Physiologie, Teil III, Kurs 6

Herzzeitvolumen, Druck-Fluss-Beziehung und Beatmungseffekte

Druck ist nicht Fluss. Das Herzzeitvolumen ist der Faktor der DO2-Gleichung, der sich intraoperativ in Minuten ändert.

FlussHZV = HF × SVbestimmt das Angebot
DO₂
HZV × CaO₂ × 10
DruckMAP − ZVD = HZV × Widerstandist notwendig, nicht hinreichend
Hoher Druck
auch bei niedrigem Fluss möglich
Beatmungintrathorakaler Druckverändert Rückstrom und RV-Nachlast
Netto
entscheidet DO₂, nicht PaO₂

Zu diesem Kurs

Der Kurs schließt Teil III ab. Er zerlegt das Herzzeitvolumen in seine Determinanten, trennt Druck und Fluss konsequent, beschreibt das Rechtsherz als häufigen Engpass unter Beatmung und ordnet die vier hämodynamischen Grundprofile.

  1. Sieben Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
  2. Lektion 1 enthält einen Kreislauf-Rechner mit Druck-Fluss-Gleichung und Profilkarte.
  3. Abbildungen, die noch produziert werden, sind als Platzhalter mit ihrem geplanten Inhalt markiert.
  4. Der Aufgabenblock in Lektion 7 enthält Lösungen zum Aufklappen. Am Ende steht ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
  5. Voraussetzung sind Kurs 1 Sauerstoffversorgung als Systemkette und Kurs 3 V/Q-Verteilung.

Lernziele

Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:

  • Herzzeitvolumen als primären DO2 Hebel definieren und seine Determinanten mechanistisch zerlegen.
  • Den Unterschied zwischen Druck, Fluss und Widerstand als Basis jeder hämodynamischen Interpretation sauber anwenden.
  • Vorlast, Nachlast, Kontraktilität und Herzfrequenz als vier Stellgrößen des Schlagvolumens und Herzzeitvolumens physiologisch korrekt einordnen.
  • Hämodynamische Profile perioperativ unterscheiden, insbesondere Hypovolämie, Vasoplegie, Pumpversagen und rechtsventrikuläre Problemlagen.
  • Die zentralen Interaktionen zwischen Beatmung und Kreislauf verstehen, einschließlich venösem Rückstrom, rechtsventrikulärer Nachlast und pulmonalem Gefäßwiderstand.
  • Typische Therapiefehler vermeiden, insbesondere Druckfixierung ohne Flusslogik und Volumen ohne Responsivität.

Warum dieser Kurs klinisch relevant ist

Sauerstoffangebot DO2 ist das Produkt aus CaO2 und Herzzeitvolumen. CaO2 wird durch Hämoglobin und Sättigung bestimmt. Herzzeitvolumen ist der variable Faktor, der intraoperativ innerhalb von Minuten massiv schwanken kann. Hypotension ist dabei häufig sichtbar, aber Hypoperfusion und DO2 Abfall können auch bei normalem Druck auftreten, etwa bei starker Vasokonstriktion, niedrigem Schlagvolumen oder ausgeprägter Rechtsherzbelastung.

Beatmungsentscheidungen, Lagerung, Anästhetika, Blutverlust und Vasopressoren verändern venösen Rückstrom, Nachlast und Kontraktilität. Dadurch kann eine Maßnahme die Oxygenierung verbessern, gleichzeitig aber die Perfusion verschlechtern. Ohne konsequente Druck Fluss Logik entstehen Fehlschlüsse, die sich in steigenden Laktatwerten, fallender Diurese und Organdysfunktion zeigen, obwohl die „Zahlen“ kurzfristig gut wirken.

Dieser Kurs bildet die Kreislaufebene der Sauerstoffkette so ab, dass die weiteren Kurse über VO2, Extraktion, kritische DO2 und Mikrozirkulation auf einer stabilen hämodynamischen Basis stehen.

Lektion 1, Schwerpunkt Rechnen

Druck, Fluss, Widerstand und die Zerlegung des Herzzeitvolumens

Grundlagen: Druck, Fluss und Widerstand

Der zentrale Satz

Druck ist nicht Fluss. Druck kann ohne ausreichenden Fluss existieren und umgekehrt.

Ohmsches Prinzip des Kreislaufs

Für den systemischen Kreislauf gilt als Grundstruktur:

Fluss entspricht Druckdifferenz geteilt durch Widerstand.

Praktische Übersetzung:
Herzzeitvolumen entspricht mittlerer arterieller Druck minus zentralvenöser Druck, geteilt durch systemischen Gefäßwiderstand.

Konsequenz:
Ein normaler oder hoher mittlerer Druck kann durch hohen Widerstand bei niedrigem Fluss entstehen. Ein niedriger mittlerer Druck kann durch niedrigen Widerstand bei hohem Fluss entstehen. In beiden Fällen entscheidet die Gewebeperfusion, nicht die Zahl des Drucks allein.

Physiologie Box, Ergänzung zum KurstextIn Zahlen: SVR = 80 × (MAP − ZVD) / HZV, mit MAP und ZVD in mmHg, HZV in l/min und SVR in dyn·s·cm−5. Der Faktor 80 rechnet Wood-Einheiten um. Umgestellt ergibt sich MAP = HZV × SVR / 80 + ZVD. Diese Beziehung nutzt der Kreislauf-Rechner in dieser Lektion.

Perfusionsdruck versus Organfluss

Organe brauchen einen Mindestdruck, damit ihre Gefäße offen bleiben, der tatsächliche Organfluss hängt aber von mehr ab als vom Druck. Er hängt vom Herzzeitvolumen ab, das den Gesamtfluss vorgibt, und vom regionalen Widerstand, der bestimmt, wie dieser Fluss auf die Organe verteilt wird. Er hängt von der Autoregulation ab, mit der Gehirn, Niere und Herz ihren Fluss über einen weiten Druckbereich konstant halten; bei chronischer Hypertonie ist dieser Bereich zu höheren Drücken verschoben, weshalb ein für andere normaler Druck für diese Patienten schon zu niedrig sein kann. Er hängt vom Venendruck und den Abflussbedingungen ab, denn der eigentliche Perfusionsdruck eines Organs ist die Differenz zwischen arteriellem Mitteldruck und Venendruck; ein hoher zentralvenöser Druck verschlechtert so etwa die Nierendurchblutung. Und er hängt von der Mikrozirkulation ab, die entscheidet, ob der Fluss die Zellen auch erreicht.

Druck ist daher notwendige Bedingung, aber keine hinreichende Bedingung für Perfusion.

Herzzeitvolumen: Definition und Determinanten

Definition

Herzzeitvolumen ist Blutfluss pro Zeit, meist in Liter pro Minute.

Herzzeitvolumen ergibt sich aus:

Herzzeitvolumen gleich Herzfrequenz mal Schlagvolumen.

Determinanten des Schlagvolumens

Das Schlagvolumen wird im Kern von fünf Faktoren bestimmt. Die Vorlast, die enddiastolische Füllung, dehnt die Muskelfasern und steigert nach dem Frank-Starling-Mechanismus die Kraft der nächsten Kontraktion. Die Kontraktilität ist die Kraft, die das Myokard unabhängig von Vor- und Nachlast entwickelt. Die Nachlast ist der Widerstand, gegen den der Ventrikel auswirft, genauer die Wandspannung während der Austreibung, die nach dem Gesetz von Laplace mit Druck und Radius steigt. Die diastolische Füllungszeit und der Rhythmus bestimmen, wie viel Zeit zum Füllen bleibt: Eine Tachykardie verkürzt vor allem die Diastole, und bei Vorhofflimmern fehlt der Vorhofbeitrag, der bei steifem Ventrikel ein Fünftel bis ein Drittel der Füllung ausmachen kann. Und die ventrikuläre Interdependenz koppelt beide Herzhälften: Dilatiert der rechte Ventrikel, verschiebt sich das Septum nach links, und der linke Ventrikel füllt sich schlechter.

Diese Größen sind keine isolierten Regler, sondern wirken gleichzeitig. Klinisch wird häufig nur eine Komponente behandelt, etwa Vorlast durch Volumen oder Nachlast durch Vasopressor, während die eigentliche Limitierung eine andere ist.

Herzzeitvolumen
Herzfrequenz
×
Schlagvolumen
Vorlast
Nachlast
Kontraktilität
Füllungszeit und Rhythmus
Ventrikuläre Interdependenz
Abbildung 1: Zerlegung des Herzzeitvolumens

Kreislauf-Rechner

Herzfrequenz und Schlagvolumen ergeben den Fluss, der Widerstand macht daraus einen Druck. Die Profilkarte zeigt, wo die Einstellung liegt.

HZVl/min
MAPmmHg
DO2ml O2/min
Profillaut Profilkarte
Abbildung 2: Druck, Fluss und Widerstand mit den aktuellen Werten
Abbildung 3: Hämodynamische Profile als Vierfeldertafel aus systemischem Widerstand und Herzzeitvolumen. Die Grenzlinien sind didaktisch gewählt.

Modell: HZV = HF × SV, MAP = HZV × SVR / 80 + ZVD, DO2 = HZV × CaO2 × 10. Die Größen werden unabhängig eingestellt, im Patienten beeinflussen sie sich gegenseitig.

Übung 1.1: Herzzeitvolumen

Herzfrequenz 110/min, Schlagvolumen 38 ml. Wie hoch ist das Herzzeitvolumen?

Übung 1.2: Widerstand

MAP 85 mmHg, ZVD 10 mmHg, HZV 3 l/min. Wie hoch ist der systemische Gefäßwiderstand?

Übung 1.3

Lektion 2

Vorlast, Nachlast und Kontraktilität

Vorlast: Füllung, Compliance und Responsivität

Physiologischer Kern

Vorlast ist ein Konzept der enddiastolischen Dehnung des Myokards, nicht einfach ein Volumen. Die gleiche Volumenmenge kann bei unterschiedlicher Compliance zu völlig unterschiedlichen Füllungsdrücken und Schlagvolumina führen.

Frank Starling Logik

Im ansteigenden Bereich der Frank Starling Kurve führt Vorlasterhöhung zu höherem Schlagvolumen. Im Plateau Bereich führt zusätzliche Vorlasterhöhung kaum zu Schlagvolumengewinn, aber zu Stauung, Ödemen und Organbelastung.

Volumenresponsivität als klinische Entscheidungseinheit

Volumen ist dann sinnvoll, wenn eine relevante Schlagvolumensteigerung zu erwarten ist. Ohne Responsivität erhöht Volumen primär Füllungsdrücke, nicht Fluss.

Dass ein Patient nicht auf Volumen reagiert, ist häufig; in Studien an Intensivpatienten reagiert nur etwa die Hälfte mit einem relevanten Anstieg des Schlagvolumens. Typische Gründe sind ein bereits hohes enddiastolisches Volumen, bei dem der Ventrikel auf dem flachen Teil der Frank-Starling-Kurve arbeitet, eine niedrige Compliance, etwa bei diastolischer Dysfunktion, bei der zusätzliches Volumen vor allem den Füllungsdruck erhöht, eine Rechtsherzbelastung, bei der zusätzliches Volumen den rechten Ventrikel weiter dehnt und über das Septum den linken einengt, eine Einschränkung durch das Perikard und hohe intrathorakale Drücke, die den Rückstrom begrenzen.

Nachlast: Widerstand, Druck und die Kosten der Perfusion

Definition

Nachlast beschreibt die Belastung, gegen die der Ventrikel auswerfen muss. Systemische Nachlast wird grob durch arteriellen Druck und systemischen Widerstand repräsentiert.

Zwei klinische Extreme

Zwei Grundmuster sind zu unterscheiden. Bei der Vasoplegie sind Widerstand und Druck niedrig, das Herzzeitvolumen kann normal oder sogar hoch sein. Die Perfusion kann trotzdem unzureichend sein, wenn der Druck unter die Autoregulationsgrenze der Organe fällt oder die Mikrozirkulation versagt; das ist die Situation der Sepsis. Bei der Vasokonstriktion sind Widerstand und Druck hoch oder normal, das Herzzeitvolumen kann dabei niedrig sein, weil der Ventrikel gegen die hohe Nachlast weniger auswirft. Die Organdurchblutung kann trotz guten Drucks schlecht sein, weil hoher Widerstand und ungünstige Verteilung den Fluss begrenzen; das ist das Bild des kardiogenen und des hypovolämischen Schocks.

Konsequenzen für DO2

Vasopressoren können mittleren Druck anheben, aber bei gleichzeitigem Schlagvolumenabfall Herzzeitvolumen und damit DO2 senken. Das ist der typische Druck Fluss Zielkonflikt.

Kontraktilität: Pumpfähigkeit und Inotropie

Definition

Kontraktilität ist die Kraftentwicklung des Myokards unabhängig von Vor- und Nachlast. Klinisch wird sie von vielen Faktoren beeinflusst. Anästhetika wie Propofol und die volatilen Anästhetika wirken dosisabhängig negativ inotrop. Eine Ischämie mindert die Kontraktion im betroffenen Areal, oft schon bevor das EKG sie anzeigt. Eine schwere Azidose, etwa unter einem pH von 7,2, schwächt die Kontraktilität und das Ansprechen auf Katecholamine. Elektrolytstörungen, vor allem ein niedriges ionisiertes Calcium, eine Hyper- oder Hypokaliämie und ein Magnesiummangel, beeinträchtigen Kontraktion und Rhythmus. Rhythmusstörungen mindern die Effizienz der Kontraktion. Und Inotropika wie Dobutamin, Adrenalin, Milrinon und Levosimendan steigern sie.

Perioperative Myokarddepression

Viele Anästhetika senken Kontraktilität und systemischen Widerstand. Das kann unmittelbar nach Einleitung zu Hypotension führen. Die Ursache ist häufig eine Kombination aus Vasodilatation und relativer Hypovolämie plus Myokarddepression.

Therapie ist nur korrekt, wenn das dominante Problem erkannt wird:

  • Vasodilatation benötigt Vasopressor und gegebenenfalls Volumen
  • Pumpversagen benötigt Inotropie und Ursachenbehandlung
  • Hypovolämie benötigt Volumen, aber nur bei Responsivität
Tabelle 3: Schnelle Prüfliste bei Hypotension nach Einleitung
PrüfpunktPhysiologische Frage
AnästhetikaVasodilatation und Myokarddepression, welche Komponente dominiert?
VorlastRelative Hypovolämie, ist Volumenresponsivität plausibel?
RhythmusStimmen Frequenz und diastolische Füllungszeit?
BronchospasmusHohe intrathorakale Drücke, sinkt dadurch der Rückstrom?
PEEPSenkt der intrathorakale Druck Rückstrom und HZV, steigt die RV-Nachlast?
BlutverlustTransportverlust und Vorlastverlust zugleich?
TamponadePerikardrestriktion, fehlt deshalb die Volumenresponsivität?
EmboliePulmonaler Widerstand hoch, RV-Versagen, fällt EtCO2?

Übung 2.1: Der Druck-Fluss-Zielkonflikt

CaO2 14 ml/dl. Unter Noradrenalin steigt MAP von 70 auf 88 mmHg, das HZV fällt von 4,0 auf 3,2 l/min. Berechnen Sie DO2 vorher und nachher.

Übung 2.2: Welches Problem, welcher Hebel?

Übung 2.3

Lektion 3

Rechtsherz und pulmonale Hämodynamik als kritischer Engpass

Rechtsherz und pulmonale Hämodynamik als kritischer Engpass

Warum das Rechtsherz in der Anästhesie oft der limitierende Faktor ist

Der rechte Ventrikel ist druckempfindlich und toleriert akute Nachlasterhöhungen schlechter als der linke Ventrikel. Beatmung, PEEP, Hypoxie, Hyperkapnie und Azidose erhöhen den pulmonalen Gefäßwiderstand und damit die rechtsventrikuläre Nachlast.

Pulmonaler Gefäßwiderstand steigt bei

Der pulmonale Gefäßwiderstand steigt durch alveoläre Hypoxie über die hypoxische pulmonale Vasokonstriktion, durch Hyperkapnie und Azidose, die diese Vasokonstriktion verstärken, und durch mechanische Faktoren. Er verhält sich dabei U-förmig zum Lungenvolumen: Bei Überdehnung der Alveolen durch hohe Drücke werden die Kapillaren in den Alveolarwänden komprimiert, bei Atelektasen und kleinem Lungenvolumen werden die größeren, extraalveolären Gefäße enger; am niedrigsten ist er etwa bei der funktionellen Residualkapazität. Hinzu kommen die Verlegung der Strombahn bei der Lungenembolie und die Kombination aus Hypoxie, Mikrothromben und Gefäßumbau beim ARDS.

Rechtsventrikuläres Versagen als DO2 Problem

Bei Rechtsherzversagen sinkt linksventrikuläre Vorlast, weil weniger Blut durch den Lungenkreislauf transportiert wird. Herzzeitvolumen sinkt, DO2 sinkt. Gleichzeitig kann Oxygenierung durch PEEP steigen, wodurch ein trügerisch positives Bild entsteht, während Perfusion kollabiert.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Beatmung und Kreislauf: zentrale Interaktionen

Beatmung und Kreislauf: zentrale Interaktionen

Intrathorakaler Druck und venöser Rückstrom

Positivdruckbeatmung erhöht den intrathorakalen Druck. Das reduziert die Druckdifferenz zwischen extrathorakalem venösem Reservoir und rechtem Vorhof. Venöser Rückstrom sinkt. Die Konsequenz ist oft ein Abfall der Vorlast und damit des Herzzeitvolumens, besonders bei Hypovolämie.

PEEP als zweischneidiges Instrument

PEEP wirkt deshalb in beide Richtungen. Er erhöht die funktionelle Residualkapazität, senkt den Shuntanteil und verbessert die Oxygenierung; er kann aber gleichzeitig den venösen Rückstrom verringern, bei Überdehnung den pulmonalen Gefäßwiderstand erhöhen und den Totraum vergrößern. Ob das Sauerstoffangebot insgesamt steigt, hängt davon ab, welcher Effekt überwiegt, und muss an Herzzeitvolumen, Blutdruck und Perfusionszeichen geprüft werden.

Netto entscheidet die DO2 Bilanz, nicht die PaO2 Bilanz.

Kopplung von Beatmung und KreislaufÜberdruckund PEEPintrathorakalerDruck steigtvenöserRückstrom sinktRV-FüllungsinktÜberdehnung, Hypoxie, Hyperkapniepulmonaler Gefäßwiderstand steigtRV-NachlaststeigtLV-Füllung sinktHZV sinktDO₂ sinktGegenpfad: PEEP und Rekrutierung verbessern die OxygenierungZielkonflikt: mehr Sauerstoff im Blut gegen weniger FlussWenn Beatmung das HZV senkt, kann DO₂ trotz besserer SaO₂ fallen. Eigene Darstellung.
Abbildung 4: Kopplung von Beatmung und Kreislauf Eigene Darstellung

EtCO2 als Flussmarker

Wenn alveoläre Ventilation konstant bleibt, fällt EtCO2 häufig, wenn pulmonaler Blutfluss sinkt, weil weniger CO2 zur Lunge transportiert wird. EtCO2 ist daher nicht nur ein Ventilationsparameter, sondern oft ein indirekter Perfusionsparameter.

Tabelle 2: Beatmungsmaßnahmen und hämodynamische Effekte
MaßnahmeOxygenierungVenöser RückstromRV-NachlastTotraum
PEEPFRC steigt, Shunt sinkt, Oxygenierung bessersinktsteigt bei Überdehnungkann steigen
RekrutierungShunt sinkt, siehe Kurs 3sinkt durch erhöhten intrathorakalen Drucksinkt, wenn Atelektasen eröffnet werden (weniger Gefäßkompression und hypoxische Vasokonstriktion); steigt bei ÜberdehnungÜberdehnung ventraler Areale möglich, siehe Kurs 3
Tidalvolumengroßes VT hält Alveolen eher offen, verbessert die Oxygenierung aber nur begrenztsinkt mit steigendem intrathorakalem MitteldruckÜberdehnung bei hohen Drücken erhöht den pulmonalen Widerstandsteigt bei Überdehnung, siehe Kurs 3
Frequenzkaum direkt, indirekt über PaCO₂ und Auto-PEEPsinkt bei Auto-PEEP durch zu kurze Exspirationüber Hyperkapnie und Azidose, wenn die Ventilation nicht ausreichtTotraumanteil steigt bei hoher Frequenz mit kleinem VT

Übung 4.1

Übung 4.2

Lektion 5

Hämodynamische Profile: mechanistische Muster

Hämodynamische Profile: mechanistische Muster

Hypovolämie

Der hypovolämische Schock zeigt typischerweise ein niedriges Schlagvolumen mit kompensatorischer Tachykardie und einen schmalen Pulsdruck, weil das Schlagvolumen klein und der Widerstand hoch ist. Die Volumenreagibilität ist meist vorhanden, und die zentralvenöse Sättigung ist eher niedrig, weil das Gewebe bei geringem Fluss mehr Sauerstoff extrahiert.

Therapielogik:
Volumen, wenn Responsivität plausibel. Gleichzeitig Blutverlustursache adressieren. Bei starker Vasodilatation zusätzlich Vasopressor.

Vasoplegie

Der distributive Schock, etwa in der Sepsis, zeigt einen niedrigen Widerstand und einen niedrigen Mitteldruck bei normalem oder hohem Herzzeitvolumen. Die Peripherie kann warm sein, und die zentralvenöse Sättigung kann normal oder hoch sein, weil Blut an der Austauschfläche vorbeifließt oder die Zellen Sauerstoff schlechter nutzen.

Therapielogik:
Vasopressor als Primärhebel, Volumen nur bei klarer Vorlastlimitation. Ursachen behandeln, Temperatur und Anästhetikatitration prüfen.

Linksventrikuläres Pumpversagen

Der kardiogene Schock zeigt ein niedriges Herzzeitvolumen, oft mit Stauungszeichen wie Lungenödem und gestauten Halsvenen, eine niedrige zentralvenöse Sättigung und ein steigendes Laktat. Eine Hypotonie kann anfangs fehlen, wenn der Körper den Widerstand stark erhöht; gerade das verzögert oft die Diagnose.

Therapielogik:
Inotropie, Optimierung der Vorlast ohne Überladung, Rhythmus, Ischämiebehandlung, Nachlastmodulation je nach Situation.

Rechtsventrikuläres Versagen

Der obstruktive Schock, durch Lungenembolie, Perikardtamponade oder Spannungspneumothorax, zeigt eine geringe Füllung des linken Ventrikels, obwohl die zentralvenösen Drücke hoch sein können, weil das Hindernis zwischen Venen und linkem Herzen liegt. Eine Hypotonie ist häufig, das endtidale CO2 kann fallen, weil weniger Blut durch die Lunge fließt, die Oxygenierung ist variabel, und eine Erhöhung des PEEP kann den Zustand verschlechtern, weil sie das Hindernis für den Rückstrom verstärkt.

Therapielogik:
Pulmonale Nachlast senken, Hypoxie und Hyperkapnie vermeiden, PEEP kritisch prüfen, Volumen fein dosiert, Inotropie und gegebenenfalls pulmonale Vasodilatation in passenden Szenarien.

Tabelle 1: Hämodynamische Profile und Therapiehebel
ProfilKernmechanismusTypische ZeichenPrimäre TherapieHauptpitfall
HypovolämieVorlast und Schlagvolumen niedrigTachykardie, schmaler Pulsdruck, SvO2 eher niedrigVolumen bei plausibler Responsivität, Blutungsursache adressierenVolumen ohne Responsivitätsprüfung
VasoplegieWiderstand niedrigMAP niedrig, HZV normal oder hoch, warme Peripherie, SvO2 normal oder hochVasopressor, Volumen nur bei klarer VorlastlimitationHohe SvO2 als Entwarnung lesen
LV-PumpversagenKontraktilität vermindertHZV niedrig, Stauungszeichen, SvO2 niedrig, Laktat steigt, Hypotonie kann fehlenInotropie, Vorlast ohne Überladung, Rhythmus, Ischämie, NachlastmodulationNormalen Druck als ausreichende Perfusion werten
RV-VersagenRV-Nachlast hoch, LV-Füllung niedrigHypotonie, ZVD eventuell hoch, EtCO2 fällt, Verschlechterung unter PEEPPulmonale Nachlast senken, Hypoxie und Hyperkapnie vermeiden, PEEP prüfen, Volumen fein dosiert, InotropieBesserung der SpO2 unter PEEP als Erfolg werten

Übung 5.1: Welches Profil?

Ordnen Sie jede Situation einem Profil zu. Die Profilkarte im Kreislauf-Rechner (Lektion 1) hilft beim Überprüfen.

Lektion 6

Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit

Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen

  • Hypotension als gleichbedeutend mit Hypoperfusion behandeln oder Hypoperfusion bei normalem Druck übersehen.
  • Druck über Vasopressoren stabilisieren und dabei Herzzeitvolumen und DO2 reduzieren.
  • Volumen geben ohne Responsivität und damit Stauung, Ödeme und RV Belastung fördern.
  • PEEP und Rekrutierung ausschließlich nach Oxygenierung titrieren und die hämodynamische Antwort ignorieren.
  • Rechtsherzbelastung nicht als zentralen Engpass erkennen, insbesondere bei Beatmung, Hyperkapnie, Azidose und Lungenembolie.
  • EtCO2 Entkopplung als reines Ventilationsproblem interpretieren, obwohl Perfusion der Auslöser sein kann.

Merksätze

  • DO2 fällt schnell, wenn Herzzeitvolumen fällt. Druck ist kein Ersatz für Fluss.
  • Herzzeitvolumen ist Herzfrequenz mal Schlagvolumen. Schlagvolumen wird durch Vorlast, Nachlast und Kontraktilität bestimmt.
  • Volumen hilft nur bei Responsivität, sonst erhöht es primär Druck und Stauung.
  • Vasopressoren erhöhen Druck, können aber Fluss und DO2 senken.
  • Beatmung verbessert Oxygenierung, kann aber venösen Rückstrom reduzieren und RV Nachlast erhöhen.
  • EtCO2 fällt oft bei sinkendem pulmonalem Blutfluss, nicht nur bei Hyperventilation.

Kurzfazit

Herzzeitvolumen ist der schnellste und häufigste Treiber eines DO2 Abfalls im OP und auf Intensiv. Druck ist kein Ersatz für Fluss. Vorlast, Nachlast, Kontraktilität und Rhythmus bestimmen Schlagvolumen und damit Herzzeitvolumen. Beatmung verbessert häufig die Oxygenierung, kann aber über intrathorakale Druckeffekte venösen Rückstrom reduzieren und die rechtsventrikuläre Nachlast erhöhen. Jede hämodynamische Intervention ist nur dann physiologisch korrekt, wenn sie als Veränderung von Fluss und Sauerstoffangebot verstanden und an der klinischen Antwort überprüft wird.

Übung 6.1

Übung 6.2

Lektion 7

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Der Kreislauf-Rechner aus Lektion 1 hilft bei den Aufgaben 1, 2 und 5. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabenblock

Aufgabe 1: DO2 Änderung durch Herzzeitvolumen

Gegeben:
CaO2 16 Milliliter pro Deziliter, konstant.

Zustand A: Herzzeitvolumen 5 Liter pro Minute
Zustand B: Herzzeitvolumen 3 Liter pro Minute

  • DO2 in beiden Zuständen berechnen.
  • Prozentuale Änderung bestimmen.
  • Interpretation.
Lösung
  • DO2 = Herzzeitvolumen mal CaO2 mal 10
    Zustand A: 5 mal 16 mal 10 = 800 Milliliter pro Minute
    Zustand B: 3 mal 16 mal 10 = 480 Milliliter pro Minute
  • Abnahme 800 minus 480 = 320
    320 geteilt durch 800 = 0,40, also 40 Prozent Abnahme
  • Ein isolierter Herzzeitvolumenabfall von 5 auf 3 reduziert DO2 um 40 Prozent trotz unverändert guter Oxygenierung und konstantem Hb.

Aufgabe 2: Druckfixierung als Fehlstrategie

Gegeben:
MAP 75 Millimeter Quecksilber, Herzzeitvolumen 2,8 Liter pro Minute, CaO2 15 Milliliter pro Deziliter. Nach Vasopressorsteigerung MAP 90, Herzzeitvolumen 2,2, CaO2 unverändert.

  • DO2 vor und nach der Vasopressorsteigerung berechnen.
  • Schlussfolgerung.
Lösung
  • DO2 vorher: 2,8 mal 15 mal 10 = 420 Milliliter pro Minute
    DO2 nachher: 2,2 mal 15 mal 10 = 330 Milliliter pro Minute
  • Druck wurde verbessert, DO2 wurde reduziert. Das ist ein typischer Fall, in dem eine reine Druckstrategie Sauerstoffangebot verschlechtert. Ob der höhere Druck dennoch nötig ist, hängt vom Organperfusionsdruck und Autoregulationsbereich ab, aber die DO2 Bilanz muss gesehen werden.

Aufgabe 3: PEEP und EtCO2

Unter PEEP Erhöhung sinkt EtCO2 von 36 auf 28, während die Beatmung unverändert bleibt. Gleichzeitig fällt der Blutdruck.

Fragen:

  • Welche physiologische Erklärung ist wahrscheinlich.
  • Welche zweite Ebene der Sauerstoffkette wird dadurch potenziell verschlechtert.
Lösung
  • PEEP erhöht intrathorakalen Druck, venöser Rückstrom sinkt, Herzzeitvolumen sinkt. Weniger CO2 wird zur Lunge transportiert, EtCO2 fällt.
  • Sauerstoffangebot DO2 kann sinken, weil Herzzeitvolumen sinkt, auch wenn SaO2 steigt.

Aufgabe 4: Rechtsherzproblem erkennen

Gegeben:
Nach Rekrutierung und PEEP Anhebung steigt SpO2, gleichzeitig steigen zentrale Venendrücke, Blutdruck fällt, EtCO2 fällt. Hypoxie und Hyperkapnie lagen zuvor vor.

Fragen:

  • Welcher Mechanismus ist plausibel.
  • Welche zwei physiologischen Trigger erhöhen pulmonalen Gefäßwiderstand zusätzlich.
Lösung
  • Rechtsventrikuläre Nachlaststeigerung plus reduzierter venöser Rückstrom führt zu RV Versagen, sinkender linksventrikulärer Füllung und Herzzeitvolumenabfall.
  • Hypoxie und Hyperkapnie, besonders in Kombination mit Azidose, erhöhen pulmonale Vasokonstriktion und damit RV Nachlast.

Aufgabe 5: Profilzuordnung

Vier Profile, jeweils nur als Kerndaten:

A: MAP niedrig, warme Peripherie, Herzzeitvolumen eher hoch, Laktat steigt langsam
B: MAP niedrig, schmaler Pulsdruck, Tachykardie, Volumenresponsivität wahrscheinlich
C: MAP normal, kalte Peripherie, Herzzeitvolumen niedrig, SvO2 niedrig
D: MAP niedrig, EtCO2 fällt, zentrale Venendrücke hoch, PEEP hoch, Oxygenierung schwankt

Zuordnung:
Vasoplegie, Hypovolämie, LV Pumpversagen, RV Versagen

Lösung

A entspricht Vasoplegie
B entspricht Hypovolämie
C entspricht LV Pumpversagen oder low flow Zustand mit hohem Widerstand
D entspricht RV Versagen unter Beatmungseinfluss

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle fünf Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Formeln und Profile

GleichungHinweis
HZV = HF × SVl/min, SV in Litern einsetzen
HZV = (MAP − ZVD) / WiderstandOhmsches Prinzip des Kreislaufs
SVR = 80 × (MAP − ZVD) / HZVdyn·s·cm⁻⁵, Ergänzung zum Kurstext
DO2 = HZV × CaO2 × 10ml O2/min

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Rechner, Tabellen und Testfragen sind didaktisch aus dem Kurstext abgeleitet.