Intensivmedizin, Kreislauf und Schock

Hämodynamisches Monitoring in der perioperativen und Intensivmedizin

Der Blutdruck ist ein Ergebnis, kein Ziel. Wer Fluss, Widerstand, venösen Rückstrom und Sauerstoffbilanz zusammendenkt, wählt das passende Monitoring und behandelt die Ursache statt der Zahl.

Infografik: MAP als Ergebnis von Fluss und Widerstand, venöser Rückstrom mit mittlerem systemischem Fülldruck und rechtsatrialem Druck, kritische Schwelle zwischen DO₂ und VO₂, gemischte Evidenz der zielgerichteten Therapie, Wahl des Monitorings nach klinischer Frage
Abbildung 1: Hämodynamisches Monitoring über den Blutdruck hinaus. Zum Vergrößern anklicken. Quelle: Infografik Hämodynamik, Repetitorium 35.1
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-016 Intensivmedizinische Versorgung herzchirurgischer Patienten: hämodynamisches Monitoring und Herz-Kreislauf (S3, Stand 12/2017, gültig bis 30.11.2022): Gültigkeit abgelaufen
  • 001-049 Intraoperative klinische Anwendung von hämodynamischem Monitoring bei nicht-kardiochirurgischen Patient:innen (S1, Stand 09/2023, gültig bis 31.01.2028): gültig
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die zwei Grundfragen des hämodynamischen Managements benennen und erklären, warum Normwerte nicht automatisch Zielwerte sind.
  • Die biphasische DO₂/VO₂-Beziehung, die Determinanten von HZV und DO₂ und die Grenzen der Perfusionsmarker erläutern.
  • MAP als Ergebnis von HZV und SVR deuten und das Guyton-Modell des venösen Rückstroms zur Therapiewahl nutzen.
  • Rekapillarisierungszeit und Laktat klinisch einordnen, einschließlich der nicht hypoxischen Ursachen einer Hyperlaktatämie.
  • Pulskonturanalyse, Echokardiographie, transpulmonale Thermodilution und Pulmonalarterienkatheter der passenden klinischen Frage zuordnen.
  • Die Evidenz der zielgerichteten Therapie im OP und auf der Intensivstation einordnen, von Shoemaker bis iPEGASUS und von Rivers bis ProMISe.

Zu dieser Lerneinheit

Grundlage sind die Literaturübersicht „Hämodynamisches Monitoring in der perioperativen und Intensivmedizin“, die Infografik und das Slidedeck zum selben Thema aus dem Repetitorium. Der Text bleibt vollständig erhalten; die 13 Folien stehen als Abbildungen an der passenden Stelle.

  1. Sieben Lektionen mit Übungen, vier davon mit einer Rechenaufgabe, dann Pitfalls und Merksätze, ein Aufgabenblock und der Abschlusstest.
  2. Die physiologischen Grundlagen vertiefen die Kurse 6 Herzzeitvolumen, 7 Fick-Prinzip, 8 Kritische DO₂ und 12 Monitoring.
  3. Das Slidedeck gibt es als PDF in der Mediathek (Medienpaket erforderlich), die Infografik zusätzlich im Reiter Kompaktwissen.
  4. Ergänzungen und Korrekturen sind als Boxen gekennzeichnet.

Lektion 1

Die zwei Grundfragen des hämodynamischen Managements

Die Einführung der Allgemeinanästhesie im 19. Jahrhundert revolutionierte die Chirurgie und schuf zugleich die Notwendigkeit einer intraoperativen Überwachung, um anästhesiebedingte Komplikationen abzuwenden. Frühe Debatten drehten sich um die Frage, ob überhaupt überwacht werden muss. Heute stehen die Auswahl der geeigneten Methoden, die relevantesten physiologischen Variablen und evidenzbasierte Zielwerte im Zentrum. Das hämodynamische Monitoring ist ein Eckpfeiler des Managements im OP und auf der Intensivstation; die zeitnahe Erkennung und Korrektur von Kreislaufstörungen ist entscheidend, um Organdysfunktionen zu verhindern und die Ergebnisse zu verbessern.

Trotz aller technischen Fortschritte sind zwei Fragen heute so offen wie vor über einem Jahrhundert: Welche physiologischen Größen sollen das klinische Handeln leiten, und welche Zielwerte sollen angestrebt werden, damit das Ergebnis für den Patienten besser wird? Die Geräte beantworten die erste Frage immer genauer, die zweite beantworten sie nicht.

Folie: Der mittlere arterielle Druck, ein verlässlicher Kompass oder eine gefährliche Illusion? Monitor mit MAP 65 mmHg
Abbildung 2: Folie 1, MAP als Kompass oder Illusion. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Welche Variablen?

Die wachsende Zahl messbarer Variablen führt nicht automatisch zu besserem Monitoring. Mikrozirkulatorische Störungen können trotz erhaltener makrozirkulatorischer Werte fortbestehen, doch für ihre routinemäßige Bewertung fehlen standardisierte Werkzeuge. Zugleich bieten Geräte Variablen wie die kardiale Leistungsabgabe (Cardiac Power Output) an, deren klinische Relevanz oft unzureichend validiert ist. Hinzu kommt: Identisch bezeichnete Messwerte verschiedener Geräte sind nicht austauschbar, was direkte Vergleiche erschwert.

Welche Zielwerte?

Ein Herzindex (CI) von 2,5 bis 3,5 l/min/m² gilt als „normal“, ist aber nicht zwangsläufig das optimale Ziel für jeden Patienten. Shoemaker et al. (1988) stellten Standardwerte in Frage: Das Anstreben „supranormaler“ Werte für CI, Sauerstoffangebot (DO₂) und Sauerstoffverbrauch (VO₂) verbesserte das Überleben chirurgischer Hochrisikopatientinnen und -patienten. Spätere Studien in gemischten Intensivkollektiven bestätigten das nicht: Hayes et al. (1994) und Gattinoni et al. (1995) fanden keinen Überlebensvorteil durch DO₂-Maximierung oder supranormalen CI und teils sogar mehr Komplikationen.

Der entscheidende Unterschied: Im perioperativen Setting ist die hämodynamische Beeinträchtigung oft zeitlich begrenzt und vorhersehbar. Auf der Intensivstation bestehen häufig anhaltende, komplexe Kreislaufstörungen durch Sepsis oder kardiogenen Schock mit ausgeprägten mikrozirkulatorischen und mitochondrialen Störungen. Eine aggressive DO₂-Maximierung, die bei ausgewählten Hochrisikopatienten im OP vertretbar sein mag, lässt sich nicht auf ein heterogenes Intensivkollektiv übertragen.

Die zentrale Herausforderung ist daher die individualisierte, kontextabhängige Festlegung von Variablen und Zielwerten, die Alter und Komorbiditäten ebenso einbezieht wie den klinischen Kontext, etwa eine Notfalloperation oder eine Sepsis. Grundlage dafür ist ein tiefes Verständnis der kardiovaskulären Physiologie.

Folie: Die zwei ewigen Fragen der Hämodynamik, welche Variablen und welche Zielwerte, mit Synthese
Abbildung 3: Folie 2, die zwei Grundfragen. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Sauerstoffangebot, Sauerstoffverbrauch und die Determinanten des HZV

Ein fundiertes Verständnis der kardiovaskulären Physiologie ist Voraussetzung für die korrekte Interpretation von Monitoringdaten und die Wahl gezielter Therapien. Entscheidungen auf Basis von Messwerten ohne physiologisches Verständnis sind bestenfalls ungenau und schlimmstenfalls schädlich.

DO₂ und VO₂

Organfunktion hängt von einem adäquaten Sauerstoffmetabolismus ab: ausreichende Sauerstoffzufuhr (DO₂), intakte mitochondriale Funktion und effektive Beseitigung von Stoffwechselprodukten. Weil die direkte Messung der Mikrozirkulation technisch herausfordernd bleibt, dienen makrozirkulatorische Variablen als Surrogat für die Frage, ob das DO₂ den metabolischen Bedarf (VO₂) deckt.

Die Beziehung ist biphasisch. In der versorgungsabhängigen Phase steigt der VO₂ proportional mit dem DO₂. Ab einem kritischen DO₂ geht die Kurve in die versorgungsunabhängige Phase über: Eine weitere Steigerung des DO₂ erhöht den VO₂ nicht mehr, weil der Bedarf gedeckt ist. Beim Gesunden liegt diese Schwelle bei etwa 400 ml/min.

Folie: Kurve VO₂ gegen DO₂ mit versorgungsabhängigem und versorgungsunabhängigem Abschnitt, kritisches DO₂ bei 400 ml/min, Normalwert etwa 1159 ml/min
Abbildung 4: Folie 3, die DO₂/VO₂-Beziehung. Entscheidend ist, auf welchem Teil der Kurve sich der Patient befindet. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3
Physiologie Box, EinordnungDie 400 ml/min sind ein Orientierungswert; bei 70 kg entsprechen sie etwa 5,7 ml/kg/min. Zum Vergleich: Narkotisierte Patienten vor dem kardiopulmonalen Bypass wurden bei etwa 330 ml/min/m² (8,2 ml/kg/min) angebotsabhängig (Shibutani 1983), gesunde Wache vertrugen 7,3 ml/kg/min ohne Zeichen der Unterversorgung (Lieberman 2000); die Angaben widersprechen sich nicht, sie beschreiben verschiedene Kollektive. Die kritische DO₂ ist keine feste Zahl, sondern hängt von Patient, Situation, Stoffwechselrate und Mikrozirkulation ab; bei Sepsis ist sie nach rechts verschoben. Kurs 8 Kritische DO₂ behandelt die zwei Regime und die Sauerstoffschuld ausführlich.

Klinische Hinweise auf ein Ungleichgewicht zwischen VO₂ und DO₂ sind erhöhtes Laktat, eine reduzierte zentralvenöse Sättigung (ScvO₂) und eine vergrößerte venös-arterielle CO₂-Differenz. Diese Marker haben Grenzen: Besonders bei Sepsis kann eine mitochondriale Dysfunktion („zytopathische Hypoxie“) die periphere Sauerstoffextraktion beeinträchtigen und zu paradox hohen ScvO₂-Werten trotz unzureichender Gewebeoxygenierung führen.

Messfehler Box, KorrekturIm Repetitorium steht „arteriovenös-venöse CO₂-Differenz (avDCO₂)“. Gemeint ist die venös-arterielle CO₂-Partialdruckdifferenz, P(v−a)CO₂ oder CO₂-Gap: zentralvenöser minus arterieller pCO₂, normal bis etwa 6 mmHg. Ein größerer Wert spricht für einen zu niedrigen Fluss (Kurs 8, Lektion 5).

Determinanten von HZV und DO₂

Das Herzzeitvolumen ist der wichtigste Treiber der Gewebeperfusion, und es wird von drei Faktoren bestimmt. Die Vorlast ist das enddiastolische Volumen der Kammern; über den Frank-Starling-Mechanismus bestimmt sie das Schlagvolumen, allerdings nur, solange der Ventrikel auf dem steilen Teil seiner Funktionskurve arbeitet. Die Nachlast ist der Widerstand, gegen den das Herz auswirft, klinisch meist über den systemischen Gefäßwiderstand angenähert; physiologisch genauer ist die Wandspannung während der Austreibung. Die Kontraktilität ist die Kraft, die der Herzmuskel unabhängig von Vor- und Nachlast entwickelt. Jede Therapie im Schock greift an einer dieser drei Stellen an, und die entscheidende Frage lautet, welche davon im konkreten Fall der begrenzende Faktor ist.

Das systemische Sauerstoffangebot ist das Produkt aus HZV und arteriellem Sauerstoffgehalt (CaO₂), der von Hämoglobin und arterieller Sättigung abhängt:

CaO₂ = (Hb × 1,36 × SaO₂) + (0,003 × PaO₂)Hb in g/dl, SaO₂ als Bruchteil, PaO₂ in mmHg; Ergebnis in ml O₂/dl. Die Folie rechnet mit 1,36 und 0,003, die Physiologie-Kurse und das Formelblatt mit 1,34 und 0,0031; beide Werte sind in der Literatur gebräuchlich, der Unterschied beträgt etwa 1,5 %.
DO₂ = HZV × CaO₂ × 10Ergänzung: HZV in l/min, CaO₂ in ml/dl; der Faktor 10 rechnet dl in l um. Ergebnis in ml O₂/min.
Folie: Anatomie der Sauerstofflieferung, DO₂ 1159 ml/min aus HZV 5600 ml/min und CaO₂ 20,7 ml/dl, darunter Herzfrequenz, Schlagvolumen, Hämoglobin, SaO₂, paO₂ und Vorlast, Nachlast, Kontraktilität
Abbildung 5: Folie 4, die Hebel des Sauerstoffangebots: Eine Therapie greift gezielt an einer Determinante an, von der Hypovolämie über die Vasoplegie bis zur Anämie. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Übung 2.1

Übung 2.2, Rechenaufgabe

Berechnen Sie mit den Werten der Folie 4 den arteriellen Sauerstoffgehalt und das Sauerstoffangebot: HZV 5,6 l/min, Hb 15 g/dl, SaO₂ 100 %, PaO₂ 100 mmHg (CaO₂ auf eine Nachkommastelle, DO₂ ganzzahlig).

Lektion 3

Mittlerer arterieller Druck, Ohm'sches Gesetz und Guytons Modell

Regulation des MAP

Der MAP ist ein häufiges Therapieziel, aber ein abgeleiteter Parameter und kein direkter Indikator der Gewebeperfusion. Er entsteht aus der Interaktion von HZV und SVR. Ein normaler MAP kann bei niedrigem HZV und hohem SVR (zum Beispiel kardiogener Schock) ebenso vorliegen wie bei hohem HZV und niedrigem SVR (zum Beispiel septischer Schock). Der MAP muss deshalb immer im Kontext von HZV und SVR gelesen werden.

Die Analogie zum elektrischen Stromkreis

Tabelle 1: Elektrisches und hämodynamisches System
Elektrisches SystemHämodynamisches SystemKonzept
Spannung (V)mittlerer Perfusionsdruck (MPP = MAP − RAP)treibende Kraft für den Fluss
Strom (I)Herzzeitvolumen (HZV)Volumenfluss pro Zeiteinheit
Widerstand (R)systemischer Gefäßwiderstand (SVR)Widerstand gegen den Fluss

Daraus folgt die hämodynamische Version des Ohm'schen Gesetzes:

MAP − RAP = HZV × SVRKlinische Einheit: SVR (dyn·s·cm⁻⁵) = 80 × (MAP − RAP) / HZV, Drücke in mmHg, HZV in l/min (Ergänzung)

Die Formel zeigt, dass der arterielle Druck das Ergebnis von Fluss und Widerstand ist, und hilft zu unterscheiden, ob eine Hypotonie durch eine reduzierte Pumpfunktion (niedriges HZV) oder eine Vasodilatation (niedriger SVR) entsteht.

Die Analogie hat Grenzen: Sie vernachlässigt das intravaskuläre Volumen und die vaskuläre Compliance, stellt das Herz als autonome Druckquelle dar und ignoriert, dass das HZV letztlich durch den venösen Rückstrom begrenzt wird.

Guytons Modell: venöser Rückstrom und HZV

Das Modell von Guyton beschreibt den venösen Rückstrom (VR) als limitierenden Faktor des HZV. Der VR wird durch den Druckgradienten zwischen mittlerem systemischem Fülldruck (MSFP) und rechtsatrialem Druck (RAP) sowie durch den Widerstand des venösen Rückstroms (Rv) bestimmt:

VR = (MSFP − RAP) / Rv

Der venöse Rückstrom, den Arthur Guyton beschrieben hat, wird seinerseits von drei Größen bestimmt. Der mittlere systemische Füllungsdruck ist der Druck, der sich im Gefäßsystem einstellen würde, wenn das Herz stillsteht; er hängt vom effektiv zirkulierenden Volumen und vom Tonus der Venen ab, also von der venösen Compliance, und er ist der eigentliche Antrieb des Rückstroms. Der rechtsatriale Druck wirkt ihm als Gegendruck entgegen; deshalb verringert alles, was ihn erhöht, den Rückstrom, von der Überdruckbeatmung bis zur Rechtsherzinsuffizienz. Der Widerstand des venösen Rückstroms beschreibt den Widerstand auf dem Weg zurück zum Herzen. Diese Sicht erklärt, warum Vasopressoren das Herzzeitvolumen erhöhen können, obwohl sie den Gefäßwiderstand steigern: Sie erhöhen über die Venenkonstriktion den Füllungsdruck und mobilisieren Blut aus dem Speicher der Splanchnikusgefäße.

Tabelle 2: Was den venösen Rückstrom verändert
Maßnahme oder ZustandAngriffspunktWirkung auf den VR
FlüssigkeitsbolusMSFP ↑steigt
Vasopressor (zum Beispiel Noradrenalin)MSFP ↑ über venösen Tonussteigt
VenodilatatorenMSFP ↓sinkt
Mechanische BeatmungRAP ↑sinkt, besonders bei Hypovolämie
Erhöhter intraabdomineller DruckRv ↑sinkt

Zu wissen, welcher Faktor den venösen Rückstrom limitiert, entscheidet über die richtige Therapie: Flüssigkeit, Vasopressor oder Anpassung der Beatmung. Guytons Modell überwindet die zentrale Schwäche der Ohm'schen Analogie: Das Herz ist keine autonome Druckquelle, sondern eine vom venösen Rückstrom abhängige Pumpe, und das intravaskuläre Volumen geht über den MSFP als entscheidende Variable ein.

MAP = ((MSFP − RAP) / Rv × SVR) + RAPDie Folie 5 verbindet beide Modelle: Im Gleichgewicht ist HZV = VR.
Folie: Vom einfachen Stromkreis zum komplexen System, Ohm'sches Modell mit Herz als Druckquelle gegenüber Guyton-Modell mit venösem Reservoir, MSFP, VR und Rv
Abbildung 6: Folie 5, warum Guyton wichtiger ist als Ohm. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3
Physiologie Box, ErgänzungDen Zusammenhang von Beatmung, intrathorakalem Druck und venösem Rückstrom zeigt Kurs 6 Herzzeitvolumen in Lektion 4. Positivdruck erhöht den RAP und senkt damit den Gradienten MSFP − RAP; ein Flüssigkeitsbolus oder Noradrenalin kann das über einen höheren MSFP ausgleichen. Die Zahlen der folgenden Rechenaufgabe sind didaktisch vereinfacht.

Übung 3.1

Übung 3.2, Rechenaufgabe

Zwei Patienten haben einen MAP von 65 mmHg. Patient A: RAP 10 mmHg, HZV 3,5 l/min. Patient B: RAP 5 mmHg, HZV 8 l/min. Berechnen Sie jeweils den SVR (dyn·s·cm⁻⁵, ganzzahlig).

Übung 3.3, Rechenaufgabe

Ein Patient hat einen MSFP von 22 mmHg, einen RAP von 8 mmHg und einen Rv von 2 mmHg·min/l. Nach PEEP-Erhöhung steigt der RAP auf 12 mmHg, MSFP und Rv bleiben gleich. Wie groß ist der venöse Rückstrom vorher und nachher (l/min)?

Lektion 4

Klinische Bewertung: Rekapillarisierungszeit und Laktat

Klinische Zeichen und Rekapillarisierungszeit

Klinische Zeichen einer Minderperfusion sind veränderter mentaler Status, kalte und marmorierte Extremitäten, verminderte Urinausscheidung und eine verlängerte Rekapillarisierungszeit (Kapillarfüllungszeit, CRT). Die CRT hat als einfacher, schneller und reproduzierbarer Indikator der peripheren Perfusion an Bedeutung gewonnen. Die Studien ANDROMEDA-SHOCK und ANDROMEDA-SHOCK-2 zeigten, dass eine an der CRT ausgerichtete Kreislauftherapie im septischen Schock zu einer schnelleren Korrektur metabolischer Störungen und zu einem geringeren Vasopressorbedarf führen kann.

Die CRT dient als klinischer Indikator der hämodynamischen Kohärenz, also der Übereinstimmung von Makro- und Mikrozirkulation. Eine normalisierte CRT kann auf eine wiederhergestellte periphere Perfusion hindeuten, selbst wenn makrozirkulatorische Ziele wie der MAP noch nicht erreicht sind.

Evidence Box, ErgänzungANDROMEDA-SHOCK (Hernández et al., JAMA 2019; 424 Patientinnen und Patienten) verglich eine CRT-gesteuerte mit einer laktatgesteuerten Therapie: 28-Tage-Sterblichkeit 34,9 % gegenüber 43,4 % (p = 0,06), nach 72 Stunden weniger Organdysfunktion in der CRT-Gruppe. Im Studienprotokoll wurde die Fingerkuppe mit einem Glasobjektträger gedrückt, der Druck 10 Sekunden gehalten und eine CRT über 3 Sekunden als pathologisch gewertet. Folie 6 nennt 5 Sekunden Druck; wichtiger als die Sekundenzahl ist, auf der Station immer gleich zu messen. ANDROMEDA-SHOCK-2 (JAMA 2025) prüfte eine personalisierte, CRT-gesteuerte Strategie im frühen septischen Schock.
Folie: Klinische Beurteilung als Brücke zur Mikrozirkulation, Messung der Rekapillarisierungszeit in zwei Schritten und Laktat als wertvoller, aber trügerischer Marker
Abbildung 7: Folie 6, CRT und Laktat. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Laktat

Laktat ist ein sensitiver Marker der Hypoperfusion, seine Interpretation erfordert aber Vorsicht. Zahlreiche Faktoren beeinflussen den Spiegel unabhängig von einer Gewebehypoxie:

Tabelle 3: Hyperlaktatämie ohne Gewebehypoxie
KategorieBeispiele und Mechanismen
Gesteigerte ProduktionAdrenerge Stimulation: Sepsis, Schmerz, Trauma, Katecholamine → β₂-vermittelte aerobe Glykolyse ↑
Erhöhter metabolischer Bedarf: Krampfanfälle, Schüttelfrost, starke körperliche Anstrengung
Malignome: Warburg-Effekt (aerobe Glykolyse in Tumoren)
Toxininduziert: Ethanol, Methanol, Zyanid, Salicylate → Störung der mitochondrialen Atmung
Verminderte ClearanceLeberversagen: Beeinträchtigung des Hauptstoffwechselorts für Laktat → reduzierte Clearance → Akkumulation
Schockzustände: Leberhypoperfusion limitiert die Clearance
Andere UrsachenThiaminmangel: blockiert die Pyruvatdehydrogenase → begünstigt Laktatbildung
Mitochondriale Störungen: angeborene oder erworbene Dysfunktion der oxidativen Phosphorylierung
Alkalose: verändert das Laktat-Pyruvat-Gleichgewicht; kann die Clearance reduzieren
Medikamente: Metformin, SGLT2-Inhibitoren, Linezolid, Nukleosidanaloga, antiretrovirale Medikamente
Nierenersatztherapie: Die extrakorporale Laktatclearance kann die gemessenen Spiegel senken, unabhängig von einer Verbesserung der Makro- oder Mikrozirkulation
Intensiv Box, VerweisLaktat als Marker und seine Kombination mit ScvO₂ und CO₂-Gap zu einer Markerlogik übt Kurs 8 Kritische DO₂ in den Lektionen 4 bis 6.

Übung 4.1

Übung 4.2

Lektion 5

Invasive und nicht invasive Monitoring-Verfahren

Einteilung

Die Verfahren lassen sich in invasive und nicht invasive einteilen; außerdem unterscheidet man kalibrierte, autokalibrierte und unkalibrierte Systeme. Kalibrierte Systeme bestimmen patientenindividuelle Variablen mit einer Indikatorverdünnung, meist Thermodilution: Ein Kälteindikator wird venös injiziert und die Temperaturänderung stromabwärts erfasst, um das HZV zu berechnen. Für die kontinuierliche Überwachung nutzen sie zusätzlich eine Pulskonturanalyse, die regelmäßig durch eine erneute Indikatormessung rekalibriert wird, um eine hohe individuelle Genauigkeit zu erhalten.

Folie: Das Arsenal des Klinikers, unkalibrierte und autokalibrierte gegenüber kalibrierten Systemen auf einer Achse der Invasivität
Abbildung 8: Folie 7, das richtige Werkzeug für die richtige Frage. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Pulmonalarterienkatheter und transpulmonale Thermodilution

Die beiden invasiven Verfahren zur Messung des Herzzeitvolumens unterscheiden sich in dem, was sie zusätzlich liefern. Der Pulmonalarterienkatheter misst die Temperaturänderung in der Pulmonalarterie und erfasst damit das Herzzeitvolumen des rechten Ventrikels; er liefert außerdem den pulmonalarteriellen Druck, den pulmonalkapillären Verschlussdruck und die gemischtvenöse Sättigung und erlaubt so eine differenzierte Beurteilung beider Ventrikel. Seine Domäne sind heute die pulmonale Hypertonie, das Rechtsherzversagen und der kardiogene Schock. Bei der transpulmonalen Thermodilution liegt der Thermistor in einer systemischen Arterie, meist der A. femoralis; der Kälteindikator durchläuft kleinen und großen Kreislauf. Das Verfahren misst das globale Herzzeitvolumen und liefert zusätzlich volumetrische Größen wie das globale enddiastolische Volumen und das extravaskuläre Lungenwasser, was bei der Einschätzung von Volumenstatus und Lungenödem hilft, und es erlaubt die kontinuierliche Messung über die Pulskonturanalyse.

Folie: Pulmonalarterienkatheter und transpulmonale Thermodilution im Vergleich, Messprinzip, Parameter und klinische Domäne
Abbildung 9: Folie 8, PAK und transpulmonale Thermodilution. Beide brauchen einen zentralvenösen Zugang und erlauben die Bestimmung der ScvO₂. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Auswahl nach der klinischen Frage

Tabelle 4: Wahl des Monitoring-Verfahrens
VerfahrenStärkenGrenzenTypische Frage
Unkalibrierte Pulskonturanalysekontinuierliche Trends von HZV und dynamischen Vorlastparametern, geringe InvasivitätGenauigkeit sinkt bei schnellen Änderungen des Gefäßtonuskurze Instabilitätsphasen bei Operationen mittleren Risikos
Echokardiographienicht invasiv, direkte Strukturinformation, qualitative Funktionsbeurteilungintermittierend, stark untersucherabhängigUrsache der Instabilität, Pumpfunktion, Perikard, Klappen
Transpulmonale Thermodilutionglobales HZV, GEDV, EVLWinvasiv (arterieller und zentralvenöser Zugang)komplexes Flüssigkeitsmanagement, volumetrische Vorlast, Lungenödem
Pulmonalarterienkatheterrechtsventrikuläres HZV, PAP, PAWP, SvO₂am stärksten invasivpersistierender Schock unklarer Genese, schweres Rechtsherzversagen, pulmonale Hypertonie, gemischte Schockzustände

Die Wahl des Verfahrens sollte stets von der klinischen Fragestellung geleitet werden, nicht von der technischen Verfügbarkeit.

Messfehler Box, ErgänzungUnkalibrierte Pulskonturverfahren schätzen das HZV aus der arteriellen Druckkurve mit populationsbasierten Annahmen über die Gefäßeigenschaften. Unter Noradrenalin ändern sich diese Eigenschaften; Monnet et al. (2012) zeigten, dass ein solches System Änderungen des HZV dann nicht zuverlässig verfolgt. Deshalb nach größeren Änderungen des Gefäßtonus mit einer unabhängigen Methode (Echokardiographie, Thermodilution) gegenprüfen.

Übung 5.1

Übung 5.2

Lektion 6

Evidenz der zielgerichteten Therapie (Goal-Directed Therapy, GDT)

GDT beschreibt den Versuch, Entscheidungen über Flüssigkeit, Inotropika und Vasopressoren anhand vorab definierter hämodynamischer Zielwerte zu steuern. Die Evidenz ist gemischt, und ihre Interpretation erfordert den Blick auf den Kontext.

GDT im perioperativen Setting

Die Rationale bei Hochrisikoeingriffen ist, dass eine optimierte Hämodynamik postoperative Komplikationen verhindert. Frühe Studien von Shoemaker et al. waren vielversprechend, neuere große randomisierte Studien bestätigten den Nutzen nicht konsistent.

Tabelle 5: Perioperative GDT
StudieInterventionZentrales Ergebnis
Shoemaker et al. (1988)supranormale Werte für CI, DO₂, VO₂verbessertes Überleben bei Hochrisikopatientinnen und -patienten (Folie: weniger Komplikationen, methodische Kritik)
OPTIMISE (2014)HZV-gesteuerte Flüssigkeits- und Inotropikatherapiekeine signifikante Reduktion des kombinierten Endpunkts aus Komplikationen und Mortalität
OPTIMISE II (2024)zusätzlich niedrig dosiertes Dobutamin zur Flüssigkeitstherapiekein Überlebensvorteil; mehr akute kardiale Ereignisse in der Interventionsgruppe (Folie: OR 1,82)
iPEGASUS (2024)Aufrechterhaltung eines optimierten postinduktiven CIkombinierter primärer Endpunkt häufiger in der CI-gesteuerten Gruppe (55 % gegenüber 46 %; Folie: OR 1,84)

Eine breite Anwendung von GDT-Protokollen im OP verbessert die Ergebnisse nicht durchgängig. Die Umsetzung sollte individualisiert und in eine umfassende Strategie des perioperativen Risikomanagements eingebettet sein. Die Folie nennt als Gründe für die gemischten Ergebnisse fehlende Standardisierung der Geräte, unterschiedliche Populationen und unterschiedliche GDT-Definitionen.

Folie: Zielgerichtete Therapie im OP, Tabelle mit Shoemaker, OPTIMISE, OPTIMISE II und iPEGASUS, Synthese und Fazit
Abbildung 10: Folie 9, GDT im OP: physiologisch plausibel, klinisch umstritten. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

GDT auf der Intensivstation: Sepsis

Die Studie von Rivers und Mitarbeitern zur frühen zielgerichteten Therapie zeigte 2001 eine drastische Senkung der Sterblichkeit im septischen Schock und prägte die Praxis für ein Jahrzehnt. Die großen Multizenterstudien ProCESS, ARISE und ProMISe konnten diesen Effekt gut zehn Jahre später nicht bestätigen, und dafür gibt es gute Erklärungen. Erstens war die Standardtherapie besser geworden: Eine schnelle Antibiotikagabe und eine adäquate Volumentherapie waren inzwischen üblich, sodass der Abstand zwischen protokollierter und nicht protokollierter Behandlung klein war. Zweitens war die Ausgangslage eine andere: Bei Rivers lag die zentralvenöse Sättigung bei Aufnahme im Mittel bei etwa 49 %, also ein erhebliches Sauerstoffdefizit mit großem Optimierungspotenzial, in den späteren Studien bei etwa 70 bis 72 % und damit schon im Zielbereich. Drittens sind einzelne Ziele des Protokolls fragwürdig, vor allem die starke Ausrichtung am zentralen Venendruck als Volumenziel, die heute als überholt gilt. Die Lehre daraus ist nicht, dass zielgerichtete Therapie nicht wirkt, sondern dass ein starres Protokoll nur dort hilft, wo die übliche Versorgung hinter dem Ziel zurückbleibt.

Entscheidend ist nicht das starre Protokoll, sondern eine frühzeitige und adäquate Basistherapie.

Folie: Aufstieg und Fall der Early Goal-Directed Therapy, Rivers 2001 mit Mortalitätsreduktion von 46 auf 30 Prozent, ProCESS, ARISE und ProMISe 2014 und 2015, drei Gründe der Diskrepanz
Abbildung 11: Folie 10, die Sepsis-Saga. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3
Evidence Box, ErgänzungBei Rivers et al. betrug die Krankenhaussterblichkeit 30,5 % unter EGDT gegenüber 46,5 % unter Standardtherapie (263 Patientinnen und Patienten, ein Zentrum). In ProCESS, ARISE und ProMISe lag die Sterblichkeit in allen Armen zwischen etwa 18 und 30 %, also niedriger als im Interventionsarm von Rivers.

Andere Kontexte

Wie unterschiedlich die zielgerichtete Therapie je nach Situation wirkt, zeigen drei Bereiche. Bei der aneurysmatischen Subarachnoidalblutung senkte sie die Rate verzögerter zerebraler Ischämien deutlich, von 32 auf 13 %, ohne die neurologischen Ergebnisse robust zu verbessern; die Praxis bevorzugt heute phasenangepasste, an der Physiologie orientierte Maßnahmen statt starrer Protokolle. Bei der Organtransplantation zeigte sie in der Lebertransplantation hämodynamische Stabilität, aber keine signifikante Verringerung postoperativer Komplikationen, während kleinere Studien auf weniger Flüssigkeits- und Transfusionsbedarf hinweisen; sinnvoll erscheint ein selektiver Einsatz, vor allem zur Vermeidung einer Volumenüberladung. In der Hochrisikochirurgie zeigten frühe Studien einen Nutzen, neuere große randomisierte Studien dagegen keine konsistente Verbesserung und teils Hinweise auf Schaden; eine unselektierte Anwendung starrer Protokolle ist damit nicht gerechtfertigt.

Folie: GDT in Spezialpopulationen, aneurysmatische Subarachnoidalblutung, Lebertransplantation und Hochrisikochirurgie mit Ziel, Evidenz und aktuellem Stand
Abbildung 12: Folie 11, kein „One size fits all“. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

GDT ist kein universelles Allheilmittel, sondern eine Komponente einer individualisierten, physiologisch geführten Intensivtherapie. Ihr Nutzen hängt stark vom Kontext, vom Patientenkollektiv und von der Qualität der Standardversorgung ab.

Übung 6.1

Übung 6.2

Übung 6.3, Rechenaufgabe

Bei Rivers et al. lag die Krankenhaussterblichkeit bei 46,5 % unter Standardtherapie und 30,5 % unter EGDT. Wie groß ist die absolute Risikoreduktion (Prozentpunkte), und wie viele Patientinnen und Patienten hätten rechnerisch behandelt werden müssen, um einen Todesfall zu verhindern (NNT, ganzzahlig gerundet)?

Lektion 7

Fazit und Ausblick: ein integrierter Ansatz

Effektives hämodynamisches Management integriert klinische Beurteilung, physiologische Prinzipien und den gezielten Einsatz von Monitoring. Die moderne Hämodynamik bewegt sich weg von der starren Verfolgung statischer Zielwerte, hin zu einer dynamischen, patientenspezifischen und kontextbezogenen Bewertung des Kreislaufs.

Drei Schlussfolgerungen bleiben. Erstens ist ein tiefes Verständnis der kardiovaskulären Physiologie die entscheidende Grundlage: Nur damit werden Monitoringdaten richtig gelesen und Maßnahmen auf den tatsächlich begrenzenden Faktor gerichtet, sei es Volumenmangel, Vasoplegie oder eine Kontraktilitätsstörung, statt nur das Symptom Hypotonie zu behandeln. Zweitens vollzieht sich ein Paradigmenwechsel weg von statischen, für alle gleichen Zielwerten hin zu dynamischen, individuellen Bewertungen: Der Verlauf und die Antwort auf eine Maßnahme sagen mehr als ein einzelner Absolutwert. Drittens ist Technologie ein Werkzeug und keine Lösung; die klinische Beurteilung bleibt zentral, und die Zahlen müssen mit dem Bild am Bett zusammengeführt werden.

Für die Zukunft sind kontinuierliche Weiterbildung, praktisches Training im Ultraschall und strukturierte Ansätze zur hämodynamischen Beurteilung die wesentlichen Säulen. Die Fähigkeit, Daten physiologisch zu deuten und in wirksame Therapie zu übersetzen, bleibt der entscheidende Faktor für eine sichere Versorgung.

Folie: Das moderne Framework für hämodynamisches Management, Kreislauf aus klinischer Beurteilung, physiologischer Analyse und gezieltem Technologieeinsatz
Abbildung 13: Folie 12, vom statischen Zielwert zum dynamischen, patientenspezifischen Prozess. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3
Folie: Die vier Säulen des hämodynamischen Managements, Physiologie ist fundamental, MAP ist kein isoliertes Ziel, individualisierte Ziele sind essenziell, Technologie ist ein Werkzeug
Abbildung 14: Folie 13, die vier Säulen. Quelle: Slidedeck Hämodynamik, Repetitorium 35.3

Übung 7.1

Lektion 8

Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit

Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen

  • Einen MAP von 65 mmHg als Beweis ausreichender Perfusion lesen. Derselbe Druck entsteht bei niedrigem Fluss und hohem Widerstand wie bei hohem Fluss und niedrigem Widerstand.
  • Supranormale Ziele aus der perioperativen Medizin auf gemischte Intensivkollektive übertragen. Hayes und Gattinoni fanden keinen Nutzen, teils Schaden.
  • Eine hohe ScvO₂ in der Sepsis als Entwarnung werten. Zytopathische Hypoxie und Shunting können sie trotz Gewebehypoxie hochhalten.
  • Jedes erhöhte Laktat als Hypoxie behandeln. Adrenerge Stimulation, Leberversagen, Medikamente, Thiaminmangel und Nierenersatzverfahren verändern den Spiegel.
  • Messwerte gleichen Namens aus verschiedenen Geräten vergleichen. Sie sind nicht austauschbar.
  • Einer unkalibrierten Pulskonturanalyse nach Vasopressoränderung blind vertrauen.
  • Ein GDT-Protokoll unselektiert anwenden. OPTIMISE II und iPEGASUS zeigten keine Verbesserung, teils Hinweise auf Schaden.

Merksätze

  • Zwei Grundfragen: Welche Variablen? Welche Ziele? Beide Antworten sind individuell und kontextabhängig.
  • VO₂ ist unterhalb der kritischen DO₂ angebotsabhängig, darüber nicht. Laktat, ScvO₂ und CO₂-Gap zeigen das Ungleichgewicht, mit Grenzen.
  • DO₂ = HZV × CaO₂ × 10; CaO₂ = Hb × 1,36 × SaO₂ + 0,003 × PaO₂.
  • MAP − RAP = HZV × SVR. VR = (MSFP − RAP) / Rv. Das HZV kann nicht größer sein als der venöse Rückstrom.
  • Volumen und Noradrenalin heben den MSFP, Beatmung hebt den RAP, intraabdomineller Druck hebt Rv.
  • CRT: einfach, schnell, reproduzierbar, ein Fenster zur hämodynamischen Kohärenz.
  • Pulskontur für Trends, Echo für Ursachen, Thermodilution für Volumen und Lungenwasser, PAK für unklaren Schock und das rechte Herz.
  • Rivers wirkte bei ScvO₂ 49 %, die Nachfolgestudien bei 70 bis 72 % nicht mehr.

Kurzfazit

Hämodynamisches Monitoring beantwortet nur die Frage, die man ihm stellt. Physiologie zuerst: Liegt das Problem im Rückstrom, in der Pumpe, im Widerstand oder im Sauerstoffgehalt? Dann das passende Werkzeug, dann ein individueller Zielwert, der am Ansprechen und an der Klinik gemessen wird, nicht an einer Zahl allein.

Übung 8.1

Übung 8.2

Lektion 9

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabe 1: Zweimal MAP 60

Gegeben:
Patientin A, 71 Jahre, 2 Tage nach Vorderwandinfarkt: MAP 60 mmHg, kalte, marmorierte Beine, CRT 5 s, Laktat 4,1 mmol/l, ScvO₂ 48 %.
Patient B, 58 Jahre, Peritonitis: MAP 60 mmHg, warme Peripherie, CRT 2 s, Laktat 3,0 mmol/l, ScvO₂ 82 %.

Frage:
Welche hämodynamischen Profile liegen vor, und welche Therapie folgt daraus?

Lösung

A: niedriges HZV bei hohem SVR, kardiogen. Die niedrige ScvO₂ zeigt eine hohe Extraktion bei zu geringem Angebot, CRT und Marmorierung passen dazu. Therapie: Pumpfunktion verbessern (Echo, Inotropika, Ursache behandeln), Nachlast nicht weiter erhöhen, Volumen nur bei nachgewiesener Reagibilität; HZV-Monitoring, bei unklarem oder gemischtem Bild ein PAK.
B: hohes HZV bei niedrigem SVR, distributiv. Die hohe ScvO₂ ist kein Beweis guter Oxygenierung (zytopathische Hypoxie möglich); die normale CRT spricht aber für erhaltene periphere Perfusion, und das Laktat kann adrenerg bedingt sein. Therapie: Fokuskontrolle und Antibiotika, Noradrenalin für den Perfusionsdruck, Volumen nach Reagibilität; CRT und Laktat im Verlauf.

Aufgabe 2: Hypotonie nach PEEP-Erhöhung

Gegeben:
Patient mit ARDS, PEEP von 8 auf 16 cmH2O erhöht; danach MAP von 75 auf 58 mmHg gefallen, ZVD von 8 auf 14 mmHg gestiegen, Pulsdruckvariation 18 %.

Frage:
Erklären Sie den Blutdruckabfall mit dem Guyton-Modell und nennen Sie die therapeutischen Optionen.

Lösung

Der höhere intrathorakale Druck erhöht den RAP (hier sichtbar am ZVD) und verkleinert den Gradienten MSFP − RAP; der venöse Rückstrom und damit das HZV sinken. Die hohe Pulsdruckvariation spricht für Volumenreagibilität, also für einen relativ niedrigen MSFP. Optionen: den MSFP anheben, mit einem Flüssigkeitsbolus oder Noradrenalin (venöser Tonus), oder den RAP senken, indem der PEEP reduziert wird, wenn die Oxygenierung es erlaubt. Die Entscheidung richtet sich danach, was die Lunge braucht und was der Kreislauf verträgt; die Wirkung mit HZV-Messung oder Echo prüfen.

Aufgabe 3: Welches Monitoring?

Frage:
Welches Verfahren wählen Sie jeweils, und warum?
a) 64-jährige Patientin, elektive Hemikolektomie, ASA 3, kurze Hypotonie nach Einleitung.
b) Patient im septischen Schock, Tag 3, positive Bilanz von 9 l, zunehmende Oxygenierungsstörung, Frage nach weiterer Volumengabe.
c) Patient im Schock nach Lungenembolie mit schwerem Rechtsherzversagen und unklarer Reaktion auf Noradrenalin und Dobutamin.

Lösung

a) Unkalibrierte Pulskonturanalyse über die arterielle Kanüle: kontinuierliche Trends von HZV und dynamischen Vorlastparametern bei geringer Invasivität, geeignet für kurze Instabilität bei mittlerem Risiko; bei Bedarf Echo zur Ursachenklärung.
b) Transpulmonale Thermodilution: globales HZV, GEDV und extravaskuläres Lungenwasser beantworten die Frage nach Volumenbedarf und Lungenödem.
c) Pulmonalarterienkatheter, ergänzt durch Echokardiographie: PAP, PAWP, rechtsventrikuläres HZV und SvO₂ erlauben die differenzierte Beurteilung beider Kammern bei schwerem Rechtsherzversagen und unklarem Ansprechen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Begriffe, Formeln und Literatur

BegriffBedeutung
CIHerzindex, HZV bezogen auf die Körperoberfläche; normal 2,5 bis 3,5 l/min/m²
DO₂, VO₂Sauerstoffangebot, Sauerstoffverbrauch
Kritisches DO₂Schwelle, unterhalb derer der VO₂ vom Angebot abhängt; beim Gesunden etwa 400 ml/min, individuell verschieden
Zytopathische Hypoxiegestörte mitochondriale Sauerstoffnutzung trotz Angebots, zum Beispiel in der Sepsis
P(v−a)CO₂, CO₂-Gapvenös-arterielle CO₂-Partialdruckdifferenz, Marker eines unzureichenden Flusses
MAP, RAP, MPPmittlerer arterieller Druck, rechtsatrialer Druck, mittlerer Perfusionsdruck (MAP − RAP)
SVRsystemischer Gefäßwiderstand, 80 × (MAP − RAP) / HZV in dyn·s·cm⁻⁵
MSFPmittlerer systemischer Fülldruck, Druck im Gefäßsystem bei Herzstillstand
RvWiderstand des venösen Rückstroms
CRTRekapillarisierungszeit (Kapillarfüllungszeit)
Hämodynamische Kohärenzgleichsinnige Veränderung von Makro- und Mikrozirkulation
PAK, PAP, PAWP, SvO₂Pulmonalarterienkatheter; pulmonalarterieller Druck; pulmonalkapillärer Verschlussdruck; gemischtvenöse Sättigung
GEDV, EVLWglobales enddiastolisches Volumen, extravaskuläres Lungenwasser (transpulmonale Thermodilution)
GDT, EGDTzielgerichtete Therapie; Early Goal-Directed Therapy
aSAH, DCIaneurysmatische Subarachnoidalblutung; verzögerte zerebrale Ischämie

Folien und Infografik: Mediathek (Slidedeck als PDF, Medienpaket erforderlich) und Modul Intensivmedizin, Reiter Kompaktwissen.

Referenzen der Literaturübersicht (vollständig aus dem Repetitorium)

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Literatur zu den Ergänzungen

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© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Aufgaben, Boxen und Testfragen sind didaktisch aus dem Text, den Folien und der Infografik des Repetitoriums sowie der angegebenen Literatur abgeleitet. Stand: September 2026.