Die Pulsoxymetrie ist das am häufigsten genutzte Messverfahren der Anästhesie und zugleich eines der am häufigsten missverstandenen. Sie misst nicht den Sauerstoffgehalt und nicht den Sauerstoffpartialdruck, sondern schätzt aus Lichtabsorption den Anteil des oxygenierten am funktionellen Hämoglobin im pulsierenden, also arteriellen Blut. Um ihre Grenzen zu verstehen, braucht es drei physikalische Schritte: das Gesetz von Lambert-Beer, die zwei Wellenlängen und das Verhältnis R mit seiner empirischen Kalibrierung.
Lambert-Beer: Absorption, Konzentration und Weglänge
Licht, das durch eine Lösung fällt, wird geschwächt. Nach dem Gesetz von Beer ist die Absorption proportional zur Konzentration der absorbierenden Substanz, nach Lambert proportional zur Weglänge. Zusammen gilt: Absorbanz A = ε × c × d, mit dem stoffspezifischen, wellenlängenabhängigen Extinktionskoeffizienten ε, der Konzentration c und der Schichtdicke d. Die Absorbanz ist logarithmisch definiert: A = log₁₀(I₀/I), der durchgelassene Anteil beträgt also 10 hoch −A. Bei einer Absorbanz von 1 kommen noch 10 % des Lichts an, bei 2 noch 1 % (Lehrbuchwissen). Im Gewebe gilt das Gesetz nur näherungsweise, weil Licht gestreut wird und die Weglänge nicht bekannt ist; genau deshalb braucht die Pulsoxymetrie einen Kunstgriff.
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Rechenbeispiel: Eine Probe hat bei einer Wellenlänge die Absorbanz A = 0,6. Wie viel Prozent des Lichts werden durchgelassen? Wie groß ist die Absorbanz, wenn die Schichtdicke bei gleicher Konzentration verdoppelt wird?
Zwei Wellenlängen und der pulsatile Anteil
Oxygeniertes und desoxygeniertes Hämoglobin absorbieren Licht unterschiedlich. Im roten Bereich bei etwa 660 nm absorbiert desoxygeniertes Hämoglobin deutlich stärker, im nahen Infrarot bei etwa 940 nm absorbiert oxygeniertes Hämoglobin etwas stärker. Um 800 nm liegt ein isosbestischer Punkt, an dem beide gleich absorbieren. Der Sensor sendet abwechselnd rotes und infrarotes Licht durch Finger oder Ohrläppchen und misst zusätzlich bei ausgeschalteten Dioden das Umgebungslicht, das er abzieht (Lehrbuchwissen).
Das durchgelassene Licht enthält einen großen konstanten Anteil (DC) aus Haut, Knochen, venösem Blut und dem nicht pulsierenden arteriellen Blut und einen kleinen pulsierenden Anteil (AC), der durch die arterielle Volumenzunahme in der Systole entsteht. Der Trick besteht darin, nur den pulsierenden Anteil auszuwerten. Für jede Wellenlänge wird AC durch DC geteilt; damit fallen die unbekannten Größen wie Lichtstärke und Gewebedicke heraus. Das Verhältnis dieser beiden Quotienten ist das Verhältnis R („ratio of ratios“): R = (AC₆₆₀/DC₆₆₀) / (AC₉₄₀/DC₉₄₀). Ist das arterielle Blut vollständig gesättigt, pulsiert im Rot wenig Absorption, R ist klein, etwa 0,4 bis 0,5. Bei R = 1 zeigen die Geräte etwa 85 %.
Empirische Kalibrierung
Aus R lässt sich die Sättigung nicht aus der Theorie berechnen, weil Streuung und Weglänge unbekannt sind. Die Hersteller ermitteln die Beziehung deshalb empirisch: Gesunde Probanden atmen kontrolliert hypoxische Gasgemische, während arterielle Proben mit CO-Oxymetrie gemessen werden. Die so gewonnene Kalibrierkurve ist im Gerät gespeichert. Daraus folgen zwei Grenzen. Erstens ist die Kurve nur so gut, wie die Probanden die spätere Patientengruppe abbilden; zweitens ist sie unterhalb der Sättigung, bis zu der Probanden entsättigt werden dürfen, kaum abgesichert. Die Norm ISO 80601-2-61 verlangt, dass die Genauigkeit als Wurzel der mittleren quadratischen Abweichung (Arms) im Bereich von 70 bis 100 % höchstens 4 % beträgt.1 Eine Arms von 3 % bedeutet, dass etwa zwei Drittel der Messungen innerhalb von ±3 Prozentpunkten des Referenzwerts liegen, ein Drittel aber außerhalb.
Verhältnis R und Sättigung
Modell: R ist das Verhältnis der pulsatilen Anteile (AC/DC) bei 660 nm und 940 nm. Die Umrechnung nutzt die vereinfachte lineare Näherung SpO₂ ≈ 110 − 25 × R (Lehrbuchwert). Reale Geräte verwenden herstellerspezifische, empirisch an Probanden ermittelte Kalibrierkurven, die unterhalb von etwa 70 % kaum abgesichert sind.
Der pulsatile Anteil des infraroten Signals wird als Perfusionsindex angezeigt, das Verhältnis von AC zu DC in Prozent. Er ist kein Maß der Organdurchblutung, aber ein Maß der Signalqualität am Messort: Bei Vasokonstriktion, Kälte oder Vasopressoren wird er klein, und Bewegung, Umgebungslicht und elektrisches Rauschen wiegen dann schwerer. Moderne Geräte nutzen deshalb aufwendige Signalverarbeitung, um Bewegungsartefakte vom arteriellen Puls zu trennen; ohne erkennbare Plethysmographiekurve bleibt jeder Zahlenwert fragwürdig (Lehrbuchwissen).