Intensivmedizin, Kreislauf und Flüssigkeitstherapie

Albumin im septischen Schock

Albumin ist beim septischen Schock eine selektive Ergänzung, keine Standardlösung und kein Ersatz für einen Laborwert. Diese Lerneinheit ordnet die randomisierten Studien ein und trennt gesicherte Empfehlungen von Forschungskonzepten wie Albuminfunktion, Theranostik und Albumin-Paradox.

Kapitel des Autors. Diese Lerneinheit beruht auf dem Manuskript „Albumin beim septischen Schock: Evidenz, Albuminfunktion und individualisierte Theranostik“ (Evidenzstand 17. September 2026) und wurde für das E-Learning gegliedert, mit eigenen Abbildungen, Übungen, Fällen und einem Abschlusstest ergänzt.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-020 Intravasale Volumentherapie beim Erwachsenen (S3, Stand 07/2020, gültig bis 20.07.2025): Gültigkeit abgelaufen
  • 079-001 Sepsis: Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge (S3, Stand 07/2025): gültig
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die pathophysiologische Rationale für Albumin beim septischen Schock erklären.
  • 5-prozentiges und 20-prozentiges Albumin nach ihrer Zielsetzung unterscheiden.
  • Die zentralen randomisierten Studien und ihre Grenzen einordnen.
  • Subgruppensignale von gesicherten Therapieeffekten unterscheiden.
  • Die Empfehlungen der Surviving Sepsis Campaign 2026 auf die Praxis übertragen.
  • Albuminkonzentration und Albuminfunktion unterscheiden und Theranostik sowie Albumin-Paradox kritisch einordnen.
KernaussageBalancierte Kristalloide bleiben beim septischen Schock die Flüssigkeit der ersten Wahl. Albumin ist keine routinemäßige Standardtherapie. Es kann in ausgewählten Situationen nach bereits hoher Kristalloidexposition erwogen werden. Eine isolierte Hypoalbuminämie ist keine ausreichende Indikation.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Fünf Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen mit 16 Quellen.
  2. Vier eigene Abbildungen: Effektübersicht der Studien, Menge gegen Funktion, Theranostik-Zyklus, Albumin-Paradox.
  3. Passend dazu: Schockformen, Volumen- und Katecholamintherapie und Sepsis.

Lektion 1

Warum Albumin überhaupt diskutiert wird

Der septische Schock ist durch Vasoplegie, eine gestörte endotheliale Barriere, eine variable intravasale Volumendepletion und häufig eine ausgeprägte positive Flüssigkeitsbilanz gekennzeichnet. Gleichzeitig fällt die Serumalbuminkonzentration oft deutlich ab. Dieser Abfall ist nicht nur Ausdruck von Verdünnung, sondern auch Folge erhöhter transkapillärer Permeabilität und veränderter Albuminverteilung.

Albumin trägt wesentlich zum kolloidosmotischen Druck des Plasmas bei. Darüber hinaus werden Bindungsfunktionen, antioxidative Eigenschaften und Effekte auf die Endothelfunktion diskutiert. Daraus entsteht die physiologische Hypothese, dass Albumin mit weniger infundiertem Volumen eine effektivere intravasale Volumenexpansion ermöglichen könnte.

Diese pathophysiologische Plausibilität ist jedoch kein Wirksamkeitsnachweis. Entscheidend ist, ob sich ein physiologischer Effekt in patientenrelevante Endpunkte wie Mortalität, Organversagen, Beatmungsdauer, Vasopressordauer oder Nierenersatztherapie übersetzt.

5 Prozent oder 20 Prozent?

Tabelle 1: Albuminpräparate
Eigenschaft5 Prozent Albumin20 Prozent Albumin
Onkotische Wirkungannähernd isoonkotischhyperonkotisch
Typische ZielsetzungVolumenersatzVolumenexpansion bei geringerem Infusionsvolumen
StudienbeispieleSAFE, ABC SepsisEARSS, ALBIOS, ICARUS ED, ARISS
Evidenzproblemunterschiedliche Kontrolllösungen und Populationenunterschiedliche Dosen, Zielwerte und Behandlungsdauern
Wichtiger PunktAus den Studien lässt sich keine allgemein gültige optimale Albuminkonzentration, Dosis oder Zielkonzentration für Patientinnen und Patienten mit septischem Schock ableiten.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Entwicklung der Evidenz: von SAFE bis ARISS

Die Evidenz entwickelte sich nicht geradlinig. Frühe Signale aus SAFE und ALBIOS führten zur Hypothese eines speziellen Nutzens beim septischen Schock. Neuere Studien und die Leitlinie von 2026 sind zurückhaltender.

Mortalität: Albumin gegen Kontrolle, relatives Risiko (logarithmische Achse)0,50,7511,52SAFE, Sepsis-Subgruppe 2011n = 1 218, unadjustiertALBIOS 201490 Tage, n = 1 818ARISS 202690 Tage, n = 440Mendes 2026Metaanalyse, 7 RCTs, n = 3 273Vorteil AlbuminNachteilPunkte: Schätzer; Linien: 95-%-Konfidenzintervall. Die Metaanalyse fasst überwiegend dieselben Studien zusammen,die Zeilen sind daher nicht unabhängig. Eigene Darstellung der publizierten Werte.
Abbildung 1: Effektübersicht der Albuminstudien. Eigene Darstellung der publizierten Werte

SAFE: erstes Signal bei schwerer Sepsis

SAFE randomisierte 6 997 Intensivpatienten zu 4 Prozent Albumin oder 0,9 Prozent NaCl und zeigte in der Gesamtpopulation keinen Mortalitätsunterschied. Die 2011 publizierte, vorab definierte Sepsis-Subgruppe umfasste 1 218 Patienten (603 Albumin, 615 NaCl). Das unadjustierte relative Risiko für Tod betrug 0,87 (95 % KI 0,74 bis 1,02), war also nicht signifikant; in einer multivariaten Analyse lag die adjustierte Odds Ratio bei 0,71 (0,52 bis 0,97). Die Nierenersatztherapie unterschied sich nicht relevant.

EARSS

EARSS untersuchte 792 Patienten mit septischem Schock und verglich eine hyperonkotische Albuminstrategie mit einer Kontrollstrategie; ein signifikanter Mortalitätsvorteil wurde nicht gezeigt. Die Studie liegt im Wesentlichen als Kongressabstract vor, sodass Methoden, Protokolltreue und Endpunktdaten nur eingeschränkt prüfbar sind. Sie wiegt deshalb weniger als vollständig publizierte Studien.

ALBIOS: physiologischer Effekt, neutraler Endpunkt

ALBIOS randomisierte 1 818 Patienten mit schwerer Sepsis in 100 Intensivstationen. Die Interventionsgruppe erhielt 20 Prozent Albumin zusätzlich zu Kristalloiden mit dem Ziel, das Serumalbumin bis Tag 28 oder bis zur Entlassung bei mindestens 30 g/l zu halten. Albumin führte zu einem etwas höheren mittleren arteriellen Druck und zu einer geringeren Nettoflüssigkeitsbilanz, ohne den primären Endpunkt zu verbessern.

Tabelle 2: ALBIOS, Mortalität
EndpunktAlbuminKristalloideEffekt
28 Tage31,8 %32,0 %RR 1,00 (0,87 bis 1,14)
90 Tage41,1 %43,6 %RR 0,94 (0,85 bis 1,05)

In der Subgruppe mit septischem Schock war die 90-Tage-Mortalität unter Albumin niedriger, je nach Auswertung etwa 43,5 bis 43,6 Prozent gegenüber 49,8 bis 49,9 Prozent. Dieses Signal war der Anlass für weitere gezielte Studien.

InterpretationsregelEin positiver Subgruppenbefund nach neutralem Gesamtergebnis ist hypothesengenerierend. Er ist kein gleichwertiger Ersatz für einen positiven primären Endpunkt.

ABC Sepsis und ICARUS ED

Zwei neuere Studien haben Albumin in der frühen Sepsisbehandlung untersucht. In ABC Sepsis (2024) erhielten 300 Patientinnen und Patienten in 15 britischen Notaufnahmen entweder 5-prozentiges Albumin oder balancierte Kristalloide als alleinige frühe Flüssigkeit. Die Studie war als Machbarkeitsstudie angelegt und nicht darauf ausgelegt, einen Unterschied in der Sterblichkeit nachzuweisen; die 30-Tage-Sterblichkeit lag unter Albumin numerisch höher, ohne gesicherten Unterschied. Daraus folgt kein Beleg für einen Schaden, aber auch kein Grund, Albumin routinemäßig anstelle balancierter Kristalloide einzusetzen. In ICARUS ED (2025) erhielten 464 Patientinnen und Patienten zusätzlich zur üblichen Therapie 400 ml 20-prozentiges Albumin über vier Stunden. Der systolische Blutdruck nach 24 Stunden war praktisch identisch; unter Albumin wurde bis 72 Stunden weniger Flüssigkeit gegeben und seltener ein Vasopressor benötigt, die Sterblichkeit unterschied sich nicht. Beide Studien fügen sich in das Bild der älteren großen Studien: In SAFE war Albumin insgesamt sicher, bei Schädel-Hirn-Trauma aber schädlich, und in ALBIOS verbesserte die Anhebung des Serumalbumins die Hämodynamik, ohne die Sterblichkeit zu senken.

ARISS 2026: gezielter Test der Schockhypothese

ARISS war eine multizentrische deutsche Studie an 23 Intensivstationen. Erwachsene mit septischem Schock wurden innerhalb von 24 Stunden nach Schockbeginn randomisiert; die Albumingruppe erhielt 20 Prozent Albumin mit dem Ziel, das Serumalbumin über 30 g/l zu halten.

Tabelle 3: ARISS
MerkmalAlbuminKontrolleEinordnung
Randomisiert222218insgesamt 440
90-Tage-Mortalität43,3 %45,9 %RR 0,94 (0,76 bis 1,17); p = 0,71
Studienplanungvorzeitig beendet1 662 Patienten wären bei angenommener Dropout-Rate nötig gewesen
Albumin in der Kontrollgruppenicht zutreffend48,6 %erhebliche Therapiekontamination
Evidence Box, was ARISS erlaubtARISS spricht gegen einen großen Mortalitätsvorteil durch eine protokollierte Albuminersatzstrategie. Wegen der vorzeitigen Beendigung und der hohen Albumingabe in der Kontrollgruppe kann ein kleinerer Effekt jedoch nicht sicher ausgeschlossen werden.

Metaanalyse 2026

Mendes et al. analysierten sieben randomisierte Studien mit 3 273 Erwachsenen mit septischem Schock. Drei Studien rekrutierten primär Patienten mit septischem Schock, die übrigen Beiträge stammten aus Subgruppen oder extrahierten Strata breiterer Sepsispopulationen.

Tabelle 4: Metaanalyse Mendes 2026
AnalyseErgebnisBedeutung
frequentistisch, längstes Follow-upRR 0,90 (0,83 bis 0,99); p = 0,02formal signifikantes Signal
bayesianischRR 0,92 (95 % Credible Interval etwa 0,84 bis 1,02)Nullwirkung bleibt plausibel
Wahrscheinlichkeit irgendeines Nutzens94,7 %mögliches Signal, keine gesicherte klinische Relevanz
GRADEniedrige EvidenzsicherheitAbwertung wegen Indirektheit und Impräzision

Der Punktschätzer entspricht etwa 36 weniger Todesfällen pro 1 000 behandelten Patienten. Das Konfidenzintervall reicht jedoch bis zu einem klinisch sehr kleinen Effekt, und es wurden nur etwa 63 Prozent der optimalen Informationsgröße erreicht.

Tabelle 5: Übersicht der Studien
StudiePopulationStrategieErgebnisEinordnung
SAFE Sepsis 2011schwere Sepsis, n = 1 2184 % Albumin gegen NaClRR 0,87 (0,74 bis 1,02)Signal, Subgruppenanalyse
EARSS 2011septischer Schock, n = 79220 % Albumin gegen Kontrollekein signifikanter Vorteilnur Kongressabstract
ALBIOS 2014schwere Sepsis oder Schock, n = 1 81820 % Albumin, Ziel ≥ 30 g/l28 Tage RR 1,00; 90 Tage RR 0,94Gesamtstudie neutral
ABC Sepsis 2024frühe Sepsis, n = 3005 % Albumin gegen balancierte KristalloideMachbarkeit gezeigtnicht für Mortalität gepowert
ICARUS ED 2025Sepsis mit Hypoperfusion, n = 464400 ml 20 % Albumin über 4 hBlutdruck gleich, weniger Flüssigkeit und Vasopressorenphysiologisches Signal
ARISS 2026septischer Schock, n = 44020 % Albumin, Ziel über 30 g/l90 Tage 43,3 % gegen 45,9 %; RR 0,94neutral, vorzeitig beendet
Mendes 20267 RCTs, n = 3 273albumin- gegen kristalloidbasiertRR 0,90 (0,83 bis 0,99)mögliches Signal, Evidenz niedrig

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

In ARISS starben 43,3 Prozent der Albumingruppe und 45,9 Prozent der Kontrollgruppe. Wie groß ist die absolute Differenz in Prozentpunkten (eine Nachkommastelle), und wie viele Patienten müsste man behandeln, um rechnerisch einen Todesfall zu vermeiden (NNT, ganzzahlig aufgerundet)?

Lektion 3

Surviving Sepsis Campaign 2026 und praktischer Algorithmus

Empfehlungen 2026

  • Kristalloide als Flüssigkeit der ersten Wahl: starke Empfehlung, moderate Evidenzsicherheit.
  • Balancierte Kristalloide gegenüber 0,9 Prozent NaCl für die initiale Resuscitation: bedingte Empfehlung, moderate Evidenzsicherheit.
  • Kristalloide allein gegenüber Kristalloiden plus zusätzlichem Albumin: bedingte Empfehlung, moderate Evidenzsicherheit.
  • Zusätzliches Albumin kann angemessen sein bei Patienten, die bereits große Kristalloidmengen erhalten haben, oder bei Leberzirrhose.
  • Bei traumatischer Hirnverletzung soll Albumin vermieden werden.
  • Weitere Flüssigkeitsgaben möglichst anhand dynamischer Parameter der Volumenreagibilität steuern.
Änderung gegenüber der früheren PraxisDie Leitlinie 2026 ist zurückhaltender als die häufig zitierte Interpretation älterer Empfehlungen. Albumin wird nicht als routinemäßige zweite Flüssigkeitslinie empfohlen, sondern allenfalls selektiv nach großer Kristalloidexposition oder in besonderen Konstellationen.

Entscheidungsalgorithmus

  1. Septischen Schock erkennen und unverzüglich behandeln: Antibiotika, Fokussanierung, Vasopressoren und Flüssigkeitstherapie parallel denken.
  2. Initial balancierte Kristalloide; nach jeder relevanten Volumengabe klinisch und hämodynamisch neu beurteilen.
  3. Weitere Volumengaben nicht allein an statischen Füllungsparametern orientieren, sondern möglichst an dynamischen Parametern (passive Beinhebung mit Schlagvolumenmessung, Pulsdruck- oder Schlagvolumenvariation).
  4. Bleibt der Patient volumenreagibel, hat er bereits größere Kristalloidmengen erhalten und erscheint eine weitere positive Bilanz problematisch, kann Albumin individuell erwogen werden.
  5. Albumin nicht allein zur Korrektur eines niedrigen Serumalbuminwertes geben; ein Zielwert von mindestens 30 g/l hat in ALBIOS und ARISS keinen gesicherten Überlebensvorteil gezeigt.
  6. Albuminfunktionsparameter wie ABiC oder EPR nicht als routinemäßigen Trigger verwenden; sie sind Forschungsparameter.
  7. Sondersituationen berücksichtigen: Leberzirrhose kann für Albumin sprechen, traumatische Hirnverletzung spricht dagegen.
Tabelle 6: Wann Albumin plausibel ist und wann nicht
Eher plausibelNicht durch die Evidenz gestützt
persistierende Volumenreagibilität nach relevanter Kristalloidgaberoutinemäßig bei jedem septischen Schock
zunehmend problematische positive Flüssigkeitsbilanzals Ersatz für balancierte Kristalloide in der initialen Resuscitation
Wunsch nach geringerem Infusionsvolumen bei fortbestehender Indikation zur Volumengabenur aufgrund einer Hypoalbuminämie
Leberzirrhose mit eigenständiger Albuminindikationfestes Schema oder Serumalbuminziel ohne weitere Begründung
auf Basis eines nicht validierten Funktionsassays außerhalb von Studien; bei traumatischer Hirnverletzung

Leberzirrhose: worauf die Empfehlung beruht

Die Surviving Sepsis Campaign 2026 nennt die Leberzirrhose ausdrücklich als Situation, in der zusätzliches Albumin angemessen sein kann. Das ist neu, denn die Fassung von 2021 erwähnte die Zirrhose nur am Rande. Patientinnen und Patienten mit Zirrhose waren aus den großen Sepsisstudien meist ausgeschlossen; die Empfehlung stützt sich deshalb im Wesentlichen auf eine einzige Studie.

Evidence Box, FRISC und ALPSDie FRISC-Studie randomisierte an einem Zentrum offen 308 Patientinnen und Patienten mit Zirrhose und sepsisbedingter Hypotonie auf 5 % Albumin oder 0,9 % Kochsalzlösung. Eine Normalisierung des Mitteldrucks auf mindestens 65 mmHg nach einer Stunde gelang unter Albumin häufiger (25,3 % gegenüber 11,7 %); daneben sanken die Laktatwerte stärker, und die Sterblichkeit war als sekundärer Endpunkt möglicherweise niedriger (Philips 2021). Die Nachfolgestudie ALPS verglich 20 % Albumin mit einer balancierten Lösung und fand unter hyperonkotischem Albumin häufiger pulmonale Komplikationen, besonders bei Pneumonie, hohem Laktat und hohem SOFA-Wert (Maiwall 2022).
Messfehler Box, ZirrhoseDie Zirrhose-Empfehlung ist keine Freigabe für großzügiges hyperonkotisches Albumin. Sie beruht auf einer offenen Einzentrumsstudie mit 5 % Albumin und einem hämodynamischen Primärendpunkt. Bei Pneumonie und respiratorischer Einschränkung droht unter 20 % Albumin eine Verschlechterung des Gasaustauschs; bei Aszites führt die Dosierung nach Gesamtkörpergewicht leicht zur Überdosierung, und eine Hypotonie durch Varizenblutung verlangt ein anderes Vorgehen als eine sepsisbedingte.

Quellen dieser Ergänzung: Prescott HC, Antonelli M, Alhazzani W, et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2026. Crit Care Med 2026. Philips CA, Maiwall R, Sharma MK, et al. Comparison of 5% human albumin and normal saline for fluid resuscitation in sepsis induced hypotension among patients with cirrhosis (FRISC study): a randomized controlled trial. Hepatol Int 2021;15:983–994. Maiwall R, Kumar A, Pasupuleti SSR, et al. A randomized-controlled trial comparing 20% albumin to plasmalyte in patients with cirrhosis and sepsis-induced hypotension (ALPS trial). J Hepatol 2022;77:670–682.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Nicht nur wie viel, sondern wie funktionell?

Die klassische Intensivmedizin betrachtet Albumin quantitativ: Gemessen wird die Serumkonzentration, infundiert wird eine definierte Menge. Neuere Arbeiten stellen dieser Mengenlogik eine qualitative Perspektive gegenüber. Albumin bindet Medikamente, Fettsäuren, Bilirubin und potenziell toxische Liganden und trägt zur antioxidativen Kapazität bei. Strukturveränderungen, Oxidation und Ligandenbeladung können diese Funktionen beeinträchtigen, ohne dass der Serumwert das zuverlässig abbildet.

Zwei Dimensionen: Menge und FunktionAlbuminmengeSerumalbumin in g/l;Routineparameter,bildet Verdünnung, Verlustund Umverteilung abAlbuminfunktionBindungskapazität (ABiC),Redoxzustand, Ligandenbeladung,Detoxifikation (EPR);derzeit ForschungsparameterKombination ergibt mögliche PhänotypenMenge niedrig,Funktion erhaltenMenge niedrig,Funktion eingeschränktMenge normal,Funktion eingeschränktEigene schematische Darstellung nach dem phänotypbasierten Konzept von Klinkmann et al. 2026.Die Phänotypen sind keine validierte klinische Klassifikation.
Abbildung 2: Konzeptuelle Trennung von Albuminmenge und Albuminfunktion. Eigene schematische Darstellung nach Klinkmann et al. 2026; die Phänotypen sind keine validierte Klassifikation

Was lässt sich heute messen?

Mehrere Forschungsverfahren versuchen, die Funktion abzubilden: die Albumin Binding Capacity (ABiC) sowie EPR-basierte Verfahren. Die ABiC beschreibt semiquantitativ die Belegung beziehungsweise die verfügbare Bindungskapazität an der Sudlow-Bindungsstelle II; EPR-basierte Verfahren erfassen unter anderem Binding Efficiency und Detoxification Efficiency.

Evidence Box, PilotstudieIn einer prospektiven Pilotstudie mit 26 Intensivpatienten (10 mit Sepsis, 6 mit septischem Schock, 10 Kontrollen) waren ABiC, Binding Efficiency und Detoxification Efficiency bei Sepsis und septischem Schock signifikant reduziert; ABiC und Binding Efficiency erreichten AUROC-Werte über 0,8. Die Stichprobe ist zu klein, um Grenzwerte oder Therapieentscheidungen abzuleiten.

Individualisierte Albumin-Theranostik

1 DiagnostikSerumalbumin plusfunktioneller Parameter(ABiC, Redox, EPR)2 PhänotypMenge und Funktiongemeinsam einordnen3 InterventionPräparat, Dosis,Volumenstrategie,Pharmakotherapie anpassen4 Monitoringklinische Antwort undFunktionsparametererneut beurteilenRückkopplungskreis: jede Intervention wird funktionell überprüft.Eigene schematische Neuzeichnung nach Klinkmann et al. 2026. Das Modell ist konzeptionell undbenötigt prospektive klinische Validierung.
Abbildung 3: Konzept eines individualisierten Albumin-Theranostik-Zyklus. Eigene schematische Neuzeichnung nach Klinkmann et al. 2026

Der aktuell diskutierte Ansatz geht über die reine Menge hinaus und fragt nach der Funktion des Albumins. Zur Diagnostik gehört deshalb neben dem Serumalbumin mindestens ein funktioneller Parameter, etwa die Albumin-Bindungskapazität, das Redoxprofil oder Bindungsparameter aus der Elektronenspinresonanz; denn Albumin transportiert nicht nur, es bindet Medikamente, puffert, wirkt antioxidativ und stabilisiert die Glykokalyx, und diese Funktionen leiden bei kritischer Krankheit unabhängig von der Konzentration. Daraus ergeben sich drei Phänotypen: wenig Albumin bei erhaltener Funktion, wenig Albumin bei eingeschränkter Funktion und normale Menge bei eingeschränkter Funktion. Eine phänotypspezifische Behandlung würde Präparat, Dosis, Volumenstrategie und Entwässerung danach ausrichten und auch die Dosierung stark albumingebundener Medikamente berücksichtigen. Schließlich gehört ein Monitoring dazu, das die klinische Antwort und die funktionellen Parameter erneut beurteilt. Das Konzept ist plausibel, aber bisher nicht in Endpunktstudien geprüft.

Für Furosemid zeigte eine prospektive Beobachtungsstudie bei 50 Intensivpatienten, dass eine höhere ABiC mit einem niedrigeren freien Furosemidanteil, einer stärkeren renalen Ausscheidung und einer besseren diuretischen Antwort verbunden war. Das stützt die biologische Relevanz der Albuminfunktion, belegt aber keine funktionsgesteuerte Therapie.

Entscheidender UnterschiedDas Theranostik-Konzept ist eine plausible Forschungsrichtung, aber keine leitliniengestützte Behandlung des septischen Schocks. Maßgeblich bleibt die randomisierte Evidenz zu Albumin.

Das Albumin-Paradox extrakorporaler Verfahren

Extrakorporales VerfahrenDialyse, Hämodiafiltration, CRRTKlassische SichtAlbuminverlust vermeiden;Hypoalbuminämie ist mitungünstiger Prognose assoziiert;Membranen wenig permeabelParadoxe Sichtbegrenzter Albuminverlustentfernt modifiziertes Albuminund gebundene Toxine;Leber synthetisiert nachOffene FrageWie viel Albuminverlust ist nützlich, wie viel schädlich?Für Sepsis fehlt ein randomisierter Wirksamkeitsnachweis.Eigene schematische Darstellung nach van Gelder et al. 2018 und Ward et al. 2019.
Abbildung 4: Albumin-Paradox. Eigene schematische Darstellung nach van Gelder et al. 2018 und Ward et al. 2019

Traditionell gilt Albuminverlust während Hämodialyse oder Hämodiafiltration als unerwünscht, weil Hypoalbuminämie mit ungünstiger Prognose verbunden ist. Mit stärker permeablen Membranen steigt jedoch die Clearance größerer Moleküle und albumingebundener urämischer Toxine. Daraus entstand die Hypothese, dass ein begrenzter Albuminverlust zugleich modifiziertes oder mit Toxinen beladenes Albumin entfernt und die Leber funktionelleres Albumin nachbildet. Die optimale Verlustmenge ist unbekannt.

Bei Sepsis ist verändertes Albumin biologisch plausibel und eine reduzierte Bindungsfunktion beschrieben. Daraus folgt aber nicht, dass eine gezielte extrakorporale Entfernung dysfunktionellen Albumins beim septischen Schock nützt; die Daten stammen überwiegend aus der chronischen Dialyse, ein randomisierter Wirksamkeitsnachweis fehlt.

Nicht verwechselnDas Albumin-Paradox ist ein pathophysiologisches und extrakorporales Forschungskonzept. Es ist keine Empfehlung, bei septischem Schock bewusst Albumin über eine Dialysemembran zu verlieren oder die Nierenersatztherapie entsprechend zu steuern.

Übung 4.1

Übung 4.2

Lektion 5

Evidenzhierarchie, Merksätze und Aufgabenblock

Tabelle 7: Was ist etabliert, was ist Zukunftsmusik?
EbeneStand 2026Konsequenz
etabliertbalancierte Kristalloide als Standard; Albumin nicht routinemäßig zusätzlich; keine zielwertbasierte Substitution allein wegen Hypoalbuminämiebestimmt die klinische Standardpraxis
plausibel, nicht bewiesenselektive Albumingabe nach hoher Kristalloidexposition; möglicher Fluid-Sparing-Effekt; kleine Mortalitätssignale in MetaanalysenIndividualentscheidung, keine generelle Strategie
experimentellABiC- oder EPR-gesteuerte Therapie, funktionelle Phänotypisierung, präparatspezifische Theranostiknur Forschung oder Studienprotokolle
experimentell, extrakorporalkontrollierte Entfernung dysfunktionellen Albumins oder gebundener Toxine über proteinpermeable Membranenkein klinischer Standard beim septischen Schock

Merksätze

  • Balancierte Kristalloide bleiben die Standardflüssigkeit der initialen Resuscitation.
  • Albumin zeigt physiologische Effekte, vor allem eine geringere Flüssigkeitsbelastung; ein sicherer Überlebensvorteil ist nicht belegt.
  • ALBIOS erzeugte ein Schocksignal, ARISS bestätigte es nicht und war unterpowert.
  • Die Metaanalyse 2026 zeigt ein mögliches Signal bei niedriger Evidenzsicherheit.
  • Die Surviving Sepsis Campaign 2026 bevorzugt Kristalloide allein; selektive Anwendung bleibt möglich.
  • Menge und Funktion sind verschiedene Dimensionen; Funktionsassays sind keine Therapie-Trigger.
  • Theranostik und kontrollierte Clearance sind Forschungsansätze.

Fälle

Aufgabe 1: Sechs Liter und weiterhin reagibel

Gegeben:
64 Jahre, septischer Schock bei Peritonitis, sechste Stunde, 6 l balancierte Kristalloide, Noradrenalin 0,45 µg/kg/min, Laktat 4,2 mmol/l, passive Beinhebung weiterhin positiv, zunehmende Ödeme, Serumalbumin 21 g/l.

Frage:
Geben Sie Albumin?

Lösung

Das ist genau die Konstellation, in der die Leitlinie 2026 eine selektive Albumingabe für angemessen hält: hohe Kristalloidexposition, fortbestehende Volumenreagibilität und problematische Bilanz. Vor der Gabe Ursache und Fokus prüfen, Vasopressor und Perfusion neu bewerten. Entscheidend ist die klinische Situation, nicht der Wert von 21 g/l. Ein festes Serumalbuminziel wird nicht verfolgt; nach der Gabe erneut Reagibilität und Perfusion prüfen und früh an die Deeskalation der Flüssigkeit denken.

Aufgabe 2: Albumin 24 g/l bei stabilem Patienten

Gegeben:
58 Jahre, Pneumonie mit Sepsis, kein Schock mehr, Noradrenalin beendet, Bilanz ausgeglichen, Albumin 24 g/l. Die Station fragt, ob substituiert werden soll.

Frage:
Wie antworten Sie?

Lösung

Keine Substitution. Eine isolierte Hypoalbuminämie ist keine Indikation; in ALBIOS und ARISS brachte ein Zielwert von mindestens 30 g/l keinen gesicherten Überlebensvorteil. Der niedrige Wert spiegelt Verteilung, Permeabilität und Akutphasereaktion. Sinnvoll sind Ernährung, Mobilisation und Behandlung der Grunderkrankung sowie eine Verlaufskontrolle.

Aufgabe 3: Frage aus der Fortbildung

Gegeben:
Eine Kollegin schlägt vor, bei septischem Schock die ABiC zu bestimmen und die Albumintherapie danach zu steuern; außerdem solle man über eine proteinpermeable Membran gezielt dysfunktionelles Albumin entfernen.

Frage:
Wie ordnen Sie beides ein?

Lösung

Beides ist Forschung. ABiC und EPR-Parameter sind in kleinen Kohorten bei Sepsis verändert und biologisch plausibel, aber nicht als Trigger für Infusion, Dosis oder Präparatwahl validiert; Grenzwerte fehlen. Die kontrollierte Entfernung dysfunktionellen Albumins beruht auf Daten der chronischen Dialyse; für Sepsis gibt es keinen randomisierten Wirksamkeitsnachweis, und die optimale Verlustmenge ist unbekannt. Einsatz also nur in Studien, die Standardtherapie bleibt unverändert.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
ABiCAlbumin Binding Capacity, semiquantitative Bindungskapazität an der Sudlow-Stelle II
EPRElektronenspinresonanz; erfasst Binding und Detoxification Efficiency
Effektive AlbuminkonzentrationKonzept, das Menge und Funktion zusammenführt
HyperonkotischLösung mit höherem kolloidosmotischem Druck als Plasma, zum Beispiel 20 % Albumin
Albumin-ParadoxHypothese, dass begrenzter Albuminverlust an der Membran zugleich Toxine entfernt
TheranostikVerbindung von Diagnostik und Therapie im Rückkopplungskreis
Optimale InformationsgrößeFallzahl, die eine Metaanalyse für eine belastbare Aussage bräuchte

Literatur

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  10. Prescott HC, Antonelli M, Alhazzani W, et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2026. Crit Care Med 2026.
  11. Klinkmann G, Boss K, Brabandt S; ALBUNET. Albumin im Fokus: neue Perspektiven für die klinische Anwendung in der Intensivmedizin. Die Anaesthesiologie 2026; 75:607–617.
  12. Klinkmann G, Waterstradt K, Klammt S, et al. Exploring albumin functionality assays: a pilot study on sepsis evaluation in intensive care medicine. Int J Mol Sci 2023; 24:12551.
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© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Kapitel des Autors, Evidenzstand 17. September 2026. Die Inhalte dienen der ärztlichen Fortbildung und ersetzen keine individuelle klinische Entscheidung.