Intensivmedizin, Kreislauf

Schockformen, Volumen- und Katecholamintherapie

Schock ist kein Blutdruckwert, sondern ein Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und Sauerstoffbedarf. Wer die Perfusion misst, die Schockform früh einordnet und Flüssigkeit und Vasopressoren gezielt einsetzt, behandelt die Ursache statt der Zahl.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf einer Analyse der Leitlinien und Studien der letzten fünf Jahre (Recherchestand September 2026): ESICM-Leitlinie zu Schock und hämodynamischem Monitoring 2025, Surviving Sepsis Campaign 2026, CLASSIC, CLOVERS, PLUS, ANDROMEDA-SHOCK-2, DanGer Shock und ECLS-SHOCK. Ältere Arbeiten sind als Hintergrund gekennzeichnet.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-020 Intravasale Volumentherapie beim Erwachsenen (S3, Stand 07/2020, gültig bis 20.07.2025): Gültigkeit abgelaufen
  • 011-020 Einsatz der intraaortalen Ballongegenpulsation in der Herzchirurgie (IABP) (S3, Stand 09/2024): gültig
  • 019-013 Infarktbedingter kardiogener Schock: Diagnose, Monitoring und Therapie (S3, Stand 02/2019): Gültigkeit abgelaufen. laut Register abgelaufen
  • 113-002 Intensivpflegerische Versorgung von Patient:innen mit infarktbedingtem kardiogenem Schock (S1, Stand unbekannt): Gültigkeit im Register prüfen. Datum im Register prüfen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Schock pathophysiologisch definieren und die vier Schockformen an ihrem hämodynamischen Profil erkennen.
  • Die Gewebeperfusion bettseitig beurteilen: Rekapillarisierungszeit, Laktat, ScvO₂ und venös-arterielle pCO₂-Differenz.
  • Volumenreagibilität prüfen und Menge und Art der Flüssigkeit nach aktueller Evidenz wählen.
  • Vasopressoren, Inotropika und Kortikosteroide leitliniengerecht einsetzen und Blutdruckziele individualisieren.
  • Kardiogenen, hämorrhagischen, anaphylaktischen und obstruktiven Schock gezielt behandeln.
  • Laufraten, Schockindex und Dosierungen sicher berechnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Fünf Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen mit Literatur.
  2. Drei eigene Abbildungen: hämodynamische Profile, Algorithmus der Erstversorgung, Effektübersicht der Studien.
  3. Jede Empfehlung nennt Quelle und Evidenzgrad. Die physiologischen Grundlagen stehen in den Kursen Kritische DO₂ und Herzzeitvolumen; die Messverfahren in Hämodynamisches Monitoring.

Lektion 1

Definition, Pathophysiologie und Schockformen

Schock ist ein akutes Kreislaufversagen, bei dem die Zellen nicht ausreichend Sauerstoff erhalten oder nicht verwerten können. Die ESICM-Leitlinie 2025 beschreibt als typische Zeichen Hypotonie, Tachykardie und Zeichen der Minderperfusion: gestörte Hautperfusion, verminderte Urinausscheidung und Bewusstseinsänderung. Hypotonie ist häufig, aber keine Voraussetzung; ein normaler Blutdruck schließt einen Schock nicht aus.

DO₂ = HZV × CaO₂ × 10  |  CaO₂ = 1,34 × Hb × SaO₂ + 0,003 × PaO₂Sauerstoffangebot in ml/min; Hb in g/dl; Schock entsteht, wenn DO₂ unter den Bedarf fällt oder die Zelle Sauerstoff nicht nutzen kann

Die vier Schockformen

SchockformHZVSVRZVDEcho-LeitbefundHypovolämisch↓↑↓kleiner, hyperkontraktiler LVschmale, atemvariable VCIKardiogen↓↑↑LV- oder RV-Pumpversagenweite VCI, B-LinienObstruktiv↓↑↑Tamponade, RV-Dilatationoder fehlendes LungengleitenDistributiv↑ ↔↓↓ ↔hyperdynamer LVVCI variabelMischformen sind häufig, zum Beispiel septischer Schock mit septischer Kardiomyopathie.HZV Herzzeitvolumen, SVR systemischer Gefäßwiderstand, ZVD zentraler Venendruck,VCI V. cava inferior, LV und RV linker und rechter Ventrikel. Pfeile: ↑ erhöht, ↓ erniedrigt, ↔ normal.
Abbildung 1: Hämodynamische Profile der vier Schockformen. Eigene Darstellung nach Lehrbuchwissen und ESICM 2025

Vier Grundformen des Schocks werden unterschieden, und sie beschreiben, an welcher Stelle des Kreislaufs das Problem sitzt. Beim hypovolämischen Schock fehlt Volumen, durch Blutung oder durch Flüssigkeitsverluste bei Erbrechen, Durchfall oder Verbrennung; die Vorlast fällt, und das Herz kann kein ausreichendes Schlagvolumen mehr bilden. Beim kardiogenen Schock versagt die Pumpe selbst, durch Infarkt, Kardiomyopathie, Rhythmusstörung oder Klappenversagen, und vor dem versagenden Ventrikel staut sich das Blut. Beim obstruktiven Schock behindert ein mechanisches Hindernis Füllung oder Auswurf, bei Lungenembolie, Perikardtamponade oder Spannungspneumothorax. Beim distributiven Schock schließlich sind Gefäßtonus und Verteilung des Blutflusses gestört, bei Sepsis, Anaphylaxie, neurogenem Schock oder schwerer Leberinsuffizienz; das Herzzeitvolumen ist dann oft normal oder sogar hoch, und die Perfusion des Gewebes ist trotzdem unzureichend. In der Praxis mischen sich die Formen häufig, etwa beim septischen Schock mit septischer Kardiomyopathie.

Der septische Schock ist nach Sepsis-3 (Hintergrund, 2016) definiert als Sepsis mit Vasopressorbedarf für einen MAP von mindestens 65 mmHg und Laktat über 2 mmol/l trotz ausreichender Volumengabe.

Physiologie BoxDer Schockindex (Herzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck) steigt, bevor der Blutdruck fällt, weil die Tachykardie das sinkende Schlagvolumen zunächst kompensiert. Werte über 1 sprechen für einen relevanten Volumenverlust oder eine Kreislaufinsuffizienz; er ersetzt aber keine Perfusionsbeurteilung.

Übung 1.1

Übung 1.2

Übung 1.3, Rechenaufgabe

Ein Patient hat eine Herzfrequenz von 126/min und einen Blutdruck von 84/46 mmHg. Berechnen Sie den Schockindex (zwei Nachkommastellen) und den mittleren arteriellen Druck (ganzzahlig, MAP = diastolisch + ein Drittel der Blutdruckamplitude).

Lektion 2

Perfusion beurteilen und die Schockform einordnen

Perfusionszeichen

Tabelle 1: Perfusionsparameter am Bett (ESICM 2025)
ParameterAuffälligBewertung
Rekapillarisierungszeit (CRT)über 3 s (Glasspatel am Zeigefinger, 10 s Druck)soll überwacht werden, ergänzt durch Hauttemperatur und Marmorierung (Good-Practice-Aussage); reagiert innerhalb von Minuten
Laktatüber 2 mmol/lserielle Messung; fällt langsamer als die CRT, auch nichtperfusionsbedingt erhöht (Adrenalin, Leberversagen, Metformin)
ScvO₂unter 70 % (niedrig) oder hoch bei Extraktionsstörungbei liegendem ZVK seriell messen
Pv-aCO₂-Differenzüber 6 mmHgHinweis auf unzureichenden Fluss, auch bei normaler ScvO₂
Urinausscheidung, Bewusstseinunter 0,5 ml/kg/h, VerwirrtheitOrganfunktion als Endpunkt

Monitoring

Für das Monitoring im Schock empfiehlt die europäische intensivmedizinische Fachgesellschaft ein gestuftes Vorgehen. Eine arterielle Kanüle wird gelegt, wenn der Schock nicht auf die Initialtherapie anspricht oder Vasopressoren nötig sind, weil die nichtinvasive Messung dann unzuverlässig wird und häufige Blutgasanalysen anstehen. Die Echokardiographie ist das erste Werkzeug zur Einordnung der Schockform und verändert nachweislich die Therapie; sie wird auch bei laufender Herzzeitvolumenmessung wiederholt, weil sich die Situation ändert. Eine Messung von Herzzeitvolumen oder Schlagvolumen ist angezeigt, wenn der Patient nicht auf die Initialtherapie anspricht; dann kommen die transpulmonale Thermodilution oder, bei Rechtsherzproblemen und pulmonaler Hypertonie, der Pulmonalarterienkatheter in Betracht. Der zentrale Venendruck wird gemessen, wenn ohnehin ein zentraler Zugang liegt; als Einzelwert sagt er nichts über die Volumenreagibilität, hilft aber bei der Einordnung einer Stauung. Und der intraabdominelle Druck wird bei entsprechenden Risikofaktoren seriell gemessen, weil eine intraabdominelle Hypertension Kreislauf, Nierenfunktion und Beatmung zugleich verschlechtert.

Evidence BoxDie ESICM-Leitlinie 2025 (50 Aussagen, GRADE) stützt viele Monitoringaussagen auf Expertenkonsens („ungraded good practice statements“), weil randomisierte Studien fehlen. Der Einfluss der Echokardiographie auf die Therapie ist dagegen belegt. ANDROMEDA-SHOCK-2 (2025) zeigt, dass eine CRT-gesteuerte Strategie klinische Endpunkte verbessern kann (siehe Lektion 4).

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Flüssigkeitstherapie: ob, wie viel und welche

Volumenreagibilität

Nur etwa die Hälfte der Patienten im Schock steigert das Schlagvolumen nach einem Bolus. Deshalb wird vor jedem weiteren Bolus nach der Initialphase geprüft, ob der Patient volumenreagibel ist. Die SSC 2026 schlagen dynamische Parameter statt körperlicher Untersuchung oder statischer Werte allein vor.

Ob Volumen hilft, wird mit dynamischen Tests geprüft. Beim passiven Beinheben wird der Oberkörper aus 45 Grad flach gelegt und die Beine werden auf 45 Grad angehoben; das verschiebt etwa 300 ml Blut aus den Beinen in den Thorax und wirkt wie ein reversibler Volumenbolus. Steigt das Schlagvolumen oder das Herzzeitvolumen innerhalb einer Minute um mindestens 10 %, spricht das für Volumenreagibilität. Gemessen wird mit einem Echtzeitverfahren, nicht am Blutdruck, der zu träge und zu unspezifisch reagiert. Der endexspiratorische Okklusionstest nutzt eine 15 Sekunden lange endexspiratorische Pause, die den venösen Rückstrom kurzfristig erhöht; ein Anstieg des Herzzeitvolumens um mindestens 5 % gilt als positiv, und er ist bei beatmeten Patienten ohne Spontanatmung eine gute Alternative zum Beinheben. Pulsdruck- und Schlagvolumenvariation sind nur unter kontrollierter Beatmung mit ausreichendem Tidalvolumen und bei Sinusrhythmus verwertbar.

Anstieg (%) = (SV nach PLR − SV vorher) / SV vorher × 100positiv ab 10 %; ein Test ohne Flüssigkeitsgabe, voll reversibel

Wie viel?

Nach der Initialbehandlung (30 ml/kg bei sepsisbedingter Hypotonie) schlagen die SSC 2026 bei anhaltender Minderperfusion eine liberale oder eine restriktive Strategie nach individuellen Faktoren vor. Grundlage sind zwei große Studien ohne Unterschied in der Sterblichkeit:

Tabelle 2: Restriktive gegen liberale Flüssigkeitsgabe
StudiePopulationTrennungPrimärer Endpunkt
CLASSIC (NEJM 2022), n = 1 554septischer Schock auf der IntensivstationBoli nur bei definierten Kriterien90-Tage-Sterblichkeit 42,3 % gegen 42,1 %
CLOVERS (NEJM 2023), n = 1 563sepsisbedingte Hypotonie in der Notaufnahme nach 1 bis 3 lin 6 h median 500 gegen 2 300 ml; mehr Vasopressoren restriktivTod vor Entlassung bis Tag 90: 14,0 % gegen 14,9 %
A Sterblichkeit, absolute Differenz (Prozentpunkte)−10−50510CLASSIC 2022restriktiv, n = 1 554CLOVERS 2023restriktiv, n = 1 563weniger Todesfällemehr TodesfälleB Sterblichkeit, relatives Maß (logarithmische Achse)0,50,7511,52DanGer Shock 2024Mikroaxialpumpe, HR, 180 dECLS-SHOCK 2023VA-ECMO, RR, 30 dANDROMEDA-SHOCK-2 2025CRT-Algorithmus, HR, 28 dVorteil InterventionNachteilPunkte: Schätzer; Linien: 95-%-Konfidenzintervall. Eigene Darstellung der publizierten Werte.
Abbildung 2: Effektübersicht. A: absolute Differenzen der Sterblichkeit in den Flüssigkeitsstudien; B: relative Effekte in ANDROMEDA-SHOCK-2 und den Studien zum kardiogenen Schock. Eigene Darstellung der publizierten Werte

Folgerung: Die Menge ist weniger entscheidend als die gezielte Gabe. Flüssigkeit schadet, sobald sie das Herz nicht mehr steigert; Stauungszeichen (steigender ZVD, B-Linien, VExUS) beenden die Volumengabe. Nach Stabilisierung folgt die Deeskalation mit aktivem Flüssigkeitsentzug (ESICM-Flüssigkeitsleitlinie 2025, Teil 3).

Messfehler BoxIn der Sekundäranalyse von CLOVERS starben Patienten mit fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung restriktiv seltener (21,7 % gegen 39,4 %). Das ist eine hypothesengenerierende Subgruppe, keine Beleg für eine allgemeine Restriktion.

Welche Flüssigkeit?

Für die Flüssigkeitstherapie gilt: Zur initialen Volumengabe werden balancierte Kristalloide gegenüber physiologischer Kochsalzlösung bevorzugt. Die großen randomisierten Studien zeigen dabei keine eindeutigen Unterschiede in der Sterblichkeit, in PLUS (NEJM 2022) mit 5 037 Patienten 21,8 gegenüber 22,0 % nach 90 Tagen; größere Mengen Kochsalzlösung führen aber zur hyperchlorämischen Azidose, und in Metaanalysen zeigt sich ein kleiner Vorteil für balancierte Lösungen. Albumin kann erwogen werden, wenn sehr große Mengen Kristalloid nötig sind, während Gelatine und Hydroxyethylstärke wegen Nierenversagen und Gerinnungsstörungen nicht mehr eingesetzt werden. Bei Blutung wird Blut gegeben; im septischen Schock gilt eine restriktive Transfusionsschwelle von etwa 7 g/dl.

Übung 3.1

Übung 3.2

Übung 3.3, Rechenaufgabe

Vor dem Passive Leg Raising misst die Pulskonturanalyse ein Schlagvolumen von 52 ml, eine Minute danach 58 ml. Wie groß ist der Anstieg in Prozent (eine Nachkommastelle), und ist der Patient volumenreagibel? Geben Sie 1 für ja, 0 für nein ein.

Lektion 4

Vasopressoren, Inotropika und Kortikosteroide

1 ErkennenHypotonie, Tachykardie, Minderperfusion2 Perfusion messenRekapillarisierungszeit, Laktat,Urin, Bewusstsein, Marmorierung3 Ursache behandeln, EchoSchockform einordnen, Blutung,Infektion, Tamponade, Pneumothorax4a Volumenreagibel?PLR oder Okklusionstest positiv:Bolus balanciertes Kristalloid,danach neu bewerten4b VasopressorNoradrenalin, MAP 65 mmHg(ab 65 Jahren 60 bis 65);früh, auch parallel zu 4a5 Minderperfusion persistiert?arterielle Kanüle, HZV-Messung, serielles Echo;Vasopressin, Inotropikum bei Pumpversagen,Hydrocortison bei septischem Schock6 Deeskalieren: Flüssigkeit entfernen, wenn stabil
Abbildung 3: Algorithmus der Erstversorgung im Schock. Eigene Darstellung nach ESICM 2025 und SSC 2026

Blutdruckziel

Beim Blutdruckziel hat sich der Grundsatz „so viel wie nötig“ durchgesetzt. Im septischen Schock wird initial ein mittlerer arterieller Druck von 65 mmHg angestrebt statt höherer Ziele, praktisch als Bereich von etwa fünf mmHg um diesen Wert. Bei Patientinnen und Patienten ab 65 Jahren ist ein Ziel von 60 bis 65 mmHg sinnvoll; die randomisierte 65-Studie und eine Metaanalyse der Leitliniengruppe fanden bei älteren Patienten mit dem niedrigeren Ziel eine geringere Sterblichkeit bei weniger Vasopressorexposition. Individualisiert wird trotzdem: Bei chronischer Hypertonie oder hohem zentralem Venendruck kann ein höheres Ziel sinnvoll sein, wenn sich die Perfusionszeichen unter dem höheren Druck tatsächlich bessern; im kardiogenen Schock wird initial ein Druck von mindestens 65 mmHg angestrebt.

Substanzen

Tabelle 3: Vasoaktive Substanzen
SubstanzWirkungEinsatzÜbliche Dosis
Noradrenalinα₁ stark, β₁ mäßigerstes Mittel im septischen und in den meisten anderen Schockformen (SSC 2026, bedingt)0,05 bis 0,5 µg/kg/min, keine feste Obergrenze
VasopressinV₁-Rezeptor, katecholaminunabhängigzweites Mittel, meist ab 0,25 bis 0,5 µg/kg/min Noradrenalin0,03 IE/min
Adrenalinα und βzusätzlich, wenn Noradrenalin und Vasopressin nicht reichen (SSC 2026); Anaphylaxie; als Alternative zu Dobutamin plus Noradrenalin0,05 bis 0,5 µg/kg/min
Dobutaminβ₁, Vasodilatationkardiale Dysfunktion mit anhaltender Minderperfusion trotz Volumen und Blutdruck2,5 bis 10 µg/kg/min
Levosimendan, MilrinonKalziumsensitizer, PDE-3-Hemmungkardiogener Schock, Betablocker-Vorbehandlung; Hypotonie beachtennach Fachinformation
HydrocortisonKortikosteroidseptischer Schock (SSC 2026, bedingt)200 mg/d, verteilt oder kontinuierlich
Laufrate (ml/h) = Dosis (µg/kg/min) × Gewicht (kg) × 60 / Konzentration (µg/ml)Noradrenalin 5 mg auf 50 ml = 100 µg/ml

Noradrenalin wird früh gegeben, auch parallel zur Volumengabe; eine vorübergehende periphere Gabe über eine gut liegende großlumige Vene ist möglich, bis ein ZVK liegt. Betablocker empfehlen die SSC 2026 im septischen Schock nicht.

Perfusionsgesteuerte Therapie: ANDROMEDA-SHOCK-2

In dieser offenen randomisierten Studie (JAMA 2025) mit 1 467 Patienten an 86 Intensivstationen wurde die Kreislauftherapie im frühen septischen Schock über sechs Stunden stündlich an der Rekapillarisierungszeit ausgerichtet, und zwar in zwei Stufen. Auf der ersten Stufe wurden bei auffälliger Rekapillarisierungszeit ein Pulsdruck über 40 mmHg und ein diastolischer Druck über 50 mmHg angestrebt, mit Flüssigkeit, die nur nach positivem Reagibilitätstest und höchstens bis zu einem Liter gegeben wurde, oder mit Noradrenalin. Auf der zweiten Stufe folgte die Echokardiographie: Bei Volumenreagibilität wurde erneut Flüssigkeit gegeben, bei vorbestehender Hypertonie ein Test mit einem Zieldruck von 80 bis 85 mmHg über eine Stunde durchgeführt, sonst ein Dobutamintest mit 5 µg/kg/min über eine Stunde; blieb die Perfusion schlecht, folgten Rescue-Therapien. Der Ansatz ersetzt damit ein starres Druckziel durch die wiederholte Prüfung, ob eine Maßnahme die Perfusion tatsächlich verbessert.

Die Strategie war im hierarchischen Endpunkt überlegen (Win Ratio 1,16; 95 % KI 1,02 bis 1,33), vor allem durch weniger Tage mit Organersatz; die 28-Tage-Sterblichkeit war gleich (26,5 % gegen 26,6 %). Die Patienten erhielten weniger Flüssigkeit (600 gegen 850 ml in sechs Stunden).

Evidence Box, EinordnungStärken: große, multinationale Studie mit Schulung und Protokollkontrolle, kurze Zeit bis zur Randomisierung (median 2 h). Grenzen: offen, Bündelintervention (unklar, welcher Baustein wirkt), Rekrutierung überwiegend in Spanien und Lateinamerika, Effekt vor allem bei schwerer Erkrankten (APACHE II über 19). Praktische Folgerung: Die CRT eignet sich als schnell reagierendes Ziel neben Laktat, MAP und Urinausscheidung.

Übung 4.1

Übung 4.2

Übung 4.3, Rechenaufgabe

Ein Patient mit 80 kg braucht Noradrenalin 0,15 µg/kg/min. Der Perfusor enthält 5 mg auf 50 ml. Wie viele µg/min sind das, und welche Laufrate in ml/h stellen Sie ein (eine Nachkommastelle)?

Lektion 5

Kardiogener, hämorrhagischer, anaphylaktischer und obstruktiver Schock

Kardiogener Schock

Im kardiogenen Schock steht die Ursache an erster Stelle: Beim Infarkt ist die sofortige Revaskularisation des Infarktgefäßes entscheidend, und Rhythmusstörungen sowie mechanische Komplikationen wie Papillarmuskelabriss oder Ventrikelseptumdefekt müssen früh erkannt werden. Die Einordnung erfolgt nach der SCAI-Klassifikation in die Stadien A bis E, von der Risikosituation ohne Schock bis zum refraktären Schock, und ein Schockteam aus Kardiologie, Intensivmedizin und Herzchirurgie wird früh eingebunden. Medikamentös werden Vasopressor und Inotropikum kombiniert: Noradrenalin für den Perfusionsdruck, Dobutamin oder Levosimendan für die Kontraktilität; Volumen wird nur nach nachgewiesener Reagibilität gegeben, weil der gestaute Kreislauf es sonst schlecht verträgt. Für die mechanische Kreislaufunterstützung gilt nach der Studienlage ein selektives Vorgehen:

Tabelle 4: Mechanische Kreislaufunterstützung im infarktbedingten kardiogenen Schock
StudieInterventionErgebnisNebenwirkungen
DanGer Shock (NEJM 2024), n = 355, STEMI ohne komatöse ReanimierteMikroaxialpumpe (Impella CP) plus Standard180-Tage-Sterblichkeit 45,8 % gegen 58,5 %; HR 0,74 (0,55 bis 0,99); NNT 8Sicherheitsendpunkt (schwere Blutung, Extremitätenischämie, Hämolyse, Geräteversagen, zunehmende Aorteninsuffizienz) 24,0 % gegen 6,2 %, RR 4,74, NNH 6; mittelschwere oder schwere Blutung RR 2,06; Nierenersatztherapie RR 1,98
ECLS-SHOCK (NEJM 2023), n = 420frühe VA-ECMO plus Standard30-Tage-Sterblichkeit 47,8 % gegen 49,0 %; RR 0,98 (0,80 bis 1,19)mehr Blutungen und Gefäßkomplikationen
Evidence BoxDanGer Shock ist die erste randomisierte Studie mit Überlebensvorteil einer mechanischen Unterstützung, aber in einem streng ausgewählten Kollektiv (STEMI, LVEF unter 45 %, Laktat über 2,5 mmol/l, keine komatösen Reanimierten, kein Rechtsherzversagen) und mit deutlich mehr Komplikationen. Eine routinemäßige VA-ECMO beim infarktbedingten Schock ist durch ECLS-SHOCK nicht gestützt. Die Details zur ECMO stehen in der Lerneinheit ECMO.

Hämorrhagischer Schock

  • Blutung stoppen hat Vorrang: Kompression, Tourniquet, Beckenschlinge, chirurgische oder interventionelle Blutstillung.
  • Permissive Hypotension ohne Schädel-Hirn-Trauma: systolisch 80 bis 90 mmHg (MAP 50 bis 60) bis zur Blutungskontrolle; bei SHT mit GCS ≤ 8 MAP mindestens 80 mmHg (ESICM 2025).
  • Tranexamsäure früh, innerhalb von 3 Stunden (1 g, dann 1 g über 8 h); Blutprodukte früh und ausgewogen; zielgerichtete Gerinnungstherapie; Hypothermie, Azidose und Hypokalzämie vermeiden (europäische Traumaleitlinie 2023).
  • Kristalloide zurückhaltend; Vasopressoren nur, wenn trotz Volumen und Blut der Zieldruck nicht erreicht wird.

Anaphylaktischer Schock

  • Adrenalin i.m. sofort in den seitlichen Oberschenkel: 0,01 mg/kg, bei Erwachsenen höchstens 0,5 mg, wiederholbar nach 5 bis 10 Minuten (EAACI 2022, S2k-Leitlinie 2021).
  • Auslöser stoppen, Beine hoch, Sauerstoff, großzügig Volumen (Kristalloid).
  • Bei Therapieresistenz Adrenalin i.v. titriert unter Monitoring; Antihistaminika und Glukokortikoide sind nachrangig und ersetzen Adrenalin nicht.
  • Perioperativ häufige Auslöser: Muskelrelaxanzien, Antibiotika, Chlorhexidin, Latex; Tryptase 1 bis 2 Stunden nach Beginn bestimmen.

Obstruktiver Schock

Tabelle 5: Obstruktiver Schock
UrsacheHinweiseTherapie
Lungenembolierechtsventrikuläre Dilatation, D-Zeichen, Thrombosesystemische Lyse bei Hochrisiko; kathetergestützte oder chirurgische Verfahren; vorsichtige Volumengabe, Noradrenalin
PerikardtamponadeErguss mit diastolischem Kollaps, gestaute VCI, Pulsus paradoxusPerikardpunktion oder chirurgische Entlastung; bis dahin Volumen
Spannungspneumothoraxfehlendes Lungengleiten, Trachealverlagerung, Beatmungsdruckanstiegsofortige Entlastung, dann Thoraxdrainage

Übung 5.1

Übung 5.2

Übung 5.3, Rechenaufgabe

Ein Kind mit 20 kg entwickelt nach einem Wespenstich eine Anaphylaxie mit Hypotonie. Wie viel Adrenalin geben Sie i.m. (mg), und wie viele Milliliter der unverdünnten Lösung 1 mg/ml sind das?

Lektion 6

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Schock am Blutdruck festmachen und die Perfusion nicht messen.
  • Nach der Initialphase Flüssigkeit ohne Reagibilitätstest geben.
  • Noradrenalin hinauszögern, bis „genug“ Volumen gegeben ist.
  • Bei älteren Patienten starr einen hohen MAP erzwingen.
  • Das Echo erst spät machen und damit die Schockform verkennen.
  • Beim Trauma normotensive Werte anstreben, solange die Blutung läuft.
  • Bei Anaphylaxie Antihistaminika statt Adrenalin geben.

Merksätze

  • Schock ist Minderperfusion, nicht Hypotonie; CRT, Laktat, Urin und Bewusstsein seriell bewerten.
  • Echo zuerst: Welche Schockform liegt vor?
  • Flüssigkeit nur, wenn das Herz davon profitiert; balancierte Kristalloide.
  • Noradrenalin früh; MAP 65 mmHg, ab 65 Jahren 60 bis 65 mmHg; individualisieren.
  • Vasopressin als zweites Mittel, Inotropikum bei Pumpversagen, Hydrocortison im septischen Schock.
  • Kardiogen: Revaskularisation, Schockteam, Mikroaxialpumpe selektiv, keine routinemäßige VA-ECMO.
  • Blutung: stoppen, permissive Hypotension ohne SHT, Tranexamsäure früh.
  • Anaphylaxie: Adrenalin i.m. 0,01 mg/kg, sofort.

Fälle

Aufgabe 1: Septischer Schock bei einer 78-Jährigen

Gegeben:
78 Jahre, Urosepsis, nach 2 l Kristalloid MAP 58 mmHg, Laktat 4,1 mmol/l, CRT 5 s, Herzfrequenz 112/min, marmorierte Knie. Kein ZVK.

Frage:
Wie gehen Sie in der ersten Stunde vor?

Lösung

Antibiotika sofort (innerhalb einer Stunde) und Fokussanierung planen. Noradrenalin jetzt beginnen, vorübergehend peripher über eine gut liegende Vene; Ziel MAP 60 bis 65 mmHg wegen des Alters, dann an der Perfusion ausrichten. Arterielle Kanüle. Echo: Schockform und Pumpfunktion. Vor weiterer Flüssigkeit PLR mit Echtzeitmessung; bei Reagibilität balanciertes Kristalloid in kleinen Boli und erneut prüfen. CRT stündlich, Laktat alle 2 Stunden. Bei steigendem Noradrenalinbedarf Vasopressin und Hydrocortison erwägen; bei kardialer Dysfunktion mit anhaltender Minderperfusion Dobutamin.

Aufgabe 2: Hypotonie nach Vorderwandinfarkt

Gegeben:
62 Jahre, STEMI, Blutdruck 82/60 mmHg unter Noradrenalin, Laktat 3,5 mmol/l, LVEF 25 %, wach, kein Rechtsherzversagen, Rasselgeräusche.

Frage:
Welche Maßnahmen priorisieren Sie?

Lösung

Kardiogener Schock (SCAI mindestens C). Sofortige Koronarangiographie mit Revaskularisation des Infarktgefäßes, Schockteam. Keine Volumengabe bei Stauung ohne Reagibilitätsnachweis. Noradrenalin für MAP 65 mmHg, Inotropikum nach Echo. Das Profil entspricht den Einschlusskriterien von DanGer Shock; eine Mikroaxialpumpe kann erwogen werden, mit Blick auf Blutungs- und Gefäßkomplikationen. Eine routinemäßige VA-ECMO ist nicht belegt.

Aufgabe 3: Abfall nach Narkoseeinleitung

Gegeben:
Fünf Minuten nach Gabe von Rocuronium und Cefazolin: Blutdruck 60/30 mmHg, Herzfrequenz 130/min, Beatmungsdruck steigt, Flush am Oberkörper.

Frage:
Was liegt vor, und was tun Sie?

Lösung

Wahrscheinlich perioperative Anaphylaxie (Schweregrad III bis IV). Hilfe holen, Zufuhr möglicher Auslöser stoppen, 100 % Sauerstoff, Adrenalin: beim bereits überwachten Patienten titriert i.v. in kleinen Boli (zum Beispiel 50 bis 100 µg beim Erwachsenen), sonst 0,5 mg i.m.; rasch Kristalloid 20 ml/kg, Beine hoch; bei Bronchospasmus zusätzlich inhalative β₂-Mimetika. Operation abbrechen oder verschieben. Tryptase nach 1 bis 2 Stunden und nach 24 Stunden; allergologische Abklärung.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 12 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar; die Antworten erscheinen jedes Mal in neuer Reihenfolge.

Zum Nachschlagen

Begriffe, Formeln und Literatur

BegriffBedeutung
CRTRekapillarisierungszeit, auffällig über 3 s
DO₂Sauerstoffangebot = HZV × CaO₂ × 10
MAPmittlerer arterieller Druck ≈ diastolisch + (systolisch − diastolisch) / 3
SchockindexHerzfrequenz / systolischer Blutdruck; über 1 auffällig
PLRPassive Leg Raising; Schlagvolumenanstieg ab 10 % spricht für Volumenreagibilität
EEOTendexspiratorischer Okklusionstest; HZV-Anstieg ab 5 %
Pv-aCO₂venös-arterielle pCO₂-Differenz; über 6 mmHg spricht für zu geringen Fluss
SCAIStadieneinteilung des kardiogenen Schocks (A bis E)
VExUSUltraschallgraduierung der venösen Stauung
Win RatioVerhältnis der „gewonnenen“ zu „verlorenen“ Patientenpaaren in einem hierarchischen Endpunkt; über 1 zugunsten der Intervention

Leitlinien

  1. Monnet X, Messina A, Greco M, et al. ESICM guidelines on circulatory shock and hemodynamic monitoring 2025. Intensive Care Med 2025; 51:1971–2012. doi:10.1007/s00134-025-08137-z
  2. Prescott HC, Antonelli M, Alhazzani W, et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2026. Crit Care Med 2026; 54:725–812. doi:10.1097/CCM.0000000000007075
  3. Mekontso Dessap A, AlShamsi F, Belletti A, et al. ESICM 2025 clinical practice guideline on fluid therapy in adult critically ill patients, part 2: the volume of resuscitation fluids. Intensive Care Med 2025; 51:461–477.
  4. Ostermann M, Alshamsi F, Artigas Raventos A, et al. ESICM clinical practice guideline on fluid therapy in adult critically ill patients, part 3: fluid removal at de-escalation phase. Intensive Care Med 2025.
  5. Rossaint R, Afshari A, Bouillon B, et al. The European guideline on management of major bleeding and coagulopathy following trauma: sixth edition. Crit Care 2023; 27:80.
  6. Muraro A, Worm M, Alviani C, et al. EAACI guidelines: anaphylaxis (2021 update). Allergy 2022; 77:357–377.
  7. Ring J, Beyer K, Biedermann T, et al. Leitlinie zu Akuttherapie und Management der Anaphylaxie, Update 2021. Allergo J Int 2021; 30:1–25.

Studien

  1. Meyhoff TS, Hjortrup PB, Wetterslev J, et al. Restriction of intravenous fluid in ICU patients with septic shock (CLASSIC). N Engl J Med 2022; 386:2459–2470.
  2. National Heart, Lung, and Blood Institute PETAL Network; Shapiro NI, Douglas IS, Brower RG, et al. Early restrictive or liberal fluid management for sepsis-induced hypotension (CLOVERS). N Engl J Med 2023; 388:499–510.
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Hintergrund, älter als fünf Jahre

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  2. Hernández G, Ospina-Tascón GA, Damiani LP, et al. Effect of a resuscitation strategy targeting peripheral perfusion status vs serum lactate levels (ANDROMEDA-SHOCK). JAMA 2019; 321:654–664.

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