Kinderanästhesie, Komplikationen und Aufwachraum

Aufwachraum, Emergence Delir und PONV

Die Aufwachphase entscheidet, wie Kind und Eltern die Narkose in Erinnerung behalten. Wer Schmerz, Delir und Erbrechen unterscheidet, vorbeugt und strukturiert entlässt, verkürzt Aufenthalte und verhindert Zwischenfälle.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der S2e-Leitlinie „Prävention und Therapie des pädiatrischen Emergence Delir“ (AWMF 001-035, Version 2, gültig vom 16.03.2026 bis 21.11.2030), den vierten Konsensusleitlinien zu PONV (Gan 2020), dem POVOC-Score (Eberhart 2004), der Empfehlung von DGAI und BDA zur Überwachung nach Anästhesieverfahren (2009) und Lehrbüchern (Recherchestand September 2026).
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-035 Prävention und Therapie des pädiatrischen Emergence Delir (S2e, Stand 03/2026, gültig bis 21.11.2030): gültig
Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Ein Kind strukturiert an den Aufwachraum übergeben und nach klaren Kriterien verlegen.
  • Emergence Delir und schmerzbedingte Agitation mit ED-I-Skala und KUSS unterscheiden.
  • Prävention und Therapie des Emergence Delir nach der Leitlinie 2026 anwenden.
  • Das PONV-Risiko mit dem POVOC-Score einschätzen und eine Prophylaxe wählen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit Verlegungscheck, ED-I-Rechner mit Therapiepfad und POVOC-Rechner, eine Fallsimulation in vier Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Therapiepfad bei Unruhe nach Narkose und PONV-Risiko nach Faktoren.
  3. Verwandt: Schmerztherapie, Angst und Prämedikation, Postoperative Überwachung.

Lektion 1

Übergabe, Aufgaben und Verlegungskriterien

Im Aufwachraum entscheiden Übergabe und Beobachtung. Die Übergabe folgt einem festen Schema, etwa SBAR, und umfasst Vorgeschichte und Verlauf, den Atemweg, wobei die passende Maske mitgeht, sowie die Anordnungen für Schmerz, Übelkeit und Erbrechen, Kältezittern, Delir und Flüssigkeit, außerdem, was das Kind trinken darf und ob abweichende Entlassungskriterien gelten. Die Aufgaben im Aufwachraum sind die engmaschige Überwachung der Vitalfunktionen bis zur Stabilität, das Aufrechterhalten der zehn Grundregeln der Überwachung, das rechtzeitige Erkennen von Komplikationen wie Atemdepression, Atemwegsverlegung, Nachblutung, Übelkeit, Delir oder zu engem Verband, der Aufbau einer Schmerztherapie, die auf Station fortgeführt werden kann, und die Einbeziehung der Bezugsperson, deren Anwesenheit Unruhe und Delir mindert.

Verlegungscheck

Alle Kriterien bestätigen. Maßstab ist jeweils auch der präoperative Zustand; individuellen Kontext (Eingriff, Vorerkrankung) berücksichtigen.

Ergebnis

Kriterien nach DGAI/BDA 2009 in eigener Formulierung. „SpO₂ über 95 %“ gilt nicht für Kinder mit zyanotischem Herzfehler oder chronischer Lungenerkrankung: dort zählt der Ausgangswert.

Übung 1.1

Lektion 2

Emergence Delir nach der Leitlinie 2026

Das pädiatrische Emergence Delir ist eine Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsstörung mit Desorientierung, gestörter Wahrnehmung, hyperaktiver Motorik und Überreaktion auf Reize in der Aufwachphase. Pathognomonisch ist, dass das Kind nicht kontaktierbar ist und seine Umgebung nicht wahrnimmt. Häufiger als ein echtes Delir ist eine Agitation durch Schmerz, Hunger, Durst, Angst oder einen störenden Zugang.

Tabelle 1: Kernaussagen der S2e-Leitlinie 001-035 (2026)
AussageGrad
Diagnose im Aufwachraum mit validierter Skala; vorgeschlagen: ED-I-Skala (erste drei Items der PAED-Skala), ab 9 PunktenA
Schmerz immer parallel mit validierter Skala erfassen (zum Beispiel KUSS)A
Risikofaktoren: Kindergarten- und frühes Grundschulalter, präoperative Angst, Schmerz, Eingriffe an Kopf und Hals, Sevofluran oder Desfluran ohne Prophylaxe, Maskeneinleitung, lange NüchternheitStatement
Eltern über das Delir aufklärenEK
Nichtmedikamentöse AnxiolyseB
Präemptive, leitliniengerechte Analgesie bei allen schmerzhaften EingriffenA
Regionalverfahren ergänzendB
Bei Risikofaktoren TIVA statt balancierter Anästhesie ohne ProphylaxeA
Bei Sevofluran oder Desfluran im vulnerablen Alter intraoperative ProphylaxeA
Propofol als Bolus zum OP-Ende (Studien 0,5 bis 3 mg/kg) oder Infusion 2 bis 3 mg/kg/hB
Dexmedetomidin oder Clonidin perioperativB
Esketamin0
Midazolam i.v. intraoperativ (zum Beispiel 0,05 mg/kg zum OP-Ende)0
Keine generelle Kombination mehrerer medikamentöser Maßnahmen; keine generelle Kombination von Propofol und EsketaminB
Therapie bei Eigen- oder Fremdgefährdung: Propofol 0,5 bis 1 mg/kg oder Dexmedetomidin 0,5 µg/kg; alternativ Clonidin 1 bis 2 µg/kg oder Esketamin 1 mg/kg0
Messfehler BoxDie parallele Propofolinfusion wird in mg/kg pro Stunde angegeben (2 bis 3 mg/kg/h), nicht in mg/kg. Präoperatives orales Midazolam kann bei kurzen Eingriffen selbst ein Risikofaktor sein; notwendige Anxiolyse soll aber nicht aus Sorge vor dem Delir unterbleiben.
Evidence BoxDie Leitlinie 2026 beruht auf einer Recherche bis Dezember 2024. Für Dexmedetomidin ist die Wirksamkeit gut belegt, Dosis und Zeitpunkt bleiben offen; eine große Registerauswertung aus New York (18 104 Kinder) verband den zunehmenden Einsatz mit längerem Aufwachraumaufenthalt, höheren Kosten und mehr intraoperativer Hypotonie. Für die Therapie des Delirs gibt es kaum randomisierte Studien; die Empfehlungen sind überwiegend Expertenkonsens. Die PAED-Skala erfasst hypoaktive Delirformen (etwa ein Viertel) nicht.
Agitiertes Kind nach NarkoseUrsachen beheben, Eltern, RuheED I und KUSS erhebenKUSS ab 4ED I ab 9, KUSS unter 4AnalgesiePiritramid 0,05 bis 0,1 mg/kgNalbuphin 0,1 bis 0,2 mg/kgGefährdung?neinkonservativ,Eltern informierenjaPropofol 0,5 bis 1Dexmed. 0,5 µg/kgClonidin 1 bis 2 µg/kgEsketamin 1 mg/kgDosen pro kg i.v. Eigene Darstellung nach S2e-Leitlinie 001-035 (2026).
Abbildung 1: Vorgehen bei Unruhe nach Narkose oder Sedierung. Eigene Darstellung nach S2e-Leitlinie 001-035 (2026)

ED-I-Rechner mit Therapiepfad

Das Kind … (gar nicht = 4 Punkte, sehr viel = 0 Punkte). Dazu den KUSS-Wert und eine mögliche Gefährdung angeben.

hält Augenkontakt zur Bezugsperson
zeigt zielgerichtete Bewegungen
nimmt seine Umwelt wahr
KUSS
Eigen- oder Fremdgefährdung
ED Ivon 12, Delir ab 9
Vorgehen

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Kind 18 kg, Sevofluran-Narkose. Sie geben zum OP-Ende Propofol 1 mg/kg (10 mg/ml) zur Delirprophylaxe. Später besteht ein Delir mit Eigengefährdung; Sie wählen Dexmedetomidin 0,5 µg/kg. Wie viele ml Propofol und wie viele µg Dexmedetomidin?

Lektion 3

Übelkeit und Erbrechen nach der Narkose

Bei Kindern wird vor allem das Erbrechen (POV) erfasst. Der POVOC-Score (Eberhart 2004) zählt vier Faktoren: Operationsdauer 30 Minuten oder länger, Alter ab 3 Jahren, Strabismuschirurgie, frühere PONV des Kindes oder PONV bei Eltern oder Geschwistern. Die vierten Konsensusleitlinien (Gan 2020) empfehlen, bei mittlerem und hohem Risiko zwei Antiemetika verschiedener Klassen zu kombinieren; die Tonsillektomie gilt als eigener Risikoeingriff.

Erbrechensrisiko nach Zahl der POVOC-Faktoren (etwa)10 %010 %130 %255 %370 %4Faktoren: Dauer ab 30 min, Alter ab 3 J, Strabismus, PONV-AnamneseEigene Darstellung nach Eberhart 2004, gerundet.
Abbildung 2: Erbrechensrisiko nach Zahl der POVOC-Faktoren (gerundet). Eigene Darstellung nach Eberhart 2004
Tabelle 2: Antiemetika beim Kind (nach Gan 2020 und Fachinformation)
SubstanzDosisHinweis
Dexamethason0,15 mg/kg i.v., höchstens 5 mgzu Beginn; zusätzlich koanalgetisch
Ondansetron0,1 mg/kg i.v., höchstens 4 mggegen Ende; QT-Zeit beachten
Droperidol10 bis 15 µg/kg i.v.Reserve; QT-Zeit
Dimenhydrinat0,5 mg/kg i.v.Reserve; sedierend

Dazu gehören eine TIVA bei hohem Risiko, das Vermeiden unnötiger Opioide durch Regionalanästhesie und Nichtopioide, kurze Nüchternzeiten und keine Trinkpflicht vor der Entlassung.

POVOC-Rechner

Dauer ab 30 min
Alter ab 3 Jahren
Strabismuschirurgie
PONV beim Kind oder in der Familie
Faktoren
Prophylaxe

Übung 3.1

Lektion 4

Fallsimulation: Jan, 4 Jahre, Strabismusoperation

Ausgangslage

Jan, 4 Jahre, 17 kg, Strabismusoperation beidseits, geplant 50 Minuten. Er ist sehr ängstlich, bei der letzten Narkose schrie und schlug er im Aufwachraum. Die Mutter erbrach nach ihren eigenen Narkosen.

Schritt 1: Risiko

Schritt 2: Narkoseplan

Schritt 3: Unruhe im Aufwachraum

Schritt 4: Verlegung

Lektion 5

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Jede Unruhe als Delir behandeln, ohne Schmerz zu messen.
  • Delir mit Opioiden sedieren.
  • Mehrere sedierende Prophylaxen kombinieren.
  • Kinder vor der Verlegung zum Trinken zwingen.
  • SpO₂-Grenze starr anwenden bei Kindern mit zyanotischem Herzfehler.

Merksätze

  • ED I ab 9 und KUSS unter 4: Delir; KUSS ab 4: zuerst Analgesie.
  • Nur bei Gefährdung medikamentös: Propofol 0,5 bis 1 mg/kg oder Dexmedetomidin 0,5 µg/kg.
  • Prophylaxe bei Sevofluran im vulnerablen Alter, eine Substanz genügt.
  • POVOC: Dauer, Alter ab 3, Strabismus, Anamnese.
  • Ab mittlerem Risiko zwei Antiemetika.

Fälle

Aufgabe 1: Das ruhige Delir

Gegeben:
3 Jahre nach Adenotomie; das Kind schreit, erkennt die Mutter nicht, lässt sich nicht trösten, ist aber nicht gefährdet. ED I 11, KUSS 2.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Delir ohne Gefährdung: konservativ. Ruhe, gedämpftes Licht, Mutter beim Kind, Zugang sichern; Eltern erklären, dass es selbstlimitierend ist. Kein Medikament, solange keine Gefährdung besteht.

Aufgabe 2: Midazolam

Gegeben:
Nach kurzer Paukendrainage und oralem Midazolam ist ein Kind nach einer Stunde weiter hochgradig verwirrt und unruhig, ohne Schmerzhinweise.

Frage:
Welche Option nennt die Leitlinie?

Lösung

Nach kurzen Eingriffen mit oralem Midazolam und anhaltendem Delir kann Flumazenil (0,02 mg/kg) erwogen werden (Empfehlungsgrad 0, Fallberichte). Monitoring, da die Wirkung kürzer sein kann als die von Midazolam.

Aufgabe 3: Die Tonsillektomie

Gegeben:
7 Jahre, Tonsillektomie, 40 Minuten, keine PONV-Anamnese.

Frage:
Welche PONV-Prophylaxe?

Lösung

Zwei POVOC-Faktoren (Dauer, Alter) plus Risikoeingriff Tonsillektomie: zwei Antiemetika, zum Beispiel Dexamethason 0,15 mg/kg zu Beginn und Ondansetron 0,1 mg/kg gegen Ende; opioidsparende Analgesie.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
pädEDpädiatrisches Emergence Delir
PAED-SkalaPediatric Anesthesia Emergence Delirium Scale (Sikich und Lerman 2004), 0 bis 20
ED Idie drei Delir-Items der PAED-Skala, 0 bis 12, Delir ab 9
POVOCPostoperative Vomiting in Children, Risikoscore mit vier Faktoren
SBARSituation, Background, Assessment, Recommendation: Übergabeschema

Literatur

  1. DGAI, DGKJ. S2e-Leitlinie Prävention und Therapie des pädiatrischen Emergence Delir, AWMF 001-035, Version 2, 2026.
  2. Locatelli BG, Ingelmo PM, Emre S, et al. Emergence delirium in children: a comparison of sevoflurane and desflurane anesthesia using the Paediatric Anesthesia Emergence Delirium scale. Paediatr Anaesth 2013;23:301–308.
  3. Sikich N, Lerman J. Development and psychometric evaluation of the pediatric anesthesia emergence delirium scale. Anesthesiology 2004;100:1138–1145.
  4. Gan TJ, Belani KG, Bergese S, et al. Fourth consensus guidelines for the management of postoperative nausea and vomiting. Anesth Analg 2020;131:411–448.
  5. Eberhart LH, Geldner G, Kranke P, et al. The development and validation of a risk score to predict the probability of postoperative vomiting in pediatric patients. Anesth Analg 2004;99:1630–1637.
  6. Nöldge-Schomburg G, et al. Überwachung nach Anästhesieverfahren. Empfehlung der DGAI und des BDA. Anästh Intensivmed 2009;50:S486–S489.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.