Regionalanästhesie, Evidenz und Innovation · Stufe WBJ 4

Zielgerecht blocken: Evidenz für die Blockwahl in Orthopädie und Unfallchirurgie

Die richtige Blockade ist nicht die neueste, sondern die, die zu Eingriff, Patient und Team passt. Diese Einheit ordnet die Evidenz für die häufigsten Eingriffe und benennt, was sie nicht trägt.

Neufassung für das E-Learning aus einem Evidenzvortrag des Autors (2026), gegen die Originalarbeiten geprüft. Fehlerhafte oder unbelegte Angaben der Vorlage sind als Messfehler Box gekennzeichnet und korrigiert.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-022 Regionalanästhesie bei ambulanten Patienten (S1, Stand 03/2021, gültig bis 16.03.2026): Gültigkeit abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Den Paradigmenwechsel der Regionalanästhesie beschreiben.
  • Die Netzwerk-Metaanalyse zur opioidfreien Anästhesie richtig lesen (SUCRA, GRADE).
  • Für Schulter, Hand, Hüfte, Knie und Fuß die Blockwahl mit Belegen begründen.
  • Gerinnung und Lungenfunktion in die Blockwahl einbeziehen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Fünf Lektionen mit Blockplaner, zwei Fälle, Aufgabenblock, Abschlussquiz, Nachschlagen.
  2. Technik der Blöcke in den Einheiten der Teile 2 und 3.

Lektion 1

Paradigmenwechsel und opioidfreie Anästhesie

Die Regionalanästhesie hat sich in zwei Jahrzehnten grundlegend verändert: vom Stimulator allein zum Ultraschall mit Stimulator, vom großen Volumen zur gezielten Injektion, vom „Hauptsache taub“ zur motorisch schonenden, prozedurspezifischen Blockade im multimodalen Konzept.

Tabelle 1: Paradigmenwechsel in der Regionalanästhesie
FrüherHeute
Nervenstimulation allein, LandmarkenUltraschall als Standard, Stimulation als zweite Sicherheitsebene
großes Volumen, „viel hilft viel“gezielte Injektion, kleinere Volumina, Phrenikusschonung
möglichst vollständige Blockademotorisch schonend (Trigonum femorale, Adduktorenkanal, PENG) für frühe Mobilisation
Block als Einzelmaßnahmeprozedurspezifische, multimodale Konzepte (PROSPECT)
Single Shot ohne NachsorgeKatheter oder geplante orale Analgesie gegen Rebound-Schmerz

Opioidfrei durch Regionalanästhesie?

Evidence Box, Netzwerk-MetaanalyseEine Netzwerk-Metaanalyse mit 885 randomisierten Studien aus 59 Ländern verglich opioidfreie und opioidhaltige Anästhesie mit und ohne Regionalanästhesie. Die am höchsten gereihten Kombinationen erreichten SUCRA-Werte von 75 bis 93 %, allerdings nur mit niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. Wurde eine Regionalanästhesie eingesetzt, unterschieden sich opioidfreie und opioidhaltige Anästhesie kaum (de Carvalho 2026). Die Arbeit wurde in Leserbriefen kritisch diskutiert.
Messfehler Box, SUCRAEin SUCRA-Wert ist eine Rangwahrscheinlichkeit, keine Effektgröße: „93 %“ heißt nicht „93 % weniger Schmerz“. Entscheidend sind Effektgröße, Vertrauenswürdigkeit (GRADE) und klinische Relevanz. Die Aussage „opioidfreie Anästhesie mit Regionalanästhesie ist überlegen“ geht über die Daten hinaus.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Schulter: Analgesie gegen Zwerchfell

Für die Schulter bleibt der interskalenäre Block der Referenzstandard; PROSPECT empfiehlt ihn für die Rotatorenmanschettenrekonstruktion, bei Kontraindikation einen Block des N. suprascapularis (Toma 2019). Die Frage ist nicht „welcher Block ist besser“, sondern „welcher Patient verträgt welche Zwerchfellparese“.

Tabelle 2: Schulter: Belege für die Blockwahl
VergleichErgebnisQuelle
interskalenär 20 gegen 5 mlZwerchfellparese 100 gegen 45 %, Analgesie vergleichbarRiazi 2008
Truncus superior gegen interskalenärZwerchfellparese 4,8 gegen 71,4 %, Analgesie gleichwertigKim 2019
kostoklavikulär gegen interskalenärZwerchfellparese 0 gegen 100 %, Anschlag 21,6 gegen 14,0 min, n = 44Aliste 2019
N. suprascapularis gegen interskalenärfrühe Analgesie etwas geringer, weniger AtemnebenwirkungenHussain 2017
Modifikationen interskalenärVolumen, Konzentration, Injektionsort senken die Rate, keiner schließt sie ausEl-Boghdadly 2017
Messfehler Box, QuelleIn den Unterlagen stand für den kostoklavikulären Vergleich das Jahr 2018; die Studie ist 2019 erschienen. Alle Patienten erhielten zusätzlich einen intermediären Zervikalplexusblock, die Ergebnisse gelten also für diese Kombination.

Technik der Alternativen: erweiterte Blockaden der oberen Extremität.

Übung 2.1

Lektion 3

Distale obere Extremität: Register, Tourniquet, Rebound

Für Hand, Unterarm und Ellenbogen konkurrieren supra-, infra-, kostoklavikulärer und axillärer Zugang. Analgetisch sind sie meist gleichwertig; es entscheiden Tourniquet, Gerinnung, Lunge, Katheterwunsch und Erfahrung.

Evidence Box, RegisterDeutsches Register, 26 947 Plexusblockaden: Der axilläre Zugang hatte die höchsten adjustierten Risiken für Blockversagen (OR 2,3), Katheterversagen (OR 1,4) und neurologische Störungen nach Katheter (OR 3,0), der infraklavikuläre die meisten Katheterinfektionen; kein Zugang war insgesamt überlegen (Kubulus 2026).
Messfehler Box, AteminsuffizienzEine in den Unterlagen genannte Rate von 0,2 % Ateminsuffizienz nach supraklavikulärem Block ließ sich in keiner Quelle belegen und wurde nicht übernommen.
Evidence Box, TourniquetTourniquet: Gezielte ultraschallgesteuerte Blockade von N. cutaneus brachii medialis und Nn. intercostobrachiales gelang bei 88 gegen 19 % (konventionell subkutan), das Tourniquet tolerierten 97,6 gegen 38,1 % (Magazzeni 2018).

Nach Abklingen eines Single Shot ist der Rebound-Schmerz häufig; jüngere Patienten, Knochenchirurgie und fehlende perioperative Dexamethasongabe erhöhen das Risiko (Barry 2021). Vorausschauende orale Analgesie gehört zu jedem Konzept.

Übung 3.1

Lektion 4

Hüfte: Fraktur und Endoprothetik

Die Hüfte wird von artikulären Ästen des N. femoralis, des N. obturatorius und des N. obturatorius accessorius versorgt; die vordere Kapsel trägt die meisten Nozizeptoren (Laumonerie 2021). Daraus erklärt sich die Stärke des PENG-Blocks: Er zielt auf diese Äste zwischen Eminentia iliopubica und Psoassehne und schont die Motorik weitgehend (Girón-Arango 2018).

An der Hüfte ist die Studienlage vergleichsweise klar. Bei der Hüftfraktur senken periphere Blockaden den Schmerz in Ruhe und bei Bewegung und wahrscheinlich auch das Delirrisiko; am besten belegt sind der Fascia-iliaca-Block und die Femoralisblockade (Guay 2020, Hayashi 2024). Leitlinien empfehlen deshalb, die Blockade bereits in der Notaufnahme anzulegen und nicht erst im Operationssaal (Griffiths 2021), weil die Schmerzspitze vor der Operation liegt. Bei der Antikoagulation ist die Einordnung der Blockade entscheidend: Der PENG-Block gilt als tiefe Blockade, der Fascia-iliaca-Block als oberflächlich, sodass bei wirksamer Antikoagulation der Fascia-iliaca-Block die sichere Wahl ist (Kietaibl 2022). In der Hüftendoprothetik setzt die Empfehlung der PROSPECT-Gruppe auf eine gute Basisanalgesie aus Nichtopioiden; Infiltration und Blockaden sind Ergänzung und nicht Ersatz (Anger 2021). PENG-Block und lokale Infiltration werden in Studien kombiniert untersucht, eine allgemeine Empfehlung, dass beides zusammen Standard sei, gibt es bislang nicht.

Messfehler Box, PENGDie Aussage „PENG plus lokale Infiltration ist Best Practice nach PROSPECT“ ist so nicht belegt. PROSPECT bewertet einzelne Verfahren; Kombinationen stammen aus Einzelstudien und Metaanalysen mit begrenzter Qualität.

Übung 4.1

Lektion 5

Knie und Fuß, Blockplaner

Am Knie hat sich der motorisch schonende Block durchgesetzt. PROSPECT empfiehlt für die Knie-TEP eine Basisanalgesie mit lokaler Infiltration und Adduktorenkanalblock; der Femoralisblock ist wegen der Quadrizepsschwäche nicht mehr erste Wahl (Lavand’homme 2022). Die Einheit Basisblockaden zeigt Trigonum femorale und Adduktorenkanal im Detail.

Am Knie hat sich die Kombination aus einem Block im Trigonum femorale oder im Adduktorenkanal mit einer lokalen Infiltration durch den Operateur durchgesetzt, weil sie die Analgesie erhält und den Quadrizeps schont. Der Schmerz aus der hinteren Kapsel lässt sich über den Plexus popliteus ergänzen, als iPACK-Block oder über einen sehr distalen Adduktorenkanalblock; die Evidenz dazu ist uneinheitlich. Bei Eingriffen an Fuß und Sprunggelenk stehen der popliteale Ischiadicusblock und der Fußblock zur Wahl. Für den Vorfuß sind beide analgetisch gleichwertig (Olofsson 2024), der Fußblock schont die Unterschenkelmotorik und erlaubt damit eine frühere sichere Mobilisation. Für die Operation des Hallux valgus gibt es eine eigene PROSPECT-Empfehlung (Korwin-Kochanowska 2020); eine kleine Studie mit 60 Patienten fand mit Fußblock weniger Schmerz und eine bessere Funktion (Kir 2018).

Messfehler Box, FußblockDie Behauptung, der Fußblock verhindere chronische Schmerzen, ist durch die zitierte Studie nicht gedeckt; sie untersuchte Schmerz und Funktion, nicht die Chronifizierung.

Blockplaner

Eingriff
Gerinnung
Lunge
Vorschlag
Alternative
Beleg

Übung 5.1

Ergänzung aus der Fortbildung 2026

Periphere Blockaden 2013 bis 2026: was wirklich neu ist

Neu ist in den vergangenen dreizehn Jahren weniger „der eine revolutionäre Block“ als die Verschiebung des Zielbildes. Früher galt die vollständige sensorische und motorische Blockade als Erfolg, überwacht wurde stationär, und die Mobilisation spielte keine Rolle. Heute zählen motor-sparing-Konzepte, die Einbindung in ambulante Pfade, frühe Mobilisation, multimodale Schmerztherapie und standardisierte Prozesse. Getrieben wird diese Entwicklung nicht von anatomischen Entdeckungen, sondern von vier Faktoren: der Verlagerung von Eingriffen in den ambulanten Sektor, den ERAS-Protokollen mit früher Mobilisation und kurzer Liegedauer, der Sturzprävention, weil Motorblockaden das Sturzrisiko erhöhen und die Physiotherapie verzögern, und dem Druck zur Opioidreduktion.

Daraus folgt ein Zielkonflikt, der jede Blockadeentscheidung prägt: Analgesie bleibt das primäre Ziel, der Erhalt der motorischen Funktion wird zur Voraussetzung, und die frühe Rehabilitation verlangt eine funktionsfähige Muskulatur. Ein adäquater Schmerzschutz bei erhaltener Gehfähigkeit zwei Stunden nach der Operation ist heute wertvoller als eine komplette Analgesie mit Quadrizepsparese über zwölf Stunden. Eine narrative Aufarbeitung der Literatur seit 2013 (Admiraal und Mitarbeiter) fasst den Stand in drei Punkten zusammen: Der klinische Nutzen vieler peripherer Blockaden ist plausibel und konsistent, schwerwiegende und dauerhafte Komplikationen sind selten, und die Literatur ist methodisch stark heterogen, was vergleichende Aussagen begrenzt. Technik, Volumina, Konzentrationen, Endpunkte und Vergleichsarme unterscheiden sich so sehr, dass Sätze wie „Block A ist besser als Block B“ selten belastbar sind. Das spricht nicht gegen die Regionalanästhesie, verschiebt aber das Gewicht zugunsten klinischer Erfahrung und institutioneller Standardisierung.

Knie: das Leitmodell des motor-sparing

Die Knieendoprothetik ist der Prototyp dieser Entwicklung, weil hier exzellente Analgesie und erhaltene Quadrizepsfunktion gleichzeitig verlangt werden. Vier Verfahren teilen sich das Feld. Der Adduktorenkanalblock hat den Femoralisblock in vielen Zentren abgelöst; eine aktualisierte systematische Übersicht (Chiang und Mitarbeiter) beschreibt den motor-sparing-Vorteil als konsistent repliziert, bei vergleichbarer Analgesie und deutlich besserer Quadrizepskraft, früher erreichten Rehabilitationsmeilensteinen, besseren Gehtests und geringerem, aber nicht beseitigtem Sturzrisiko. Offen bleiben Dosis und Volumen: Große Volumina können nach proximal ausbreiten und den Quadrizeps teilweise mitblockieren, kleine Volumina können zu schwach analgesieren. Der iPACK-Block adressiert den posterioren Kniegelenkschmerz, ohne den N. ischiadicus zu blockieren. Die lokale Infiltrationsanalgesie durch den Operateur ergänzt oder ersetzt regionale Techniken und erlaubt die intraoperative Applikation. Und die genikulären Nervenblockaden zielen hochselektiv auf die gelenkinnervierenden Äste.

Zu den genikulären Blockaden lohnt eine nüchterne Einordnung. Die perioperative Literatur ist überschaubar, und der größte Teil der älteren Arbeiten stammt aus der Behandlung chronischer Knieschmerzen mit Radiofrequenzablation. Eine systematische Übersicht von Chang und Mitarbeitern (2025) fand eine signifikante Verminderung des frühen postoperativen Schmerzes, typischerweise in den ersten 12 bis 24 Stunden, jedoch uneinheitliche funktionelle Ergebnisse, einen nur teilweise reduzierten Opioidbedarf und methodische Schwächen mit kurzen Nachbeobachtungszeiten. Netzwerkmetaanalysen schließen die genikulären Blockaden inzwischen neben Femoralisblock, Adduktorenkanalblock und iPACK ein, die Rangfolgen sind aber endpunktabhängig und inkonsistent. Praktisch bleibt die Technik anspruchsvoll und zeitintensiv, ihre Wirkdauer begrenzt; ohne abgestimmtes multimodales Konzept entsteht am ersten bis zweiten Tag ein analgetisches Loch. Sie ist damit eine vielversprechende Ergänzung, besonders bei Kontraindikationen gegen den Adduktorenkanalblock, aber kein Ersatz für die etablierte Kombination aus Adduktorenkanalblock, iPACK und lokaler Infiltration.

Knieendoprothese: motorschonende Verfahren, Stand 2025

Eine systematische Übersicht von 2025 hat die motorschonenden Verfahren für die Knieendoprothese neu bewertet (White 2025). Maßstab ist die lokale Infiltrationsanalgesie durch den Operateur, weil sie einfach und wirksam ist und die Mobilisation nicht behindert. Die Blockaden werden daran gemessen, ob sie gleich gut oder besser wirken, mit weniger Lokalanästhetikum auskommen oder bestimmten Patientengruppen nützen.

Sensible Versorgung der Knievorderseite, vereinfacht (Quadranten)Patellaoben lateralN. zum M. vastus lateralis und intermedius,N. genicularis superior lateralisoben medialN. zum M. vastus medialis und intermedius,N. genicularis superior medialisunten lateralN. genicularis inferior lateralis,N. fibularis recurrensunten medialR. infrapatellaris des N. saphenus,N. genicularis inferior medialisDie Rückseite versorgt der Plexus popliteus aus Ästen des N. tibialis, des N. obturatorius und des N. fibulariscommunis. Adduktorenkanal- und Femoralisdreieckblock erfassen vor allem die medialen Anteile; die lateralenerreichen genikuläre Blockaden oder die Infiltration. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung: Sensible Versorgung der Knievorderseite, vereinfacht. Eigene Darstellung nach anatomischen Übersichten
Tabelle K: Motorschonende Verfahren bei Knieendoprothese im Vergleich (nach White 2025 und den darin bewerteten Studien)
VerfahrenWirkungEvidenz, Hinweis
Lokale Infiltrationsanalgesievorne und hinten, durch den OperateurReferenz; hohe Dosen (bis etwa 400 mg Ropivacain einseitig), Spiegelgipfel teils erst nach Stunden
Adduktorenkanal- oder Femoralisdreieckblockmedial und anteromedialLage im Dreieck oder Kanal ohne Unterschied im Ergebnis; allein etwa gleich wirksam wie die Infiltration
Katheter im AdduktorenkanalVerlängerung über 24 StundenMetaanalysen widersprüchlich; bescheidener Zusatznutzen zur Infiltration, sinnvoll bei Opioidgewöhnung
Block der vorderen femoralen HautnervenSchnittbereich vornezusätzlich zum Femoralisdreieckblock weniger Bewegungsschmerz für etwa 12 Stunden (Kampitak 2021)
Genikuläre BlockadenQuadranten vornemit 20 bis 40 ml gleich wirksam wie die Infiltration mit etwa 150 ml (Cunat 2023, Kertkiatkachorn 2024); unten lateral meist ausgelassen wegen N. fibularis
iPACKKapsel hintenohne Infiltration besser als ohne Block; mit hinterer Infiltration kein Zusatznutzen (Hussain 2021)
Selektiver Tibialisblockhintennicht besser als die Infiltration; Fußmotorik kann betroffen sein
Femoralisblock mit kurz wirksamem LokalanästhetikumRettung im Aufwachraumsenkt Schmerz und Opioidbedarf früh (Gadsden 2020), ohne die spätere Mobilisation zu behindern

Für die Praxis ergibt sich ein Baukasten: ein Block im Adduktorenkanal oder Femoralisdreieck kombiniert mit Infiltration oder mit genikulären Blockaden. Wer ein erhöhtes Risiko einer Lokalanästhetikavergiftung hat, etwa hochbetagte, leichte oder organkranke Patientinnen und Patienten und beidseitige Eingriffe, profitiert von genikulären Blockaden, weil sie mit einem Bruchteil der Dosis auskommen. Opioidgewohnte Patientinnen und Patienten erhalten eher einen Katheter. Die meisten Studien schlossen gerade diese Risikogruppen aus.

Gesamtdosis beachten

Die hohen Dosen der Infiltration führen in Einzelfällen zu Plasmaspiegeln nahe der toxischen Schwelle, und der Gipfel kann erst nach Verlegung aus dem Aufwachraum auftreten. Bei Rettungsblockaden nach Infiltration wird die Gesamtdosis deshalb addiert und die Überwachung verlängert (Neal 2018, Gromov 2021).

Quellen dieses Abschnitts: White L et al. Br J Anaesth 2025;134:510–522. Kampitak W et al. Korean J Anesthesiol 2021;74:496–505. Cunat T et al. Anaesthesia 2023;78:188–196. Kertkiatkachorn W et al. Reg Anesth Pain Med 2024;49:669–676. Hussain N et al. Reg Anesth Pain Med 2021;46:713–721. Hussain N et al. Anesthesiology 2023;139:444–461. Gadsden JC et al. Korean J Anesthesiol 2020;73:417–424. Neal JM et al. Reg Anesth Pain Med 2018;43:113–123. Gromov K et al. Br J Anaesth 2021;126:872–880.

Hüfte: Fascia-iliaca-Block und PENG-Block nebeneinander

Der Fascia-iliaca-Block bleibt das Arbeitspferd, besonders in der Notfallmedizin und bei geriatrischen Hüftfrakturen; die suprainguinale Ultraschalltechnik hat die Landmarkentechnik weitgehend abgelöst und breitet sich verlässlicher aus. Die Diskussion hat sich vom Ob zum Wann verschoben: Er wird bereits in der Notaufnahme angelegt, um Schmerzscores und initiale Opioidgaben zu senken, präoperativ, um die Lagerung zur Spinalanästhesie zu erleichtern, intraoperativ für die prolongierte Analgesie und bei komplexen Eingriffen als Katheter. Registerdaten zeigen für institutionalisierte Hüftfraktur-Pfade konsistente Effekte auf Schmerz, Opioidverbrauch und Zufriedenheit; die Herausforderung liegt in der Prozessintegration und Schulung, nicht in der Wirksamkeit. Der PENG-Block, 2018 beschrieben, ist die motor-sparing-Alternative mit selektiver Blockade der Gelenkinnervation; eine systematische Übersicht (Li und Mitarbeitern) zeigt häufig bessere Schmerzscores und teils geringeren Opioidbedarf bei erheblicher Variabilität der Effektgröße. Für die Praxis heißt das: Bei Hüftfrakturen mit ausgedehnter Schmerzausstrahlung und unsicherer Mobilität bleibt der Fascia-iliaca-Block Standard, bei elektiven Hüftprothesen in ERAS-Pfaden mit früher Vollbelastung gewinnt der PENG-Block an Bedeutung. Er ist nicht „besser“, sondern anders positioniert; die Wahl hängt von Eingriff, Schmerzmuster, Mobilitätsziel, Begleiterkrankungen und institutioneller Erfahrung ab.

Katheter, Ambulantisierung und das Gesamtkonzept

Auch die Rolle der Katheter hat sich gedreht. Sie galten als Goldstandard der prolongierten Analgesie und sind heute ein Spezialverfahren für definierte Indikationen: sehr schmerzhafte Eingriffe wie die Schulterprothetik, komplexe Traumata, Reoperationen nach Komplikationen und Patienten mit Kontraindikationen gegen Opioide. Dem stehen Immobilität, Infektions- und Dislokationsrisiko, logistischer Aufwand, verzögerte Entlassung und die Notwendigkeit strukturierter Überwachung gegenüber. Die Voreinstellung ist damit der Single Shot mit Adjuvanzien, nicht umgekehrt. Für die ambulante Chirurgie gelten eigene Anforderungen: schneller Wirkeintritt, ausreichende Wirkdauer, keine oder minimale Motorblockade, keine prolongierte Überwachung und eine sichere Entlassung mit funktionsfähiger Extremität; daraus folgen motor-sparing-Techniken, Single Shot mit Adjuvanzien, präzise Patientenauswahl, strukturierte Patienteninformation und ein Rescue-Konzept für zu Hause mit telefonischer Erreichbarkeit.

Die wichtigste Erkenntnis der Dekade ist allerdings eine andere: Der entscheidende Erfolgsfaktor ist das Gesamtkonzept und nicht die einzelne Nadel. Ein technisch perfekter Block scheitert klinisch, wenn Basisanalgesie, Rescue-Option, Patienteninformation und physiotherapeutische Integration fehlen; umgekehrt führt ein suboptimaler Block in einem exzellenten Pfad zu guten Ergebnissen. Die Frage „Block A oder Block B“ greift deshalb zu kurz. Sie lautet richtig: Welche Kombination aus Regionalanästhesie, systemischer Analgesie, chirurgischer Technik und postoperativem Pfad optimiert das Ergebnis für diese Patientengruppe?

Zum MitnehmenMotor-sparing ist das neue Leitprinzip: Der Adduktorenkanalblock hat den Femoralisblock am Knie weitgehend abgelöst, genikuläre Blockaden sind eine Ergänzung und kein Ersatz, und an der Hüfte stehen Fascia-iliaca-Block und PENG-Block nebeneinander. Single Shot mit Adjuvanzien ist die Voreinstellung, der Katheter die begründete Ausnahme.

Lektion 6

Fälle, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Schulter bei COPD

Arthroskopische Rotatorenmanschettennaht, COPD mit FEV1 von 45 % des Solls, Allgemeinanästhesie geplant.

Fall 1

Fall 2: Frühe Mobilisation

Knie-TEP in einem Programm mit Mobilisation am Operationstag.

Fall 2

Merksätze

  • SUCRA ist ein Rang, keine Wirkung.
  • Opioidfrei plus Regionalanästhesie ist nicht besser belegt als opioidhaltig plus Regionalanästhesie.
  • Schulter: interskalenär als Standard, Alternativen bei eingeschränkter Lunge.
  • Hand: Zugänge analgetisch ähnlich, Register zeigt verschiedene Risikoprofile.
  • Hüftfraktur: früh blockieren, bei Antikoagulation Fascia iliaca.
  • Knie: motorisch schonend plus Infiltration.
  • Quellen prüfen: Jahr, Kollektiv, Kombination.

Aufgaben

Aufgabe 1: Die Folie mit 93 %

Gegeben:
Eine Fortbildungsfolie: „Opioidfreie Anästhesie mit Regionalanästhesie ist mit 93 % die beste Strategie.“

Frage:
Was ist an der Aussage falsch?

Lösung

Der Wert ist ein SUCRA-Rang, keine Effektgröße; die Vertrauenswürdigkeit war niedrig; mit Regionalanästhesie unterschieden sich opioidfrei und opioidhaltig kaum. Richtig wäre: „rangiert oben, bei niedriger Evidenzqualität“.

Aufgabe 2: Hüftfraktur in der Nacht

Gegeben:
84-Jähriger, pertrochantäre Fraktur, Rivaroxaban heute Morgen, Schmerz 8 von 10.

Frage:
Welche Blockade, wann?

Lösung

Sofort Fascia-iliaca-Block, gern suprainguinal, Ultraschall, Einzelinjektion; PENG meiden (tief). Dosis nach Gewicht, Delirprophylaxe, Dokumentation. Katheter bei länger erwarteter Schmerzdauer.

Aufgabe 3: Handgelenk ambulant

Gegeben:
Ambulante Handgelenkarthroskopie, Oberarmtourniquet, Patient will am Abend nach Hause.

Frage:
Wie planen Sie?

Lösung

Axillär mit Blockade von N. cutaneus brachii medialis und Nn. intercostobrachiales für das Tourniquet (gezielt), mittellang wirksames oder lang wirksames Lokalanästhetikum je nach Dauer, Dexamethason intravenös, orale Analgesie vor dem Abklingen gegen Rebound, schriftliche Anleitung.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 11 Minuten

Abschlussquiz

Elf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
SUCRAsurface under the cumulative ranking curve: Rangwahrscheinlichkeit in Netzwerk-Metaanalysen
GRADEBewertung der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz
PROSPECTprozedurspezifische Schmerztherapie-Empfehlungen der ESRA
OFAopioidfreie Anästhesie
Rebound-SchmerzSchmerzanstieg nach Abklingen eines Single Shot

Literatur

  1. de Carvalho CC, El-Boghdadly K, et al. Netzwerk-Metaanalyse zu opioidfreier und opioidhaltiger Anästhesie mit und ohne Regionalanästhesie (885 randomisierte Studien). Anaesthesia 2026;81:702–712. doi:10.1111/anae.70121. Leserbriefe: doi:10.1111/anae.70267 und 10.1111/anae.70272.
  2. Toma O, Persoons B, Pogatzki-Zahn E, et al. PROSPECT guideline for rotator cuff repair surgery. Anaesthesia 2019;74:1320–1331.
  3. Riazi S, Carmichael N, Awad I, et al. Effect of local anaesthetic volume (20 vs 5 ml) on the efficacy and respiratory consequences of ultrasound-guided interscalene brachial plexus block. Br J Anaesth 2008;101:549–556.
  4. Kim DH, Lin Y, Beathe JC, et al. Superior trunk block: a phrenic-sparing alternative to the interscalene block. Anesthesiology 2019;131:521–533.
  5. Aliste J, Bravo D, Layera S, et al. Randomized comparison between interscalene and costoclavicular blocks for arthroscopic shoulder surgery. Reg Anesth Pain Med 2019;44:472–477.
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  7. El-Boghdadly K, Chin KJ, Chan VWS. Phrenic nerve palsy and regional anesthesia for shoulder surgery. Anesthesiology 2017;127:173–191.
  8. Kubulus C, Saadati M, Müller-Wirtz LM, et al. Risk profiles of common brachial plexus block sites: results from the net-ra registry. Reg Anesth Pain Med 2026;51:443–453.
  9. Magazzeni P, Jochum D, Iohom G, et al. Ultrasound-guided selective versus conventional block of the medial brachial cutaneous and the intercostobrachial nerves. Reg Anesth Pain Med 2018;43:832–837.
  10. Barry GS, Bailey JG, Sardinha J, et al. Factors associated with rebound pain after peripheral nerve block for ambulatory surgery. Br J Anaesth 2021;126:862–871.
  11. Laumonerie P, Dalmas Y, Tibbo ME, et al. Sensory innervation of the hip joint and referred pain: a systematic review. Pain Med 2021;22:1149–1157.
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  20. Olofsson M, Nguyen A, Rossel JB, Albrecht E. Ankle versus popliteal sciatic nerve block after forefoot surgery: randomized trial. Eur J Anaesthesiol 2024;41:55–60.
  21. Kietaibl S, Ferrandis R, Godier A, et al. Regional anaesthesia in patients on antithrombotic drugs: joint ESAIC/ESRA guidelines. Eur J Anaesthesiol 2022;39:100–132.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning aus den Unterlagen des Autors und der Klinik, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.