Kinderanästhesie, Sicherheit und Überwachung

Monitoring und Temperaturmanagement

Kinder kühlen schneller aus, entsättigen schneller und zeigen Probleme anders als Erwachsene. Ein vollständiges, altersgerecht angepasstes Monitoring und ein konsequentes Wärmekonzept gehören deshalb zu jeder Kindernarkose.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der S3-Leitlinie „Vermeidung von perioperativer Hypothermie“ (AWMF 001-018, Aktualisierung 2019), den Empfehlungen zur Blutdruckmessung bei Kindern (Flynn 2017) und Lehrbüchern der Kinderanästhesie (Recherchestand September 2026).
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-018 Vermeidung von perioperativer Hypothermie (S3, Stand 05/2019, gültig bis 30.04.2024, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen. Überarbeitung angemeldet
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Das Basismonitoring beim Kind vollständig und in sinnvoller Reihenfolge anlegen.
  • Die Blutdruckmanschette nach dem Oberarmumfang wählen und Messfehler erklären.
  • Die vier Wege des Wärmeverlusts benennen und gezielt blockieren.
  • Die Körperkerntemperatur am passenden Ort messen und eine Hypothermie früh behandeln.
  • Eine Narkose erst in Normothermie ausleiten.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit Manschettenrechner und Wärmeverlust-Simulator, eine Fallsimulation in drei Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Wege des Wärmeverlusts und Messorte der Körperkerntemperatur.
  3. Verwandt: Grundkurs Kinderanästhesie, Sicherheitskonzepte (10 N), Narkosetiefe und EEG-Monitoring.

Lektion 1

Basismonitoring beim Kind

Das Monitoring entspricht grundsätzlich dem beim Erwachsenen. Anders sind die Reihenfolge, die Größen der Sensoren und die Deutung der Werte. Bei unruhigen Kindern wird zuerst die Pulsoxymetrie angelegt, weil sie am wenigsten stört und die wichtigste Frühwarnung liefert; EKG und Blutdruck folgen, sobald das Kind schläft.

Tabelle 1: Monitoring bei der Kindernarkose
VerfahrenBesonderheit beim Kind
Pulsoxymetrievor der Einleitung anlegen; beim Neugeborenen präduktal an der rechten Hand; Bewegung und Kälte stören das Signal
EKGBradykardie ist beim Kind meist Folge einer Hypoxie, nicht primär kardial
Nichtinvasiver BlutdruckManschettengröße nach Oberarmumfang (siehe Rechner); zu kleine Manschetten messen falsch hohe Werte
Kapnographiebei kleinen Atemzugvolumina kann die Probenabsaugung im Nebenstrom den Messwert verdünnen; endtidales CO₂ dann eher falsch niedrig
Körperkerntemperaturkontinuierlich oder in kurzen Abständen; Kinder kühlen schneller aus (Lektion 2)
Relaxometriebei Einsatz von Muskelrelaxanzien; Elektroden altersgerecht wählen
EEG-basierte Narkosetiefeergänzend; bei Säuglingen im ersten Lebensjahr nur eingeschränkt aussagekräftig
Messfehler BoxDie Blasenbreite der Blutdruckmanschette soll etwa 40 % des Oberarmumfangs betragen, die Blasenlänge 80 bis 100 %. Eine zu schmale Manschette braucht mehr Druck, um die Arterie zu verschließen, und zeigt falsch hohe Werte. Eine zu breite Manschette zeigt eher falsch niedrige Werte. Die Aufschrift „Kind“ oder „Säugling“ ersetzt nicht das Nachmessen.

Manschettenrechner

Oberarmumfang und Blasenbreite der vorhandenen Manschette einstellen. Der Rechner zeigt Sollmaße und bewertet die Wahl.

Sollbreite (40 %)cm
Blasenlängecm (80 bis 100 %)
Bewertung

Die Bewertung nutzt eine didaktische Spanne um den Richtwert von 40 %.

Übung 1.1

Übung 1.2

Übung 1.3, Rechenaufgabe

Ein Kleinkind hat einen Oberarmumfang von 15 cm. Wie breit soll die Manschettenblase sein, und wie lang muss sie mindestens sein?

Lektion 2

Wärmeverlust verstehen, Normothermie halten

Warum Kinder schneller auskühlen

Vier Gründe erklären, warum Kinder in Narkose so schnell auskühlen. Erstens ist die Körperoberfläche im Verhältnis zur Masse groß: Je kleiner das Kind, desto mehr Haut entfällt auf jedes Kilogramm, und beim Säugling macht allein der Kopf einen großen Teil der Oberfläche aus. Zweitens fehlt die Isolation, weil Unterhautfett und Haut dünn sind. Drittens ist die Gegenregulation begrenzt: Säuglinge zittern kaum und bilden Wärme vor allem im braunen Fettgewebe, eine zitterfreie Thermogenese, die durch die Narkose gedämpft wird und zudem Sauerstoff kostet. Und viertens kommt es nach der Einleitung zur Umverteilung: Die Narkose weitet die Gefäße, warmes Blut strömt aus dem Körperkern in die Peripherie, und die Kerntemperatur fällt deshalb in der ersten Stunde am stärksten. Daraus folgt, dass mit dem Wärmen vor der Einleitung begonnen wird und nicht erst, wenn die Temperatur gefallen ist.

Vier Wege, auf denen ein Kind Wärme verliertStrahlungAbstrahlung an kalteWände und GeräteDagegenZudecken,Saal wärmenKonvektionbewegte kühle Luftstreicht über die HautDagegenZudecken,WarmluftVerdunstungfeuchte Haut,Desinfektion, WundeDagegenZudecken,trocken haltenKonduktionKontakt mit kalterUnterlageDagegenwarme Unterlage,Wärmemattedurch Zudecken vermindert (einschließlich Kopf)Konduktion bleibt beim Zudecken bestehen; dagegen hilft nur eine warme Unterlage. Eigene Darstellung.
Abbildung 1: Die vier Wege des Wärmeverlusts und was sie blockiert. Eigene Darstellung

Definition und Folgen

Die S3-Leitlinie definiert die perioperative Hypothermie als Körperkerntemperatur unter 36,0 °C; diese Grenze gilt dort für alle Altersgruppen. Lehrbücher nennen für Kinder bis etwa 5 Jahre teilweise eine höhere Grenze von 36,5 °C; eine solche Grenze ist nicht leitlinienbasiert, zeigt aber, wie früh bei kleinen Kindern gehandelt werden sollte. Folgen der Hypothermie sind Gerinnungsstörung mit mehr Blutverlust, mehr Wundinfektionen, verlängerte Wirkung von Anästhetika und Muskelrelaxanzien, verzögertes Aufwachen und ein höherer Sauerstoffverbrauch beim Wiedererwärmen; bei Früh- und Neugeborenen zusätzlich Apnoen und Hypoglykämie.

Messorte der KörperkerntemperaturÖsophagus, unteres Drittelzentral, rasch, Standard in NarkoseRektumbei Säuglingen üblich, etwas trägeHarnblase (Katheter mit Sensor)zentral, bei liegendem KatheterNasopharynxzentral nahe, Lage wichtigSublingual, Ohr (vor der Narkose)für wache ältere KinderStirn, Achsel, HautOberfläche, für den Kern unzuverlässigGrün geeignet, blau eingeschränkt, rot ungeeignet in Narkose. Immer am gleichen Ort messen. Eigene Darstellung.
Abbildung 2: Messorte der Körperkerntemperatur beim Kind. Eigene Darstellung

Maßnahmen

  1. Messen: vor der Einleitung beginnen und in der Narkose kontinuierlich oder in kurzen Abständen fortsetzen; möglichst immer am gleichen Ort mit derselben Methode.
  2. Umgebung: Saal vorwärmen, Türen geschlossen, Kind erst kurz vor der Einleitung entkleiden.
  3. Zudecken: Kopf und nicht benötigte Körperteile bedecken; bei Säuglingen Mütze.
  4. Aktiv wärmen: Warmluftdecke (konvektiv) als wirksamstes Standardverfahren; bei Säuglingen routinemäßig ab Einleitung, bei Neugeborenen während der Vorbereitung zusätzlich Wärmestrahler.
  5. Flüssigkeiten: Infusionen und Spüllösungen angewärmt; Atemgase mit Wärme- und Feuchtigkeitstauscher.
  6. Überwärmung vermeiden: Kinder erwärmen sich unter Warmluft rasch; die Temperatur kontinuierlich messen und das Gerät nachregeln.
  7. Ausleiten in Normothermie: erst wärmen, dann ausleiten; im Aufwachraum weiter messen.
Evidence BoxDie Empfehlungen der S3-Leitlinie beruhen überwiegend auf Studien an Erwachsenen (Messung vor und während der Narkose, Vorwärmen, aktive Wärmung, Normothermie am Ende). Für Kinder ist die Studienlage kleiner; die Übertragung stützt sich auf die Physiologie und auf Expertenkonsens. Die Leitlinie stammt von 2019; ihre Gültigkeit ist vor dem Einsatz zu prüfen.

Wärmeverlust-Simulator

Alter wählen, Maßnahmen an- oder ausschalten, Narkosedauer einstellen. Das Modell zeigt die Richtung, nicht den genauen Verlauf.

Alter
Maßnahmen
Kerntemperatur am Ende°C, Start 36,8 °C
Bewertung

Didaktisches Modell mit frei gewählten Modellparametern, keine Messwerte und keine Vorhersage für ein einzelnes Kind.

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3

Lektion 3

Fallsimulation: Der kalte Säugling

Ausgangslage

Leon, 4 Monate, 6 kg, Leistenhernie beidseits, geplante Dauer 60 min. Der Saal hat 19 °C, die Warmluftdecke ist noch nicht angeschlossen. Temperatur vor der Einleitung 36,9 °C (rektal).

Schritt 1: Vor der Einleitung

Schritt 2: Nach 40 Minuten 35,6 °C

Schritt 3: Operation beendet, 35,8 °C

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Standardmanschette ohne Blick auf den Oberarmumfang.
  • Bradykardie zuerst medikamentös behandeln statt an Hypoxie zu denken.
  • Temperatur erst im Aufwachraum messen.
  • Kind lange unbedeckt lagern, abwaschen und abdecken lassen, bevor gewärmt wird.
  • Warmluft ohne Temperaturkontrolle laufen lassen.

Merksätze

  • Pulsoxymetrie zuerst; Bradykardie heißt beim Kind bis zum Beweis des Gegenteils Hypoxie.
  • Manschettenblase: Breite 40 %, Länge 80 bis 100 % des Oberarmumfangs.
  • Hypothermie nach S3-Leitlinie: unter 36,0 °C.
  • Strahlung, Konvektion, Verdunstung, Konduktion: Zudecken blockiert drei davon, die Unterlage die vierte.
  • Erst wärmen, dann ausleiten.

Fälle

Aufgabe 1: Der hohe Blutdruck

Gegeben:
8 Jahre, schlank, Oberarmumfang 18 cm. Nach der Einleitung misst der Monitor 145/90 mmHg; die Manschette ist 5 cm breit.

Frage:
Wie deuten Sie den Wert?

Lösung

Sollbreite 40 % von 18 cm, also etwa 7 cm. Die 5-cm-Manschette ist zu schmal und misst vermutlich falsch hoch. Passende Manschette anlegen und neu messen, bevor behandelt wird.

Aufgabe 2: Der überwärmte Säugling

Gegeben:
Säugling, 7 kg, 150 min Eingriff, Warmluft 43 °C seit Beginn. Die Temperatur steigt von 37,4 auf 38,3 °C, keine Infektzeichen.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Iatrogene Überwärmung ist wahrscheinlich. Warmluft herunterregeln oder pausieren, Abdeckung lockern, weiter messen. Bleibt die Temperatur trotzdem hoch oder steigen endtidales CO₂ und Herzfrequenz, an andere Ursachen denken, auch an eine maligne Hyperthermie.

Aufgabe 3: Der falsche Messort

Gegeben:
Kleinkind, Tonsillektomie; die Temperatur wird mit einem Stirnsensor gemessen und zeigt 36,9 °C. Nach Ende der Operation zittert das Kind im Aufwachraum, die rektale Messung ergibt 35,7 °C.

Frage:
Was lernen Sie daraus?

Lösung

Oberflächenmessungen bilden die Kerntemperatur unzuverlässig ab. In Narkose zentral messen (zum Beispiel ösophageal oder rektal) und dabei bleiben. Jetzt aktiv wärmen; Zittern primär mit Wärme behandeln.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zehn Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
UmverteilungshypothermieAbfall der Kerntemperatur nach der Einleitung durch Verlagerung von Wärme in die Peripherie
Zitterfreie ThermogeneseWärmebildung im braunen Fettgewebe, vor allem bei Neugeborenen und Säuglingen
Konvektive WärmungWärmezufuhr über bewegte warme Luft (Warmluftdecke)
Präduktalvor dem Abgang des Ductus arteriosus; beim Neugeborenen die rechte Hand

Literatur

  1. Torossian A, Becke K, Bein B, et al. S3-Leitlinie Vermeidung von perioperativer Hypothermie, Aktualisierung 2019. AWMF-Register 001-018.
  2. Flynn JT, Kaelber DC, Baker-Smith CM, et al. Clinical practice guideline for screening and management of high blood pressure in children and adolescents. Pediatrics 2017;140:e20171904.
  3. Sessler DI. Perioperative thermoregulation and heat balance. Lancet 2016;387:2655–2664.
  4. Jöhr M. Kinderanästhesie. 10. Auflage. München: Elsevier 2023.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie und keine lokalen Standards.