Das Delir ist eine akute, fluktuierende Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein mit kognitiven Veränderungen, die durch eine körperliche Ursache ausgelöst wird. Bei Aufnahme auf eine Palliativstation hat etwa jeder dritte bis zweite Patient ein Delir, in den letzten Lebenstagen die große Mehrzahl. Die häufigste Form ist das hypoaktive Delir: Der Patient ist still, schläfrig, zurückgezogen und wird leicht für depressiv oder einfach müde gehalten. Das hyperaktive Delir mit Unruhe, Halluzinationen und Nesteln fällt auf, ist aber seltener; Mischformen sind häufig. Weil das Delir so oft übersehen wird, gehört ein strukturiertes Screening zur Routine, zum Beispiel mit dem 4AT, der Confusion Assessment Method oder der Nursing Delirium Screening Scale. Angehörige bemerken die Veränderung oft zuerst; ihre Beobachtung ist ein wichtiger Hinweis.
Ein Delir ist ein Symptom, keine Diagnose. Häufige Ursachen sind Medikamente, vor allem Opioide mit kumulierenden Metaboliten bei Niereninsuffizienz, Anticholinergika, Benzodiazepine und Kortikosteroide, außerdem Entzug von Alkohol, Nikotin oder Benzodiazepinen, Infektionen, Hyperkalzämie, Hyponatriämie, Hypoglykämie, Dehydratation, Hypoxie, Harnverhalt, Obstipation, Schmerz und Hirnmetastasen. Die Suche nach reversiblen Ursachen ist angemessen, solange ihr Ergebnis die Behandlung ändert und der Patient sie will; eine Blutentnahme für Kalzium und Nierenwerte ist oft sinnvoll, eine Bildgebung des Kopfes selten. Etwa die Hälfte der Delirien bei fortgeschrittener Krebserkrankung ist reversibel, besonders wenn sie durch Medikamente, Dehydratation oder Hyperkalzämie ausgelöst sind. Bei opioidinduzierter Neurotoxizität mit Myoklonien, Halluzinationen und Verwirrtheit hilft die Dosisreduktion oder ein Opioidwechsel.
Die Behandlung beginnt nichtmedikamentös: eine ruhige, gut beleuchtete Umgebung am Tag und Dunkelheit in der Nacht, Brille und Hörgerät, Uhr und Kalender, vertraute Personen und Gegenstände, wenige Wechsel im Personal, Vermeidung von Fixierung und Blasenkatheter, soweit möglich. Angehörige werden aufgeklärt, dass die Verwirrtheit Folge der Krankheit ist und nicht Ausdruck der Persönlichkeit.
In einer randomisierten Studie an Palliativpatienten mit leichtem bis mittelschwerem Delir waren Risperidon und Haloperidol Placebo unterlegen: Die Delirsymptome nahmen stärker zu, extrapyramidale Nebenwirkungen waren häufiger, und unter Haloperidol war das Überleben kürzer (Agar 2017). Bei agitiertem Delir in den letzten Lebenstagen senkte zusätzliches Lorazepam zu Haloperidol die Unruhe stärker als Haloperidol allein (Hui 2017). Antipsychotika sind deshalb keine Routinebehandlung des Delirs, sondern gezielte Symptomlinderung.
Antipsychotika werden eingesetzt, wenn Symptome den Patienten belasten oder gefährden: Angst, Halluzinationen, Wahn und Agitation. Richtwert für Erwachsene ist Haloperidol 0,5 bis 1 mg oral oder subkutan, bei Bedarf wiederholt, bei älteren Menschen vorsichtiger. Bei Parkinson-Syndrom und Lewy-Körper-Demenz wird Haloperidol gemieden; dann eignet sich niedrig dosiertes Quetiapin. Die Dosis wird täglich überprüft und so früh wie möglich reduziert. Das terminale Delir in den letzten Lebenstagen ist meist nicht reversibel; die Ursachensuche tritt zurück, und die Linderung steht im Vordergrund. Bleibt die Unruhe trotz Antipsychotikum quälend, kommt Midazolam hinzu, und bei refraktärer Belastung wird eine palliative Sedierung erwogen, siehe Sterbephase und palliative Sedierung.
Ein Delir betrifft viele Funktionen zugleich: Bewusstsein und Aufmerksamkeit, Denken, Wahrnehmung mit Verkennungen und vor allem optischen Halluzinationen, Gedächtnis und Orientierung, Sprache, Psychomotorik, Gefühle mit Angst, Reizbarkeit oder Apathie und den Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich oft umkehrt. Nach der Confusion Assessment Method sind ein akuter Beginn mit schwankendem Verlauf und eine Aufmerksamkeitsstörung erforderlich, dazu entweder ein ungeordnetes Denken oder eine veränderte Bewusstseinslage. Frühe Zeichen sind oft unspezifisch: Unruhe, Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, emotionale Labilität. Das Risiko steigt mit Demenz, höherem Alter, neurologischen Vorerkrankungen, Multimorbidität, chronischer Leber- oder Niereninsuffizienz, Seh- und Hörminderung und der Zahl der Medikamente. Zur Einschätzung des Schweregrades dienen Skalen wie die Memorial Delirium Assessment Scale.
| Bereich | Beispiele | Hinweis in der Untersuchung |
|---|---|---|
| Medikamente | Opioide, Kortikosteroide, Anticholinergika einschließlich Scopolamin, Benzodiazepine, Antidepressiva, Neuroleptika, Zytostatika | Medikamentenplan, zeitlicher Zusammenhang, Myoklonien |
| Entzug | Alkohol, Nikotin, Benzodiazepine | Anamnese der Angehörigen, Schwitzen, Tremor |
| Infektion | Harnwegsinfekt, Pneumonie, Sepsis | Temperatur, Entzündungszeichen |
| Stoffwechsel | Hyperkalzämie, Hyponatriämie, Hypoglykämie, Urämie, Leberversagen, Hypoxie | Laborwerte, Blutzucker, Pulsoxymetrie |
| Gehirn | Metastasen, Meningeosis, Blutung, nichtkonvulsiver Status epilepticus | Herdzeichen; Bildgebung oder EEG nur mit Konsequenz |
| Körperliche Belastung | Harnverhalt, Koprostase, Schmerz, Exsikkose | Blase und Rektum untersuchen |
| Mangel | Thiaminmangel bei Alkohol und Mangelernährung | Vitamin B1 großzügig geben |
Beobachtungsstudien fanden bei weniger als der Hälfte der deliranten Tumorpatienten eine eindeutige Ursache, am häufigsten Medikamente, Infektionen und Hirnmetastasen; gebessert hat sich das Delir oft nach einer Änderung der Medikation, dem Wechsel des Opioids, der Behandlung einer Hyperkalzämie oder einer vorsichtigen Flüssigkeitsgabe. Auch in späten Phasen kann die Suche lohnen: Bei einem Patienten mit Hirnmetastasen und quälendem Verfolgungswahn kann eine kurze palliative Bestrahlung noch einmal klare Tage ermöglichen, wenn Zeit und Wunsch dafür vorhanden sind. In den letzten Lebenstagen sind Veränderungen des Bewusstseins dagegen die Regel; manche Sterbende erleben kurz vor dem Tod eine überraschend klare Phase, die Angehörige als Geschenk empfinden, wenn sie darauf vorbereitet sind.
Für Angehörige ist ein Delir oft schwer zu ertragen. Ein vertrauter Mensch erkennt sie nicht, beschuldigt sie vielleicht des Diebstahls oder der Untreue oder ist kaum noch erreichbar. Es hilft, wiederholt zu erklären, dass solche Äußerungen Symptome der Krankheit sind, und davon abzuraten, mit dem Patienten über seine Wahninhalte zu streiten; validierendes Eingehen auf das Gefühl hinter der Äußerung entspannt die Lage eher. Zur Vorbeugung und Behandlung gehören Sitzwachen statt Fixierung, beaufsichtigtes Umhergehen, Tagesaktivitäten wie Musik oder ein kurzer Spaziergang, geregelte Ausscheidung, ausreichende Schmerztherapie, Vermeiden von Schlafentzug und unnötigen Verlegungen sowie das systematische Screening gefährdeter Patienten.
Ältere Lehrbücher empfahlen Haloperidol in Tagesdosen bis 40 mg und Chlorpromazin; heute gelten niedrige Dosen und kurze Dauer. Neben Haloperidol kommen Risperidon, Olanzapin und Quetiapin infrage, in der deutschen Geriatrie auch niedrigpotente Neuroleptika wie Melperon oder Pipamperon, wenn Schlafstörung und Unruhe im Vordergrund stehen; Melperon hemmt das Enzym CYP2D6 und verändert so die Spiegel anderer Medikamente. Alle Antipsychotika können die QT-Zeit verlängern, Stürze und Hypotonie begünstigen, und bei Demenz ist ihr Einsatz mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. Benzodiazepine allein verschlechtern ein Delir häufig; ihr Platz ist der Alkohol- oder Benzodiazepinentzug und die Ergänzung bei agitiertem Delir in den letzten Lebenstagen.