Kinderanästhesie, Praktisches Vorgehen

Kindlicher Atemweg: Tubus und Larynxmaske

Kinder entsättigen schneller als Erwachsene, und ihre Anatomie verzeiht wenig. Die richtige Tubusgröße, die richtige Tiefe und ein klarer Plan bei plötzlicher Verschlechterung sind deshalb Grundhandwerk.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf Studien zur Größenwahl gecuffter Kindertuben und zur Anatomie des kindlichen Kehlkopfs, den Empfehlungen zur Reanimation von Kindern und Herstellerangaben (Recherchestand September 2026). Die Formeln stimmen mit dem Grundkurs Kinderanästhesie überein.
Lernziele
  • Die anatomischen und physiologischen Besonderheiten des kindlichen Atemwegs erklären.
  • Tubusgröße und Einführtiefe berechnen und Nachbargrößen bereitlegen.
  • Den Cuffdruck richtig begrenzen und kontrollieren.
  • Die Larynxmaske nach Gewicht wählen.
  • Eine akute Verschlechterung beim intubierten Kind mit DOPES abarbeiten.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit Tubusrechner und Larynxmaskenwahl (Schieberegler), eine DOPES-Fallsimulation in drei Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Atemweg des Kindes im Vergleich und DOPES.
  3. Verwandt: Intubation bei Babys, Schwieriger Atemweg.

Lektion 1

Was beim Kind anders ist

MerkmalSäuglingErwachsenerHinterkopfgroß, beugt den Kopfrelativ kleinZungegroß im Verhältnis zum Mundrelativ kleinerKehlkopfhöheetwa C3 bis C4etwa C5 bis C6Epiglottislang, weich, U-förmigflacher, festerKritische EngeGlottis und starrer RingknorpelGlottisO₂-Verbrauch pro kgetwa doppelt so hochBezugswertEigene Darstellung; Angaben gerundet.
Abbildung 1: Atemweg des Säuglings und des Erwachsenen im Vergleich. Eigene Darstellung

Fünf anatomische Besonderheiten prägen den kindlichen Atemweg. Der große Hinterkopf beugt den Kopf in Rückenlage nach vorn und verlegt so den Atemweg; beim Säugling gleicht eine flache Schulterunterlage das aus, beim Kleinkind ist meist keine Unterlage nötig. Große Zunge und hoher Kehlkopf erschweren die Sicht: Der Larynx liegt beim Säugling etwa auf Höhe des dritten bis vierten, beim Erwachsenen des fünften bis sechsten Halswirbels, wodurch der Blickwinkel auf die Glottis steiler wird. Die Epiglottis ist relativ lang, weich und U-förmig, weshalb ein gerader Spatel, der sie aufnimmt, bei Säuglingen die Sicht verbessern kann. Bei der Engstelle galt lange der Ringknorpel als engste Stelle; bildgebende und endoskopische Studien zeigen, dass die Glottis mindestens ebenso eng ist. Klinisch bleibt der Ringknorpel entscheidend, weil er als geschlossener Ring nicht nachgibt: Dort entstehen Druckschäden durch zu große Tuben oder zu hohen Cuffdruck, mit der Gefahr eines subglottischen Ödems nach der Extubation. Und die Reserve ist gering: Der Sauerstoffverbrauch pro Kilogramm ist beim Säugling etwa doppelt so hoch wie beim Erwachsenen, die funktionelle Residualkapazität in Narkose klein, sodass eine Apnoe in kurzer Zeit zur Entsättigung führt.

Beatmung

Die Verschlusskapazität der kleinen Atemwege liegt bei jüngeren Kindern über der funktionellen Residualkapazität; in Narkose fällt diese zusätzlich ab. Ohne PEEP entstehen rasch Atelektasen. Deshalb: keine Beatmung ohne PEEP (in der Regel 3 bis 5 cmH₂O) und keine Spontanatmung am Tubus ohne Druckunterstützung, weil der Tubus den Atemwiderstand deutlich erhöht.

MerkeBradykardie heißt beim Kind Hypoxie, bis das Gegenteil bewiesen ist. Die erste Maßnahme ist Oxygenierung, nicht Atropin.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Größe, Tiefe, Cuff und Larynxmaske

Tubusgröße

Gecuffte Tuben sind heute in allen Altersgruppen üblich; sie erlauben eine dichte Beatmung und machen häufige Tubuswechsel wegen Leckage seltener. Voraussetzung sind Tuben mit kurzem, weit distal sitzendem Cuff und eine konsequente Druckkontrolle.

Tabelle 1: Innendurchmesser (ID) des Tubus
AlterMit CuffOhne Cuff
Reifes Neugeborenes (ab 3 kg) bis unter 8 Monate3,0 mmnach Tabelle der Klinik
8 Monate bis unter 2 Jahre3,5 mmnach Tabelle der Klinik
ab 2 JahrenAlter / 4 + 3,5Alter / 4 + 4

Der Innendurchmesser sagt wenig über den Außendurchmesser: Je nach Modell unterscheiden sich Tuben gleicher Nummer im Außendurchmesser um fast 1 mm. Deshalb nur Kindertuben mit kindgerechtem Design verwenden und eine Tabelle der verfügbaren Modelle führen. Lecktest: Mit vollständig entblocktem Cuff muss bei einem Beatmungsdruck von höchstens 20 cmH₂O ein Leck hörbar sein; sonst ist der Tubus zu groß.

Ergibt die Formel keinen halben Millimeter, wird auf die nächste halbe Nummer abgerundet. Immer die Nachbargrößen (0,5 mm kleiner und größer) bereitlegen. Ein Tubus, der sich nur mit Kraft einführen lässt, ist zu groß.

Einführtiefe und Lage

Oral gilt ab etwa 2 Jahren als Richtwert 12 + Alter / 2 in Zentimetern an der Zahnreihe. Nasal liegt der Tubus tiefer; als Richtwert gilt etwa 20 % mehr (siehe Evidence Box). Bei Jugendlichen nennen Tabellen oft etwas größere Tiefen als die Formel; maßgeblich ist die klinische Lagekontrolle. Beim Neugeborenen gilt als klassische Regel oral Gewicht in kg + 6 cm (Tochen 1979); bei sehr kleinen Frühgeborenen liegt der Tubus damit eher zu tief. Viele gecuffte Kindertuben tragen eine Tiefenmarkierung, die auf Höhe der Stimmbänder liegen soll. Die Lage wird mit Kapnographie, seitengleicher Auskultation und Thoraxbewegung geprüft und nach jeder Umlagerung erneut: Beugen des Kopfes schiebt den Tubus tiefer, Strecken zieht ihn höher.

Cuffdruck

Den Cuffdruck mit einem Manometer messen und auf höchstens 20 cmH₂O begrenzen. Bei Lachgas steigt der Druck durch Diffusion in den Cuff; deshalb wiederholt messen.

Larynxmaske

Tabelle 2: Größe der Larynxmaske nach Gewicht (Herstellerangabe für klassische Larynxmasken; andere Modelle abweichend, Gebrauchsanweisung prüfen)
GrößeGewicht
1unter 5 kg
1,55 bis 10 kg
210 bis 20 kg
2,520 bis 30 kg
330 bis 50 kg
450 bis 70 kg
570 bis 100 kg
Evidence BoxDie Größenwahl gecuffter Tuben unter 2 Jahren und die Formel Alter / 4 + 3,5 beruhen auf Studien mit Tuben, deren Cuff kurz und weit distal sitzt; bei anderen Modellen können die Werte abweichen. Die Formel für die orale Tiefe ist ein Richtwert; die nasale Tiefe von etwa 20 % mehr ist eine verbreitete Lehrbuchangabe, für die hier noch ein Primärbeleg nachgetragen wird. Maßgeblich bleiben Tiefenmarkierung und klinische Lagekontrolle.

Tubusrechner

Alter mit dem Schieberegler einstellen und Tubustyp wählen.

Tubus
Innendurchmesser
Tiefe oralcm an der Zahnreihe
Hinweis

Larynxmaske nach Gewicht

Größeklassische Larynxmaske

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Ein Kind ist 6 Jahre alt und wird mit einem gecufften Tubus oral intubiert. Welcher Innendurchmesser, welche Tiefe?

Übung 2.4, Rechenaufgabe

Ein Kind ist 8 Jahre alt; es liegt nur ein Tubus ohne Cuff bereit. Welcher Innendurchmesser, welche orale Tiefe?

Lektion 3

Fallsimulation: Das intubierte Kind wird schlechter

Erst: vom Gerät trennen,von Hand mit 100 % O₂DDislokationKapnographie, TiefeOObstruktionSekret, Abknicken, absaugenPPneumothoraxeinseitig, Druck hochEEquipmentGerät, Schläuche, O₂SStomachMagen entlastenBradykardie beim Kind heißt Hypoxie, bis das Gegenteil bewiesen ist. Eigene Darstellung.
Abbildung 2: DOPES, die fünf Ursachen einer akuten Verschlechterung beim intubierten Kind. Eigene Darstellung

Ausgangslage

Paul, 3 Jahre, 14 kg, oral intubiert mit gecufftem Tubus 4,0 mm, Tiefe 13,5 cm, druckkontrollierte Beatmung. Nach Umlagerung in Bauchlage fällt die Sättigung von 99 auf 84 %, die Herzfrequenz von 120 auf 85/min.

Schritt 1: Erste Maßnahme

Schritt 2: Befunde

Schritt 3: Nach Korrektur

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Keine Nachbargrößen bereitgelegt.
  • Cuff nach Gefühl blocken statt messen.
  • Tiefe nach Umlagerung nicht kontrolliert.
  • Bei Bradykardie Atropin vor Oxygenierung.
  • Bei plötzlicher Verschlechterung am Beatmungsgerät nachregeln statt von Hand zu beatmen.

Merksätze

  • Mit Cuff ab 2 Jahren: Alter / 4 + 3,5; ohne Cuff: Alter / 4 + 4.
  • Oral: 12 + Alter / 2 cm; nasal tiefer.
  • Cuffdruck höchstens 20 cmH₂O, messen; Lecktest mit entblocktem Cuff.
  • Keine Beatmung ohne PEEP, keine Spontanatmung am Tubus ohne Druckunterstützung.
  • Larynxmaske nach Gewicht.
  • DOPES: Dislokation, Obstruktion, Pneumothorax, Equipment, Stomach (Magen).

Fälle

Aufgabe 1: Das Leck

Gegeben:
5 Jahre, gecuffter Tubus 4,5 mm, hörbares Leck bei 15 cmH₂O Beatmungsdruck. Die Pflegekraft möchte den Cuff mit 5 ml Luft blocken.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Nicht nach Volumen, sondern nach Druck blocken: mit dem Manometer bis zur Dichtigkeit, höchstens 20 cmH₂O. Bleibt das Leck, Lage und Tiefe prüfen; ist der Tubus zu klein, eine halbe Nummer größer erwägen.

Aufgabe 2: Die einseitige Belüftung

Gegeben:
2 Jahre, Tubus mit Cuff 3,5 mm bei 14 cm Tiefe; links abgeschwächtes Atemgeräusch, Sättigung 92 %.

Frage:
Woran denken Sie, und was tun Sie?

Lösung

Richtwert für 2 Jahre: 12 + 1 = 13 cm. Bei 14 cm ist eine einseitige Intubation rechts wahrscheinlich. Cuff entblocken, unter Auskultation zurückziehen, bis seitengleich belüftet, erneut blocken und Tiefe dokumentieren. Größe: 2 / 4 + 3,5 = 4,0 mm; der 3,5er ist kleiner als der Richtwert, auf Leck achten.

Aufgabe 3: Die Larynxmaske

Gegeben:
Kind, 24 kg, kurzer Eingriff an der Hand, nüchtern, keine Kontraindikation gegen eine Larynxmaske.

Frage:
Welche Größe wählen Sie?

Lösung

Größe 2,5 (20 bis 30 kg) nach Herstellerangabe für klassische Larynxmasken; Größe 2 und 3 bereitlegen. Bei anderen Modellen die Gebrauchsanweisung beachten.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Dreizehn Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
IDInnendurchmesser des Tubus in Millimetern
DOPESMerkhilfe für Dislokation, Obstruktion, Pneumothorax, Equipment (Gerät), Stomach (Magenüberblähung)
TiefenmarkierungMarkierung am Kindertubus, die auf Stimmbandebene liegen soll
Ringknorpelgeschlossener Knorpelring unterhalb der Glottis, nicht dehnbar

Literatur

  1. Weiss M, Dullenkopf A, Fischer JE, Keller C, Gerber AC. Prospective randomized controlled multi-centre trial of cuffed or uncuffed endotracheal tubes in small children. Br J Anaesth 2009;103:867–873.
  2. Tochen ML. Orotracheal intubation in the newborn infant: a method for determining depth of tube insertion. J Pediatr 1979;95:1050–1051.
  3. Litman RS, Weissend EE, Shibata D, Westesson PL. Developmental changes of laryngeal dimensions in unparalyzed, sedated children. Anesthesiology 2003;98:41–45.
  4. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Paediatric Life Support. Resuscitation 2025.
  5. Gebrauchsanweisungen der verwendeten Tuben und Larynxmasken in der jeweils aktuellen Fassung.
  6. Jöhr M. Kinderanästhesie. 10. Auflage. München: Elsevier 2023.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Gebrauchsanweisung und keine lokalen Standards.