Kinderanästhesie, Praktisches Vorgehen

Narkoseeinleitung: inhalativ, intravenös und mit Larynxmaske

Die Einleitung ist beim Kind der Moment mit dem höchsten Risiko für Atemwegsprobleme. Wer das passende Verfahren wählt, das Exzitationsstadium respektiert und einen Laryngospasmus sicher beherrscht, hat die meisten Zwischenfälle schon verhindert.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf Übersichtsarbeiten zum Laryngospasmus, der S1-Leitlinie Atemwegsmanagement (AWMF 001-028, 2023), Studien zur Larynxmaske bei Kindern, Fachinformationen und Lehrbüchern der Kinderanästhesie (Recherchestand September 2026). Dosierungen sind Richtwerte; maßgeblich sind Fachinformation und Leitlinien.
Lernziele
  • Zwischen inhalativer und intravenöser Einleitung begründet wählen.
  • Eine Sevofluran-Einleitung sicher durchführen und das Exzitationsstadium erkennen.
  • Einen Laryngospasmus erkennen und in festen Stufen behandeln.
  • Die Larynxmaske indizieren, platzieren und ihre Lage prüfen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit Einleitungsnavigator und Notfall-Dosisrechner, eine Fallsimulation in vier Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Ablauf der Sevofluran-Einleitung und Stufenplan Laryngospasmus.
  3. Verwandt: Angst und Prämedikation, Tubus und Larynxmaske, Atemwegsinfekt, Aspirationsrisiko.

Lektion 1

Das passende Einleitungsverfahren

Tabelle 1: Inhalative und intravenöse Einleitung im Vergleich
Inhalativ (Sevofluran)Intravenös
Geeignet, wennkein Zugang oder Punktion unzumutbar, kooperatives oder schlafendes KindZugang liegt oder ist gut möglich; Aspirationsgefahr; ältere Kinder, die es wünschen
Nicht geeignet beiAspirationsgefahr, erwartet schwierigem Atemweg, Kreislaufinstabilitätfehlendem Zugang ohne vertretbare Punktion
Stärkenkein Stich im Wachzustand; Spontanatmung bleibt lange erhaltenschnell, gut steuerbar, sichere Reflexdämpfung (Propofol)
RisikenExzitation, Laryngospasmus, Atemwegsverlegung ohne ZugangInjektionsschmerz, Apnoe, Blutdruckabfall

Sevofluran-Einleitung Schritt für Schritt

Inhalative Einleitung in sechs SchrittenVoraussetzungenkein schwieriger Atemweg,nüchtern, IO-Set bereitMaske, Sevofluransofort hoch oderin raschen StufenExzitationnicht punktieren,nicht manipulierenBewusstlosKonzentration senken,Spontanatmung erhaltenTiefAugen zentral,Atmung ruhigHandelnZugang legen,dann Atemweg sichernRot: kritische Phase mit Laryngospasmusgefahr. Eigene Darstellung.
Abbildung 1: Ablauf der inhalativen Einleitung. Eigene Darstellung
  1. Voraussetzungen prüfen: kein erwartet schwieriger Atemweg, keine Aspirationsgefahr, stabiler Kreislauf, Material für einen intraossären Zugang in Reichweite.
  2. Maske aufsetzen mit hohem Sauerstoffanteil; ältere Kinder dürfen den Beutel „wie einen Luftballon“ aufblasen.
  3. Sevofluran entweder sofort hoch (Verdampfer 8 Vol.-%) oder in raschen Stufen steigern.
  4. Exzitation abwarten: unruhige Bewegungen, divergente, wandernde Augen, unregelmäßige Atmung. In dieser Phase keine Manipulation am Atemweg und keine Venenpunktion.
  5. Nach Bewusstseinsverlust die Konzentration am Verdampfer senken, Spontanatmung erhalten, wenn nötig vorsichtig assistieren (Beatmungsdruck niedrig, etwa bis 15 cmH₂O, damit keine Luft in den Magen gelangt).
  6. Erst wenn die Narkose tief ist (Augen zentral, Atmung regelmäßig und ruhig): Zugang legen, dann Atemweg sichern.

Intravenöse Einleitung

Propofol dämpft die Atemwegsreflexe besser als andere Hypnotika und eignet sich deshalb besonders vor der Larynxmaske. Kinder brauchen bezogen auf das Gewicht höhere Dosen als Erwachsene; die Fachinformation nennt für Kinder ab 8 Jahren etwa 2,5 mg/kg, jüngere Kinder benötigen oft mehr. Der Injektionsschmerz lässt sich durch eine große Vene und langsame Injektion vermindern.

Übung 1.1

Übung 1.2

Übung 1.3, Rechenaufgabe

Ein 10-jähriges Kind wiegt 32 kg. Propofol 2,5 mg/kg, Lösung 10 mg/ml. Wie viele Milligramm und Milliliter?

Lektion 2

Laryngospasmus erkennen und behandeln

Der Laryngospasmus ist ein reflektorischer Verschluss der Stimmritze. Er tritt vor allem in flacher Narkose auf, ausgelöst durch Sekret, Blut, Manipulation am Atemweg oder Schmerzreize, und häufiger bei Säuglingen, bei Atemwegsinfekten und bei Passivrauchexposition.

Den Laryngospasmus erkennt man an wenigen, eindeutigen Zeichen: einem inspiratorischen Stridor oder, schlimmer, völliger Stille trotz sichtbarer Atembemühung, an Einziehungen jugulär und interkostal, an paradoxer Atmung mit gegenläufiger Bewegung von Thorax und Abdomen, an einer fehlenden Kapnographiekurve und am Sättigungsabfall. Die Bradykardie ist beim Kind ein spätes Zeichen und zeigt bereits die ausgeprägte Hypoxie an. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen teilweisem und vollständigem Verschluss: Solange ein Geräusch hörbar ist, strömt noch Luft; herrscht Stille, ist die Stimmritze vollständig verschlossen, und das ist das gefährlichere Zeichen. Wer auf das Geräusch wartet, verliert Zeit.

Laryngospasmus: eskalieren, solange die Sättigung fällt1Reiz beenden, Hilfe, 100 % O₂, absaugen2Esmarch-Handgriff und Larson-Griff3CPAP 5 bis 10 cmH₂O über dicht sitzende Maske4Narkose vertiefen: Propofol etwa 1 mg/kg i.v.5Succinylcholin i.v. mit Atropin; ohne Zugang 4 mg/kg i.m.6Beatmen, gegebenenfalls intubieren, Magen entlastenDosierungen nach Übersichtsarbeiten und Fachinformation. Eigene Darstellung.
Abbildung 2: Stufenplan bei Laryngospasmus. Eigene Darstellung nach Übersichtsarbeiten (Hampson-Evans 2008, Gavel und Walker 2014)
  1. Reiz beenden, Hilfe rufen, 100 % Sauerstoff, Sekret absaugen.
  2. Atemweg öffnen: kräftiger Esmarch-Handgriff; Druck auf den Punkt hinter dem aufsteigenden Unterkieferast (Larson-Griff).
  3. CPAP über dicht sitzende Maske mit 5 bis 10 cmH₂O; nicht mit hohem Druck gegen den Verschluss beatmen, sonst wird der Magen gebläht.
  4. Narkose vertiefen: Propofol i.v., etwa 1 mg/kg.
  5. Relaxieren, wenn der Spasmus bleibt oder die Sättigung fällt: Succinylcholin i.v., in Übersichten 1 bis 2 mg/kg (kleinere Dosen ab etwa 0,5 mg/kg lösen den Spasmus oft), zusammen mit Atropin 0,02 mg/kg; ohne Zugang Succinylcholin 4 mg/kg i.m. Danach beatmen und intubieren, wenn nötig.
  6. Magen entlasten (Absaugkatheter oder Magensonde), wenn während der Maskenbeatmung Luft in den Magen gelangt ist.
Evidence BoxDie Stufen beruhen auf Übersichtsarbeiten und Expertenkonsens, nicht auf vergleichenden Studien. Die genannten Dosen sind die in diesen Übersichten verbreiteten Werte; sie sind mit der Fachinformation abzugleichen. Succinylcholin ist bei der Einleitung des nicht nüchternen Kindes nicht indiziert (siehe Aspirationsrisiko); beim therapieresistenten Laryngospasmus bleibt es wegen seines raschen Wirkeintritts das Mittel der Wahl.

Notfall-Dosisrechner Laryngospasmus

Gewicht einstellen. Konzentrationen sind Beispiele; die verwendeten Präparate prüfen.

Propofol 1 mg/kg
Succinylcholin i.v. 1 mg/kg
Succinylcholin i.m. 4 mg/kg
Atropin 0,02 mg/kg

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Kein Zugang, therapieresistenter Laryngospasmus bei einem Kind mit 14 kg. Succinylcholin 4 mg/kg i.m., Lösung 20 mg/ml. Wie viele Milligramm und Milliliter?

Lektion 3

Narkose mit Larynxmaske

Die Larynxmaske ist bei vielen kurzen, unkomplizierten Eingriffen das Standardverfahren. Bei Kindern mit leichtem bis mittelschwerem Atemwegsinfekt treten mit ihr weniger respiratorische Komplikationen auf als mit einem Tubus (von Ungern-Sternberg 2010).

Für die Larynxmaske beim Kind gelten mehrere Besonderheiten. Nicht geeignet ist sie bei Aspirationsgefahr, bei eröffnetem Abdomen mit hohem Beatmungsbedarf und bei Lungenerkrankungen mit hohen Beatmungsdrücken. Bei kleinen Größen nehmen Fehllagen und Dislokationen zu, typischerweise mit nach unten geklappter Epiglottis, was sich in schlechter Beatmung und ungewöhnlicher Kapnographiekurve äußert. Für die Einleitung dämpft Propofol die Reflexe am besten, und die Maske wird erst in ausreichender Narkosetiefe eingeführt. Beim Platzieren kann klassisch wie beim Erwachsenen vorgegangen werden oder in Rotationstechnik, bei der die Maske mit der Öffnung nach oben eingeführt, auf Höhe des Zungengrunds um 180 Grad gedreht und dann vorgeschoben wird. Geblockt wird nur so weit, dass bei einer Beatmung mit etwa 15 cmH₂O kein Leck hörbar ist, wobei der Cuffdruck gemessen und die Herstellerobergrenze nicht überschritten wird; ein zu hoher Druck verursacht Halsschmerzen und Nervenschäden. Masken der zweiten Generation erreichen höhere Dichtigkeitsdrücke und haben einen Drainagekanal für eine Magensonde, was sie bei erhöhtem Regurgitationsrisiko sicherer macht. Entfernt wird die Maske beim wachen oder beim tief schlafenden Kind, nicht im Übergang, und häufig mit geblocktem Cuff, damit Sekret mit herausgezogen wird.

Tabelle 2: Lagetests bei Larynxmasken der zweiten Generation
TestVorgehenRichtige Lage
KapnographieBeatmenregelrechte Kurve
Bubble-TestTropfen Gel auf die Öffnung des Drainagekanals, beatmenGel bleibt stehen
Suprasternal-Notch-Testleichter Druck auf das JugulumGel bewegt sich synchron mit dem Druck
Magensondeüber den Drainagekanal vorschiebenwiderstandsfrei; die Spitze der Maske ist nicht umgeschlagen

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Fallsimulation: Lina, 3 Jahre, Paukenröhrchen

Ausgangslage

Lina, 3 Jahre, 14 kg, nüchtern, leichter Schnupfen ohne Fieber seit einer Woche, Paukenröhrchen beidseits, geplant 15 Minuten. Kein Zugang, EMLA wurde nicht vertragen. Die Mutter begleitet sie in die Einleitung.

Schritt 1: Verfahren

Schritt 2: Nach 40 Sekunden unruhig

Schritt 3: Stille, Einziehungen, SpO₂ 88 %

Schritt 4: Weiter kein Gasfluss, SpO₂ 75 %

Lektion 5

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Im Exzitationsstadium punktieren oder den Atemweg manipulieren.
  • Maskeneinleitung bei Aspirationsgefahr oder erwartet schwierigem Atemweg.
  • Gegen einen vollständigen Laryngospasmus mit hohem Druck beatmen.
  • Relaxierung zu spät, wenn die Sättigung schon fällt.
  • Larynxmaske im Übergang zwischen tiefer Narkose und Wachheit entfernen.

Merksätze

  • Inhalativ nur ohne Aspirationsgefahr, ohne erwartet schwierigen Atemweg und mit IO-Material in Reichweite.
  • Erst tief, dann stechen und den Atemweg sichern.
  • Laryngospasmus: Reiz weg, 100 % O₂, Esmarch und Larson, CPAP, Propofol, dann Succinylcholin mit Atropin.
  • Stille ist gefährlicher als Stridor.
  • Larynxmaske: nach Druck blocken, Lage mit Kapnographie und Lagetests prüfen.

Fälle

Aufgabe 1: Der Ausleitungsspasmus

Gegeben:
6 Jahre, Tonsillektomie. Nach Extubation im flachen Stadium Stridor, dann Stille; SpO₂ fällt auf 85 %, Zugang liegt.

Frage:
Was tun Sie der Reihe nach?

Lösung

Hilfe rufen, 100 % Sauerstoff, Blut und Sekret absaugen, Esmarch und Larson-Griff, CPAP. Bleibt der Spasmus: Propofol etwa 1 mg/kg i.v., bei weiter fallender Sättigung Succinylcholin mit Atropin, beatmen und gegebenenfalls reintubieren. Künftig wach oder tief extubieren, nicht im Übergang.

Aufgabe 2: Die Wahl

Gegeben:
12 Jahre, möchte „keinen Pieks im Wachen“, 55 kg, Appendizitis mit Erbrechen seit dem Morgen.

Frage:
Inhalativ oder intravenös?

Lösung

Intravenös als kontrollierte RSI: Es besteht Aspirationsgefahr, eine Maskeneinleitung ist kontraindiziert. Den Wunsch ernst nehmen: Oberflächenanästhesie, Ablenkung, gegebenenfalls Analgosedierung zur Punktion (siehe Lerneinheit Aspirationsrisiko).

Aufgabe 3: Die hustende Larynxmaske

Gegeben:
4 Jahre, Larynxmaske Größe 2 nach Sevofluran-Einleitung; bei Beatmung Leck bei 8 cmH₂O, flache Kapnographiekurve, das Kind hustet.

Frage:
Woran denken Sie?

Lösung

Zu flache Narkose und/oder Fehllage. Narkose vertiefen (Propofol), dann Lage prüfen; nicht einfach nachblocken. Bleibt die Undichtigkeit, Maske neu platzieren oder die Größe wechseln.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
ExzitationsstadiumPhase nach Bewusstseinsverlust mit gesteigerten Reflexen und unruhigen Bewegungen
Laryngospasmusreflektorischer Verschluss der Stimmritze
Larson-Griffkräftiger Druck auf den Punkt zwischen aufsteigendem Unterkieferast und Warzenfortsatz
RotationstechnikEinführen der Larynxmaske mit der Öffnung nach oben und Drehung um 180 Grad
Bubble-TestLagetest über den Drainagekanal einer Larynxmaske der zweiten Generation

Literatur

  1. Hampson-Evans D, Morgan P, Farrar M. Pediatric laryngospasm. Paediatr Anaesth 2008;18:303–307.
  2. Gavel G, Walker RWM. Laryngospasm in anaesthesia. Contin Educ Anaesth Crit Care Pain 2014;14:47–51.
  3. Larson CP. Laryngospasm: the best treatment. Anesthesiology 1998;89:1293–1294.
  4. von Ungern-Sternberg BS, Boda K, Chambers NA, et al. Risk assessment for respiratory complications in paediatric anaesthesia: a prospective cohort study. Lancet 2010;376:773–783.
  5. Piepho T, et al. S1-Leitlinie Atemwegsmanagement 2023. AWMF-Register 001-028. Anästh Intensivmed 2024;65:69–96.
  6. Jöhr M. Kinderanästhesie. 10. Auflage. München: Elsevier 2023.
  7. Fachinformationen Sevofluran, Propofol, Suxamethonium, Atropin in der jeweils aktuellen Fassung.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.