Ein Studienergebnis wird im Alltag fast immer in einem Satz weitergegeben: „Das Medikament senkt das Risiko um ein Viertel.“ Dieser Satz klingt eindeutig und ist doch unvollständig. Er verschweigt, von welchem Ausgangsrisiko die Rede ist, über welchen Zeitraum, für welchen Endpunkt und mit welcher Unsicherheit. Die Einheit zeigt, wie Sie aus den Rohdaten einer Studie die passenden Effektmaße berechnen, wie Sie sie übersetzen und wo die typischen Fallen liegen. Die Grundbegriffe Konfidenzintervall und p-Wert werden in der Einheit zur schließenden Statistik vertieft; hier geht es um die Größe und die Lesart eines Effekts.
Risiko, Chance und Rate
Bei einem binären Endpunkt, also einem Ereignis, das eintritt oder nicht eintritt, beschreibt das Risiko den Anteil der Patienten einer Gruppe, bei denen das Ereignis innerhalb eines festgelegten Zeitraums auftritt. Treten bei 20 von 200 Patienten Wundinfektionen innerhalb von 30 Tagen auf, beträgt das Risiko 20/200 = 0,10 oder 10 %. Die Chance (englisch odds) setzt dagegen Ereignisse ins Verhältnis zu Nichtereignissen: 20/180 = 0,11. Eine Rate bezieht Ereignisse auf die beobachtete Personenzeit, etwa Ereignisse je 100 Patiententage. Die drei Größen klingen ähnlich, werden aber verschieden berechnet und dürfen nicht gegeneinander ausgetauscht werden. Bei seltenen Ereignissen liegen Risiko und Chance nahe beieinander, bei häufigen Ereignissen weichen sie deutlich voneinander ab. Diese Beobachtung ist die Grundlage für das Verständnis der Odds Ratio in Lektion 3.
Für den Vergleich zweier Behandlungen wird eine Vierfeldertafel angelegt: In den Zeilen stehen die Behandlungsarme, in den Spalten Ereignis ja oder nein. Aus den beiden Risiken, dem Risiko unter Intervention (hier p1) und dem Risiko in der Kontrollgruppe (p0), lassen sich alle weiteren Maße ableiten. Das Risiko der Kontrollgruppe heißt auch Basisrisiko; es beschreibt, was ohne die geprüfte Maßnahme zu erwarten ist, und bestimmt entscheidend, wie viel ein Patient von einer Therapie absolut gewinnen kann.
Relative und absolute Maße
Das relative Risiko (RR, auch Risikoverhältnis) ist der Quotient p1/p0. Ein RR von 1 bedeutet keinen Unterschied, Werte unter 1 ein geringeres Risiko unter Intervention. Die relative Risikoreduktion ist 1 minus RR und wird in Prozent angegeben. Die absolute Risikoreduktion (ARR, auch Risikodifferenz) ist die Differenz p0 minus p1 und wird in Prozentpunkten angegeben, nicht in Prozent. Diese sprachliche Unterscheidung ist wichtig: Sinkt ein Risiko von 20 % auf 10 %, dann sinkt es um 50 % relativ, aber um 10 Prozentpunkte absolut. Die Risikodifferenz ist nach dem Cochrane Handbook besonders leicht zu verstehen, weil sie direkt den Unterschied im beobachteten Risiko beschreibt, und sie eignet sich besonders, um Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen.1
Ein eigenes Rechenbeispiel zeigt, warum beide Maße nötig sind. Eine Intervention senkt ein Ereignisrisiko von 20 % auf 10 %: RR 0,50, relative Risikoreduktion 50 %, ARR 10 Prozentpunkte. Eine zweite Intervention senkt ein Risiko von 2 % auf 1 %: wieder RR 0,50 und relative Risikoreduktion 50 %, aber die ARR beträgt nur einen Prozentpunkt. Relativ sind beide Maßnahmen gleich wirksam, für den einzelnen Patienten unterscheidet sich der Nutzen um den Faktor 10. Wer nur relative Maße liest, überschätzt deshalb leicht den Nutzen bei Patienten mit niedrigem Ausgangsrisiko und unterschätzt ihn bei Hochrisikopatienten.
| Maß | Berechnung | kein Effekt bei | Lesart |
|---|---|---|---|
| Relatives Risiko (RR) | p1/p0 | 1 | Risiko unter Intervention als Vielfaches des Kontrollrisikos |
| Relative Risikoreduktion (RRR) | 1 minus RR | 0 % | Anteil des Kontrollrisikos, der vermieden wird |
| Absolute Risikoreduktion (ARR) | p0 minus p1 | 0 Prozentpunkte | vermiedene Ereignisse je 100 Behandelte im Studienzeitraum |
| Number needed to treat (NNT) | 1/ARR | unendlich | Behandelte je zusätzlich vermiedenem Ereignis im Studienzeitraum |
| Odds Ratio (OR) | [p1/(1 minus p1)] / [p0/(1 minus p0)] | 1 | Verhältnis der Chancen; bei häufigen Ereignissen weiter von 1 entfernt als das RR |
| Hazard Ratio (HR) | aus einem Zeit-bis-Ereignis-Modell | 1 | Verhältnis der momentanen Ereignisraten unter der Annahme proportionaler Hazards |
Wie Ergebnisse berichtet werden
Wie selten absolute Maße tatsächlich berichtet werden, zeigt eine systematische Auswertung von 385 867 Abstracts randomisierter Studien aus PubMed zwischen 1975 und 2021. Konfidenzintervalle tauchten 1975 in 0,5 % und 2021 in 29 % der Abstracts auf; seit 1990 war die Angabe von p-Werten ohne Konfidenzintervall die häufigste Form. Bei binären Endpunkten dominierten relative Maße wie Hazard Ratio und Odds Ratio, während absolute Maße und die NNT nur selten genannt wurden.2 Die Berichtsleitlinie CONSORT 2025 fordert für jeden Endpunkt das Ergebnis je Gruppe, die geschätzte Effektgröße mit ihrer Präzision und für binäre Endpunkte möglichst sowohl absolute als auch relative Effekte.3 Für das Lesen bedeutet das: Wenn eine Zusammenfassung nur ein relatives Maß nennt, suchen Sie im Ergebnisteil oder in der Tabelle die Ereigniszahlen je Arm und rechnen selbst nach.
„Das Risiko sinkt um 2,6 %“ ist mehrdeutig. Gemeint sein kann eine relative Senkung um 2,6 % oder eine absolute um 2,6 Prozentpunkte. In POISE-3 lag die Blutungsrate unter Tranexamsäure bei 9,1 % und unter Placebo bei 11,7 %, die absolute Differenz betrug 2,6 Prozentpunkte, relativ entspricht das etwa einem Viertel weniger Ereignissen.4 Schreiben Sie deshalb für absolute Unterschiede immer „Prozentpunkte“.
Übung 1.2, Rechenaufgabe
In einer randomisierten Studie treten bei 30 von 150 Patienten unter Intervention und bei 45 von 150 Patienten unter Kontrolle Ereignisse innerhalb von 30 Tagen auf. Berechnen Sie das relative Risiko und die absolute Risikoreduktion in Prozentpunkten.