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Physiologie, Teil IV, Kurs 10
Zelluläre Ebene, Diffusion, Mitochondrien und cytopathic hypoxia
Sauerstoff muss nicht nur geliefert, sondern auch genutzt werden. Dieser Kurs folgt ihm über die Kapillarwand hinaus bis in die Atmungskette.
Lieferungbis zur KapillareKonvektion
Größen
DO₂, HZV, Hb, SaO₂
SvO₂
sinkt bei Mangel
DiffusionKapillare bis ZelleFläche, Gradient, Strecke
Störungen
Ödem, Kapillarverlust
SvO₂
oft normal
NutzungMitochondriumAtmungskette
Störung
cytopathic hypoxia
SvO₂
normal oder hoch
Zu diesem Kurs
Der Kurs schließt die Sauerstoffkaskade ab. Er beschreibt den letzten Transportschritt durch Diffusion, die mitochondriale Nutzung und die Unterscheidung von Liefer-, Diffusions- und Nutzungsproblemen.
Sechs Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
Lektion 2 enthält ein Diffusionslabor mit dem Krogh-Zylinder: Diffusionsstrecke, kapillärer PO2, Verbrauch und mitochondriale Nutzung sind einstellbar.
Ergänzungen aus der Literatur sind als Evidence Box gekennzeichnet, die Quellen stehen unter Nachschlagen.
Der Aufgabenblock in Lektion 6 enthält Lösungen zum Aufklappen. Am Ende steht ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:
Den Sauerstofftransport vom Kapillarblut bis zum Mitochondrium als Diffusionsproblem verstehen.
Die Determinanten der Diffusion benennen und klinisch zuordnen: Fläche, Gradient und Strecke.
Die mitochondriale Nutzungsstörung in der Sepsis als Konzept erklären, einschließlich der Begriffe cytopathic hypoxia und metabolische Anpassung.
Lieferproblem, Diffusionsproblem und Nutzungsproblem anhand typischer Muster unterscheiden.
Die Grenzen globaler Marker wie DO2, SvO2 und Laktat an der Endstrecke erkennen.
Warum dieser Kurs klinisch relevant ist
Die bisherigen Kurse haben Sauerstoff bis in die Kapillare verfolgt. Dort endet der konvektive Transport. Den letzten Weg bis zum Mitochondrium legt Sauerstoff ausschließlich durch Diffusion zurück, und erst in der Atmungskette wird er tatsächlich verbraucht. Wenn diese Endstrecke gestört ist, helfen höheres Herzzeitvolumen, höherer Hb oder höhere FiO2 nur begrenzt.
Klinisch zeigt sich das in einer Konstellation, die ohne dieses Verständnis widersprüchlich wirkt: normale PaO2, normale SaO2, ausreichende oder hohe DO2, normale oder hohe SvO2 und trotzdem steigendes Laktat und fortschreitende Organdysfunktion. Dieser Kurs erklärt, wo in solchen Fällen der limitierende Schritt liegt und warum eine weitere Steigerung des Angebots dann nicht die Lösung ist.
Lektion 1
Die Sauerstoffkaskade bis zum Mitochondrium
Die Sauerstoffkaskade bis zum Mitochondrium
Stufen der Kaskade
Der Sauerstoffpartialdruck fällt von der Einatemluft bis zum Mitochondrium stufenweise ab, und jede Stufe hat ihre eigene Ursache. Von der Einatemluft zur Alveole sinkt er von etwa 160 auf etwa 100 mmHg, weil das Gas mit Wasserdampf gesättigt und mit CO2-haltigem Alveolargas gemischt wird (Kurs 2). Von der Alveole zum arteriellen Blut entsteht die A-a-Differenz durch Diffusion, Shunt und die Verteilung von Ventilation und Perfusion (Kurs 3). Vom arteriellen Blut zum Kapillarende gibt das Blut Sauerstoff ab, und der Partialdruck fällt auf etwa den venösen Wert von 40 mmHg (Kurse 5 und 7). Von der Kapillare zur Zelle diffundiert der Sauerstoff durch Endothel, Interstitium und Zellmembran; der Gewebe-PO2 ist organabhängig und innerhalb eines Gewebes uneinheitlich, meist zwischen etwa 20 und 40 mmHg. Und von der Zelle zum Mitochondrium fällt er auf nur noch wenige mmHg. Das ist kein Mangel, sondern die Voraussetzung für den Gradienten, der den Sauerstoff überhaupt dorthin bringt; die Cytochrom-c-Oxidase hat eine so hohe Affinität, dass sie erst unterhalb von etwa 1 mmHg eingeschränkt arbeitet.
Abbildung 1: Sauerstoffkaskade bis zum Mitochondrium. Gestrichelt: typische Spannweite. Orientierungswerte in Ruhe auf Meereshöhe, Gewebe- und Mitochondrienwerte organabhängig und heterogen.
Warum der letzte Schritt Diffusion ist
Konvektion transportiert große Mengen über große Strecken, endet aber an der Kapillarwand. Jenseits davon bewegt sich Sauerstoff nur entlang seines Partialdruckgefälles. Diffusion ist über kurze Strecken schnell, verliert aber mit zunehmender Entfernung rasch an Wirkung. Deshalb liegt in gut versorgten Geweben kaum eine Zelle weiter als wenige Zellbreiten von der nächsten durchströmten Kapillare entfernt.
Übung 1.1
Übung 1.2
Lektion 2, Schwerpunkt Rechnen
Diffusion: Fläche, Gradient, Strecke
Diffusion: Fläche, Gradient, Strecke
Das Diffusionsgesetz
Der Diffusionsfluss folgt dem Fickschen Diffusionsgesetz:
Diffusionsfluss = Diffusionskoeffizient × Fläche × Partialdruckdifferenz / Strecke
Für die Klinik reicht die Proportionalität: Der Fluss steigt mit der Austauschfläche und dem Gradienten und fällt mit der Diffusionsstrecke. Jede der drei Größen kann bei kritisch Kranken gestört sein, oft mehrere gleichzeitig.
Fläche: funktionelle Kapillardichte
Die wirksame Austauschfläche ist nicht die anatomische Kapillardichte, sondern die Dichte der tatsächlich durchströmten Kapillaren. Stillstehende oder verschlossene Kapillaren tragen nichts bei (Kurs 9). Ein Verlust an funktioneller Kapillardichte verkleinert die Fläche und verlängert zugleich die Strecke zur nächsten perfundierten Kapillare.
Gradient: der kapilläre PO2
Treibende Kraft ist die Differenz zwischen kapillärem und mitochondrialem PO2. Der kapilläre PO2 hängt von der arteriellen Oxygenierung, vom Hb, von der Durchströmung und von der Lage der Dissoziationskurve ab. Bei Anämie oder niedrigem Fluss muss pro Milliliter Blut mehr Sauerstoff entnommen werden, der PO2 fällt entlang der Kapillare früher und stärker ab. Am venösen Kapillarende steht dann weniger Druck für die Diffusion zur Verfügung.
Strecke: Ödem und Kapillarverlust
Die Diffusionsstrecke verlängert sich durch interstitielles Ödem, durch Zellschwellung und durch den Wegfall benachbarter Kapillaren. Das klassische Modell dazu ist der Krogh-Zylinder: Jede Kapillare versorgt einen Gewebezylinder um sich herum. Der Druckabfall im Gewebe wächst ungefähr mit dem Verbrauch und mit dem Quadrat des Radius. Am ungünstigsten versorgt ist die Stelle am Rand des Zylinders am venösen Kapillarende, die sogenannte tödliche Ecke.
Druckabfall im Gewebe = Konstante × Verbrauch × Strecke zum Quadrat
Die quadratische Abhängigkeit erklärt, warum schon eine moderate Zunahme der Strecke den Sauerstoffdruck am Zylinderrand auf null bringen kann.
Warum Ödem ein Sauerstoffproblem ist
Ödem verändert weder PaO2 noch SaO2 noch DO2. Es wirkt ausschließlich auf der Endstrecke. Globale Marker bleiben deshalb unauffällig, während an den Rändern der Versorgungsgebiete Zellen hypoxisch werden. Das ist ein Grund, warum eine großzügige Volumentherapie mit Kapillarleck die Gewebeoxygenierung verschlechtern kann, obwohl sie Herzzeitvolumen und DO2 steigert.
Diffusionslabor
Querschnitt durch einen Krogh-Zylinder am venösen Kapillarende. In der Mitte die Kapillare, außen der Rand des Versorgungsgebiets.
Druckabfall im GewebemmHg bis zum Rand
PO2 am RandmmHg, tödliche Ecke
Anoxischer Anteil% des Querschnitts
Oxidative Energiebildung% des Bedarfs
Abbildung 2: Krogh-Zylinder im Querschnitt. Kräftiges Rot hoher PO2, blass niedriger PO2, grau anoxisch. Kreise: Mitochondrien, gefüllt entsprechend ihrer Nutzung.
Didaktisches Modell: Der Druckabfall wächst mit dem tatsächlichen Verbrauch und dem Quadrat der Strecke, geeicht auf 20 mmHg bei 25 µm und normalem Bedarf. Die Energiebildung ergibt sich aus Nutzung und nicht anoxischem Anteil. Keine quantitative Vorhersage für Patienten.
Übung 2.1: Die quadratische Strecke
Bei 25 µm beträgt der Druckabfall bis zum Zylinderrand 20 mmHg. Durch Ödem wächst die Strecke auf 35 µm, der Verbrauch bleibt gleich. Wie groß ist der Druckabfall jetzt?
Übung 2.2: Drei Größen gleichzeitig
Die funktionelle Austauschfläche sinkt auf 50 %, der Gradient steigt durch höhere FiO2 auf 120 %, die Strecke wächst auf 125 %. Auf wie viel Prozent ändert sich der Diffusionsfluss?
Übung 2.3: Zwei Bilder im Labor
Vergleichen Sie im Labor „Ödem“ und „Nutzungsstörung“. Beide liefern zu wenig Energie.
Lektion 3
Mitochondrien: der Endpunkt der Kaskade
Mitochondrien: der Endpunkt der Kaskade
Oxidative Phosphorylierung
Der weitaus größte Teil des Sauerstoffverbrauchs dient der ATP-Bildung in der Atmungskette. Die Cytochrom-c-Oxidase überträgt die Elektronen auf Sauerstoff und besitzt eine sehr hohe Sauerstoffaffinität. Die oxidative Phosphorylierung läuft deshalb auch bei sehr niedrigen Partialdrücken ungehindert weiter. Sauerstoff wird für das Mitochondrium erst dann limitierend, wenn der PO2 in unmittelbarer Umgebung nahezu auf null fällt.
Evidence Box, Ergänzung aus der LiteraturDie Cytochrom-c-Oxidase hat eine sehr hohe Sauerstoffaffinität. In Suspensionen isolierter, gekoppelter Mitochondrien halbierte sich die gemessene Atmungsrate erst bei etwa 1,5 Torr (Wilson 2014). Solche In-vitro-Werte lassen sich nicht direkt auf Gewebe übertragen, zeigen aber, warum der niedrige mitochondriale PO2 normal ist.
Mitochondriale Nutzungsstörung in der Sepsis
In der Sepsis kann die Nutzung des Sauerstoffs selbst gestört sein, obwohl genug Sauerstoff das Mitochondrium erreicht. Fink hat dafür den Begriff der zytopathischen Hypoxie geprägt. Diskutiert werden mehrere Mechanismen: Stickstoffmonoxid hemmt die Cytochrom-c-Oxidase, zunächst reversibel; Peroxynitrit und oxidativer Stress schädigen Komplexe der Atmungskette, teilweise irreversibel; die Aktivierung der Poly-ADP-Ribose-Polymerase verbraucht NAD+, das der Atmungskette dann fehlt; Elektronentransport und ATP-Bildung werden entkoppelt; und Pyruvat wird vermindert in den Citratzyklus eingeschleust. Brealey und Mitarbeiter fanden in Muskelbiopsien septischer Patienten eine verminderte Aktivität der Atmungskette und niedrigere ATP-Spiegel, die mit dem Schweregrad und der Sterblichkeit zusammenhingen (Lancet 2002).
Die Folge ist eine verminderte ATP-Bildung bei ausreichendem oder sogar erhöhtem Gewebe-PO2. Die Extraktion sinkt, die venöse Sättigung kann hoch bleiben, und Laktat kann steigen, weil Pyruvat nicht ausreichend oxidiert wird.
Abbildung 3: Atmungskette und Angriffspunkte der Nutzungsstörung Eigene Darstellung
Evidence Box, Ergänzung aus der Literatur
Fink ergänzte die klassischen Hypoxieformen nach Barcroft um eine erworbene, intrinsische Störung des zellulären Energiestoffwechsels in der Sepsis und prägte dafür den Begriff cytopathic hypoxia (Fink 2001, 2002). Als Mechanismen nannte er unter anderem die reversible Hemmung der Cytochrom-Oxidase durch NO, die irreversible Hemmung von Atmungskettenkomplexen durch Peroxynitrit und die Aktivierung der PARP. Er folgerte, dass Strategien, die nur Herzzeitvolumen, DO2 und regionalen Fluss manipulieren, bei vorherrschender Nutzungsstörung scheitern müssen.
Die Arbeitsgruppe um Brealey untersuchte Muskelbiopsien von 28 Patienten mit septischem Schock innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme. Die ATP-Konzentration war bei den später Verstorbenen deutlich niedriger als bei den Überlebenden. Die Aktivität von Komplex I korrelierte umgekehrt mit dem Noradrenalinbedarf und mit NO-Metaboliten (Brealey 2002). Die Autoren verweisen auf erhöhte Gewebe-PO2-Werte in der Sepsis als Hinweis auf eine verminderte Nutzung.
Versagen oder Anpassung
Ob die reduzierte mitochondriale Aktivität nur Schaden ist, wird diskutiert. Eine Hypothese beschreibt das Multiorganversagen als teilweise geregelte Herunterregulation des Stoffwechsels, vergleichbar einem Winterschlaf, die Zellen vor dem Untergang schützen könnte. Dafür spricht, dass Organfunktionen bei Überlebenden oft vollständig zurückkehren und histologisch wenig Zelltod zu finden ist. Für die Praxis bedeutet das: Ein Versuch, den Verbrauch durch immer höheres Angebot zu erzwingen, ist physiologisch nicht begründet.
Evidence Box, Ergänzung aus der LiteraturSinger und Mitarbeiter formulierten die Hypothese, dass das Multiorganversagen in erster Linie eine funktionelle, nicht strukturelle Störung ist: ein hormonell und über Zytokine vermittelter, herunterregulierter Stoffwechselzustand, vergleichbar einem Winterschlaf, der Zellen das Überleben sichern könnte (Singer 2004). Die Hypothese ist einflussreich, aber nicht bewiesen, und eine daraus abgeleitete spezifische Therapie gibt es bislang nicht.
Übung 3.1
Übung 3.2
Lektion 4
Lieferproblem versus Nutzungsproblem
Lieferproblem versus Nutzungsproblem
Formen der Gewebehypoxie
Die klassische Einteilung unterscheidet vier Formen der Hypoxie nach dem Ort der Störung. Bei der hypoxämischen Hypoxie ist der arterielle Sauerstoffpartialdruck niedrig, etwa bei Pneumonie oder Shunt. Bei der anämischen Hypoxie fehlt Transportkapazität, bei Blutverlust oder durch Dyshämoglobine wie bei der Kohlenmonoxidvergiftung. Bei der stagnierenden, zirkulatorischen Hypoxie ist der Fluss global oder regional zu gering, etwa im kardiogenen Schock oder bei gestörter Mikrozirkulation. Und bei der zytopathischen, histotoxischen Hypoxie ist die Nutzung trotz ausreichenden Angebots gestört, klassisch bei der Zyanidvergiftung, als erworbene Form in der Sepsis.
Die ersten drei Formen sind Lieferprobleme, die vierte ist ein Nutzungsproblem. Diffusionsstörungen an der Endstrecke liegen dazwischen: Das Angebot erreicht die Kapillare, aber nicht die Zelle.
Mustererkennung
Kein Einzelwert trennt die Mechanismen sicher. Die Kombination liefert jedoch typische Muster:
Lieferproblem SvO2 niedrig, O2ER hoch, Laktat oft erhöht, CO2-Gap bei Flussmangel erhöht. Eine Steigerung von DO2 senkt Laktat und hebt die SvO2.
Diffusions- oder Verteilungsproblem SvO2 normal oder hoch, O2ER eher niedrig, klinische Perfusionszeichen schlecht, Laktat erhöht. Eine Steigerung von DO2 hilft wenig, Ödem und Verteilung bestimmen den Verlauf.
Nutzungsproblem SvO2 normal oder hoch, O2ER niedrig, Gewebe-PO2 normal oder hoch, Laktat erhöht, Organdysfunktion trotz guter Makrowerte. Eine Steigerung von DO2 verändert VO2 nicht.
Diffusions- und Nutzungsproblem sehen in globalen Markern nahezu gleich aus. Erst regionale Messungen, der Gewebe-PO2 oder der Verlauf unter Therapie grenzen sie voneinander ab. Häufig liegen beide gleichzeitig vor.
Die DO2-Probe richtig lesen
Steigt VO2 nach einer Steigerung von DO2 nicht an, gibt es zwei ganz verschiedene Erklärungen. Entweder lag der Patient bereits im Bereich der Supply Independence, dann ist das ein gutes Zeichen. Oder Diffusion oder Nutzung sind limitiert, dann ist es ein schlechtes Zeichen. Die Unterscheidung gelingt nur mit Laktatverlauf, Perfusionszeichen und Organfunktion.
Umgekehrt beweist ein Anstieg von VO2 nicht zwingend eine vorbestehende Sauerstoffschuld. Werden VO2 und DO2 aus denselben Messwerten berechnet, teilen sie Herzzeitvolumen und Hb. Messfehler dieser Größen bewegen dann beide Werte gleichsinnig und täuschen eine Abhängigkeit vor. Diese mathematische Kopplung ist ein bekannter Fallstrick der Supply-Dependence-Forschung.
Tabelle 1: Lieferproblem, Diffusionsproblem und Nutzungsproblem
Diffusions- und Nutzungsproblem sind in globalen Markern kaum zu trennen und treten häufig gemeinsam auf.
Übung 4.1: Welche Form der Hypoxie?
Übung 4.2: Muster erkennen
Lektion 5
Grenzen der globalen Marker, Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit
Grenzen der globalen Marker
An der Endstrecke der Sauerstoffkette verlieren die globalen Marker ihre Aussagekraft auf typische Weise. Das Sauerstoffangebot beschreibt nur die Menge, die bis zur Kapillare transportiert wird, nicht, was das Mitochondrium erreicht. Die venöse Sättigung ist ein gewichteter Mittelwert über alle Organe; ein hoher Wert kann eine gute Versorgung, eine geringe Extraktion oder eine Umgehung der Austauschflächen bedeuten. Laktat entsteht auch ohne Sauerstoffmangel, adrenerg oder bei gestörter Pyruvatoxidation, und hängt von der Clearance ab (Kurs 8). Und das CO2-Gap zeigt einen Flussmangel an, erfasst aber weder Diffusions- noch Nutzungsstörungen zuverlässig.
Eine Organdysfunktion bei normalen globalen Markern ist deshalb kein Widerspruch, sondern ein Hinweis auf eine Störung jenseits der Kapillare.
Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen
DO2 steigern, VO2 steigt nicht, und daraus vorschnell schließen, dass alles in Ordnung ist.
Normale PaO2, SaO2 und DO2 als Beweis für eine ausreichende Gewebeoxygenierung werten, obwohl Organdysfunktion fortschreitet.
Eine hohe SvO2 bei steigendem Laktat als gute Versorgung interpretieren.
Ödem nur als kosmetisches oder pulmonales Problem sehen und seine Wirkung auf die Diffusionsstrecke übersehen.
Den Verbrauch durch supranormales Angebot erzwingen wollen, wenn Nutzung limitiert ist.
Einen Anstieg von VO2 unter DO2-Steigerung überbewerten, wenn beide Größen aus denselben Messwerten berechnet sind.
Merksätze
Sauerstoff muss nicht nur geliefert, sondern auch genutzt werden.
Jenseits der Kapillarwand wird Sauerstoff nur durch Diffusion transportiert: Fläche, Gradient und Strecke bestimmen den Erfolg.
Die Diffusionsstrecke ist eine unterschätzte Barriere, ihr Einfluss wächst etwa mit dem Quadrat.
Mitochondrien arbeiten bei sehr niedrigem PO2. Der niedrige Druck ist Voraussetzung für den Gradienten.
Eine mitochondriale Nutzungsstörung erklärt hohe venöse Sättigung, normalen oder hohen Gewebe-PO2 und Laktatanstieg bei Organdysfunktion.
Diffusions- und Nutzungsprobleme sehen in globalen Markern gleich aus, erst Verlauf und regionale Befunde trennen sie.
Kurzfazit
Die Sauerstoffkaskade endet nicht in der Kapillare, sondern im Mitochondrium. Den letzten Weg legt Sauerstoff durch Diffusion zurück, bestimmt durch Austauschfläche, Gradient und Strecke. Ödem und Kapillarverlust wirken dort, wo globale Marker nicht hinsehen. In der Sepsis kann zusätzlich die mitochondriale Nutzung gestört sein, sodass Sauerstoff zwar ankommt, aber nicht verwertet wird. Hohe venöse Sättigung, hoher Gewebe-PO2 und steigendes Laktat bei Organdysfunktion sind das typische Bild. An dieser Stelle stoßen Strategien zur Steigerung des Angebots an ihre Grenze, und der limitierende Schritt ist Diffusion oder Nutzung.
Übung 5.1
Übung 5.2
Lektion 6
Aufgabenblock
Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Das Diffusionslabor hilft bei den Aufgaben 1 und 2. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.
Aufgabenblock
Aufgabe 1: Warum ist Ödem ein Sauerstoffproblem?
Frage: Erläutern Sie, warum ein ausgeprägtes interstitielles Ödem die Gewebeoxygenierung verschlechtern kann, obwohl PaO2, Hb und Herzzeitvolumen normal sind.
Lösung
Ödem verlängert die Diffusionsstrecke zwischen Kapillare und Zelle und kann Kapillaren komprimieren, sodass zusätzlich die funktionelle Austauschfläche sinkt. Der Druckabfall im Gewebe wächst etwa mit dem Quadrat der Strecke, deshalb fällt der PO2 am Rand der Versorgungsgebiete überproportional. PaO2, Hb und Herzzeitvolumen beschreiben nur das Angebot bis zur Kapillare und bleiben unverändert.
Aufgabe 2: Diffusionsfluss abschätzen
Gegeben: Durch Kapillarverlust sinkt die funktionelle Austauschfläche auf 60 % des Ausgangswerts. Durch Ödem steigt die mittlere Diffusionsstrecke auf 150 %. Der Gradient bleibt gleich.
Frage: Auf wie viel Prozent des Ausgangswerts sinkt der Diffusionsfluss?
Lösung
Diffusionsfluss relativ = 0,6 geteilt durch 1,5 = 0,4. Der Fluss sinkt auf 40 % des Ausgangswerts, obwohl sich an Angebot und Gradient nichts geändert hat.
Frage: Wie hoch sind DO2, VO2 und O2ER näherungsweise, und welcher Mechanismus ist wahrscheinlich?
Lösung
CaO2 etwa 1,34 mal 10 mal 0,97 = 13,0 ml/dl, DO2 etwa 13,0 mal 85 = 1105 ml/min. CvO2 etwa 1,34 mal 10 mal 0,82 = 11,0 ml/dl, VO2 etwa 2,0 mal 85 = 170 ml/min. O2ER etwa 0,15. Das Angebot ist hoch, die Extraktion niedrig, Laktat und Organdysfunktion schreiten fort. Wahrscheinlich ist eine Störung jenseits der Kapillare: Verteilungs- und Diffusionsstörung, mitochondriale Nutzungsstörung oder beides. Eine weitere Steigerung von DO2 ist wenig aussichtsreich. Im Vordergrund stehen Fokuskontrolle, Vermeidung von Überwässerung, angemessener Perfusionsdruck, Verlaufsbeurteilung und Laktatinterpretation im Kontext.
Aufgabe 4: DO2-Probe
Gegeben: Nach Dobutamin steigt DO2 von 700 auf 1000 ml/min. VO2 bleibt bei 180 ml/min, das Laktat fällt in zwei Stunden von 3,9 auf 2,4 mmol/l, die Rekapillarisierung normalisiert sich.
Frage: Wie ist die fehlende VO2-Antwort zu bewerten?
Lösung
Die O2ER sinkt von etwa 0,26 auf 0,18. Da Laktat fällt und die Perfusion sich bessert, spricht die fehlende VO2-Antwort für Supply Independence: Der Bedarf war bereits gedeckt. Bei gleichzeitig steigendem Laktat und schlechter Perfusion wäre dagegen eine Diffusions- oder Nutzungsstörung wahrscheinlicher. Die VO2 allein trennt die beiden Situationen nicht.
Frage: Ordnen Sie beide Patienten ein und nennen Sie den jeweils vorrangigen Ansatz.
Lösung
Patient A zeigt ein Lieferproblem mit erschöpfter Reserve. Vorrangig sind Fluss, Hb und Oxygenierung zu prüfen und zu verbessern. Patient B zeigt eine Störung jenseits der Kapillare. Vorrangig sind Ursachenbehandlung, Verteilung und Diffusionsstrecke, eine weitere Steigerung des Angebots ist wenig aussichtsreich.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle fünf Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlusstest, etwa 10 Minuten
Abschlusstest
Zehn Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.
Zum Nachschlagen
Formeln, Begriffe und Literatur
Größe oder Begriff
Formel oder Bedeutung
Diffusionsfluss
proportional zu Fläche × Gradient / Strecke
Druckabfall im Krogh-Zylinder
wächst etwa mit Verbrauch × Strecke²
Tödliche Ecke
Rand des Versorgungsgebiets am venösen Kapillarende, zuerst hypoxisch
Brealey D, Brand M, Hargreaves I, Heales S, Land J, Smolenski R, Davies NA, Cooper CE, Singer M. Association between mitochondrial dysfunction and severity and outcome of septic shock. Lancet. 2002;360:219-23.
Singer M, De Santis V, Vitale D, Jeffcoate W. Multiorgan failure is an adaptive, endocrine-mediated, metabolic response to overwhelming systemic inflammation. Lancet. 2004;364:545-8.
Wilson DF, et al. Mitochondrial cytochrome c oxidase and control of energy metabolism: measurements in suspensions of isolated mitochondria. J Appl Physiol. 2014. PMID 25324517.