Allgemeinanästhesie, Kompaktwissen

Strukturierte Echokardiographie in der Prämedikationsambulanz

Handbuch zur strukturierten Echokardiographie in der Prämedikationsambulanz, zur fokussierten Echokardiographie in OP, Intensivstation und Notaufnahme und zur Lungensonographie nach dem BLUE-Protokoll, adaptiert für das Gerät Esaote MyLab25Gold.

  1. Diese Seite fasst das Handbuch zusammen. Die Schritt-für-Schritt-Bedienung am Gerät (Menüpunkte Measure, CFM, M-Mode, PW, CW, Clip Image) und die Befundbögen enthält das vollständige Handbuch als PDF in diesem Modul, Reiter Kompaktwissen (Medienpaket erforderlich).
  2. Beide Untersuchungsarten bedürfen der Freigabe durch eine interne zertifizierte Untersucherin oder einen internen zertifizierten Untersucher und eine Supervision. Auf beiden Befundbögen wird vermerkt, ob eine weitergehende kardiologische Echokardiographie nötig ist.
  3. Normwerte, Rechner und Korrekturen sind als Ergänzung gekennzeichnet.

Die Messungen im parasternalen Längs- und Kurzachsenblick vertieft TTE Modul 2; die hämodynamische Einordnung Hämodynamisches Monitoring.

Abschnitt 1

Abkürzungen

AbkürzungBedeutung
A2Ch, A3Ch, A4Ch, A5Chapikaler Zwei-, Drei-, Vier-, Fünfkammerblick
AK, MK, TK, PKAorten-, Mitral-, Trikuspidal-, Pulmonalklappe
B-Mode, M-ModeBrightness Mode, Motion Mode
BAABauchaortenaneurysma
CFM, CW, PWColor Flow Mapping, Continuous-Wave-Doppler, Pulsed-Wave-Doppler
DIDistensibilitätsindex (Atemvariabilität der VCI)
EFEjektionsfraktion
IVSdinterventrikuläre Septumdicke in der Diastole
KÖFKlappenöffnungsfläche
LA, RA, LV, RVlinkes und rechtes Atrium, linker und rechter Ventrikel
LVDd, LVDs (LVIDd, LVIDs)linksventrikulärer Innendurchmesser in Diastole und Systole
LVOTlinksventrikulärer Ausflusstrakt
MAPSE, TAPSEsystolische Exkursion des Mitral- bzw. Trikuspidalanulus
pLAX, pSAX, S4Chparasternale Längs- und Kurzachse, subkostaler Vierkammerblick
PISA, EROAproximale Konvergenzzone, effektive Regurgitationsöffnungsfläche
PHTDruckhalbwertszeit
RWBSregionale Wandbewegungsstörung
sPAPsystolischer pulmonalarterieller Druck
VCIVena cava inferior

Abschnitt 2

Strukturierte Echokardiographie (Prämedikationsambulanz)

Vorbereitung

  • Lagerung: Linksseitenlage mit leicht erhöhtem Oberkörper, linker Arm unter dem Kopf; das erweitert die Interkostalräume.
  • Gerät: Patientendaten eingeben, Sektorschallkopf Cardiac 3Sc und Cardiac-Preset wählen, EKG für die Triggerung anschließen.

Schnittebenen und Messungen

Tabelle 1: Untersuchungsgang
SchnittBeurteilungMessungen
pLAXHerzgröße, Wanddicke, KlappenfunktionMK- und AK-Farbdoppler; LVOT-Durchmesser; LVIDd und LVIDs (M-Mode); IVSd (B-Mode); Aorta ascendens
pSAXAortenklappen-, Mitralklappen-, Papillarmuskel- und Apexebene; Wandbewegung und WanddickeIVSd; RWBS; Aortenklappenöffnungsfläche planimetrisch; Pulmonalklappe mit CW-Doppler
A4ChGröße und Funktion aller vier Kammerne′ am lateralen MK-Anulus (Gewebedoppler); E und A an den Mitralsegelspitzen (PW); MAPSE und TAPSE (M-Mode); Vena contracta und PISA an der MK; S- und D-Welle in der Pulmonalvene; Trikuspidalklappe mit CW und Farbe, sPAP; EF nach Simpson; Flächen von LA und RA; RWBS
A5ChAortenklappe, LVOTAortenklappe mit CW und Farbe; LVOT mit PW
A2ChGröße und Funktion des linken HerzensMK-Farbdoppler; EF nach Simpson (biplan mit A4Ch); LA-Fläche; RWBS
A3ChAortenklappe, LVOT, MitralklappeAortenklappe mit CW und Farbe; LVOT mit PW; MK-Farbdoppler; RWBS
S4ChPerikard, rechter Ventrikel und VorhofPerikarderguss mit maximalem Randsaum, Tamponadezeichen
VCIBreite und Atemvariabilität, LebervenenVCI max und min, DI; PW-Doppler der Lebervenen; Scan auf BAA
suprasternalAortenbogen, proximale Aorta descendensDurchmesser; Dissektion, Atherosklerose

Wichtige Messungen

  • LV-Dimensionen: LVDd und LVDs, IVSd.
  • Funktion: EF nach Simpson biplan (A4Ch und A2Ch), TAPSE, MAPSE. Verkürzte Anschnitte (Foreshortening) vermeiden.
  • Klappen: Morphologie und Öffnung; Insuffizienz mit Vena contracta, PISA, EROA, Regurgitationsvolumen; Stenose mit mittlerem und maximalem Gradienten, Vmax, PHT und KÖF planimetrisch oder mit der Kontinuitätsgleichung. Die effektive KÖF nach Kontinuitätsgleichung ist prognostisch aussagekräftiger als die anatomische nach Planimetrie.
  • Diastolische Funktion: E und A an den Mitralsegelspitzen, e′ am lateralen Anulus; E/A und E/e′.
  • sPAP: aus der maximalen Geschwindigkeit des Trikuspidalinsuffizienzjets (CW).
  • Aorta: Wurzel, Ascendens, Bogen, Descendens; Dissektion und Atherosklerose.
  • Vorhöfe: Flächen von LA und RA, normal oder dilatiert; Vorhofseptum auf ASD.
  • Ergüsse: Perikarderguss im S4Ch mit Randsaum und Tamponadebeurteilung; Pleuraergüsse.

Für genaue Werte optimale Geräteeinstellungen wählen und Messungen mehrfach durchführen.

Messfehler Box, EinordnungDas Handbuch nennt für den LVOT und die Aorta ascendens eine Messung im M-Mode. Nach den Empfehlungen von ASE und EACVI wird der LVOT-Durchmesser im gezoomten 2D-Bild der pLAX in der Mittsystole gemessen, die Aorta ascendens ebenfalls im 2D-Bild; der M-Mode ist für LV-Durchmesser und Aortenwurzel geeignet. Fehler beim LVOT-Durchmesser gehen quadratisch in die Kontinuitätsgleichung ein.

Abschluss und Befund

Alle relevanten Bilder und Clips speichern. Der strukturierte Befund beschreibt Herzhöhlen, Herzwände und Wandbewegung (RWBS mit N normal, H hypokinetisch, A akinetisch, D dyskinetisch), Pumpfunktion und EF, Klappenmorphologie und -funktion, Flussprofile sowie intra- und extrakardiale Strukturen. Der Befundbogen dokumentiert alle Parameter.

Abschnitt 3

Fokussierte Echokardiographie (OP, Intensivstation, Notaufnahme, Schockraum)

Die fokussierte Untersuchung ist weniger umfassend und beantwortet schnell konkrete klinische Fragen. Vorbereitung: Rückenlage mit leicht erhöhtem Oberkörper; Tiefe, Gain und Fokus optimieren.

Tabelle 2: Standardschnitte der fokussierten Untersuchung
SchnittBeurteilung
parasternale LängsachseLV-Größe und -Funktion, MK, AK und Wurzel, Perikarderguss
parasternale KurzachseLV-Funktion und RWBS, RV-Größe und -Funktion, Verhältnis RV : LV, Vorhofseptum, Perikarderguss
apikaler VierkammerblickGröße und Funktion beider Ventrikel, MK, TK, Vorhöfe, RV : LV, Perikarderguss
subkostaler Vierkammerblickglobale LV- und RV-Funktion, Perikarderguss, RV : LV
subkostale VCILängsschnitt, Durchmesser und Atemvariabilität, Volumenstatus; Scan auf BAA; Lebervenen
Pleura rechts und linksAnlotung an den Flanken: Erguss, Atelektase, Lungenödem, gegebenenfalls BLUE-Protokoll

Fokussierte Fragen

  • Perikarderguss und Tamponade?
  • LV-Funktion qualitativ: EF visuell über 50 %, 40 bis 50 %, 30 bis 40 %, unter 30 %.
  • RV-Größe und -Funktion: RV/LV-Verhältnis, paradoxe Septumbewegung, Zeichen der Rechtsherzbelastung.
  • Volumenstatus anhand der VCI (bei kontrollierter Beatmung anders zu deuten, der Befundbogen fragt danach).
  • Grobe Klappenbeurteilung: Verdacht auf höhergradiges Vitium?

Dokumentation

Bilder und Loops speichern; kurze schriftliche Zusammenfassung auf dem fokussierten Befundbogen mit Schallqualität, Untersucherin oder Untersucher und Supervision, Patientendaten, Indikation, Ort (OP, Intensivstation, Notaufnahme, Schockraum, Prämedikation), qualitativer Einschätzung von LV und RV, Perikard- und Pleuraerguss mit maximalem Randsaum und Tamponade, VCI-Werten und Volumenstatus, Vorhöfen und Vorhofseptum, grober Beurteilung von AK und MK sowie der laufenden Dosis von Noradrenalin, Adrenalin, Dobutamin und Levosimendan.

Abschnitt 4

Exkurs: Lungensonographie nach dem BLUE-Protokoll

Das BLUE-Protokoll (Bedside Lung Ultrasound in Emergency) ist ein standardisierter Algorithmus zur raschen Klärung der Ursache akuter Atemnot. Lichtenstein beschrieb es 2008; es ermöglicht in über 90 % der Fälle eine korrekte Diagnose in weniger als 3 Minuten. Vorteile: sofort am Bett verfügbar, keine Strahlenbelastung, hohe Genauigkeit, kurze Lernkurve.

Ablauf

  • Vorbereitung: halbsitzend oder liegend; Konvexschallkopf mit etwa 5 MHz.
  • Punkte: Zwei Hände werden unterhalb des Schlüsselbeins nebeneinander aufgelegt. Oberer BLUE-Punkt zwischen Mittel- und Ringfinger der oberen Hand, unterer BLUE-Punkt in der Mitte der unteren Handfläche; je Seite zwei, zusammen vier anteriore Punkte. PLAPS-Punkt (posterolateral alveolar and/or pleural syndrome) in der hinteren Axillarlinie auf Höhe des unteren BLUE-Punkts.
  • Anterior: an jedem Punkt Lungengleiten, A- oder B-Linien, Erguss, Konsolidierung.
  • Posterolateral: am PLAPS-Punkt Erguss und Konsolidierung.
  • Venen: bei Verdacht auf Lungenembolie Kompressionssonographie der V. femoralis communis, der distalen V. femoralis und der V. poplitea.
Tabelle 3: Profile
ProfilBefund
A-ProfilA-Linien (horizontale Artefakte) an allen vier Punkten mit Lungengleiten: normal belüftete Oberfläche
B-Profil3 oder mehr B-Linien (vertikale Artefakte) an allen vier Punkten mit Lungengleiten: interstitielles Syndrom
A′-ProfilA-Profil ohne Lungengleiten: Verdacht auf Pneumothorax
B′-ProfilB-Profil ohne Lungengleiten
A/B-ProfilA-Linien auf einer, B-Linien auf der anderen Seite
C-Profilanteriore Konsolidierung an mindestens einem Punkt
Tabelle 4: Interpretation nach Lichtenstein
BefundkonstellationDiagnose
B-Profilhämodynamisches Lungenödem
A-Profil mit BeinvenenthromboseLungenembolie
A-Profil ohne Thrombose, mit PLAPSPneumonie
A-Profil ohne Thrombose, ohne PLAPSCOPD oder Asthma
A′-Profil mit LungenpunktPneumothorax
B′-, A/B- oder C-ProfilPneumonie
Messfehler Box, KorrekturDas Handbuch ordnet „A-Profil ohne Thrombose“ direkt COPD oder Asthma zu und nennt das C-Profil „C-Linie“. Im Originalalgorithmus folgt auf ein A-Profil ohne Thrombose die Suche nach PLAPS: Mit PLAPS spricht der Befund für eine Pneumonie, ohne PLAPS für COPD oder Asthma. Das C-Profil ist eine anteriore Konsolidierung, keine Linie. Ein Pneumothorax gilt erst mit Nachweis des Lungenpunkts als bestätigt.

Abschnitt 5

Normwerte und Rechner (Ergänzung)

Tabelle 5: Ausgewählte Referenzwerte für Erwachsene
ParameterReferenzQuelle
LVEF (Simpson biplan)normal ab 52 % (Männer) bzw. 54 % (Frauen)Lang 2015
LVIDdMänner 42 bis 58 mm, Frauen 38 bis 52 mmLang 2015
IVSdMänner 6 bis 10 mm, Frauen 6 bis 9 mmLang 2015
TAPSEeingeschränkt unter 17 mmLang 2015
E/e′erhöhter Füllungsdruck bei Mittelwert über 14 (lateral über 13, septal über 15)Nagueh 2016
TR-Vmaxauffällig über 2,8 m/sNagueh 2016
VCI und rechtsatrialer Druckunter 21 mm mit über 50 % Kollaps: etwa 3 mmHg; über 21 mm mit unter 50 % Kollaps: etwa 15 mmHg; dazwischen etwa 8 mmHg (spontan atmend)Rudski 2010
sPAP ≈ 4 × (TR-Vmax)² + RAPvereinfachte Bernoulli-Gleichung; Vmax in m/s, Drücke in mmHg

Rechner: sPAP aus Trikuspidalinsuffizienz und VCI

Rechner: Aortenklappenöffnungsfläche nach Kontinuitätsgleichung

Die Rechner ersetzen keine Befundung. Grenzwerte gelten für Erwachsene und für den spontan atmenden Patienten.

Literatur

  1. Kursunterlage: Handbuch zur Durchführung der strukturierten Echokardiographie in der Prämedikationsambulanz und der fokussierten Echokardiographie im OP, auf der Intensivstation und in der Notaufnahme, adaptiert für Esaote MyLab25Gold (als PDF in der Mediathek).
  2. Lichtenstein DA, Mezière GA. Relevance of lung ultrasound in the diagnosis of acute respiratory failure: the BLUE protocol. Chest 2008; 134:117.
  3. Lang RM et al. Recommendations for cardiac chamber quantification by echocardiography in adults. J Am Soc Echocardiogr 2015; 28:1.
  4. Nagueh SF et al. Recommendations for the evaluation of left ventricular diastolic function by echocardiography. J Am Soc Echocardiogr 2016; 29:277.
  5. Rudski LG et al. Guidelines for the echocardiographic assessment of the right heart in adults. J Am Soc Echocardiogr 2010; 23:685.
  6. Baumgartner H et al. Recommendations on the echocardiographic assessment of aortic valve stenosis. J Am Soc Echocardiogr 2017; 30:372.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen weder die zertifizierte Ausbildung noch die kardiologische Befundung. Stand: September 2026.

Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026Aktueller Stand: Leitlinienregister.