Kinderanästhesie, Praktisches Vorgehen

Perioperative Schmerztherapie beim Kind

Schmerz, Unruhe und Erbrechen sind die drei Hauptprobleme nach Kindernarkosen. Gute Schmerztherapie macht Kinder nicht nur zufriedener, sondern sicherer: weniger herausgerissene Zugänge, weniger Stürze, weniger Emergence Delir.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der S3-Leitlinie „Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“ (AWMF 001-025, Stand 09/2021, gültig bis 08/2026, in Überarbeitung), der S2e-Leitlinie zum pädiatrischen Emergence Delir (2026), der PROSPECT-Empfehlung zur Tonsillektomie (2021), den Sicherheitsbewertungen der EMA zu Codein, Fachinformationen und Lehrbüchern (Recherchestand September 2026).
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-025 Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen (S3, Stand 09/2021, gültig bis 31.08.2026, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Schmerz altersgerecht mit einer validierten Skala messen.
  • Ein multimodales Konzept aus Nichtopioiden, Regionalanästhesie, Koanalgetika und titrierten Opioiden aufbauen.
  • Einzel- und Tageshöchstdosen der Nichtopioide sicher berechnen.
  • Zulassungsgrenzen und Warnhinweise (Codein, Metamizol) beachten.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit KUSS-Rechner, Skalenwahl nach Alter und Analgetika-Rechner, eine Fallsimulation in vier Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Schmerzskalen nach Alter und das multimodale Konzept.
  3. Verwandt: Regionalanästhesie, Aufwachraum und Emergence Delir, Multimodale Schmerztherapie.

Lektion 1

Schmerz altersgerecht messen

Schmerz wird regelmäßig gemessen und dokumentiert, vor allem vor einer Medikamentengabe und zur Wirkungskontrolle danach (etwa 15 Minuten nach i.v.-Gabe, 30 bis 60 Minuten nach oraler Gabe). Die S3-Leitlinie fordert validierte, alters- und entwicklungsgerechte Instrumente.

Schmerzmessung nach Alter0 J2 J4 J6 J8 J10 J12 J14 J16 JKUSSGesichterskala (FPS-R)Numerische Ratingskala 0 bis 10Übergänge fließend, nach Entwicklung. Ab 4 von 10: Behandlungsbedarf prüfen. Eigene Darstellung.
Abbildung 1: Schmerzskalen nach Alter und Entwicklung. Eigene Darstellung

Die Schmerzmessung richtet sich nach dem Entwicklungsalter. Bis etwa vier Jahre erfolgt die Fremdbeurteilung, im deutschsprachigen Raum meist mit der Kindlichen Unbehagens- und Schmerzskala (KUSS, Büttner 1998), die fünf Merkmale mit je null bis zwei Punkten bewertet, darunter Weinen, Gesichtsausdruck und motorische Unruhe; ab vier Punkten wird der Analgesiebedarf geprüft. International verbreitet ist die FLACC-Skala mit demselben Prinzip. Ab etwa vier Jahren ist eine Selbstbeurteilung mit einer Gesichterskala möglich, etwa der Faces Pain Scale Revised mit sechs Gesichtern von entspannt bis stark schmerzverzerrt; das Kind zeigt auf das Gesicht, das seinem Schmerz entspricht, wobei ausdrücklich nach dem Schmerz und nicht nach der Stimmung gefragt wird. Ab etwa acht bis zehn Jahren ist die numerische Ratingskala von 0 bis 10 verwendbar. Bei der Bewertung gilt ein Wert ab 4 von 10 nach der S3-Leitlinie als Anlass, den Behandlungsbedarf zu prüfen, nicht als Automatismus für eine Medikamentengabe: Hunger, Durst, Angst, Trennung von den Eltern und die fremde Umgebung verursachen ebenfalls Unbehagen und werden zuerst behoben.

UrheberrechtDie Gesichter der Faces Pain Scale Revised sind geschützt und werden hier bewusst nicht abgebildet; die lizenzierte Vorlage verwenden.

KUSS-Rechner

Das Kind 15 Sekunden beobachten und je Merkmal einstufen.

Weinen
Gesicht
Rumpf
Beine
Unruhe
Summevon 10
Bewertung

Merkmale nach Büttner 1998 in eigener, gekürzter Formulierung.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Das multimodale Konzept

Multimodale Schmerztherapie: Stufen bauen aufeinander aufNichtmedikamentösEltern, AblenkungNichtopioideIbuprofen, Paracetamol, MetamizolRegional, lokalwo immer möglichKoanalgetikaDexamethason, Alpha-2, EsketaminOpioidetitriert, überwachtEigene Darstellung.
Abbildung 2: Bausteine der perioperativen Schmerztherapie beim Kind. Eigene Darstellung
  • Nichtmedikamentös: Zuwendung, Eltern, Ablenkung, Atemübungen, positive Suggestion, kindgerechte Umgebung.
  • Nichtopioide: Ibuprofen ist bei Schmerz und Fieber nach der S3-Leitlinie wirksamer bei vergleichbarem Sicherheitsprofil; ein unkritischer Einsatz von Paracetamol soll vermieden werden. Metamizol bei viszeralen und kolikartigen Schmerzen.
  • Regional- und Lokalanästhesie bei jedem geeigneten Eingriff.
  • Koanalgetika: Dexamethason, Alpha-2-Agonisten (Clonidin, Dexmedetomidin), Esketamin in niedriger Dosis.
  • Opioide nach Wirkung titriert, mit Überwachung der Sättigung: Piritramid 0,05 bis 0,1 mg/kg i.v., Nalbuphin 0,1 bis 0,2 mg/kg i.v. (Deckeneffekt bei der Atemdepression); ab dem Schulalter PCA.
Tabelle 1: Nichtopioide (nach Fachinformation)
SubstanzEinzeldosisTageshöchstdosisEinschränkungen
Paracetamol i.v.über 10 kg: 15 mg/kg; bis 10 kg: 7,5 mg/kg60 bzw. 30 mg/kgLebertoxizität bei Überdosierung; Dosierfehler Milligramm und Milliliter
Ibuprofen p.o.5 bis 10 mg/kg30 mg/kgab 3 Monaten und 5 kg; Vorsicht bei Blutung, Nierenfunktion, Dehydratation
Metamizol10 bis 15 mg/kgbis 4 Einzeldosennicht unter 3 Monaten oder 5 kg; i.v. nicht bei Säuglingen von 3 bis 11 Monaten; Agranulozytose, Hypotonie bei rascher Injektion
WarnhinweiseCodein ist nach Bewertung der EMA bei Kindern unter 12 Jahren kontraindiziert und bei 12 bis 18 Jahren nach Tonsillektomie oder Adenotomie wegen obstruktiver Schlafapnoe nicht anzuwenden (ultraschnelle Metabolisierer, Todesfälle). Dexamethason senkt Schmerz und Erbrechen nach Tonsillektomie; eine randomisierte Studie fand bei hohen Dosen (0,5 mg/kg) mehr Nachblutungen (Czarnetzki 2008), spätere Metaanalysen nicht; übliche Dosis 0,15 mg/kg.
Evidence BoxFür die Tonsillektomie empfiehlt PROSPECT (Aldamluji 2021) Paracetamol, NSAR und Dexamethason als Basis. Esketamin senkt in Metaanalysen Schmerz und Opioidbedarf in den ersten Stunden. Die S3-Leitlinie 001-025 ist seit 08/2026 abgelaufen und in Überarbeitung; ihre Kernaussagen zur Schmerzmessung bei Kindern wurden 2026 in die Emergence-Delir-Leitlinie übernommen.

Analgetika-Rechner

Substanz wählen und Gewicht einstellen.

Einzeldosis
Tageshöchstdosis
Hinweis

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Kind 24 kg. Paracetamol i.v. 15 mg/kg, Lösung 10 mg/ml. Einzeldosis in ml, und Tageshöchstdosis in mg?

Lektion 3

Fallsimulation: Tim, 5 Jahre, Tonsillotomie

Ausgangslage

Tim, 5 Jahre, 20 kg, Tonsillotomie und Adenotomie wegen Schnarchen mit Atempausen. Sevofluran-Narkose, Tubus.

Schritt 1: Intraoperatives Konzept

Schritt 2: Aufwachraum, KUSS 6

Schritt 3: Station fragt nach Codein-Saft

Schritt 4: Plan für zu Hause

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Schmerz schätzen statt messen.
  • Paracetamol in Milliliter statt Milligramm verordnen (Zehnerfehler).
  • Opioide nach Schema statt nach Wirkung.
  • Codein oder Tramadol nach Tonsillektomie.
  • Unruhe automatisch als Schmerz deuten, ohne an Delir, Hunger oder Angst zu denken.

Merksätze

  • KUSS bis 4 Jahre, Gesichterskala ab 4, NRS ab etwa 8 bis 10 Jahren.
  • Ab 4 von 10: Bedarf prüfen, nicht automatisch behandeln.
  • Basis Ibuprofen, dazu Paracetamol oder Metamizol; Regionalanästhesie wo möglich.
  • Opioide titrieren, Sättigung überwachen.
  • Kein Codein unter 12 Jahren.

Fälle

Aufgabe 1: Das weinende Kleinkind

Gegeben:
2 Jahre, nach Leistenhernie mit Kaudalblock, weint im Aufwachraum und ruft nach der Mutter. KUSS 3.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Wahrscheinlich Trennungsangst. Mutter holen, auf den Arm nehmen lassen, trinken lassen, Kabel reduzieren, erneut messen. Kein Opioid nach Schema.

Aufgabe 2: Die Verordnung

Gegeben:
Säugling, 5 Monate, 7 kg; Verordnung: Paracetamol 15 mg/kg i.v. alle 6 h.

Frage:
Stimmt die Verordnung?

Lösung

Nein. Bis 10 kg nach Fachinformation 7,5 mg/kg, höchstens 30 mg/kg am Tag: 52,5 mg (5,25 ml bei 10 mg/ml) alle 6 h. Verordnung in mg und ml, Doppelkontrolle.

Aufgabe 3: Das Schulkind

Gegeben:
11 Jahre, 38 kg, offene Unterschenkelfraktur, NRS 8 im Aufwachraum trotz Ibuprofen und Metamizol.

Frage:
Wie geht es weiter?

Lösung

Piritramid titrieren, 0,05 mg/kg (etwa 2 mg) wiederholt bis zur Besserung, Sättigung überwachen. Danach PCA anbieten; ab diesem Alter gut möglich. Kompartmentsyndrom als Schmerzursache bedenken, wenn der Schmerz unverhältnismäßig ist.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
KUSSKindliche Unbehagens- und Schmerzskala, Fremdbeurteilung bis etwa 4 Jahre
FLACCFace, Legs, Activity, Cry, Consolability; internationale Fremdbeurteilungsskala
FPS-RFaces Pain Scale Revised, Selbstbeurteilung ab etwa 4 Jahren
PCApatientenkontrollierte Analgesie

Literatur

  1. DGAI. S3-Leitlinie Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen, AWMF 001-025, Stand 09/2021.
  2. Büttner W, Finke W, Hilleke M, et al. Entwicklung eines Fremdbeobachtungsbogens zur Beurteilung des postoperativen Schmerzes bei Säuglingen. Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 1998;33:353–361.
  3. Hicks CL, von Baeyer CL, Spafford PA, et al. The Faces Pain Scale Revised: toward a common metric in pediatric pain measurement. Pain 2001;93:173–183.
  4. Aldamluji N, Burgess A, Pogatzki-Zahn E, et al. PROSPECT guideline for tonsillectomy. Anaesthesia 2021;76:947–961.
  5. Czarnetzki C, Elia N, Lysakowski C, et al. Dexamethasone and risk of nausea and vomiting and postoperative bleeding after tonsillectomy in children. JAMA 2008;300:2621–2630.
  6. European Medicines Agency. Codeine: restrictions on use in children (2013, 2015).
  7. Fachinformationen Paracetamol i.v., Ibuprofen, Metamizol, Piritramid, Nalbuphin in der jeweils aktuellen Fassung.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.