Notfallmedizin, Trauma

Schockraum und Traumamanagement

Im Schockraum entscheidet die Organisation: feste Rollen, parallele Abläufe und eine klare Rangfolge. Wer blutet, braucht Blutstillung, nicht Diagnostik; wer stabil ist, gewinnt durch vollständige Bildgebung.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der europäischen Leitlinie zur Behandlung schwerer Blutungen nach Trauma (6. Auflage 2023), der ESICM-Leitlinie 2025 zu Schock und Kreislaufüberwachung sowie der deutschen S3-Leitlinie zur Behandlung Schwerverletzter; Recherchestand September 2026.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-051 Gefäßzugänge bei der Erstversorgung von erwachsenen Notfallpatienten im Schockraum (S1, Stand 03/2025, gültig bis 10.03.2030): gültig
  • 040-014 Intensivmedizin nach Polytrauma (S3, Stand 07/2024, gültig bis 23.07.2029): gültig
  • 187-023 Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung (S3, Stand 12/2022, gültig bis 30.12.2027, in Überarbeitung): gültig
Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Ein Schockraumteam strukturieren und die Übergabe standardisieren.
  • Nach ABCDE parallel arbeiten und Prioritäten setzen.
  • Den Blutungsschock erkennen und nach Damage-Control-Prinzipien behandeln.
  • Gerinnungstherapie, Tranexamsäure und Transfusionsstrategie anwenden.
  • Die Besonderheiten bei Schädel-Hirn-Trauma berücksichtigen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Prioritäten im Schockraum und Damage Control bei Blutungsschock.
  3. Ergänzend: Schockformen, Volumen- und Katecholamintherapie und Reanimation nach ERC 2025.

Lektion 1

Team, Vorbereitung und Übergabe

  • Voranmeldung nutzen: Mechanismus, Vitalparameter, Verletzungen, Maßnahmen und erwartete Ankunft; danach Team alarmieren, Rollen verteilen, Material und Blutprodukte vorbereiten, Wärme sicherstellen.
  • Rollen: Teamleitung (ohne eigene Handgriffe, spricht laut), Atemweg, Kreislauf und Zugänge, Dokumentation, Pflege, Chirurgie, Radiologie; jede Person kennt ihre Aufgabe vor Eintreffen.
  • Übergabe: einmal, laut und ohne Unterbrechung, strukturiert nach einem festen Schema (zum Beispiel Mechanismus, Verletzungen, Vitalparameter, Maßnahmen); dabei nur Umlagern, keine parallelen Untersuchungen.
  • Sicherheit: Strahlenschutz, Eigenschutz, Hygiene, Wärmeerhalt von Anfang an.
Schockraum: parallele Prioritäten statt Reihenfolge im KopfAAtemweg und HWSAtemweg sichern, Immobilisation, Videolaryngoskop bereitBBeatmungSättigung, Auskultation, eFAST auf Pneumothorax, ThoraxentlastungCKreislauf und BlutungBlutung stoppen, Becken schließen, Zugänge, Blutprodukte, TranexamsäureDNeurologieGCS, Pupillen, Glukose, bei SHT Blutdruck sichernEUmgebungentkleiden, Wärme erhalten, Verletzungen vollständig erfassenTeamleitung spricht laut, Rollen sind verteilt, Ganzkörper-CT nach Stabilisierungsentscheidung.Eigene Darstellung nach ABCDE-Prinzip und S3-Leitlinie Polytrauma.
Abbildung 1: Prioritäten im Schockraum. Eigene Darstellung nach ABCDE-Prinzip und S3-Leitlinie Polytrauma

ABCDE bedeutet nicht, nacheinander abzuarbeiten, sondern parallel zu handeln und nach Priorität zu entscheiden: Ein Spannungspneumothorax wird sofort entlastet, eine spritzende Blutung sofort komprimiert, und die vollständige Diagnostik folgt, sobald die Oxygenierung und der Kreislauf es zulassen.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Blutungsschock, Damage Control und Gerinnung

Blutungsschock erkennenSchockindex, Laktat, eFAST, Beckenstabilität, offensichtliche BlutungBlutung stoppenKompression, Tourniquet,Beckenschlinge, Chirurgie oderIntervention ohne VerzögerungGerinnung stützenTranexamsäure früh (innerhalb 3 h),Blutprodukte ausgewogen,Kalzium, Fibrinogen nach MessungTödliche Trias vermeidenHypothermie: Wärmen und warme Infusionen;Azidose: Perfusion statt Puffer;Hypokalzämie und Koagulopathie: messen und gezielt behandelnPermissive Hypotension bis zur Blutungskontrolle (systolisch 80 bis 90 mmHg), außer bei Schädel-Hirn-Trauma.Eigene Darstellung nach der europäischen Traumaleitlinie 2023 und ESICM 2025.
Abbildung 2: Damage Control bei Blutungsschock. Eigene Darstellung nach der europäischen Traumaleitlinie 2023

Die Blutung ist beim Schwerverletzten die häufigste vermeidbare Todesursache, und das Vorgehen folgt sechs Grundsätzen. Erkannt wird der Blutungsschock an einem Schockindex über 1, kühler Peripherie, verlängerter Rekapillarisierungszeit, an Laktat und Basenüberschuss, an der eFAST-Untersuchung und an einer instabilen Beckenregion; ein normaler Blutdruck schließt eine relevante Blutung nicht aus, weil junge Patienten lange kompensieren. Das Stoppen der Blutung hat Vorrang vor allem anderen, durch Kompression, Tourniquet, Beckenschlinge und die sofortige Operation oder Intervention; Diagnostik darf die Blutstillung nicht verzögern. Bis zur Blutungskontrolle gilt die permissive Hypotension mit systolisch 80 bis 90 mmHg, beim Schädel-Hirn-Trauma mit einer Glasgow Coma Scale bis 8 dagegen ein mittlerer arterieller Druck von mindestens 80 mmHg, weil das verletzte Gehirn den niedrigen Druck nicht toleriert. Tranexamsäure wird früh gegeben, innerhalb von drei Stunden nach dem Trauma, mit 1 g als Bolus und 1 g über acht Stunden; die CRASH-2-Studie zeigte eine geringere Sterblichkeit bei früher Gabe und einen möglichen Schaden bei später Gabe. Transfundiert wird früh und in ausgewogenem Verhältnis oder zielgerichtet nach viskoelastischer Messung, wobei Kalzium überwacht und ersetzt, Fibrinogen nach Messung gegeben und Kristalloide zurückhaltend eingesetzt werden. Und die tödliche Trias aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie wird aktiv verhindert, weil sich die drei gegenseitig verstärken; dem wirken Wärme, wiederhergestellte Perfusion und eine gezielte Gerinnungstherapie entgegen. Die Damage Control Surgery führt zuerst kurze, lebensrettende Eingriffe durch und verschiebt die definitive Versorgung auf die Zeit nach der Stabilisierung.

Evidence BoxDie europäische Traumaleitlinie (6. Auflage, Crit Care 2023) empfiehlt permissive Hypotension bis zur Blutungskontrolle, frühe Tranexamsäure und eine zielgerichtete Gerinnungstherapie; die Empfehlungen beruhen überwiegend auf Kohorten und wenigen randomisierten Studien, etwa zur Tranexamsäure. Die ESICM-Leitlinie 2025 nennt für das Trauma ohne Schädel-Hirn-Trauma einen systolischen Zielwert von 80 bis 90 mmHg, bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma dagegen einen mittleren Druck von mindestens 80 mmHg.

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Ein Verletzter hat eine Herzfrequenz von 128/min und einen systolischen Blutdruck von 86 mmHg. Berechnen Sie den Schockindex (zwei Nachkommastellen). Wie viel Tranexamsäure geben Sie als Bolus in mg?

Lektion 3

Atemweg, Schädel-Hirn-Trauma und Bildgebung

Atemweg im Schockraum

Die Indikation zur Atemwegssicherung im Schockraum ergibt sich aus fehlenden Schutzreflexen, einer Hypoxämie trotz Sauerstoffgabe, einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, einer Verbrennung der Atemwege, einer drohenden Verlegung oder einer Unruhe mit Eigengefährdung. Vorbereitet wird wie beim physiologisch schwierigen Atemweg: Präoxygenierung, Stabilisierung des Kreislaufs, bereitgestellter Vasopressor, Videolaryngoskop, funktionsgeprüfte Absaugung, Pläne B bis D und die manuelle Inline-Stabilisierung der Halswirbelsäule. Das Hypnotikum wird reduziert dosiert, weil der Schockpatient auf jede Dosis empfindlicher reagiert; die RSI-Studie von 2025 zeigte zudem unter Ketamin häufiger einen kardiovaskulären Kollaps als unter Etomidat. Die Kapnographie ist obligat, und nach der Intubation wird eine Normokapnie angestrebt, besonders beim Schädel-Hirn-Trauma, weil sowohl Hyper- als auch Hypokapnie die Hirndurchblutung ungünstig verändern.

Schädel-Hirn-Trauma

Beim Schädel-Hirn-Trauma entscheidet die Vermeidung von Sekundärschäden über das Ergebnis. Hypotonie, Hypoxie, Hyperkapnie, Hypokapnie, Hypoglykämie und Fieber sind die klassischen sekundären Insulte; schon einzelne Episoden verschlechtern in Registerdaten das neurologische Ergebnis deutlich. Der Oberkörper wird um 30 Grad erhöht und der Kopf gerade gelagert, damit der venöse Abfluss nicht behindert wird, die Normothermie wird gehalten, eine ausreichende Analgosedierung verhindert Anstiege des Hirndrucks, und Krampfanfälle werden behandelt. Bei Zeichen eines erhöhten Hirndrucks erfolgt die osmotische Therapie nach Protokoll und sofort die neurochirurgische Abklärung. Und Antikoagulation oder Thrombozytenhemmung werden gezielt erfragt und, wenn möglich, antagonisiert, weil sie die Größe einer Blutung entscheidend beeinflussen.

Evidence Box, Atemweg und Schädel-Hirn-TraumaFür die Notfallintubation gelten dieselben geprüften Befunde wie auf der Intensivstation: Die Präoxygenierung mit nichtinvasiver Beatmung halbierte in PREOXI die Hypoxämie (9,1 gegen 18,5 Prozent), die Videolaryngoskopie erhöhte in DEVICE den Erfolg im ersten Versuch (85,1 gegen 70,8 Prozent), und in der RSI-Studie 2025 trat unter Ketamin häufiger ein kardiovaskulärer Kollaps auf als unter Etomidat (22,1 gegen 17,0 Prozent). Für das Schädel-Hirn-Trauma beruhen die Blutdruckziele auf Kohortendaten und Leitlinienkonsens, nicht auf randomisierten Studien.

Bildgebung

Instabile Patienten werden nicht in den Computertomographen gefahren, sondern blutungskontrolliert; eFAST, Röntgen von Thorax und Becken sowie die klinische Untersuchung steuern das Vorgehen. Sobald der Kreislauf es zulässt, folgt beim Polytrauma die Ganzkörper-Computertomographie mit Kontrastmittel. Nach der Erstversorgung ist die vollständige, wiederholte Untersuchung wichtig, um übersehene Verletzungen zu finden.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Diagnostik vor Blutstillung.
  • Kristalloide statt Blutprodukte beim Blutungsschock.
  • Tranexamsäure vergessen oder zu spät geben.
  • Wärmeerhalt unterschätzen.
  • Beim Schädel-Hirn-Trauma permissive Hypotension anwenden.
  • Übergabe parallel zu Untersuchungen laufen lassen.

Merksätze

  • Rollen verteilen, Teamleitung hält die Hände frei.
  • ABCDE parallel, Priorität nach Bedrohung.
  • Blutung stoppen, permissive Hypotension ohne Schädel-Hirn-Trauma.
  • Tranexamsäure innerhalb von 3 Stunden.
  • Blutprodukte ausgewogen, Kalzium und Wärme nicht vergessen.
  • Instabile Patienten gehören in den Operationssaal, nicht in den Computertomographen.

Fälle

Aufgabe 1: Motorradunfall

Gegeben:
27 Jahre, Sturz mit hoher Geschwindigkeit, Blutdruck 82/50 mmHg, Herzfrequenz 130/min, Becken instabil, wach und unruhig, Sättigung 95 Prozent.

Frage:
Was tun Sie in den ersten fünf Minuten?

Lösung

Beckenschlinge sofort anlegen, zwei großlumige Zugänge, Blutprodukte anfordern und Massivtransfusionsprotokoll auslösen, Tranexamsäure 1 g. Sauerstoff, eFAST, Röntgen Thorax und Becken, Wärmeerhalt. Blutdruckziel systolisch 80 bis 90 mmHg bis zur Blutungskontrolle, Kristalloide zurückhaltend. Parallel Entscheidung mit Chirurgie und Radiologie: bei Instabilität Operationssaal oder Angiographie, kein Transport in den Computertomographen. Unruhe als Zeichen der Minderperfusion werten, Analgesie titriert; Intubation nur mit vorbereiteter Kreislauftherapie.

Aufgabe 2: Sturz aus vier Metern

Gegeben:
61 Jahre, unter Apixaban, Glasgow Coma Scale 7, Blutdruck 168/90 mmHg, Pupillen seitengleich, keine äußere Blutung.

Frage:
Welche Maßnahmen priorisieren Sie?

Lösung

Schweres Schädel-Hirn-Trauma: Atemweg sichern mit Inline-Stabilisierung, Normoxie und Normokapnie, Oberkörper 30 Grad. Kein permissiver Blutdruck, sondern mittlerer arterieller Druck mindestens 80 mmHg. Sofortige Computertomographie des Kopfes, Antikoagulation gezielt antagonisieren (Apixaban: Anti-Xa-Spiegel, wenn verfügbar; bei lebensbedrohlicher Blutung Andexanet alfa oder Prothrombinkomplex nach europäischer Traumaleitlinie, Rossaint 2023), Neurochirurgie früh einbinden. Glukose, Temperatur und Krampfanfälle kontrollieren, Analgosedierung, weitere Verletzungen suchen.

Aufgabe 3: Instabil nach Ankunft

Gegeben:
35 Jahre, Sturz vom Gerüst, nach Ankunft zunehmende Atemnot, einseitig fehlendes Atemgeräusch links, Blutdruck fällt auf 75/40 mmHg, Halsvenen gestaut.

Frage:
Was tun Sie sofort?

Lösung

Spannungspneumothorax: sofortige Entlastung ohne Wartezeit auf Bildgebung, anschließend Thoraxdrainage. Sauerstoff, Kreislauftherapie, danach Reevaluation von A bis E. Bei fehlender Besserung an weitere Ursachen denken (Hämatothorax, Tamponade, Blutung). eFAST wiederholen, Chirurgie einbinden, Wärmeerhalt, Analgesie. Der Fall zeigt, warum die Reevaluation nach jeder Maßnahme zum Ablauf gehört.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon eine Rechenaufgabe. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
SchockindexHerzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck; über 1 auffällig
eFASTerweiterte fokussierte Sonographie bei Trauma, einschließlich Pleura
Permissive Hypotensionbewusst niedriger Blutdruck bis zur Blutungskontrolle
Damage Controlkurze lebensrettende Eingriffe zuerst, definitive Versorgung später
Tödliche TriasHypothermie, Azidose und Koagulopathie
Inline-Stabilisierungmanuelles Halten der Halswirbelsäule während der Intubation

Literatur

  1. Rossaint R, Afshari A, Bouillon B, et al. The European guideline on management of major bleeding and coagulopathy following trauma: sixth edition. Crit Care 2023; 27:80.
  2. Monnet X, Messina A, Greco M, et al. ESICM guidelines on circulatory shock and hemodynamic monitoring 2025. Intensive Care Med 2025; 51:1971–2012.
  3. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. S3-Leitlinie Polytrauma und Behandlung Schwerverletzter (AWMF 187-023); aktuelle Fassung bitte prüfen.
  4. Casey JD, Seitz KP, Driver BE, et al. Ketamine or etomidate for tracheal intubation of critically ill adults (RSI). N Engl J Med 2025.
  5. Soar J, Böttiger BW, Carli P, et al. European Resuscitation Council guidelines 2025: adult advanced life support. Resuscitation 2025; 215:110769.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, kein Training und keine lokalen Standards.