Die Antibiotikatherapie kritisch kranker Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation ist vielschichtig und eine tägliche Herausforderung. Die Problemstellung lässt sich in drei Hauptbereiche gliedern: die zunehmende Bedrohung durch bakterielle Resistenzen, die komplexen pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Veränderungen bei kritisch Kranken sowie die Notwendigkeit einer optimierten, individualisierten Therapie, die oft nicht umgesetzt wird.
Hohe Krankheitslast durch bakterielle Infektionen
Bakterielle Infektionen gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Nach der Global-Burden-of-Disease-Studie waren sie 2019 nach der koronaren Herzkrankheit die zweithäufigste Todesursache überhaupt: Etwa ein Achtel aller Todesfälle weltweit, rund 7,7 Millionen, stand im Zusammenhang mit 33 häufigen bakteriellen Erregern. Besonders beunruhigend ist die Entwicklung der Resistenzen: 1,2 Millionen Todesfälle waren 2019 unmittelbar auf multiresistente Erreger zurückzuführen, weitere Millionen standen mit ihnen in Zusammenhang. Fünf Erreger, die „Big Five“ aus Staphylococcus aureus, Escherichia coli, Streptococcus pneumoniae, Klebsiella pneumoniae und Pseudomonas aeruginosa, verursachten 54,9 % aller bakteriellen Todesfälle. Die wichtigsten Krankheitsbilder dahinter sind die Pneumonie, abdominelle Infektionen, Blutstrominfektionen und vor allem die Sepsis, die als gemeinsame Endstrecke dieser Infektionen gilt. Für die Intensivmedizin folgt daraus zweierlei: Die einzelne Therapieentscheidung entscheidet über das Überleben des Patienten, und die Summe aller Entscheidungen entscheidet darüber, welche Antibiotika künftigen Patienten noch zur Verfügung stehen.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Rang unter den Todesursachen | 2 (nach der koronaren Ischämie) |
| Anteil an allen Todesfällen | etwa jeder achte |
| Todesfälle mit 33 häufigen bakteriellen Infektionen | 7,7 Millionen |
| Todesfälle unmittelbar durch multiresistente Erreger | 1,2 Millionen |
| Anteil der „Big Five“ an den Todesfällen | 54,9 % |
Das Mismatch zwischen Pathogen und Pharmakon
Während sich die Pathogene stetig weiterentwickeln und resistenter werden, stagniert die Entwicklung neuer Antibiotikaklassen mit grundlegend neuen Wirkmechanismen seit den späten 1980er-Jahren (Gude, Manuskript Antibiotic Stewardship). Das Ergebnis ist ein Mismatch zwischen mikrobiologischer Realität und pharmakologischer Entwicklung und ein begrenzter therapeutischer Werkzeugkasten, obwohl der klinische Bedarf wächst.
Kollateralschäden durch Breitbandantibiotika: Der unkritische Einsatz von Breitspektrumantibiotika, etwa bestimmter Cephalosporine, Fluorchinolone und Carbapeneme, selektiert weitere Resistenzen und sollte restriktiv gehandhabt werden.
Veränderte Pharmakologie bei kritisch Kranken
Sepsis und andere kritische Zustände verändern Verteilung, Clearance und Proteinbindung (Lektion 3). Standarddosierungen sind deshalb oft ineffektiv oder toxisch und verfehlen häufig die PK/PD-Ziele. Pharmakokinetische und pharmakodynamische Aspekte werden bei Therapieentscheidungen auf deutschen Intensivstationen oft nicht ausreichend berücksichtigt, und eine reine Orientierung an MHK-Werten kann wegen der Variabilität der Analytik zu einer signifikanten Unterdosierung führen.
Auch das „Mantra“ der frühzeitigen Antibiotikatherapie wird kritisch betrachtet: Jede Stunde Verzögerung kann die Sterblichkeit erhöhen, zugleich muss die Therapie personalisiert werden. Schnell und richtig schließen sich nicht aus, aber schnell allein genügt nicht.
Notwendigkeit und Hürden der individualisierten Therapie
Zahlreiche Leitlinien empfehlen inzwischen die Personalisierung der antiinfektiven Therapie. Das Motto für 2024 lautet: „Right dose, right now: Customized drug dosing in the critically ill“. Die Dosierung muss an individuelle Faktoren angepasst werden: Nierenfunktion einschließlich Nierenersatzverfahren (RRT, CRRT, SLED), Körpergewicht abhängig von der Hydrophilie oder Lipophilie der Substanz, Leberfunktionsstörungen, Sepsis, Adipositas und extrakorporale Verfahren wie ECMO und Zytokinadsorber. Dazu kommen die mikrobiologischen Eigenschaften des Erregers wie MHK und ECOFF.
Umsetzungshürden im klinischen Alltag sind mangelnde Zeit für die Reevaluation, fehlende Kulturergebnisse, Unsicherheit bei der Substanzwahl und die „Machen-wir-immer-so“-Routine.
Die Problemstellung fordert ein Umdenken im klinischen Alltag: weg von reflexhafter Breitbandtherapie, hin zu rationaler Empirie, Dosierungsindividualisierung, frühzeitiger Reevaluation und gezielter Deeskalation, unterstützt durch strukturierte Prozesse des Antibiotic Stewardship (ABS).