Intensivmedizin, Verlauf

Delirmanagement

Das Delir ist ein akutes Hirnversagen: häufig, oft übersehen, mit Folgen für Überleben und Kognition. Wer es jede Schicht sucht, vorbeugt statt zu sedieren und Antipsychotika nur gezielt einsetzt, folgt der Evidenz.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf einer Analyse der Leitlinien und Studien der letzten fünf Jahre (Recherchestand September 2026): S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement (DAS 2021), ESAIC-Leitlinie zum postoperativen Delir 2024, AID-ICU, MENDS2 und A2B. Ältere Arbeiten (PADIS 2018, MIND-USA) sind als Hintergrund gekennzeichnet.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-012 Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie) (S3, Stand 03/2021, gültig bis 30.03.2026): Gültigkeit abgelaufen
  • 109-001 Delir im höheren Lebensalter (S3, Stand 04/2025, gültig bis 29.04.2029): gültig
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Delir definieren, die Subtypen unterscheiden und Risikofaktoren erkennen.
  • Mit CAM-ICU oder ICDSC jede Schicht screenen und die Sedierungstiefe mit dem RASS steuern.
  • Das ABCDEF-Bündel und die nichtmedikamentöse Prävention umsetzen.
  • Die Evidenz zu Haloperidol, Dexmedetomidin und Benzodiazepinen einordnen und ein hyperaktives Delir sicher behandeln.
  • Perioperative Maßnahmen gegen das postoperative Delir anwenden.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Screening-Algorithmus und Effektübersicht der Studien.
  3. Die Narkosetiefe und ihre Bedeutung für das postoperative Delir behandelt die Einheit Narkosetiefe; die Folgen der Intensivbehandlung die Einheit Nach der Intensivstation.

Lektion 1

Definition, Subtypen, Risikofaktoren und Folgen

Das Delir ist eine akut auftretende, fluktuierende Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein mit Denkstörung, die durch eine körperliche Ursache erklärt wird (DSM-5, ICD-11). Auf Intensivstationen betrifft es 30 bis 50 % der beatmeten Patientinnen und Patienten, nach großen Operationen bei über 65-Jährigen 15 bis 50 %.

Tabelle 1: Subtypen
SubtypAnteilMerkmale
hypoaktivetwa 50 bis 60 %Antriebsarmut, verlangsamt, still; wird ohne Screening übersehen; schlechtere Prognose
hyperaktivunter 10 %Agitation, Zugänge ziehen, Halluzinationen; fällt auf, wird oft übersediert
gemischt30 bis 40 %Wechsel innerhalb von Stunden

Risikofaktoren

Das Delir entsteht nach dem Modell von Inouye aus dem Zusammentreffen einer vorbestehenden Verletzlichkeit mit akuten Auslösern: Je größer die Verletzlichkeit, desto kleiner muss der Auslöser sein. Zu den prädisponierenden Faktoren gehören höheres Alter, eine vorbestehende kognitive Einschränkung oder Demenz, Gebrechlichkeit, Seh- und Hörstörungen, eine Alkoholkrankheit, eine Depression und die Summe der Vorerkrankungen. Ein sehr alter, kognitiv eingeschränkter Patient kann bereits durch einen Harnwegsinfekt delirant werden, ein junger, gesunder erst durch einen septischen Schock.

Zu den auslösenden Faktoren gehören auf der Intensivstation die Krankheit selbst, also Sepsis, Hypoxie, Schock und Stoffwechselstörungen von Natrium, Glukose und Harnstoff, ebenso aber die Bedingungen der Behandlung: Schmerz, Harnverhalt, Obstipation, Immobilisation, Schlafentzug, Lärm und fehlende Orientierung. Hinzu kommen Medikamente, vor allem Benzodiazepine, anticholinerg wirksame Substanzen, hoch dosierte Opioide und die tiefe Sedierung. Das ist die wichtigste Botschaft dieser Aufzählung: Ein großer Teil der Auslöser ist von der Behandlung selbst gemacht und damit vermeidbar. Die Bedeutung ist erheblich, denn ein Delir ist mit längerer Beatmungsdauer, höherer Sterblichkeit und in Langzeituntersuchungen mit bleibenden kognitiven Einbußen verbunden, deren Ausmaß mit der Delirdauer zunimmt.

Folgen: längere Beatmung und Liegedauer, höhere Sterblichkeit, langfristige kognitive Störung; die Dauer des Delirs korreliert mit dem kognitiven Ergebnis nach einem Jahr.

Physiologie BoxPathophysiologisch verbinden sich Neuroinflammation, gestörte Neurotransmission (cholinerges Defizit, dopaminerger und GABAerger Überschuss), Störung der Blut-Hirn-Schranke und Schlaf-Wach-Störung. Das erklärt, warum anticholinerge Medikamente, Benzodiazepine und Infektionen auslösen und warum eine Schlafförderung vorbeugt.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Screening, Sedierungsziel und Analgesie

Jede Schicht: RASS bestimmenund bei jeder VerschlechterungRASS −4 oder −5nicht erweckbar oder nur aufSchmerzreiz: kein ScreeningRASS −3 bis +4erweckbar: CAM-ICUdurchführen1 Akuter Beginn oder Fluktuation?nein: kein Delir, weiter screenen2 Aufmerksamkeit gestört?Buchstabentest SAVEAHAART,mehr als 2 Fehler: ja3 RASS ≠ 0 oder 4 Denkstörung?Ja-Nein-Fragen, mehr als1 Fehler; AufforderungDelir, wenn 1 + 2 + (3 oder 4)Ziel-RASS 0 bis −1:wach, ruhig, kooperativ.Tiefe Sedierung nur mitIndikation, täglich prüfen.Alternativen:ICDSC (8 Merkmale, ab 4 Punkten);postoperativ Nu-DESC oder 4ATbis Tag 5.
Abbildung 1: Screening mit RASS und CAM-ICU. Eigene Darstellung nach der DAS-Leitlinie 2021
  • Wann: mindestens einmal pro Schicht und bei jeder Veränderung (DAS-Leitlinie 2021); Ergebnis dokumentieren.
  • RASS zuerst: Bei RASS −4 oder −5 ist kein Screening möglich (Koma); bei −3 bis +4 folgt die CAM-ICU.
  • CAM-ICU: 1 akuter Beginn oder fluktuierender Verlauf, 2 Aufmerksamkeitsstörung (Buchstabentest: bei „A“ drücken, mehr als 2 Fehler), 3 verändertes Bewusstsein (RASS ≠ 0) oder 4 Denkstörung (Ja-Nein-Fragen, Aufforderung). Delir bei 1 + 2 + (3 oder 4).
  • ICDSC: acht Merkmale über die Schicht, Delir ab 4 Punkten; erfasst auch subsyndromale Formen.
  • Postoperativ: Nu-DESC oder 4AT im Aufwachraum und auf der Station bis zum fünften Tag (ESAIC 2024).

Sedierung und Analgesie

  • Ziel-RASS 0 bis −1: wach, ruhig, kooperativ; tiefe Sedierung nur mit Indikation (Hirndruck, schwere Hypoxämie, Relaxierung) und täglich überprüft.
  • Analgesie zuerst: Schmerz mit validierten Skalen (NRS, BPS, CPOT) erfassen und behandeln, bevor sediert wird.
  • Substanzen: Propofol oder Dexmedetomidin; Benzodiazepine nur bei Alkoholentzug, Krampfanfällen oder bestimmten Indikationen (DAS 2021, ESAIC 2024).
  • Spontanatmungsversuch und tägliche Unterbrechung oder protokollierte Minimierung der Sedierung.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Prävention: das Bündel wirkt, Medikamente kaum

Tabelle 2: ABCDEF-Bündel
BuchstabeInhalt
AAssess, prevent and manage pain: Schmerz erfassen und behandeln
BBoth spontaneous awakening and breathing trials: tägliche Aufwach- und Spontanatmungsversuche
CChoice of sedation: Sedativum wählen, Benzodiazepine meiden, flach sedieren
DDelirium: screenen, vorbeugen, behandeln
EEarly mobility: Frühmobilisation
FFamily: Angehörige einbeziehen

Nichtmedikamentöse Maßnahmen

  • Reorientierung: Uhr, Kalender, Tageslicht, Brille und Hörgerät, Angehörige, vertraute Gegenstände.
  • Schlaf: Lärm und Licht nachts reduzieren, Pflegemaßnahmen bündeln, Ohrstöpsel und Schlafmaske, Tag-Nacht-Rhythmus.
  • Frühmobilisation ab dem ersten Tag, Physiotherapie, Sitzen an der Bettkante.
  • Katheter, Fixierungen und Sonden so früh wie möglich entfernen; Harnverhalt und Obstipation vermeiden.
  • Medikamente prüfen: anticholinerge Last, Benzodiazepine, Entzug (Alkohol, Nikotin, Benzodiazepine, Opioide) erkennen.
Evidence BoxDie multikomponente Prävention senkt die Delirinzidenz in Metaanalysen um etwa 30 bis 40 % und ist die einzige Maßnahme mit konsistentem Nutzen (ESAIC 2024, DAS 2021). Eine medikamentöse Prophylaxe mit Antipsychotika, Melatonin oder Statinen empfehlen die Leitlinien nicht. Dexmedetomidin senkte in kleineren Studien die Delirrate nach Herz- und großen Operationen, mit Bradykardie und Hypotonie; die ESAIC 2024 hält es bei ausgewählten Patienten für erwägenswert, nicht für die Routine.

Perioperativ (ESAIC 2024)

  • Risiko präoperativ erfassen: Alter, Kognition (zum Beispiel Mini-Cog), Gebrechlichkeit, Alkohol; Aufklärung der Angehörigen.
  • Keine Benzodiazepine zur Prämedikation bei älteren Patientinnen und Patienten.
  • Narkosetiefe mit EEG steuern und Burst Suppression vermeiden; Hypotonie, Hypoxie und Hypothermie vermeiden.
  • Regionalanästhesie und opioidsparende Analgesie; Schmerz postoperativ konsequent behandeln.
  • Frühe Mobilisation, Ernährung, Brille und Hörgerät zurück, Screening bis Tag 5.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Therapie: Ursache, Umgebung, dann Medikamente

  1. Ursache suchen und behandeln: Infektion, Hypoxie, Kreislauf, Elektrolyte, Glukose, Harnverhalt, Schmerz, Entzug, Medikamente absetzen.
  2. Nichtmedikamentöse Maßnahmen aus Lektion 3 intensivieren; Angehörige einbeziehen.
  3. Hypoaktives Delir: keine Antipsychotika; Aktivierung, Mobilisation, Schlafrhythmus.
  4. Hyperaktives Delir mit Eigen- oder Fremdgefährdung: symptomatisch, so kurz und niedrig wie möglich: Haloperidol 0,5 bis 2,5 mg i.v. oder oral, Risperidon oder Quetiapin oral; Dexmedetomidin 0,2 bis 1,4 µg/kg/h bei Agitation, die die Beatmungsentwöhnung verhindert; Clonidin als Alternative. QTc und extrapyramidale Symptome beachten; Fixierung nur als letztes Mittel und dokumentiert.
  5. Entzugsdelir: Benzodiazepine oder Clomethiazol, Thiamin; hier sind Benzodiazepine indiziert.
A Tage lebend außerhalb des Krankenhauses, Differenz in Tagen (AID-ICU)−10−50510AID-ICU 2022Haloperidol, n = 1 000weniger Tagemehr TageB Zeit bis zur Extubation, Subhazard Ratio (A2B, über 1 = schneller)0,50,7511,52A2B Dexmedetomidin 2025gegen Propofol, n = 1 404A2B Clonidin 2025gegen PropofollangsamerschnellerPunkte: Schätzer; Linien: 95-%-Konfidenzintervall. Eigene Darstellung der publizierten Werte.
Abbildung 2: Effektübersicht der Studien zur medikamentösen Therapie und Sedierung. Eigene Darstellung der publizierten Werte
Tabelle 3: Schlüsselstudien
StudieFrageErgebnis
AID-ICU (NEJM 2022), n = 1 000, verblindetHaloperidol 2,5 mg dreimal täglich gegen Placebo bei DelirTage lebend außerhalb des Krankenhauses bis Tag 90: Differenz 2,9 Tage (95 % KI −1,2 bis 7,0), nicht signifikant; Bayes-Analyse 92 % Wahrscheinlichkeit für einen Nutzen; Sterblichkeit unter Haloperidol numerisch niedriger (sekundär)
MIND-USA (NEJM 2018, Hintergrund), n = 566Haloperidol oder Ziprasidon gegen Placebokeine Verkürzung der delir- und komafreien Tage
MENDS2 (NEJM 2021), n = 422 beatmete SepsispatientenDexmedetomidin gegen Propofoldelir- und komafreie Tage 10,7 gegen 10,8; kein Unterschied in der Sterblichkeit
A2B (JAMA 2025), n = 1 404 beatmete PatientenDexmedetomidin oder Clonidin gegen PropofolZeit bis zur Extubation nicht kürzer (median 136 und 146 gegen 162 h; nicht signifikant); kein Unterschied bei Delir; mehr Bradykardie und Hypotonie
Evidence BoxHaloperidol verkürzt das Delir nicht und verbessert die Krankenhaustage nicht signifikant; ein möglicher Überlebensvorteil in AID-ICU ist ein sekundärer, hypothesengenerierender Befund. α₂-Agonisten sind Propofol als Basissedierung nicht überlegen. Daraus folgt: Antipsychotika und Dexmedetomidin sind Mittel gegen Symptome, die den Patienten oder die Behandlung gefährden, nicht gegen das Delir selbst. Die Leitlinien (DAS 2021, PADIS 2018) empfehlen keine routinemäßige Gabe.
Anästhesie BoxIm Aufwachraum ist das Emergence-Delir (Aufwachagitation) vom postoperativen Delir zu unterscheiden: Es tritt innerhalb von Minuten auf, ist meist selbstlimitierend und wird durch Schmerz, Harnverhalt, Hypoxie, Angst und Restwirkung von Anästhetika ausgelöst. Zuerst Ursachen beheben; Physostigmin nur bei zentral anticholinergem Syndrom, α₂-Agonisten in niedriger Dosis bei Bedarf.

Übung 4.1

Übung 4.2

Übung 4.3, Rechenaufgabe

Ein Patient mit 75 kg soll Dexmedetomidin 0,7 µg/kg/h erhalten. Der Perfusor enthält 200 µg in 50 ml. Wie viele µg/h sind das, und welche Laufrate in ml/h (eine Nachkommastelle)?

Ergänzung aus der Fortbildung 2026

Intraoperatives EEG und das postoperative Delir

Ein Teil der Delirprävention beginnt vor der Station, nämlich im Operationssaal. Das prozessierte EEG bildet den Hirnzustand direkt ab und macht damit sichtbar, was hämodynamische Surrogate nicht zeigen: eine unbeabsichtigt zu tiefe Anästhesie. Der konkreteste Befund ist die Burst Suppression, der Wechsel zwischen kurzen elektrischen Ausbrüchen und vollständiger Stille. Sie ist kein Zeichen einer guten, tiefen Narkose, sondern Ausdruck tiefer Hirninaktivität; nach der Arbeit von Fritz und Mitarbeitern (Anesthesiology 2016) erhöht jede weitere fünfminütige Suppressionsphase das adjustierte Delirrisiko um etwa 5 %.

Ob sich damit das Delir tatsächlich verhindern lässt, ist offen. Metaanalysen zeigen ein moderat positives Gesamtsignal mit einem relativen Risiko um 0,76 (Sumner, Br J Anaesth 2023; Da 2025), die großen pragmatischen Studien ENGAGES (JAMA 2019) und ENGAGES Canada (JAMA 2024) fanden dagegen keinen Vorteil, obwohl die Suppressionszeit in der Interventionsgruppe geringer war. Die Leitlinie der europäischen Fachgesellschaft spricht deshalb nur eine schwache Empfehlung aus: Ein indexbasiertes oder multiparametrisches EEG kann zur Verminderung des Delirs erwogen werden. Für die Praxis heißt das, das Verfahren gezielt bei vulnerablen Patientinnen und Patienten einzusetzen, Suppression konsequent zu vermeiden und es als einen Baustein eines Gesamtkonzepts perioperativer Hirngesundheit zu verstehen, nicht als dessen Ersatz. Die Einzelheiten zu Systemen, Signalen und Interpretation stehen in der Lerneinheit Narkosemonitoring und EEG.

Lektion 5

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Das stille, hypoaktive Delir nicht sehen, weil niemand screent.
  • Agitation mit Benzodiazepinen behandeln und das Delir verlängern.
  • Haloperidol als Delirtherapie statt als Symptomkontrolle verstehen.
  • Ältere Patientinnen und Patienten mit Midazolam prämedizieren.
  • Nachts Pflegemaßnahmen und Diagnostik ohne Not durchführen.
  • Brille und Hörgerät im Nachttisch lassen.

Merksätze

  • Delir ist akutes Hirnversagen: jede Schicht CAM-ICU oder ICDSC.
  • RASS 0 bis −1, Analgesie zuerst, Benzodiazepine meiden.
  • ABCDEF-Bündel und Reorientierung sind die wirksamste Therapie.
  • Haloperidol verkürzt das Delir nicht (AID-ICU); nur bei gefährlicher Agitation, kurz und niedrig.
  • Dexmedetomidin ist Propofol nicht überlegen (A2B, MENDS2); Option bei Agitation, die die Extubation verhindert.
  • Perioperativ: Risiko erfassen, EEG-gesteuerte Narkosetiefe, Screening bis Tag 5.

Fälle

Aufgabe 1: Die stille Patientin

Gegeben:
79 Jahre, Tag 3 nach Hemikolektomie auf der Intensivstation, liegt still, antwortet einsilbig, schaut an die Decke; die Pflege beschreibt sie als „müde, aber unauffällig“. Nachts unruhig, tagsüber schläft sie.

Frage:
Was vermuten Sie, und wie gehen Sie vor?

Lösung

Hypoaktives Delir mit Tag-Nacht-Umkehr. RASS bestimmen, CAM-ICU durchführen (Aufmerksamkeitstest). Ursachen suchen: Infektion, Elektrolyte, Glukose, Harnverhalt, Obstipation, Schmerz, Medikamente (Opioide, Anticholinergika, Benzodiazepine). Keine Antipsychotika. Reorientierung, Brille und Hörgerät, Tageslicht und Mobilisation tagsüber, nachts Ruhe, Angehörige einbeziehen, Schmerz mit Nichtopioiden und Regionalverfahren behandeln. Screening jede Schicht fortsetzen.

Aufgabe 2: Extubation scheitert an Agitation

Gegeben:
58 Jahre, Pneumonie, beatmet seit 6 Tagen unter Propofol und Sufentanil; bei jedem Aufwachversuch RASS +3, zieht am Tubus, CAM-ICU positiv. Spontanatmungsversuch sonst erfolgreich.

Frage:
Wie kommen Sie zur Extubation?

Lösung

Hyperaktives Delir, das die Entwöhnung verhindert. Ursachen prüfen: Schmerz, Entzug (Alkohol, Nikotin), Hypoxie, Harnverhalt, Sedativa. Analgesie sichern, Reorientierung, Angehörige. Propofol schrittweise beenden und Dexmedetomidin 0,2 bis 1,4 µg/kg/h als Brücke einsetzen, weil es die Spontanatmung erhält (PADIS 2018; A2B zeigt keinen generellen Vorteil, aber genau diese Indikation ist der Einsatzbereich). Bei Gefährdung kurzfristig Haloperidol in niedriger Dosis. Keine Benzodiazepine, keine Fixierung ohne Not. Extubation, sobald RASS 0 bis +1 erreicht ist, mit engmaschiger Nachbetreuung.

Aufgabe 3: Prämedikationsgespräch mit 84 Jahren

Gegeben:
84 Jahre, Hüftendoprothese geplant, lebt allein, vergisst manchmal Termine, trinkt abends zwei Bier, nimmt Amitriptylin gegen Schlafstörungen, schwerhörig.

Frage:
Welches Delirrisiko besteht, und was planen Sie perioperativ?

Lösung

Hohes Risiko: Alter, mögliche kognitive Einschränkung (Mini-Cog), Alkohol, anticholinerges Medikament, Hörstörung. Plan nach ESAIC 2024: kognitives Screening, Angehörige aufklären, Amitriptylin mit dem Hausarzt prüfen, keine Benzodiazepinprämedikation, Regionalanästhesie (Spinalanästhesie, Faszienblock) oder EEG-gesteuerte Allgemeinanästhesie ohne Burst Suppression, Blutdruck und Temperatur stabil halten, opioidsparende Analgesie, Hörgerät sofort nach der Operation, Frühmobilisation, Nu-DESC oder 4AT bis Tag 5, Alkoholentzug beachten (Thiamin).

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon eine Rechenaufgabe. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
RASSRichmond Agitation-Sedation Scale, +4 (kämpferisch) bis −5 (nicht erweckbar)
CAM-ICUConfusion Assessment Method for the ICU; vier Merkmale, Delir bei 1 + 2 + (3 oder 4)
ICDSCIntensive Care Delirium Screening Checklist; Delir ab 4 von 8 Punkten
Nu-DESC, 4ATScreeninginstrumente für Aufwachraum und Station
ABCDEFBündel aus Analgesie, Aufwach- und Spontanatmungsversuchen, Sedativumwahl, Delir, Frühmobilisation, Familie
Emergence-DelirAufwachagitation in den ersten Minuten nach der Narkose
Burst SuppressionEEG-Muster zu tiefer Narkose, mit postoperativem Delir assoziiert

Literatur

  1. DGAI, DIVI. S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie 2020/2021). AWMF-Registernummer 001-012.
  2. Aldecoa C, Bettelli G, Bilotta F, et al. Update of the European Society of Anaesthesiology and Intensive Care Medicine evidence-based and consensus-based guideline on postoperative delirium in adult patients. Eur J Anaesthesiol 2024; 41:81–108.
  3. Andersen-Ranberg NC, Poulsen LM, Perner A, et al. Haloperidol for the treatment of delirium in ICU patients (AID-ICU). N Engl J Med 2022; 387:2425–2435.
  4. Andersen-Ranberg NC, Barbateskovic M, Perner A, et al. Haloperidol vs placebo for the treatment of delirium in ICU patients: a pre-planned secondary Bayesian analysis of the AID-ICU trial. Intensive Care Med 2023; 49:411–420.
  5. Hughes CG, Mailloux PT, Devlin JW, et al. Dexmedetomidine or propofol for sedation in mechanically ventilated adults with sepsis (MENDS2). N Engl J Med 2021; 384:1424–1436.
  6. Walsh TS, Parker RA, Aitken LM, et al. Dexmedetomidine- or clonidine-based sedation compared with propofol in critically ill patients: the A2B randomized clinical trial. JAMA 2025; 333:2004–2016.

Hintergrund, älter als fünf Jahre

  1. Devlin JW, Skrobik Y, Gélinas C, et al. Clinical practice guidelines for the prevention and management of pain, agitation/sedation, delirium, immobility, and sleep disruption in adult patients in the ICU (PADIS). Crit Care Med 2018; 46:e825–e873.
  2. Girard TD, Exline MC, Carson SS, et al. Haloperidol and ziprasidone for treatment of delirium in critical illness (MIND-USA). N Engl J Med 2018; 379:2506–2516.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.