Studiendesign
Der Abschnitt konzentriert sich auf die Ergebnisse des SESAR-Trials, der als die bisher größte Studie zur inhalativen Sedierung auf der Intensivstation vorgestellt wird.
Die SESAR-Studie prüfte diese Hoffnung an einem größeren Kollektiv. Sie war multizentrisch und randomisiert; die Therapie war nicht verblindet, die Endpunkte wurden verblindet ausgewertet. Verglichen wurde Sevofluran mit Propofol über bis zu sieben Tage bei invasiv beatmeten Patientinnen und Patienten mit mindestens mittelschwerem ARDS nach der Berlin-Definition, also einem Verhältnis von PaO2 zu FiO2 unter 150 bei einem PEEP von mindestens 8. Eingeschlossen wurden 687 Patientinnen und Patienten auf 37 französischen Intensivstationen. Primärer Endpunkt war die Zahl der Tage, die die Patienten lebend und ohne invasive Beatmung verbrachten. Sekundär wurden unter anderem das 90-Tage-Überleben und zahlreiche Sicherheitsendpunkte erfasst, darunter Hämodynamik, Nierenfunktion nach AKIN und KDIGO, Herzrhythmusstörungen und Komplikationen der Beatmung. Das Protokoll sah in beiden Gruppen eine Beatmung mit niedrigem Tidalvolumen und hohem PEEP vor, und die Sedierungstiefe wurde nach dem RASS-Score titriert.
Ergebnisse
Das Ergebnis fiel deutlich gegen die Intervention aus. Der primäre Endpunkt war negativ: Die Patienten der Sevoflurangruppe waren im Median zwei Tage weniger lebend und frei von invasiver Beatmung. Die 90-Tage-Sterblichkeit lag numerisch höher, mit 52,9 gegenüber 44,3 %, entsprechend einem 90-Tage-Überleben von 47,1 gegenüber 55,7 % und einer Hazard Ratio von 1,31 (95 %-Konfidenzintervall 1,05 bis 1,62). Der Unterschied zeigte sich bereits früh, mit einer 7-Tage-Sterblichkeit von 19,4 gegenüber 13,5 %, was für einen ungünstigen Effekt der Intervention selbst spricht. Besonders ausgeprägt war er in der vorab definierten Untergruppe mit ARDS ohne COVID-19. Bei den Sicherheitsendpunkten traten unter Sevofluran häufiger ein akutes Nierenversagen und ein nephrogener Diabetes insipidus auf, und der Vasopressorbedarf war leicht erhöht.
Tabelle 2: SESAR-Trial im Überblick
| Merkmal | Angabe |
| Design | multizentrisch, randomisiert, Therapie offen, Endpunkt verblindet |
| Population | 687 Patientinnen und Patienten, 37 Intensivstationen in Frankreich, mittelschweres ARDS (P/F unter 150, PEEP mindestens 8) |
| Intervention | Sevofluran gegenüber Propofol, bis zu 7 Tage, Titration nach RASS |
| Primärer Endpunkt | Tage lebend ohne invasive Beatmung: Sevofluran unterlegen, Median 2 Tage weniger |
| 90-Tage-Mortalität | 52,9 % (Sevofluran) gegenüber 44,3 % (Propofol); nach der Publikation korrigiert (Fachgutachten 09/2026) |
| Sicherheit | mehr akutes Nierenversagen, nephrogener Diabetes insipidus, leicht mehr Vasopressoren unter Sevofluran |
Kritische Würdigung
Die kritische Würdigung dieses mortalitätssteigernden Effekts nennt mehrere Punkte. In beiden Studienarmen wurde über längere Zeit tief sediert und eine neuromuskuläre Blockade eingesetzt, was internationale Leitlinien so nicht empfehlen; die Sedierungstiefe war im Sevofluranarm tendenziell sogar geringer. Es bestand eine ausgeprägte Polypharmazie mit häufiger zusätzlicher Gabe anderer Sedativa in beiden Gruppen, sodass viele Patienten der Sevoflurangruppe zusätzlich Propofol erhielten, ein relevanter Crossover. Tidalvolumina und der Einsatz der Bauchlagerung unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht. Die Todesursachen wurden nicht strukturiert erfasst, ein „refraktärer Schock“ war in der Sevoflurangruppe aber deutlich häufiger dokumentiert, was die Frage nach einer inhalativen Übersedierung als Erklärung der frühen Effekte aufwirft. Viele Studienzentren hatten wenig Erfahrung mit der inhalativen Sedierung, und die Durchführung während der COVID-19-Pandemie könnte die Datenerfassung beeinträchtigt haben, denn endexspiratorische Konzentrationen, BIS-Monitoring, Opiatverbrauch und ventilatorische Marker wurden nicht erfasst.
Fazit und klinische Implikationen
Für die Praxis ergibt sich daraus: SESAR ist die größte Studie zur inhalativen Sedierung, und ihre Ergebnisse sind in sich konsistent, auch wenn weitere Studien ausstehen. Auf ihrer Grundlage sollte Sevofluran nicht zur Sedierung invasiv beatmeter Patientinnen und Patienten mit mindestens mittelschwerem ARDS verwendet werden. Warum die Sterblichkeit stieg, ist unklar; substanzeigene Effekte, die Steuerung der Anwendung, die geringe Erfahrung vieler Zentren und Einflüsse der Pandemie kommen infrage. Auf Isofluran lassen sich die Ergebnisse nicht übertragen, weil es sich um einen anderen Wirkstoff mit anderem Profil handelt. Isofluran kann daher weiterhin zur inhalativen Sedierung auf der Intensivstation eingesetzt werden, auch bei ARDS, bei langer oder schwieriger Sedierung, bei älteren Patienten, bei Multiorgandysfunktion, bei COPD und nach Reanimation.
Im größeren Kontext der Intensivmedizin, der in der Übersicht auch Themen wie Driving Pressure und dessen altersabhängige Auswirkungen, das Post-Intensive Care Syndrome (PICS) und die Herausforderungen der Nachsorge, das Management der oberen gastrointestinalen Blutung, der Einsatz von Betablockern bei Sepsis sowie die Rolle der Antikoagulation bei akuter Pankreatitis umfasst, zeigt die Diskussion der inhalativen Sedierung bei ARDS, wie die Forschung versucht, optimale Managementstrategien für diese kritisch kranken Patientinnen und Patienten zu finden. Es wird deutlich, dass selbst bei etablierten Therapien wie der Sedierung kontinuierlich neue Erkenntnisse durch Studien gewonnen werden, die etablierte Praktiken in Frage stellen und zu differenzierteren Empfehlungen führen können. Die Diskussion des SESAR-Trials unterstreicht die Wichtigkeit einer kritischen Betrachtung der Studienergebnisse, insbesondere bei komplexen Interventionen, und die Notwendigkeit weiterer Forschung, um Patientenprofile zu identifizieren, die von bestimmten Therapien profitieren.
Evidence Box, ErgänzungDie Hauptpublikation ist Jabaudon M et al., JAMA 2025. Ein nephrogener Diabetes insipidus unter volatilen Anästhetika ist ein bekannter, aber seltener Effekt; in SESAR wurde er im Sevofluranarm häufiger dokumentiert und gehört bei längerer inhalativer Sedierung zur täglichen Bilanz- und Natriumkontrolle.