Die Narkose nimmt dem Patienten die Schutzmechanismen, die im Wachzustand vor Gewebeschäden bewahren. Wer wach auf einem harten Untergrund liegt, verlagert nach wenigen Minuten unbewusst sein Gewicht, weil Druck und Schmerz es verlangen. In Narkose und unter Relaxierung fällt diese Rückmeldung weg, und Stellungen, die ein Wacher nie ertragen würde, werden stundenlang gehalten. Die Lagerung bringt deshalb physikalische und physiologische Belastungen mit sich, die ohne Anästhesie nicht toleriert würden.1 Die Einheit zu intraoperativen Komplikationen fasst die wichtigsten Lagerungsschäden kurz zusammen; hier werden Mechanismen, Lagerungsformen und die Physiologie von Pneumoperitoneum und Kopftieflage vertieft.
Drei Mechanismen: Druck, Zug und Ischämie
Fast alle Lagerungsschäden lassen sich auf drei Mechanismen zurückführen, die oft gemeinsam wirken. Direkter Druck presst Gewebe zwischen Knochen und Unterlage zusammen. Die Kapillaren kollabieren, sobald der Auflagedruck den Perfusionsdruck des Gewebes übersteigt, und das Gewebe wird ischämisch. Nerven, die oberflächlich über Knochen verlaufen, sind besonders gefährdet, weil sie nicht ausweichen können. Zug oder Dehnung entsteht, wenn Gelenke über ihren physiologischen Bereich gebracht werden; ein Nerv verträgt nur eine begrenzte Verlängerung, bevor seine Vasa nervorum abgeklemmt werden. Ischämie schließlich ist die gemeinsame Endstrecke: Sie entsteht durch Druck, durch Dehnung oder durch einen niedrigen Perfusionsdruck, etwa bei Hypotonie, Hochlagerung einer Extremität oder Kompression eines Gefäßes. Deshalb sind Dauer der Lagerung, Blutdruck und Vorerkrankungen der Gefäße und Nerven genauso wichtig wie die Stellung selbst.
Nach Lehrbuchwissen treten viele Nervenschäden trotz sorgfältiger Lagerung auf. Eine vorbestehende Neuropathie, Diabetes, periphere Gefäßerkrankung, sehr niedriges oder sehr hohes Körpergewicht und lange Eingriffe erhöhen die Empfindlichkeit; das Konzept eines doppelten Schadens erklärt, warum ein bereits vorgeschädigter Nerv schon auf einen geringen zusätzlichen Druck mit einem Ausfall antwortet. Für die Aufklärung und die Dokumentation ist diese Einsicht wichtig, sie entbindet aber nicht von der Pflicht zur korrekten Lagerung.
Nervus ulnaris
Der Nervus ulnaris ist der am häufigsten betroffene periphere Nerv. Er verläuft am Ellenbogen im Sulcus nervi ulnaris hinter dem Epicondylus medialis und liegt dort nur unter Haut und Faszie. Wird der Unterarm proniert, dreht sich der Sulcus zur Unterlage hin, und der Nerv wird zwischen Knochen und Tisch gedrückt; eine starke Beugung im Ellenbogen dehnt ihn zusätzlich. Die Empfehlung der ASA von 2018 rät deshalb, den Unterarm auf der Armstütze in Supination oder Neutralstellung zu lagern, Druck auf den Sulcus zu vermeiden und die Arme gepolstert zu lagern.2 Ulnarisschäden zeigen sich oft erst am ersten oder zweiten Tag nach der Operation, was ihre Zuordnung zur Lagerung erschwert.
Plexus brachialis
Der Plexus brachialis zieht zwischen Klavikula und erster Rippe hindurch und um den Humeruskopf herum in die Axilla. Eine Abduktion des Arms über 90 Grad, eine Außenrotation mit Retroversion und eine Drehung oder Seitneigung des Kopfes zur Gegenseite dehnen ihn. Die ASA empfiehlt, die Abduktion in Rückenlage auf 90 Grad zu begrenzen.2 In Bauchlage, bei der die Arme neben dem Kopf liegen, und in Seitenlage, bei der der untere Arm und die Schulter das Körpergewicht tragen, ist der Plexus besonders gefährdet. Schulterstützen bei steiler Kopftieflage drücken auf die Klavikula und können den Plexus zwischen Klavikula und Rippe einklemmen; das ist ein Grund, warum bei roboterassistierten Eingriffen heute rutschfeste Unterlagen bevorzugt werden (Expertenmeinung).
Nervus peroneus, weitere Nerven und Haut
Der Nervus peroneus communis windet sich um das Fibulaköpfchen und wird dort bei Steinschnittlage durch Beinhalter gedrückt. Die Folge ist eine Fußheberschwäche. Die ASA empfiehlt, anhaltenden Druck am Fibulaköpfchen zu vermeiden.2 Bei extremer Hüftbeugung in Steinschnittlage können außerdem der Nervus ischiadicus gedehnt und der Nervus femoralis unter dem Leistenband abgeknickt werden. Der Nervus radialis ist am Oberarm durch Manschetten, Bügel und Armstützen gefährdet. Die Haut schließlich reagiert auf Druck mit Dekubitus, besonders an Sakrum, Fersen, Beckenkamm und im Gesicht bei Bauchlage. Nach der Operation werden sensible und motorische Funktion erfasst, damit ein neuer Ausfall früh erkannt wird.2
| Nerv | Ort und Mechanismus | Typische Lagerung | Vorbeugung |
|---|---|---|---|
| N. ulnaris | Druck im Sulcus am Epicondylus medialis, Dehnung bei Beugung | Rückenlage mit pronierten Armen | Supination oder Neutralstellung, Polster, kein Druck auf den Sulcus |
| Plexus brachialis | Dehnung bei Abduktion, Außenrotation, Kopfdrehung; Kompression durch Schulterstützen | Rückenlage mit ausgelagertem Arm, Bauch- und Seitenlage, Kopftieflage | Abduktion höchstens 90 Grad, Kopf neutral |
| N. peroneus communis | Druck am Fibulaköpfchen | Steinschnittlage, Seitenlage | Beinhalter polstern, Druck vermeiden |
| N. ischiadicus, N. femoralis | Dehnung bei starker Hüftbeugung und Außenrotation | Steinschnittlage | Hüftbeugung begrenzen |
| N. radialis | Druck am Oberarm | Armbügel, Manschetten, Seitenlage | Polster, Abstand zu Metallteilen |
Nach der Empfehlung der ASA 2018 und Lehrbuchwissen.2