Anästhesie ist angewandte Gasphysik. Sauerstoff, Luft und Lachgas kommen aus Flaschen und Leitungen, volatile Anästhetika werden verdampft, und jedes Atemgas strömt durch Schläuche, Tuben und Atemwege. Die Gasgesetze beschreiben ein ideales Gas, dessen Teilchen kein Eigenvolumen haben und sich nicht anziehen. Reale Gase weichen davon vor allem bei hohem Druck und bei Temperaturen nahe ihrem Siedepunkt ab; für die klinische Rechnung sind die Gesetze trotzdem gute Näherungen.1
Temperatur immer in Kelvin
Alle Gasgesetze verwenden die absolute Temperatur. Der absolute Nullpunkt liegt bei 0 K oder −273,15 °C; 20 °C entsprechen 293 K, 37 °C 310 K. Wer mit Grad Celsius rechnet, erhält bei jeder Verhältnisrechnung falsche Ergebnisse: Eine Erwärmung von 10 °C auf 20 °C verdoppelt das Volumen nicht, sondern erhöht es nur um 283 zu 293, also um etwa 3,5 %.
Die drei klassischen Gesetze und das ideale Gasgesetz
Das Gesetz von Boyle gilt bei konstanter Temperatur: Druck mal Volumen ist konstant (p × V = konstant). Halbiert sich der Druck, verdoppelt sich das Volumen. Darauf beruht die Berechnung des Flascheninhalts in Lektion 2. Das Gesetz von Charles gilt bei konstantem Druck: Das Volumen ist proportional zur absoluten Temperatur. Das Gesetz von Gay-Lussac gilt bei konstantem Volumen: Der Druck ist proportional zur absoluten Temperatur. Eine volle Sauerstoffflasche, die in der Sonne liegt, erhöht deshalb ihren Druck; ein Fahrzeug im Winter zeigt einen niedrigeren Flaschendruck, obwohl nichts entnommen wurde. Die drei Gesetze fasst das ideale Gasgesetz zusammen: p × V = n × R × T, mit der Stoffmenge n in Mol und der Gaskonstante R.1
Nach Avogadro nehmen gleiche Volumina verschiedener Gase bei gleichem Druck und gleicher Temperatur die gleiche Zahl von Teilchen ein. Ein Mol eines idealen Gases füllt bei 0 °C und 1 atm 22,4 Liter. Diese Zahl verbindet Masse und Volumen: 44 g Lachgas (ein Mol) ergeben bei 0 °C etwa 22,4 l Gas. Mit Avogadro lässt sich auch berechnen, wie viel Dampf ein Milliliter flüssiges Anästhetikum liefert.
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Rechenbeispiel: Isofluran hat eine molare Masse von 184,5 g/mol und eine Dichte von 1,50 g/ml. Wie viele Milliliter Dampf entstehen aus 1 ml Flüssigkeit bei 20 °C und 1 atm? Verwenden Sie 22,4 l/mol bei 273 K und korrigieren Sie mit Charles auf 293 K.
Gemische und Lösungen: Dalton, Henry und Graham
Nach Dalton ist der Gesamtdruck eines Gemischs die Summe der Partialdrücke; jeder Partialdruck ist Fraktion mal Gesamtdruck. Raumluft auf Meereshöhe hat bei 760 mmHg einen Sauerstoffpartialdruck von etwa 160 mmHg; nach Anfeuchtung in den Atemwegen zieht der Wasserdampfdruck von 47 mmHg ab, und es bleiben 0,21 × (760 − 47) = etwa 150 mmHg. Nach Henry ist die Menge eines in Flüssigkeit gelösten Gases bei konstanter Temperatur proportional zu seinem Partialdruck; physikalisch gelöst sind im Blut etwa 0,003 ml Sauerstoff pro dl und mmHg. Das Gesetz von Graham besagt, dass die Diffusionsgeschwindigkeit eines Gases umgekehrt proportional zur Wurzel seiner molaren Masse ist.1 Für die Diffusion durch Gewebe zählt zusätzlich die Löslichkeit: Lachgas strömt in luftgefüllte Räume nicht wegen Graham, sondern weil es im Blut etwa dreißigmal löslicher ist als Stickstoff und deshalb viel schneller angeliefert als der Stickstoff abtransportiert wird.
| Gesetz | Aussage | konstant | Anwendung |
|---|---|---|---|
| Boyle | p × V = konstant | Temperatur | Inhalt einer Sauerstoffflasche, Druckänderung im Pneumothorax |
| Charles | V proportional zu T | Druck | Dampfvolumen bei Raumtemperatur, Ausdehnung beim Anwärmen |
| Gay-Lussac | p proportional zu T | Volumen | Flaschendruck in Sonne oder Kälte |
| Avogadro | 1 mol = 22,4 l bei 0 °C und 1 atm | Druck und Temperatur | Dampf aus flüssigem Anästhetikum, Verbrauchsrechnung |
| Dalton | Gesamtdruck = Summe der Partialdrücke | Gesamtdruck | inspiratorischer Sauerstoffpartialdruck, Höhe |
| Henry | gelöste Menge proportional zum Partialdruck | Temperatur | gelöster Sauerstoff, Dekompression, Anflutung |
| Graham | Diffusion umgekehrt proportional zur Wurzel der Masse | Temperatur | Gasaustausch, Leckverhalten kleiner Moleküle |