Menschen mit einer fortgeschrittenen, nicht heilbaren Erkrankung haben selten nur ein Symptom. Fatigue, Schmerz, Appetitverlust, Atemnot, Übelkeit, Obstipation, Angst und Schlafstörungen treten nebeneinander auf, verstärken sich gegenseitig und verändern sich im Verlauf oft innerhalb von Tagen. Ein Symptom ist per Definition subjektiv: Es ist das, was der Patient erlebt, nicht das, was ein Befund zeigt. Eine normale Sättigung schließt schwere Atemnot nicht aus, ein unauffälliges Röntgenbild keinen Knochenschmerz. Symptome haben zudem mehrere Dimensionen: Schmerz wird durch Angst, Einsamkeit, finanzielle Sorgen oder die Frage nach dem Sinn verstärkt. Die symptomorientierte Behandlung betrachtet deshalb immer körperliche, psychische, soziale und spirituelle Anteile zugleich.
Aus diesen Eigenheiten ergeben sich Grundsätze, die für jedes Symptom gelten. Erstens wird systematisch gefragt, denn viele Patienten berichten Beschwerden nicht von sich aus, weil sie sie für unvermeidlich halten oder niemanden belasten wollen. Zweitens wird die Ursache geklärt, soweit es der Behandlung dient; die Diagnostik ist kein Selbstzweck. Drittens wird nach dem Mechanismus behandelt, etwa beim Erbrechen nach der auslösenden Struktur oder beim Schmerz nach nozizeptiver oder neuropathischer Entstehung. Viertens werden Ziele mit dem Patienten vereinbart: Welche Beschwerde steht im Vordergrund, und welche Nebenwirkung ist er für ihre Linderung bereit zu tragen? Fünftens wird vorausschauend geplant, also mit Bedarfsmedikation, Prophylaxe von Nebenwirkungen und einem Notfallplan. Sechstens wird die Wirkung in festen Abständen überprüft. Diese Schritte bilden einen Zyklus, der bei jeder Änderung neu beginnt.
Welche Beschwerden im Vordergrund stehen, zeigen Erhebungen auf Palliativstationen. In einer bundesweiten Auswertung von 2002 gaben bei der Aufnahme drei von vier Patienten Schwäche an, knapp zwei Drittel Schmerzen, die Hälfte Appetitlosigkeit, mehr als ein Drittel Übelkeit, etwa ein Drittel Kachexie, fast ebenso viele Atemnot und ein Viertel Obstipation; neurologische und psychische Symptome, Schlafstörungen, Husten, Aszites und Schluckstörungen folgten. Fast alle Patienten hatten mehrere Symptome zugleich. Dazu kommen die Belastungen, die kein Fragebogen als Symptom führt: überforderte Angehörige, finanzielle Sorgen, spirituelle Not.
Wird ein Symptom nicht besser, lohnen sich einige Kontrollfragen: Stimmt die Annahme über Ursache und Mechanismus? Ist die Dosis richtig, und wird das Mittel tatsächlich wie verordnet genommen? Sind Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen hinzugekommen, die unbemerkt blieben? Gibt es ein neues Symptom, das das alte überlagert? Und muss beim Ziel ein Kompromiss gefunden werden, weil vollständige Linderung nicht ohne untragbare Nebenwirkungen erreichbar ist? Zwei weitere Grundsätze gehören dazu. Patient und Angehörige erhalten in verständlicher Sprache eine Erklärung, woher das Symptom kommt, was man tun kann und was man davon erwarten darf; das verringert Angst und macht gemeinsame Entscheidungen möglich. Und wer bei einem Symptom nicht weiterkommt, holt Rat bei Erfahreneren ein. Der Satz, man könne „nichts mehr tun“, ist in der Palliativmedizin nie richtig; etwas lässt sich fast immer verbessern.
Symptomkontrolle ist Teamarbeit. Pflegekräfte sehen den Patienten rund um die Uhr und erkennen Veränderungen zuerst; Physiotherapie, Sozialarbeit, Psychologie und Seelsorge behandeln Anteile, die kein Arzneimittel erreicht. Der Arzt verantwortet die medizinische Einordnung und die Verordnung, aber nicht allein den Erfolg. Auf Palliativstationen tauschen sich Ärzte und Pflegende täglich aus, und mindestens einmal in der Woche bespricht das ganze Team jeden Patienten, seine Ziele, die Belastung der Angehörigen und die weitere Versorgung; dieselbe Struktur braucht die SAPV. Ein Team, das sich um jeden Patienten neu zusammenfindet, ohne sich regelmäßig zu treffen, erreicht diese Abstimmung selten. Auch auf Normalstationen verbessern palliativmedizinische Konsile die Symptomkontrolle und helfen, Therapieziele und Begrenzungen zu klären; deshalb gehört das Palliativteam früh in die Tumorkonferenz.
Systematische Symptomerfassung wirkt: In einer randomisierten Studie an Patienten unter Chemotherapie führte eine regelmäßige elektronische Selbstauskunft über Symptome, die bei Verschlechterung eine Rückmeldung an das Team auslöste, zu besserer Lebensqualität und weniger Notaufnahmen als die übliche Versorgung (Basch 2016). Die frühe Integration spezialisierter Palliativversorgung verbesserte bei Patienten mit metastasiertem Lungenkarzinom Lebensqualität und Stimmung und verringerte aggressive Behandlungen am Lebensende (Temel 2010); das mediane Überleben war in dieser Studie mit 11,6 gegenüber 8,9 Monaten sogar länger, obwohl die Patienten weniger aggressive Therapien erhielten. Die S3-Leitlinie empfiehlt deshalb, Symptome regelmäßig und strukturiert zu erfassen, möglichst mit validierten Selbsteinschätzungsinstrumenten.