Allgemeinanästhesie, perioperative Medizin

Intraoperative Komplikationsprävention

Die meisten intraoperativen Zwischenfälle kündigen sich an: ein fallender Blutdruck, ein steigendes CO₂, ein wachsender Beatmungsdruck. Wer die typischen Muster kennt und Maßnahmen vorbereitet hat, verhindert, dass aus einem Signal ein Schaden wird.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf Studien und Leitlinien der letzten fünf Jahre (Recherchestand September 2026): POISE-3 (Tranexamsäure und Blutdruckstrategie), PROTECT (Wärmemanagement), IMPROVE-multi, ESAIC 2023 zur neuromuskulären Blockade und DAS 2025. Verweise auf die Einheiten Schock, Narkosetiefe und schwieriger Atemweg ergänzen die Themen.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-008 Therapie der malignen Hyperthermie (S1, Stand 03/2018, nicht mehr im aktuellen Register): Gültigkeit abgelaufen. nicht mehr im aktuellen Register; EMHG 2019 (Glahn) nutzen
  • 061-025 Akuttherapie und Management der Anaphylaxie (S2k, Stand 01/2021, gültig bis 30.01.2026, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Intraoperative Hypotonie definieren, Ursachen erkennen und die Evidenz zu Blutdruckstrategien einordnen.
  • Blutungen vorbeugen und Tranexamsäure nach POISE-3 einsetzen.
  • Temperaturmanagement nach PROTECT begründen.
  • Atemwegs- und Beatmungszwischenfälle, Anaphylaxie und maligne Hyperthermie strukturiert behandeln.
  • Lagerungsschäden, Awareness und Aspiration vermeiden.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Effektübersicht von POISE-3 und PROTECT sowie Vorgehen bei maligner Hyperthermie.

Lektion 1

Hypotonie, Blutung und Tranexamsäure

Intraoperative Hypotonie

Mittlere arterielle Drücke unter etwa 65 mmHg sind in Beobachtungsstudien mit Nieren- und Myokardschäden verbunden; Dauer und Tiefe zählen. Häufige Ursachen sind Narkoseeinleitung und -vertiefung, Hypovolämie, Blutung, Vasodilatation durch Regionalverfahren, Lagerung, Anaphylaxie und kardiale Ursachen.

  • Vorbeugen: Einleitung titrieren, Vasopressor bereit, Volumenstatus und Dauermedikation beachten.
  • Behandeln: Ursache suchen (Tiefe, Blutung, Lagerung, Beatmungsdruck), Noradrenalin oder Akrinor bzw. Phenylephrin, Volumen bei Reagibilität.
  • Bei wiederholten Abfällen: arterielle Messung, Echokardiographie.
Evidence Box, BlutdruckstrategienRandomisierte Studien bestätigen den Nutzen strikterer oder individualisierter Ziele bisher nicht. Im Blutdruckarm von POISE-3 (7 490 Patienten unter Antihypertensiva) traten vaskuläre Komplikationen mit einer hypotonievermeidenden Strategie genauso häufig auf wie mit einer hypertonievermeidenden (13,9 % gegen 14,0 %; HR 0,99). IMPROVE-multi (2025) fand für ein individualisiertes Blutdruckmanagement bei großer Abdominalchirurgie keinen Vorteil (relatives Risiko 1,10). Folgerung: Ausgeprägte und anhaltende Hypotonie vermeiden bleibt sinnvoll; ein bestimmter höherer Zielwert ist nicht belegt.

Blutung und Tranexamsäure

POISE-3 (NEJM 2022) randomisierte 9 535 Patienten mit kardiovaskulärem Risiko vor nichtkardialen Eingriffen: 1 g Tranexamsäure zu Beginn und am Ende der Operation gegen Placebo.

Relatives Maß, logarithmische Achse (unter 1 = weniger Ereignisse mit der Intervention)0,50,7511,52POISE-3 TXA 2022Blutungsendpunkt, HR, n = 9 535POISE-3 TXA 2022kardiovaskulärer Endpunkt, HRPROTECT 2022Wärme auf 37 °C, RR, n = 5 013Vorteil InterventionNachteilPunkte: Schätzer; Linien: 95-%-Konfidenzintervall. Eigene Darstellung der publizierten Werte.
Abbildung 1: Effektübersicht von POISE-3 (Tranexamsäure) und PROTECT (Wärmemanagement). Eigene Darstellung der publizierten Werte
Tabelle 1: POISE-3, Tranexamsäure
EndpunktTranexamsäurePlaceboHR (95 % KI)
schwere Blutung (primärer Wirksamkeitsendpunkt)9,1 %11,7 %0,76 (0,67 bis 0,87)
vaskuläre Komplikationen (Sicherheitsendpunkt)14,2 %13,9 %1,02 (0,92 bis 1,14)
Evidence Box, EinordnungTranexamsäure senkte schwere Blutungen absolut um 2,6 Prozentpunkte. Die statistische Nichtunterlegenheit für vaskuläre Komplikationen wurde knapp verfehlt, der Unterschied war aber klein. Ausgeschlossen waren unter anderem Patienten mit Krampfanfällen in der Anamnese. Viele Fachleute sehen darin eine Grundlage für den breiteren Einsatz bei relevantem Blutungsrisiko; bitte Kontraindikationen und Fachinformation beachten.

Kreislaufmanagement im OP: Evidenz und Umsetzung, Stand September 2026

Intraoperative Hypotonie ist in großen Beobachtungsstudien mit akuter Nierenschädigung, Myokardschädigung und erhöhter postoperativer Sterblichkeit verbunden, wobei Ausmaß und Dauer der Hypotonie zählen. Die aktuellen Empfehlungen ziehen daraus eine einheitliche Konsequenz: Die intraoperative Kreislauftherapie orientiert sich am mittleren arteriellen Druck, und dieser soll bei Erwachsenen in der nichtkardialen Chirurgie mindestens 65 mmHg betragen. So formulieren es die internationale Konsensuserklärung der Perioperative Quality Initiative (Saugel 2024), die S1-Leitlinie der DGAI zum intraoperativen hämodynamischen Monitoring (Saugel 2024) und das Statement der ESAIC (Saugel 2025). Entscheidend ist dabei weniger der einzelne Messwert als die frühe Reaktion: Hypotonie wird erkannt und behandelt, bevor sie sich verfestigt.

Arterielle Messung vor der Einleitung

Besteht die Indikation für eine invasive Blutdruckmessung, soll der arterielle Katheter nach der S1-Leitlinie vor der Narkoseeinleitung gelegt werden. Der Grund liegt auf der Hand: Die Einleitung ist die Phase mit den häufigsten und steilsten Blutdruckabfällen, und eine oszillometrische Messung im Intervall erfasst sie zu spät. Die Anlage gelingt am wachen Patienten unter Lokalanästhesie, bei Bedarf mit leichter Sedierung und ultraschallgestützt. Zugleich wird die hämodynamische Ausgangslage erfasst, an der sich die individuellen Grenzwerte orientieren.

Höhere Zielwerte: was die Studien 2026 zeigen

Evidence Box, HISTAPDie italienische HISTAP-Studie randomisierte 630 Patientinnen und Patienten ab 60 Jahren mit behandelter chronischer Hypertonie und mindestens einem weiteren Risikokriterium vor großen elektiven Abdominaleingriffen auf ein intraoperatives MAD-Ziel von mindestens 80 mmHg oder mindestens 65 mmHg. Erreicht wurden im Mittel 88 gegenüber 77 mmHg. Der kombinierte Endpunkt aus Tod und mindestens einer schweren Organdysfunktion trat unter dem höheren Ziel bei 38,1 % gegenüber 48,9 % auf (relatives Risiko 0,78; 95-%-Konfidenzintervall 0,65 bis 0,93). Der Unterschied beruhte vor allem auf weniger leichten bis mittelschweren akuten Nierenschädigungen (23,5 % gegenüber 33,7 %). Alle Patienten erhielten ein kontinuierliches hämodynamisches Monitoring und eine protokollierte Flüssigkeitstherapie (Cecconi 2026).
Evidence Box, Metaanalyse 2026Eine im selben Jahr publizierte Metaanalyse von 15 randomisierten Studien mit mehr als 15 000 Patientinnen und Patienten fand für höhere intraoperative Blutdruckziele, ob als fester Wert oder am präoperativen Ausgangswert orientiert, keine Verbesserung der wesentlichen postoperativen Ergebnisse, weder bei der akuten Nierenschädigung noch bei der Myokardschädigung. Ein möglicher Vorteil beim postoperativen Delir muss in ausreichend großen Studien bestätigt werden (Chiou 2026). Frühere große Studien wie der Blutdruckarm von POISE-3 und IMPROVE-multi waren ebenfalls neutral.
Messfehler Box, EinordnungDie beiden Ergebnisse widersprechen sich nicht zwingend. HISTAP untersuchte eine eng umrissene Hochrisikogruppe mit chronischer Hypertonie, einem hohen erreichten Blutdruckunterschied und einem Endpunkt, der überwiegend von leichten Nierenschädigungen getragen wurde; wie diese definiert wurden, beeinflusst das Ergebnis erheblich. Die Metaanalyse fasst dagegen heterogene Populationen zusammen. Daraus folgt keine allgemeine Anhebung des Zielwerts, wohl aber die Begründung, bei älteren Patientinnen und Patienten mit chronischer Hypertonie und hohem Risiko ein individuelles, am Ausgangswert orientiertes Ziel festzulegen.

Blutdruck ist nicht Blutfluss

Ein normaler Mitteldruck garantiert keinen ausreichenden Fluss, und ein niedriger Mitteldruck kann auf zwei grundverschiedenen Wegen entstehen: durch zu wenig Herzzeitvolumen oder durch zu wenig Gefäßtonus. Wer die Ursache nicht kennt, behandelt nach Gewohnheit. Erweitertes hämodynamisches Monitoring beantwortet diese Frage, wird aber im Alltag uneinheitlich genutzt. In einer Umfrage unter deutschen Anästhesistinnen und Anästhesisten nannten 57 % den Aufbau als zu zeitaufwendig, 49 % hielten den Zusatznutzen für zu gering, 47 % fehlte Erfahrung in der Interpretation der Parameter, und 41 % hielten Monitore oder Verbrauchsmaterial für zu teuer (Vojnar 2025). Drei dieser vier Gründe sind durch Schulung und klare Abläufe lösbar.

Zur Frage der Volumenreagibilität empfiehlt die ESICM-Leitlinie von 2025 mit hoher Evidenzsicherheit den Test der passiven Beinhebung bei beatmeten Patientinnen und Patienten (Monnet 2025). Steigt das Schlagvolumen dabei an, ist Volumen die bedarfsgerechte Therapie; bleibt es unverändert, verbessert eine Volumengabe den Fluss nicht, und die Behandlung zielt auf Tonus oder Kontraktilität.

Vasopressorwahl: Tonus, Vorlast und Kontraktilität

Noradrenalin wirkt nicht nur auf die Arteriolen. Über venöse Alpha-Rezeptoren verlagert es Blut aus dem ungespannten in das gespannte Volumen, erhöht den mittleren systemischen Füllungsdruck und damit den venösen Rückstrom. Bei vorlastabhängigem Herzen kann dadurch das Herzzeitvolumen steigen. Dieser Effekt ist bei Patientinnen und Patienten im septischen Schock und nach Herzchirurgie gezeigt worden (Hamzaoui 2010, Persichini 2012, Maas 2013). Cafedrin und Theodrenalin steigern den Blutdruck vorwiegend über eine Zunahme von Kontraktilität und Herzzeitvolumen bei geringem Einfluss auf den Gefäßwiderstand und sind in Deutschland weit verbreitet. Welche Substanz im Einzelfall besser geeignet ist, hängt davon ab, ob primär der Tonus oder der Fluss fehlt.

Messfehler Box, SurrogatendpunkteDie randomisierte HERO-Studie vergleicht Cafedrin und Theodrenalin mit Noradrenalin bei Hypotonie nach Narkoseeinleitung. Sie ist offen, vom Hersteller unterstützt, dient ausdrücklich der Zulassung der kontinuierlichen Gabe und untersucht hämodynamische Surrogatparameter wie Mitteldruck und Herzindex (Vojnar 2023). Ein stärkerer Blutdruckanstieg ist kein Nachweis besserer Patientenergebnisse. Subgruppendaten, die bisher nur als Herstellerdaten vorliegen, sind bis zur Veröffentlichung im Begutachtungsverfahren nicht belastbar.

Checkliste für Einleitung und Aufrechterhaltung

  1. Hämodynamische Ausgangslage erfassen: mehrere präoperative Messwerte, Vorerkrankungen, Dauermedikation.
  2. Individuelle Grenz- und Zielwerte festlegen und dokumentieren; mindestens 65 mmHg, bei chronischer Hypertonie und hohem Risiko orientiert am Ausgangswert.
  3. Bei Indikation zur invasiven Messung den arteriellen Katheter vor der Einleitung legen, ultraschallgestützt und unter Lokalanästhesie.
  4. Alarmgrenzen am Monitor passend zum individuellen Ziel einstellen und nicht auf Werkseinstellungen belassen.
  5. Vor der Therapie die Ursache einordnen: Narkosetiefe, Volumenstatus, Blutung, Lagerung, Beatmungsdruck, kardiale Funktion.
  6. Volumenreagibilität prüfen, wenn möglich mit passiver Beinhebung oder dynamischen Parametern.
  7. Vasopressor oder Inotropikum nach Ursache wählen; mehrere Substanzen bereithalten.
  8. Therapieeffekt kontinuierlich überwachen und bei wiederholten Abfällen die Diagnostik erweitern, etwa mit Echokardiographie.
Tabelle 91: Welche Frage beantwortet welches Werkzeug
FrageWerkzeugHinweis
Wie tief und wie lange ist die Hypotonie?arterielle Messung, Trendanzeigevor der Einleitung beginnen
Fehlt Fluss oder Tonus?Herzzeitvolumen, Schlagvolumen, abgeleiteter WiderstandPulskonturanalyse im Trend
Hilft Volumen?passive Beinhebung, Pulsdruck- oder SchlagvolumenvariationVoraussetzungen der dynamischen Parameter prüfen
Liegt eine kardiale Ursache vor?fokussierte Echokardiographiebei wiederholter oder unklarer Hypotonie

Vertiefung: Hypotonie, Vorlast und Prädiktion, hämodynamisches Monitoring und der Rechner für Mitteldruck und Schockindex.

Quellen dieser Ergänzung: Saugel B, Fletcher N, Gan TJ, et al. PeriOperative Quality Initiative (POQI) international consensus statement on perioperative arterial pressure management. Br J Anaesth 2024;133:264–276. Saugel B, Annecke T, Bein B, et al. Intraoperative haemodynamic monitoring and management of adults having non-cardiac surgery: guidelines of the German Society of Anaesthesiology and Intensive Care Medicine. J Clin Monit Comput 2024;38:945–959. Saugel B, Buhre W, Chew MS, et al. Intra-operative haemodynamic monitoring and management of adults having noncardiac surgery: a statement from the European Society of Anaesthesiology and Intensive Care. Eur J Anaesthesiol 2025;42:543–556. Cecconi M, Cortegiani A, Noto A, et al. High versus standard blood pressure target in hypertensive high-risk patients undergoing elective major abdominal surgery: the HISTAP multicenter randomized clinical trial. Intensive Care Med 2026;52:1619–1634. Chiou K, Vikram S, Rowshan K, et al. Higher versus routine intraoperative blood pressure targets in noncardiac surgery: a systematic review and meta-analysis with trial sequential analysis. Anesthesiology 2026;145:872–888. Monnet X, Messina A, Greco M, et al. ESICM guidelines on circulatory shock and hemodynamic monitoring 2025. Intensive Care Med 2025;51:1971–2012. Vojnar B, Achenbach P, Flick M, et al. Haemodynamic monitoring and management during non-cardiac surgery: a survey among German anaesthesiologists. J Clin Monit Comput 2025;39:853–861. Vojnar B, Geldner G, Huljic-Lankinen S, et al. The HERO study design and rationale. Curr Med Res Opin 2023;39:803–810. Hamzaoui O, Georger JF, Monnet X, et al. Early administration of norepinephrine increases cardiac preload and cardiac output in septic patients with life-threatening hypotension. Crit Care 2010;14:R142. Persichini R, Silva S, Teboul JL, et al. Effects of norepinephrine on mean systemic pressure and venous return in human septic shock. Crit Care Med 2012;40:3146–3153. Maas JJ, Pinsky MR, de Wilde RB, et al. Cardiac output response to norepinephrine in postoperative cardiac surgery patients. Crit Care Med 2013;41:143–150. Grundlage: Vortrag Kreislaufmanagement im OP, DGAI 2026, vom Autor bereitgestellt und für das E-Learning neu formuliert.

Übung 1.1

Übung 1.2

Übung 1.3, Rechenaufgabe

Vor der Einleitung beträgt der MAP 96 mmHg, fünf Minuten danach 62 mmHg. Um wie viel Prozent ist er gefallen (ganzzahlig)? Und wie viele Patienten müssen nach POISE-3 Tranexamsäure erhalten, damit eine schwere Blutung weniger auftritt (NNT, ganzzahlig aufgerundet aus 11,7 % und 9,1 %)?

Lektion 2

Temperatur, Lagerung, Awareness und Aspiration

Temperatur

Hypothermie verstärkt Blutung, Wundinfektionen, Kältezittern und verlängert Medikamentenwirkungen. PROTECT (Lancet 2022, 5 013 Patienten, überwiegend in China) verglich eine aggressive Erwärmung auf 37 °C mit einer Routinebehandlung, die erst unter 35,5 °C erwärmte: Myokardschaden, Herzstillstand oder Tod traten gleich häufig auf (9,9 % gegen 9,6 %; RR 1,04; 0,87 bis 1,24), ebenso Wundinfektionen und Transfusionen.

Evidence BoxEine Kerntemperatur um 35,5 °C scheint in Bezug auf kardiale Ereignisse sicher. Die Studie war vor allem für den Myokardschaden gepowert, und die Kollektive waren überwiegend normalgewichtig. Für Komfort, Gerinnung und Wundheilung bleibt Normothermie das Ziel: Temperatur messen, Vorwärmen bei längeren Eingriffen, warme Infusionen bei großen Volumina, Wärmedecken.

Lagerung

Lagerungsschäden sind selten, aber vermeidbar und haben erhebliche Folgen. Nervenschäden betreffen vor allem den N. ulnaris am Ellenbogen, den Plexus brachialis bei Abduktion und den N. peroneus am Fibulaköpfchen; vorbeugend wirken gepolsterte Auflagen, eine Abduktion der Arme von höchstens 90 Grad und die Dokumentation der Lagerung. Druckschäden und ein Kompartmentsyndrom drohen bei langen Eingriffen in Steinschnitt- oder Bauchlage, weshalb Auflagedruck und Perfusion regelmäßig kontrolliert werden. Die Augen sind in Bauchlage besonders gefährdet: Jeder Druck auf den Bulbus wird vermieden, und der Sehverlust nach Wirbelsäulenchirurgie ist zwar selten, aber schwerwiegend und meist irreversibel. Und bei der Beach-Chair-Lagerung wird der Blutdruck auf Hirnhöhe bezogen, weil der Druck dort je nach Höhendifferenz deutlich niedriger liegt als am Oberarm gemessen, was bei toleriertem „normalem“ Blutdruck zu zerebraler Minderperfusion führen kann.

Awareness

Intraoperative Wachheit mit Erinnerung ist selten, aber belastend. Risikofaktoren: TIVA mit Relaxierung ohne Tiefenmonitoring, Sectio, Herzchirurgie, Notfälle, Zulaufprobleme. Vorbeugen mit EEG-basiertem Monitoring (siehe Narkosetiefe), Kontrolle der Zuläufe und endtidaler Gaskonzentration; bei Verdacht Gespräch und psychologische Unterstützung.

Aspiration

Risiken: nicht nüchtern, Ileus, Schwangerschaft, GLP-1-Rezeptoragonisten, Adipositas, Reflux. RSI bei Risiko; bei Aspiration Kopftieflage, Absaugen, Intubation, bronchoskopische Toilette bei festen Partikeln, keine routinemäßigen Antibiotika oder Steroide.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Atemweg, Beatmung, Anaphylaxie und maligne Hyperthermie

Tabelle 2: Akute Zwischenfälle
EreignisZeichenErstmaßnahmen
LaryngospasmusStridor, fehlende Ventilation, EinziehungenReiz stoppen, FiO₂ 1,0, CPAP mit Maske, Esmarch-Handgriff, Narkose vertiefen (Propofol), bei Persistenz Relaxans in niedriger Dosis und Intubation
BronchospasmusGiemen, Anstieg des Beatmungsdrucks, haifischflossenförmige KapnographieTubuslage und Knick ausschließen, Narkose vertiefen (volatil), β₂-Mimetika inhalativ, Adrenalin bei Anaphylaxie, lange Exspirationszeit
Steigender BeatmungsdruckDruckalarmsystematisch vom Gerät zum Patienten: Schlauch, Filter, Tubus (Knick, Sekret, Lage), Bronchospasmus, Pneumothorax, Relaxierung, Pneumoperitoneum
AnaphylaxieHypotonie, Bronchospasmus, ExanthemTrigger stoppen, Adrenalin titriert i.v., Volumen; siehe Schock
Lokalanästhetika-IntoxikationMetallgeschmack, Krampfanfall, ArrhythmienZufuhr stoppen, Atemweg, Krampfdurchbrechung, Lipidemulsion 20 % 1,5 ml/kg; siehe Faszienblockaden
Venöse LuftembolieetCO₂-Abfall, Hypotonie, MühlradgeräuschChirurgie informieren, Operationsgebiet fluten, Lagerung, FiO₂ 1,0, Kreislauftherapie
Maligne HyperthermieetCO₂-Anstieg trotz Mehrventilation, Tachykardie, Rigor, Hyperkaliämie, später Fiebersiehe Abbildung 2
Verdacht auf maligne HyperthermieetCO₂-Anstieg trotz Mehrventilation, Tachykardie, Rigor, Hyperkaliämie, später FieberSofortHilfe rufen, Trigger stoppen,auf TIVA wechseln,FiO₂ 1,0, Frischgas hoch,AktivkohlefilterDantrolen2,5 mg/kg i.v., wiederholenbis Symptome rückläufig(Hausprotokoll, bis 10 mg/kg);Personal zum AuflösenBehandeln und überwachenHyperkaliämie (Kalzium, Insulin mit Glukose), Azidose, Kühlung, Diurese (Rhabdomyolyse),Arrhythmien; Intensivstation mindestens 24 h; Abklärung im MH-ZentrumEigene vereinfachte Darstellung; maßgeblich sind die Empfehlungen derEuropean Malignant Hyperthermia Group und das Hausprotokoll.
Abbildung 2: Vorgehen bei maligner Hyperthermie. Eigene vereinfachte Darstellung; maßgeblich sind die Empfehlungen der European Malignant Hyperthermia Group und das Hausprotokoll
Messfehler BoxEin plötzlicher Abfall des endtidalen CO₂ bedeutet entweder ein technisches Problem (Diskonnektion, Leck) oder einen Einbruch des Herzzeitvolumens (Embolie, Kreislaufstillstand). Vor jeder technischen Fehlersuche Puls und Blutdruck prüfen.
Anästhesie Box, TeamarbeitKognitive Hilfen (Notfallchecklisten im Saal), das laute Ausrufen des Zwischenfalls, klare Rollen und regelmäßiges Simulationstraining verbessern die Behandlung seltener Zwischenfälle.

Übung 3.1

Übung 3.2

Übung 3.3, Rechenaufgabe

Ein Patient mit 80 kg entwickelt eine maligne Hyperthermie. Wie viel Dantrolen geben Sie initial (2,5 mg/kg), und wie viele Durchstechflaschen zu 20 mg brauchen Sie dafür?

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Hypotonie „aussitzen“ statt Ursache und Vasopressor.
  • Blutungsrisiko ohne Tranexamsäure planen, obwohl keine Kontraindikation besteht.
  • Temperatur nicht messen.
  • Bei Druckalarm sofort Bronchodilatatoren statt systematischer Suche.
  • Bei etCO₂-Anstieg nur die Beatmung erhöhen und an maligne Hyperthermie nicht denken.
  • Dantrolen zu spät oder zu wenig; Personal zum Auflösen fehlt.

Merksätze

  • MAP unter 65 mmHg vermeiden; ein höheres Ziel ist nicht belegt (POISE-3, IMPROVE-multi).
  • Tranexamsäure senkt schwere Blutungen (POISE-3: 9,1 % gegen 11,7 %).
  • 35,5 °C ohne kardialen Nachteil (PROTECT); Normothermie trotzdem anstreben.
  • Druckalarm: vom Gerät zum Patienten.
  • etCO₂ fällt plötzlich: erst Kreislauf, dann Technik.
  • Maligne Hyperthermie: Trigger stoppen, Dantrolen 2,5 mg/kg, Hilfe.

Fälle

Aufgabe 1: Blutdruckabfall nach Spinalanästhesie

Gegeben:
82 Jahre, Hüftfraktur, Spinalanästhesie, Blutdruck von 150/80 auf 78/40 mmHg, Übelkeit, Herzfrequenz 52/min.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Sympathikolyse mit Bradykardie. Vasopressor sofort (Noradrenalin oder Akrinor, bei Bradykardie Atropin oder Akrinor bevorzugt), Beine hoch, Volumen nach Reagibilität, Sauerstoff; Übelkeit ist ein Zeichen der zerebralen Minderperfusion. Blutdruck engmaschig, bei wiederholten Abfällen arterielle Messung. Für die Zukunft: niedrigere Spinaldosis, prophylaktischer Vasopressor.

Aufgabe 2: Druckalarm bei Laparoskopie

Gegeben:
Nach Anlage des Pneumoperitoneums steigt der Spitzendruck von 18 auf 38 cmH₂O, SpO₂ fällt auf 90 %, einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch rechts, Kreislauf stabil.

Frage:
Welche Ursachen prüfen Sie?

Lösung

Vom Gerät zum Patienten. Bei einseitigem Befund zuerst einseitige Intubation: Das Pneumoperitoneum und die Kopftieflage verschieben die Carina nach kranial, der Tubus rutscht in den rechten Hauptbronchus. Tubustiefe kontrollieren und zurückziehen, Auskultation. Weitere Ursachen: Pneumothorax (Kapnothorax), Bronchospasmus, Sekret, zu hoher Insufflationsdruck, nachlassende Relaxierung.

Aufgabe 3: CO₂-Anstieg bei Tonsillektomie

Gegeben:
16 Jahre, Sevofluran-Narkose, nach 20 Minuten etCO₂ von 38 auf 65 mmHg trotz verdoppelter Ventilation, Herzfrequenz 140/min, Masseterrigor, Kalium 6,1 mmol/l.

Frage:
Was liegt vor, und wie handeln Sie?

Lösung

Maligne Hyperthermie. Hilfe rufen, Sevofluran stoppen, auf TIVA wechseln, Frischgasfluss hoch, Aktivkohlefilter, FiO₂ 1,0. Dantrolen 2,5 mg/kg sofort und wiederholt bis zum Rückgang der Symptome; Hyperkaliämie behandeln (Kalzium, Insulin mit Glukose), Azidose, Kühlung, Diurese; Eingriff zügig beenden. Intensivstation, CK- und Myoglobinverlauf. Familie informieren, Abklärung im MH-Zentrum, Notfallausweis.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
NNTnumber needed to treat = 1 / absolute Risikoreduktion
TXATranexamsäure, Antifibrinolytikum
Maligne Hyperthermiepharmakogenetische Myopathie, ausgelöst durch volatile Anästhetika und Succinylcholin
DantrolenRyanodinrezeptor-Antagonist, Therapie der malignen Hyperthermie
Laryngospasmusreflektorischer Stimmritzenverschluss
Awarenessintraoperative Wachheit mit Erinnerung

Literatur

  1. Devereaux PJ, Marcucci M, Painter TW, et al. Tranexamic acid in patients undergoing noncardiac surgery (POISE-3). N Engl J Med 2022; 386:1986–1997.
  2. Marcucci M, Painter TW, Conen D, et al. Hypotension-avoidance versus hypertension-avoidance strategies in noncardiac surgery: an international randomized controlled trial (POISE-3). Ann Intern Med 2023.
  3. Sessler DI, Pei L, Li K, et al. Aggressive intraoperative warming versus routine thermal management during non-cardiac surgery (PROTECT). Lancet 2022; 399:1799–1808.
  4. Saugel B, et al. Individualisiertes gegen routinemäßiges Blutdruckmanagement bei großer Abdominalchirurgie (IMPROVE-multi). 2025; bibliographische Angaben bitte ergänzen.
  5. Fuchs-Buder T, Romero CS, Lewald H, et al. Peri-operative management of neuromuscular blockade: a guideline from the ESAIC. Eur J Anaesthesiol 2023; 40:82–94.
  6. Ahmad I, El-Boghdadly K, Iliff H, et al. Difficult Airway Society 2025 guidelines. Br J Anaesth 2026; 136:283–307.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.