Physiologie, Teil II, Kurs 3

V/Q-Verteilung, Shunt, Totraum und Atelektase unter Narkose

Perioperative Hypoxämie ist meist eine Verteilungsstörung, nicht zu wenig FiO2.

ShuntV/Q gegen 0Perfusion vorhanden, Ventilation null
PaO2
fällt
A-a-Differenz
deutlich erhöht
FiO2-Antwort
schlecht
Niedriges V/QV/Q unter 1Ventilation vermindert, aber nicht null
PaO2
fällt
A-a-Differenz
erhöht
FiO2-Antwort
oft deutlich
TotraumV/Q gegen unendlichVentilation vorhanden, Perfusion null
PaCO2
steigt
A-a-Differenz
normal oder erhöht
SpO2
nicht zwingend betroffen
Abbildung 1: Kontinuum der Ventilations-Perfusions-Verteilung

Zu diesem Kurs

Der Kurs setzt Kurs 2 fort. Er erklärt, warum Oxygenierungsstörungen unter Narkose fast immer Verteilungsstörungen sind, wie Atelektasen innerhalb von Minuten entstehen und warum jede Beatmungsmaßnahme gegen das Herzzeitvolumen bilanziert werden muss.

  1. Sieben Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
  2. Lektion 3 enthält einen Totraum-Rechner für Bohr-Gleichung, alveoläre Ventilation und PaCO2.
  3. Der Aufgabenblock in Lektion 7 enthält Lösungen zum Aufklappen. Am Ende steht ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
  4. Voraussetzung ist Kurs 2 Alveolargasgleichung, A-a-Differenz und Ventilation.

Lernziele

Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:

  • Ventilations Perfusions Verteilung als dominierendes Prinzip der Oxygenierungsstörung perioperativ mechanistisch erklären.
  • Shunt, Ventilations Perfusions Mismatch und Totraum klar voneinander trennen, inklusive typischer klinischer Muster.
  • Die wichtigsten Ursachen von Atelektasen unter Narkose herleiten und die Konsequenzen für PaO2, A-a-Differenz und FiO2 Response ableiten.
  • Den Unterschied zwischen Oxygenierungsoptimierung und Optimierung des Sauerstoffangebotes DO2 konsequent mitdenken, insbesondere bei PEEP und Rekrutierung.
  • Die zentralen Beatmungs Stellschrauben für V/Q Störungen kennen und deren hämodynamische Nebenwirkungen verstehen.
  • Totraum als Ventilationsproblem und CO2 Problem in die gleiche Logik einordnen, mit Bohr Gleichung als Grundformel.

Warum dieser Kurs klinisch relevant ist

Perioperative Hypoxämie entsteht selten durch reinen Sauerstoffmangel in der Inspiration. In der Regel ist PAO2 unter kontrollierter Beatmung ausreichend. Die Hypoxämie entsteht dadurch, dass Ventilation und Perfusion in der Lunge räumlich nicht mehr passend gekoppelt sind. Unter Narkose kommen zusätzlich mehrere Mechanismen zusammen, die innerhalb weniger Minuten funktionell relevante Atelektasen erzeugen. Dadurch steigt der Shuntanteil, die A-a-Differenz nimmt zu, und die PaO2 reagiert auf FiO2 oft schlechter als erwartet.

Parallel dazu können die gleichen Beatmungsmaßnahmen, die die Oxygenierung verbessern, das Herzzeitvolumen senken und damit DO2 verschlechtern. Oxygenierung und Sauerstoffangebot sind deshalb stets als zwei Ebenen zu behandeln, die sich gegenseitig beeinflussen können.

Lektion 1

Grunddefinitionen und Denkstruktur

Grunddefinitionen und Denkstruktur

Ventilation, Perfusion und das Ventilations Perfusions Verhältnis

Ventilation beschreibt den Luftfluss und die alveoläre Gaszusammensetzung. Perfusion beschreibt den Blutfluss durch die pulmonalen Kapillaren. Das Verhältnis beider Größen bestimmt, ob der alveoläre Sauerstoffpartialdruck in dieser Lungenregion effektiv in arteriellen Sauerstoffpartialdruck übersetzt wird.

Ein idealisiertes Ventilations Perfusions Verhältnis von ungefähr 1 bedeutet, dass Ventilation und Perfusion gut angepasst sind. In der Realität existiert stets eine Verteilung. Entscheidend ist nicht ein Mittelwert, sondern die Streuung und das Ausmaß schlecht gekoppelter Areale.

Die drei Extrempunkte

Die klinisch entscheidenden Grenzfälle lassen sich als Kontinuum darstellen. Am einen Ende steht der Shunt: Die Alveole wird durchblutet, aber nicht belüftet, das Ventilations-Perfusions-Verhältnis geht gegen null, und das Blut verlässt die Lunge mit der Zusammensetzung des gemischtvenösen Blutes. Am anderen Ende steht der Totraum: Die Alveole wird belüftet, aber nicht durchblutet, das Verhältnis geht gegen unendlich, und die Ventilation dieser Alveole ist für den Gasaustausch verloren. Dazwischen liegt das klinisch häufigste Muster, das niedrige Ventilations-Perfusions-Verhältnis: Die Ventilation ist vermindert, die Perfusion relativ erhalten. Das ist der typische Mismatch, der die Oxygenierung am stärksten stört, obwohl die Ventilation nicht vollständig fehlt. Die Methode der multiplen Inertgaselimination (MIGET) nach Wagner hat gezeigt, dass eine gesunde Lunge eine enge, symmetrische Verteilung um ein Verhältnis von etwa 1 hat, während Lungenerkrankungen und Narkose die Verteilung verbreitern und Anteile mit niedrigem Verhältnis und echtem Shunt hinzufügen.

Oxygenierungsstörungen werden überwiegend durch Shunt und Areale mit niedrigem Ventilations Perfusions Verhältnis verursacht. Totraum ist primär ein Problem der CO2 Elimination und der Ventilationseffizienz.

Übung 1.1: Wo im Kontinuum?

Ordnen Sie jede Situation dem passenden Extrempunkt zu.

Übung 1.2

Lektion 2

Shunt und niedriges V/Q

Shunt: Perfusion ohne Ventilation

Mechanismus

Beim Shunt fließt Blut durch Areale, die nicht belüftet werden. Dort kann keine Oxygenierung stattfinden. Das Blut verlässt diese Kapillaren mit venöser Sauerstoffsättigung und mischt sich dem oxygenierten Blut aus belüfteten Arealen bei. Dadurch sinkt PaO2 und SaO2, selbst wenn die belüfteten Areale mit hoher FiO2 versorgt werden.

Warum Shunt schlecht auf FiO2 reagiert

FiO2 Erhöhung steigert PAO2 in den belüfteten Alveolen stark. Dieses Blut kann bereits fast maximal mit Sauerstoff gesättigt sein. Weitere Steigerung erhöht nur den gelösten Anteil gering. Shuntblut bleibt aber venös. Die Mischung aus nahezu vollständig gesättigtem Blut und venösem Blut kann deshalb durch FiO2 alleine nur begrenzt verbessert werden.

Das ist der Kern, warum bei ausgeprägter Atelektase die FiO2 Eskalation häufig enttäuscht. Die ursächliche Therapie ist die Rekrutierung der nicht belüfteten Areale.

Physiologie BoxWie unterschiedlich PaO2 bei Shunt und niedrigem V/Q auf FiO2 reagiert, lässt sich im Hypoxämie-Labor des Kurses Alveolargasgleichung, A-a-Differenz und Ventilation (Lektion 3) direkt ausprobieren.

Typische Ursachen perioperativ

Perioperativ entstehen Shunt und niedrige Ventilations-Perfusions-Verhältnisse vor allem durch Atelektasen nach Einleitung, Relaxierung und Lagerung sowie durch Kompressionsatelektasen bei Adipositas, Pneumoperitoneum und Trendelenburg-Lagerung. Nach einer Aspiration und bei Konsolidierungen füllen sich Alveolen mit Flüssigkeit oder Entzündungszellen, beim Lungenödem mit Plasma. Das ARDS ist die Extremform mit großer Heterogenität: Neben kollabierten und gefluteten Arealen, meist dorsal, liegen normal belüftete und in ventralen Anteilen überdehnte Areale, was die Beatmung so schwierig macht.

Ventilations Perfusions Mismatch: Ventilation zu gering im Verhältnis zur Perfusion

Mechanismus

Bei niedrigem Ventilations Perfusions Verhältnis ist Ventilation vermindert, aber nicht null. Das Blut wird noch teilweise oxygeniert. Dadurch ist die Hypoxämie oft deutlich FiO2 responsiv, weil eine Steigerung von PAO2 in diesen Arealen den Austausch verbessert.

Klinische Muster

Klinisch zeigt sich das niedrige Ventilations-Perfusions-Verhältnis durch einen erhöhten A-a-Gradienten bei häufig normalem PaCO2, weil der Abtransport von CO2 über die übrigen Areale lange kompensiert wird. Der PaO2 bessert sich unter höherer FiO2 meist deutlich, und der Verlauf ist oft wechselhaft, in Stufen, abhängig von Lage, Sekret und Bronchospasmus.

Typische Ursachen perioperativ

Typische perioperative Ursachen sind eine regionale Minderbelüftung bei flacher Beatmung oder ungünstiger Position, Sekret und Schleimpfropfen in kleinen Atemwegen, ein Bronchospasmus mit ungleichmäßig verengten Bronchien, beginnende Atelektasen mit noch teilweise erhaltener Ventilation und die basale Minderbelüftung durch die verminderte funktionelle Residualkapazität und den Zwerchfellhochstand in Rückenlage.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3, Schwerpunkt Rechnen

Totraum: Ventilation ohne Perfusion

Totraum: Ventilation ohne Perfusion

Mechanismus

Beim Totraum wird Luft in Areale ventiliert, die nicht oder kaum perfundiert werden. Diese Ventilation trägt nicht zum Gasaustausch bei. Der klinische Effekt ist vor allem eine ineffiziente CO2 Elimination. Um PaCO2 konstant zu halten, muss die Minutenventilation steigen.

Bohr Gleichung als Kernformel

Der Anteil des Totraums am Atemzugvolumen lässt sich prinzipiell über die Bohr Gleichung beschreiben:

VD / VT = (PaCO2 − PECO2) / PaCO2

VD ist Totraumvolumen, VT Atemzugvolumen, PECO2 ist der gemischt exspiratorische CO2 Partialdruck.

Interpretation:
Wenn PECO2 niedrig ist, ist viel Luft aus nicht perfundierten Bereichen enthalten, der Totraumanteil steigt.

Totraum und CO₂: die Bohr-Gleichung als Bildalveolär, CO₂ 40Totraum, CO₂ 0VD/VT 0,3: PECO₂ = 40 × 0,7 = 28 mmHgalveolär, CO₂ 40Totraum, CO₂ 0VD/VT 0,6: PECO₂ = 40 × 0,4 = 16 mmHgVD/VT = (PaCO₂ − PECO₂) / PaCO₂Für PaCO₂ 40 mmHg bei V̇CO₂ 200 ml/minbraucht es V̇A etwa 4,3 l/min:VD/VT 0,3: 6,2 l/minVD/VT 0,6: 10,8 l/minV̇E = V̇A / (1 − VD/VT)Mehr Totraum senkt PECO₂ und verlangt mehr Minutenventilation für denselben PaCO₂. Eigene Darstellung.
Abbildung 2: Totraum und CO₂ Eigene Darstellung

Klinische Muster

Klinisch fällt ein vermehrter Totraum daran auf, dass der PaCO2 trotz scheinbar ausreichender Ventilation steigt. Das endtidale CO2 kann sinken und sich vom PaCO2 entkoppeln, vor allem bei plötzlichen Änderungen der Perfusion: Die Differenz zwischen arteriellem und endtidalem CO2, beim Lungengesunden nur wenige mmHg, wird größer, weil Gas aus nicht durchbluteten Alveolen das Exspirationsgas verdünnt. Der A-a-Gradient kann normal oder erhöht sein, je nachdem, ob gleichzeitig ein V/Q-Mismatch besteht.

Typische Ursachen perioperativ

Das klassische Beispiel ist die akute Lungenembolie, bei der ein Teil der Lungenstrombahn plötzlich verschlossen wird; ein abrupter Abfall des endtidalen CO2 bei unveränderter Beatmung ist ein wichtiger Hinweis. Ein niedriges Herzzeitvolumen verringert die pulmonale Perfusion insgesamt und vergrößert den Totraum auf dieselbe Weise; deshalb sinkt das endtidale CO2 im kardiogenen Schock und in der Reanimation, und ein Wiederanstieg ist dort ein frühes Zeichen der Rückkehr des Spontankreislaufs. Auch die Beatmung selbst kann Totraum erzeugen: Hohe Drücke und ein hoher PEEP überdehnen Alveolen, komprimieren die Kapillaren in ihren Wänden und machen belüftete Areale zu Totraum, besonders bei vulnerabler Hämodynamik.

Physiologie Box, Ergänzung zum KurstextWie viel der Minutenventilation den Gasaustausch tatsächlich erreicht, beschreibt die alveoläre Ventilation: VA = VE × (1 − VD/VT). Der PaCO2 verhält sich umgekehrt proportional dazu: PaCO2 ≈ 0,863 × VCO2 / VA (VCO2 in ml/min, VA in l/min). Damit wird rechenbar, warum steigender Totraum eine höhere Minutenventilation erzwingt.

Totraum-Rechner

Verändern Sie Totraumanteil, Minutenventilation und CO2-Produktion. Der Balken zeigt, welcher Anteil jedes Atemzugs am Gasaustausch teilnimmt.

Atemzug: Totraum (rot) und alveolärer Anteil (dunkel)
Alveoläre Ventilationl/min
Totraumventilationl/min
PaCO2mmHg, stationär
VE für PaCO2 40l/min

Didaktisches Modell im Gleichgewicht, ohne Berücksichtigung von CO2-Speichern, Zeitkonstanten und apparativem Totraum.

Übung 3.1: Bohr-Gleichung

PaCO2 44 mmHg, gemischt exspiratorischer PECO2 33 mmHg. Wie groß ist VD/VT?

Übung 3.2: Alveoläre Ventilation

Minutenventilation 8 l/min, VD/VT 0,4. Wie groß ist die alveoläre Ventilation?

Übung 3.3: Kompensation

Bei VE 7 l/min steigt VD/VT von 0,3 auf 0,5. Welche Minutenventilation ist nötig, damit die alveoläre Ventilation und damit PaCO2 gleich bleiben?

Tabelle 1: Shunt, niedriges V/Q und Totraum im Vergleich
ShuntNiedriges V/QTotraum
DefinitionPerfusion ohne VentilationVentilation vermindert, Perfusion relativ erhaltenVentilation ohne Perfusion
A-a-Differenzdeutlich erhöhterhöhtnormal oder erhöht, je nach Begleitmismatch
PaCO2oft normalhäufig normalsteigt trotz scheinbar ausreichender Ventilation
FiO2-Antwortschlechtoft deutlichnicht das Kernproblem
Typische UrsachenAtelektasen, Kompression, Aspiration, Lungenödem, ARDSMinderbelüftung, Sekret, Bronchospasmus, beginnende AtelektaseLungenembolie, niedriges HZV, Überdehnung, hoher PEEP
TherapieprioritätRekrutierung und PEEP, Lagerung, UrsacheUrsachenbehandlung, Position, moderate PEEP-AnpassungPerfusion sichern, Überdehnung vermeiden, Ventilation anpassen

Lektion 4

Atelektasen unter Narkose

Atelektasen unter Narkose: Entstehung und Konsequenzen

Atelektase ist der häufigste Shunt Treiber im OP. Der Mechanismus ist multifaktoriell und hängt weniger von einer einzelnen Stellschraube ab, sondern von einer Kombination aus FRC Abfall, hoher FiO2, Relaxierung, Lage und Druckverhältnissen.

Einleitung, Relaxierung, Rückenlage
›
Tonusverlust, Zwerchfellhochstand, FRC fällt unter Closing Capacity
Hohe FiO2, Präoxygenierung
›
Stickstoff verdrängt, O2 resorbiert: Absorptionsatelektase
Pneumoperitoneum, Trendelenburg, Adipositas
›
Äußerer Druck: Kompressionsatelektase dorsobasal
Atelektase
›
Shunt steigt, A-a-Differenz steigt, FiO2-Antwort sinkt
Abbildung 3: Atelektasenentstehung unter Narkose

FRC Abfall und Zwerchfellmechanik

Nach der Einleitung sinkt die funktionelle Residualkapazität um etwa 15 bis 20 %, das sind beim Erwachsenen rund 0,4 bis 0,5 Liter. Ursachen sind der Verlust des Muskeltonus und damit der Spannung der Thoraxwand, der Zwerchfellhochstand, besonders in Rückenlage, Trendelenburg-Lagerung und bei Adipositas, und eine veränderte Compliance von Lunge und Thorax unter Anästhetika. Bei Adipositas fällt der Verlust umso größer aus, je höher der Body-Mass-Index ist; die FRC kann dann unter die Verschlusskapazität der kleinen Atemwege fallen.

Wenn FRC unter das Closing Capacity Niveau fällt, beginnen kleine Atemwege während der Exspiration zu kollabieren. Das führt zu Gasfalle, Minderbelüftung und in der Folge zu Atelektase.

Absorptionsatelektase bei hoher FiO2

Hohe FiO2 führt dazu, dass Stickstoff als strukturelles Gasreservoir in den Alveolen verdrängt wird. Wenn ein Alveolarraum teilweise verschlossen ist und Sauerstoff rasch resorbiert wird, kann das Volumen kollabieren. Dieser Mechanismus ist besonders relevant bei präoxygenierter Einleitung mit sehr hoher FiO2 und anschließender Minderbelüftung in basalen Arealen.

Kompressionsatelektase

Kompressionsatelektasen entstehen, wenn äußerer Druck die Lunge zusammendrückt. Das Pneumoperitoneum erhöht den Bauchdruck und drängt das Zwerchfell nach kranial, die Trendelenburg-Lagerung verstärkt die Kompression der dorsobasalen Lungenabschnitte, weil Bauchinhalt zusätzlich gegen das Zwerchfell fällt, und bei Adipositas erhöhen Bauch- und Thoraxwandgewicht den Pleuradruck und senken die Compliance.

Das Resultat ist eine Verschiebung der Ventilation in ventrale Areale, während Perfusion eher dorsobasal bleibt. Das erzeugt niedriges Ventilations Perfusions Verhältnis bis hin zu Shunt.

Tabelle 2: Atelektase-Trigger im OP
TriggerMechanismus
Einleitung und RelaxierungVerlust von Muskeltonus und Thoraxwandspannung, FRC-Abfall
Hohe FiO2Absorptionsatelektase in teilweise verschlossenen Alveolarräumen
RückenlageZwerchfellhochstand, FRC-Abfall
TrendelenburgZwerchfellhochstand und verstärkte dorsobasale Kompression
PneumoperitoneumAbdominaler Druck steigt, Zwerchfell wird nach kranial gedrängt
AdipositasZwerchfellhochstand, höherer pleuraler Druck, Compliance sinkt

Konsequenzen für Oxygenierung

Atelektasen erhöhen den A-a-Gradienten und den Shuntanteil, und je größer der Shunt, desto weniger spricht die Oxygenierung auf eine höhere FiO2 an. Sie entstehen oft schnell, innerhalb von Minuten nach Einleitung oder Lageänderung, und sie bleiben häufig über das Operationsende hinaus bestehen, was zur postoperativen Hypoxämie beiträgt. Rekrutierung, PEEP und Lagerung verbessern sie, allerdings mit möglichen hämodynamischen Nebenwirkungen, die im Folgenden beschrieben sind.

Übung 4.1: Welcher Mechanismus?

Ordnen Sie jedem Auslöser den führenden Atelektasemechanismus zu.

Übung 4.2

Lektion 5, Schwerpunkt Rechnen

Beatmungsstellschrauben und die DO2-Bilanz

Beatmungs Stellschrauben für V/Q Störungen und Atelektasen

Rekrutierung

Rekrutierung bedeutet Öffnung kollabierter Alveolen durch kurzfristige Druckerhöhung. Ziel ist Wiederherstellung von Austauschfläche und Reduktion des Shuntanteils.

Physiologisch ist Rekrutierung nur dann nachhaltig, wenn anschließend ein ausreichender PEEP gesetzt wird, der die geöffneten Alveolen offen hält. Rekrutierung ohne PEEP erzeugt häufig nur eine kurzfristige Verbesserung.

Rekrutierungsmanöver haben Risiken. Der hohe intrathorakale Druck senkt den venösen Rückstrom und kann einen Blutdruckabfall auslösen, besonders bei Hypovolämie. Bei übermäßigem Druck droht ein Barotrauma, vor allem bei vorgeschädigter Lunge. Und sind die dorsalen Areale nicht rekrutierbar, überdehnt der Druck die ohnehin belüfteten ventralen Areale. Große randomisierte Studien bei Narkosen haben entsprechend keinen Nutzen einer routinemäßigen Strategie mit hohem PEEP und Rekrutierungsmanövern gezeigt: In PROVHILO (Lancet 2014) und bei Adipositas in PROBESE (JAMA 2019) sanken die postoperativen pulmonalen Komplikationen nicht, Hypotonien traten häufiger auf. Rekrutierung ist deshalb eine gezielte Maßnahme bei nachgewiesener Atelektase, keine Routine.

PEEP

PEEP stabilisiert Alveolen am Ende der Exspiration, erhöht FRC und reduziert zyklisches Kollabieren. PEEP ist deshalb ein zentrales Werkzeug gegen Atelektasen und gegen niedriges Ventilations Perfusions Verhältnis in basalen Arealen.

Gleichzeitig hat PEEP Nebenwirkungen auf den Kreislauf. Er erhöht den intrathorakalen Druck und damit den Druck im rechten Vorhof, gegen den das venöse Blut zurückfließen muss; der venöse Rückstrom sinkt. Er kann durch Kompression der Kapillaren den pulmonalen Gefäßwiderstand und damit die Nachlast des rechten Ventrikels erhöhen. Beides kann das Herzzeitvolumen senken. Und in bereits gut belüfteten Arealen überdehnt ein zu hoher PEEP die Alveolen, komprimiert die Kapillaren und vergrößert so den Totraum. Der „beste“ PEEP ist deshalb der, der die meisten Alveolen offenhält, ohne die übrigen zu überdehnen und den Kreislauf zu belasten.

Das bedeutet: Verbesserung der PaO2 ist nicht automatisch Verbesserung der DO2. Die Netto Wirkung hängt vom Produkt aus CaO2 und Herzzeitvolumen ab.

Tidalvolumen, Driving Pressure und Compliance

Eine Lunge mit Atelektasen ist heterogen. Ein zu hohes Tidalvolumen kann überbelüftete Areale überdehnen, ohne kollabierte Areale zu öffnen. Das erhöht Totraum und kann inflammatorische Effekte fördern.

Driving Pressure als Konzept beschreibt die Druckdifferenz, die zur Atemzuglieferung benötigt wird. Hohe Werte sprechen für niedrige Compliance oder ungünstige Ventilationsstrategie. Bei rekrutierbarer Lunge kann eine geeignete PEEP Einstellung die Compliance verbessern und Driving Pressure senken. Bei nicht rekrutierbarer Lunge kann PEEP die Compliance verschlechtern und Totraum erhöhen.

Intensiv BoxWie der Driving Pressure korrekt gemessen wird, warum die Anzeige unter assistierter Beatmung täuscht und was die Evidenz tatsächlich zeigt, vertieft der Kurs Driving Pressure messen und bewerten im Obermodul Intensivmedizin.

Lagerung

Die Lagerung verändert die schwerkraftabhängige Verteilung der Perfusion und die mechanische Belastung der Lunge. Eine Oberkörperhochlage oder die Anti-Trendelenburg-Lagerung entlastet das Zwerchfell und verbessert die dorsale Belüftung, was besonders bei Adipositas die funktionelle Residualkapazität erhöht. Seiten- oder Bauchlage können in ausgewählten Situationen rekrutieren: In Bauchlage wird die zuvor komprimierte dorsale Lunge entlastet, die Belüftung wird gleichmäßiger, und die weiterhin dorsal betonte Perfusion trifft auf besser belüftetes Gewebe; beim schweren ARDS senkt die Bauchlage die Sterblichkeit (PROSEVA, NEJM 2013). Und eine Optimierung des Bauchdrucks, etwa durch einen niedrigeren Druck des Pneumoperitoneums, verringert kompressionsbedingte Atelektasen.

Tabelle 3: Beatmungsmaßnahmen und ihre Nebenwirkungen
MaßnahmeOxygenierungTotraumHämodynamikRisiko
RekrutierungShunt sinkt, Austauschfläche steigt; nachhaltig nur mit ausreichendem PEEPÜberdehnung ventraler Areale möglich, wenn dorsale nicht rekrutierbar sindAbfall durch erhöhten intrathorakalen DruckBarotrauma bei vulnerabler Lunge
PEEPHält Alveolen offen, FRC steigt, zyklisches Kollabieren sinktKann durch Überdehnung und Kapillarkompression steigenRückstrom sinkt, RV-Nachlast steigt, HZV kann fallenBei nicht rekrutierbarer Lunge schlechtere Compliance
Hohes TidalvolumenÖffnet kollabierte Areale nichtSteigt durch Überdehnung belüfteter Arealeintrathorakaler Mitteldruck steigt, der Rückstrom kann sinkenInflammatorische Effekte
LagerungDorsale Ventilation besser, Rekrutierung in Seiten- oder Bauchlage möglichBauchlage verteilt die Ventilation gleichmäßiger, der Totraum sinkt eherBauchlage meist gut toleriert und entlastet den rechten Ventrikel; Oberkörperhochlage senkt den RückstromDruckstellen, Dislokation von Tubus und Zugängen

Hämodynamische Kopplung: Warum bessere Oxygenierung DO2 verschlechtern kann

Beatmungsmaßnahmen wirken über den intrathorakalen Druck auf den Kreislauf. Er bestimmt den venösen Rückstrom, weil das Blut gegen den Druck im rechten Vorhof zurückfließen muss; er bestimmt die Nachlast des rechten Ventrikels und den pulmonalen Gefäßwiderstand; und über beides bestimmt er das Herzzeitvolumen. Dagegen senkt ein höherer intrathorakaler Druck die Nachlast des linken Ventrikels, was bei Linksherzinsuffizienz günstig sein kann. Entscheidend ist deshalb nicht die Oxygenierung allein, sondern das Sauerstoffangebot als Produkt aus Sauerstoffgehalt und Herzzeitvolumen.

Sobald PEEP und Rekrutierung das Herzzeitvolumen senken, sinkt DO2, auch wenn CaO2 durch bessere SaO2 leicht steigt.

Physiologisch relevant ist deshalb stets die Bilanz:

DO2 = Herzzeitvolumen × CaO2 × 10

Ein typisches Muster:
PaO2 und SpO2 verbessern sich, MAP fällt, Vasopressorbedarf steigt, Haut wird kälter, Laktat steigt. Das passt zu sinkendem Herzzeitvolumen. In dieser Konstellation ist ein reines Oxygenierungsziel gefährlich. Entscheidend ist, ob die Gesamtperfusion und DO2 stabil bleiben.

Abbildung 4: Der hämodynamische Preis: DO2 gegen SaO2
Abbildung 4: Der hämodynamische Preis: DO2 gegen SaO2

Übung 5.1: Bessere Sättigung, weniger Angebot?

Hb 11 g/dl. Vor PEEP-Erhöhung: SaO2 0,90, PaO2 60 mmHg, HZV 5,0 l/min. Danach: SaO2 0,98, PaO2 95 mmHg, HZV 4,0 l/min. Berechnen Sie DO2 vorher und nachher.

Übung 5.2

Übung 5.3

Lektion 6

Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit

Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen

  • V/Q Störung als reine FiO2 Frage behandeln und damit Shuntmechanismus übersehen.
  • Rekrutierung und PEEP einsetzen, ohne die hämodynamische Antwort als Teil des Tests zu bewerten.
  • PaCO2 als reines Ventilationsproblem interpretieren, ohne Totraum als Ursache in Betracht zu ziehen.
  • Totraumsteigerung durch Überdehnung übersehen, insbesondere bei hoher PEEP und vulnerabler Hämodynamik.
  • Oxygenierung optimieren, während das eigentliche Problem eine DO2 Reduktion durch niedriges Herzzeitvolumen oder niedrigen Hb ist.

Merksätze

  • Hypoxämie perioperativ ist meist Ventilations Perfusions Verteilungsstörung, nicht zu wenig FiO2.
  • Shunt ist Perfusion ohne Ventilation und reagiert schlecht auf FiO2, Rekrutierung und PEEP sind die ursächlichen Hebel.
  • Niedriges Ventilations Perfusions Verhältnis reagiert oft deutlich auf FiO2, bleibt aber ohne Ursachenbehandlung instabil.
  • Totraum ist Ventilation ohne Perfusion und zeigt sich primär über CO2 und Ventilationseffizienz, nicht zwingend über SpO2.
  • PEEP kann PaO2 verbessern und gleichzeitig Herzzeitvolumen senken, netto entscheidet DO2.
  • Atelektase entsteht unter Narkose schnell durch FRC Abfall, Absorptionsmechanismen und Kompression.

Kurzfazit

Perioperative Oxygenierungsstörungen sind in der Regel Ventilations Perfusions Verteilungsstörungen. Shunt entsteht besonders häufig durch Atelektasen nach Einleitung, Kompression und Absorptionsmechanismen. V/Q Mismatch ist häufig FiO2 responsiv, Shunt meist nicht. Totraum ist primär ein CO2 Problem und entsteht bei Perfusionsverlust oder Überdehnung. Beatmungsmaßnahmen verbessern häufig PaO2, können aber Herzzeitvolumen senken und damit DO2 verschlechtern. Netto entscheidet die Bilanz aus CaO2 und Herzzeitvolumen, nicht die isolierte SpO2.

Übung 6.1

Übung 6.2

Lektion 7

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Der Totraum-Rechner aus Lektion 3 hilft bei Aufgabe 2. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabenblock

Aufgabe 1: Mustererkennung Shunt versus niedriges Ventilations Perfusions Verhältnis

Zwei Situationen, PaCO2 jeweils 40 mmHg.

Situation A
FiO2 Anhebung von 0,4 auf 0,8 führt zu PaO2 Anstieg von 65 auf 240 mmHg.

Situation B
FiO2 Anhebung von 0,4 auf 0,8 führt zu PaO2 Anstieg von 55 auf 85 mmHg.

Fragen:

  • Welche Situation passt eher zu niedrigem Ventilations Perfusions Verhältnis, welche zu Shunt.
  • Welche physiologisch logische Primärintervention ergibt sich jeweils.
Lösung
  • Situation A passt zu niedrigem Ventilations Perfusions Verhältnis, da starke FiO2 Responsivität vorliegt. Situation B passt zu Shunt, da FiO2 nur geringe Verbesserung erzeugt.
  • Bei Situation A ist Ursachenbehandlung zentral: Bronchospasmus, Sekret, Position, moderate PEEP Anpassung. Bei Situation B ist Rekrutierung und ausreichend PEEP zur Offenhaltung die Primärlogik, zusätzlich Lagerung und Behandlung der Ursache der nicht belüfteten Areale.

Aufgabe 2: Totraumlogik mit Bohr Gleichung

Gegeben:
PaCO2 50 mmHg
PECO2 30 mmHg

Frage:

  • Berechnen Sie VD/VT.
  • Was bedeutet ein erhöhter VD/VT für die notwendige Minutenventilation, wenn PaCO2 konstant gehalten werden soll.
Lösung
  • VD/VT = (50 minus 30) geteilt durch 50 = 20 geteilt durch 50 = 0,4
    Das entspricht 40 Prozent Totraumanteil.
  • Bei höherem Totraumanteil sinkt die alveoläre Ventilation bei gleicher Minutenventilation. Um PaCO2 konstant zu halten, muss die Minutenventilation steigen, entweder über Atemfrequenz oder Tidalvolumen, wobei letzteres durch Lungenprotektionsprinzipien begrenzt ist.

Aufgabe 3: Atelektase nach Einleitung, Intervention und hämodynamische Nebenwirkung

Nach Einleitung sinkt SpO2 auf 90 Prozent. Nach Rekrutierung und PEEP Anhebung steigt SpO2 auf 98 Prozent. Gleichzeitig fällt MAP, Vasopressorbedarf steigt, EtCO2 sinkt.

Fragen:

  • Welche Mechanismen erklären die Oxygenierungsverbesserung.
  • Welche Mechanismen erklären die hämodynamische Verschlechterung und den EtCO2 Abfall.
  • Welche übergeordnete Kenngröße entscheidet, ob die Situation netto verbessert wurde.
Lösung
  • Rekrutierung öffnet kollabierte Alveolen, PEEP hält sie offen, Shuntanteil sinkt, A-a-Differenz sinkt, PaO2 und SaO2 steigen.
  • Erhöhter intrathorakaler Druck reduziert venösen Rückstrom, kann rechtsventrikuläre Nachlast erhöhen und Herzzeitvolumen senken. EtCO2 sinkt häufig, wenn pulmonaler Blutfluss sinkt, weil weniger CO2 zur Lunge transportiert wird.
  • Entscheidend ist DO2, also Herzzeitvolumen mal CaO2. Eine bessere SaO2 kann durch ein stärker fallendes Herzzeitvolumen überkompensiert werden. Zusätzlich sind klinische Perfusionszeichen und Laktattrend relevant.

Aufgabe 4: Totraum durch Überdehnung als Beatmungsproblem

Unter hoher PEEP steigt PaCO2 trotz erhöhter Minutenventilation. SpO2 bleibt gut. EtCO2 nimmt ab, PaCO2 nimmt zu, die Differenz PaCO2 minus EtCO2 wird größer.

Fragen:

  • Welche Konstellation passt dazu.
  • Welche prinzipielle ventilatorische Ursache ist möglich.
Lösung
  • Das Muster passt zu steigendem Totraum und Entkopplung von EtCO2 und PaCO2.
  • Eine mögliche Ursache ist Überdehnung mit Kapillarkompression und damit mehr ventilierte aber weniger perfundierte Areale. Alternativ kommen perfusionsseitige Probleme wie sinkendes Herzzeitvolumen oder Embolie in Betracht. Die Logik ist identisch: weniger perfundierte Austauschfläche erzeugt höheren Totraum.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle vier Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Formeln

GleichungHinweis
VD/VT = (PaCO2 − PECO2) / PaCO2Bohr-Gleichung. PECO2: gemischt exspiratorischer CO2-Partialdruck.
VA = VE × (1 − VD/VT)Alveoläre Ventilation in l/min. Ergänzung zum Kurstext.
PaCO2 ≈ 0,863 × VCO2 / VAVCO2 in ml/min, VA in l/min. Ergänzung zum Kurstext.
DO2 = HZV × CaO2 × 10ml O2/min. Entscheidet über den Nettoeffekt jeder Beatmungsmaßnahme.
CaO2 = 1,34 × Hb × SaO2 + 0,0031 × PaO2ml O2/dl, SaO2 als Bruch.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Rechner, Tabellen und Testfragen sind didaktisch aus dem Kurstext abgeleitet.