathische Antworten: Naming, Understanding, Respecting, Supporting, Exploring
Ask-Tell-AskInformation erfragen, dosiert geben, Verständnis erfragen
Teach-backPatient gibt das Besprochene mit eigenen Worten wieder, um die Erklärung zu prüfen
REMAPGliederung von Therapiezielgesprächen: Reframe, Expect emotion, Map, Align, Plan
Hoffen und VorbereitenPrognosekommunikation, die Hoffnung und Planung für den ungünstigen Verlauf verbindet
Schützendes SchweigenFamilienmitglieder vermeiden das Thema Sterben, um einander zu schonen
Zweites OpferMitarbeitende, die nach einem Behandlungsfehler selbst stark belastet sind
InkongruenzWiderspruch zwischen Worten und Körpersprache, oft Ausdruck innerer Zerrissenheit
OPTIONInstrument, das die Merkmale partizipativer Entscheidungsgespräche beschreibt und prüft

Literatur

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