Kinderanästhesie, Komplikationen

Kritische Situationen: die 10 C

Kritische Ereignisse sind in der Kinderanästhesie häufiger als bei Erwachsenen, aber fast immer beherrschbar, wenn sie erwartet, früh erkannt und im Team nach Plan behandelt werden. Diese Einheit ist Wissensspeicher und Trainingscheckliste zugleich.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der Safetots-Initiative (10 C), der Studie APRICOT (2017), der gemeinsamen Leitlinie von ESAIC und BJA zum Atemwegsmanagement bei Neugeborenen und Säuglingen (2024), der Handlungsempfehlung des WAKKA zum unerwartet schwierigen Atemweg (2011), den ERC-Leitlinien 2025, der S2k-Leitlinie Anaphylaxie (2021, in Überarbeitung), der ASRA-Checkliste zur Lokalanästhetika-Intoxikation (2020) und den Empfehlungen zur malignen Hyperthermie (Recherchestand September 2026).
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-008 Therapie der malignen Hyperthermie (S1, Stand 03/2018, nicht mehr im aktuellen Register): Gültigkeit abgelaufen. nicht mehr im aktuellen Register; EMHG 2019 (Glahn) nutzen
  • 001-031 Interdisziplinäre Versorgung von Kindern nach Fremdkörperaspiration und Fremdkörperingestion (S2k, Stand 12/2024, gültig bis 01.12.2029): gültig
  • 001-041 Obstruktive Schlafapnoe bei Tonsillenchirurgie im Kindesalter: perioperatives Management (S1, Stand 07/2020, gültig bis 13.07.2025): Gültigkeit abgelaufen
  • 001-044 Prävention und Therapie der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST) (S1, Stand 01/2020, gültig bis 07.01.2025, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen. ergänzend ASRA-Checkliste 2020
  • 017-024 Therapie der Tonsillo-Pharyngitis (einschließlich Tonsillektomie) (S3, Stand 01/2024, gültig bis 14.01.2029): gültig
  • 061-025 Akuttherapie und Management der Anaphylaxie (S2k, Stand 01/2021, gültig bis 30.01.2026, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die 10 C benennen und für jede Situation die Erstmaßnahmen abrufen.
  • Die typischen Ursachen fataler Verläufe erkennen und vermeiden.
  • Bei unerwartet schwierigem Atemweg anatomische von funktioneller Obstruktion unterscheiden.
  • Notfalldosen nach Gewicht sicher berechnen.
  • Den Stand der eigenen Klinik mit einer Checkliste prüfen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit 10-C-Selbstcheck für Ihr Haus und Notfall-Dosisrechner, eine Fallsimulation in vier Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: die 10 C und der Algorithmus unerwartet schwieriger Atemweg.
  3. Verwandt: Sicherheitskonzepte, Laryngospasmus, Gefäßzugang, Aspiration, Leitlinienlandkarte.

Lektion 1

Häufigkeit, Ursachen und die 10 C

In APRICOT (261 Kliniken, 31 127 Narkosen) traten schwere kritische Ereignisse bei 5,2 % der Kinder auf, vor allem respiratorische (3,1 %) und kardiovaskuläre (1,9 %); das Risiko war bei Säuglingen und bei wenig kinderanästhesiologischer Routine des Teams höher. Fatale Verläufe sind meist nicht schicksalhaft, sondern Folge eines unzureichenden Zwischenfallmanagements.

Tabelle 1: Typische Ursachen fataler Verläufe und Gegenmittel
UrsacheGegenmittel
oberflächliche Risikoevaluationstrukturierte präoperative Evaluation
keine erfahrene Person bei erkennbarem RisikoFacharzt mit Kindererfahrung von Beginn an
unzureichende VorbereitungSOP, Checklisten, Material geprüft, Plan A, B, C im Teambriefing
fehlendes Monitoring, zu spätes ErkennenVigilanz, Fachwissen, Alarmgrenzen
zu spätes Aussprechen eines ProblemsSpeaking up, früh Hilfe rufen; Debriefing, Second Victim beachten
Die 10 C1Cannot oxygenate, ventilate2Cannot intubate3Can intubate, cannot oxygenate4Cannot cannulate5Aspiration6Anaphylaxie7Schwere Blutung8Tonsillennachblutung9LAST10Maligne HyperthermieRot: Atemweg, die häufigste Gruppe. Eigene Darstellung nach safetots.org.
Abbildung 1: Die 10 C, die zehn kritischen Situationen der Kinderanästhesie. Eigene Darstellung nach safetots.org
Tabelle 2: Erstmaßnahmen und aktuelle Grundlagen (Leitlinienstand geprüft September 2026)
SituationErstmaßnahmenGrundlage, Stand
Can't oxygenate, can't ventilate; can't intubate; can intubate, can't oxygenateHilfe, 100 % O₂, Obstruktion anatomisch oder funktionell? Vertiefen, relaxieren, Larynxmaske; DOPESESAIC/BJA Neugeborene und Säuglinge 2024; WAKKA 2011; ERC 2025
Can't cannulatenach spätestens 60 s intraossär; kein Lidocain i.o.S1 001-042 (2017, abgelaufen, in Überarbeitung); Stellungnahme 2024
AspirationKopf tief und seitlich, absaugen, oxygenieren, intubieren, bronchial absaugenS1 001-047 (2022); WAKKA RSI 2007
AnaphylaxieAuslöser stoppen, Adrenalin i.m. 10 µg/kg (höchstens 0,5 mg), i.v. titriert bei Monitoring; Volumen; TryptaseS2k 061-025 (2021, Gültigkeit 01/2026 abgelaufen, in Überarbeitung); ERC 2025
Schwere BlutungBlutprodukte 10 ml/kg, Tranexamsäure 15 mg/kg (höchstens 1 g), Wärme, Calcium, FibrinogenEuropäische Blutungsleitlinie 2023; ERC 2025; BÄK-Querschnittsleitlinie
Tonsillennachblutungzwei Absaugungen, oRSI, Volumen; verschlucktes Blut und Hypovolämie unterschätztwie Blutung, Aspiration, Atemweg
LASTInjektion stoppen, Atemweg, Krampfanfall mit Benzodiazepin, Lipid 20 % 1,5 ml/kg, dann 0,25 ml/kg/min; Reanimation lange fortführenASRA-Checkliste 2020; DGAI S1 001-044 (2020, Gültigkeit 01/2025 abgelaufen)
Maligne HyperthermieTrigger stoppen, 100 % O₂ mit hohem Fluss, Dantrolen 2,5 mg/kg, wiederholen; kühlen; MH-HotlineDGAI S1 001-008 (2018, nicht mehr im Register); EMHG 2019; Fachinformation Dantrolen

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Unerwartet schwieriger Atemweg und Notfalldosen

Beim Kind ohne anamnestische und klinische Auffälligkeiten ist eine Beatmungsstörung fast immer funktionell: zu flache Narkose, Laryngospasmus, opioidbedingte Thoraxrigidität, Bronchospasmus oder ein geblähter Magen. Invasive Notfalltechniken werden bei diesen Kindern praktisch nie benötigt; entscheidend sind Vertiefen, Relaxieren und Entlasten.

Maskenbeatmung ineffektiv: Hilfe rufen, 100 % O₂AnatomischKopflage, EsmarchGuedel-TubusZwei-Hände-TechnikFunktionellflache Narkose: vertiefenLaryngospasmus, Rigidität: relaxierenBronchospasmus: vertiefen, AdrenalinMagen gebläht: entlastenPlan A: Laryngoskopie,Fremdkörper, Sekret, intubierenPlan B: Larynxmaske,aufwachen lassenBei unauffälliger Anamnese sind invasive Techniken praktisch nie nötig.Eigene Darstellung nach WAKKA 2011 und ESAIC/BJA 2024.
Abbildung 2: Unerwartet schwieriger Atemweg beim Kind. Eigene Darstellung nach WAKKA 2011 und ESAIC/BJA 2024
Evidence BoxDie Leitlinie von ESAIC und BJA (Disma 2024) empfiehlt für Neugeborene und Säuglinge unter anderem die Videolaryngoskopie als primäres Verfahren bei trainierten Teams, die Apnoe-Oxygenierung und eine Begrenzung der Intubationsversuche. Die deutsche Handlungsempfehlung von 2011 ist für ältere Kinder weiter das Grundgerüst.

Notfall-Dosisrechner

Gewicht einstellen. Werte nach ERC 2025, S2k Anaphylaxie, ASRA 2020 und Fachinformation Dantrolen.

SituationMedikamentDosis
AnaphylaxieAdrenalin i.m. 10 µg/kg (höchstens 500 µg)
Anaphylaxie, MonitoringAdrenalin i.v. 1 µg/kg titriert
KreislaufstillstandAdrenalin i.v./i.o. 10 µg/kg (höchstens 1 mg)
BlutungTranexamsäure 15 mg/kg (höchstens 1 g)
LASTLipid 20 % Bolus 1,5 ml/kg, dann 0,25 ml/kg/min
Maligne HyperthermieDantrolen 2,5 mg/kg (Flasche 120 mg)
Laryngospasmus ohne ZugangSuccinylcholin i.m. 4 mg/kg

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Kind 30 kg mit maligner Hyperthermie. Dantrolen 2,5 mg/kg, eine Flasche enthält 120 mg. Wie viele mg, und wie viele Flaschen (aufgerundet)?

Lektion 3

Fit für die 10 C? Selbstcheck und Fallsimulation

Für jede Situation drei Fragen: Gibt es an Ihrem Arbeitsplatz eine aktuelle SOP, und kennen Sie sie? Haben Sie oder Ihr Team sie trainiert? Wissen Sie, wo Medikamente und Material liegen und wie sie angewendet werden? Der Selbstcheck wird nicht gespeichert; nutzen Sie ihn vor Diensten oder im Teamtraining.

10-C-Selbstcheck

SituationSOPTrainingMaterial
Erfülltvon 30
Lücken zuerst schließen

Fallsimulation: Mila, 6 Jahre, Nachblutung nach Tonsillektomie

Mila, 6 Jahre, 21 kg, am 6. Tag nach Tonsillektomie. Sie spuckt seit einer Stunde hellrotes Blut, ist blass, Herzfrequenz 145/min, Blutdruck 85/50 mmHg, hat zu Hause mehrmals „Kaffeesatz“ erbrochen. Der HNO-Arzt möchte sofort operieren.

Schritt 1: Einschätzung

Schritt 2: Vorbereitung

Schritt 3: Einleitung

Schritt 4: Nach der Blutstillung

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Hilfe zu spät rufen, aus Unsicherheit oder falschem Stolz.
  • Beim gesunden Kind an invasive Techniken denken, bevor vertieft und relaxiert wurde.
  • Adrenalin bei Anaphylaxie verzögern oder die Reanimationsdosis i.v. geben.
  • Dantrolen suchen müssen, weil niemand weiß, wo es liegt.
  • Kein Debriefing nach dem Ereignis.

Merksätze

  • Hilferuf lieber zu früh als zu spät.
  • Gesundes Kind, Beatmung unmöglich: vertiefen, relaxieren, Magen entlasten, Larynxmaske.
  • Anaphylaxie: Adrenalin i.m. 10 µg/kg, höchstens 0,5 mg.
  • LAST: Lipid 1,5 ml/kg, dann 0,25 ml/kg/min.
  • MH: Dantrolen 2,5 mg/kg, wiederholen, kühlen.

Fälle

Aufgabe 1: Der steife Thorax

Gegeben:
4 Jahre, nach rascher Fentanylgabe zur Einleitung keine Maskenbeatmung möglich, Thorax bretthart, Kapnographie flach.

Frage:
Was ist die Ursache, und was tun Sie?

Lösung

Opioidbedingte Rigidität von Thorax und Stimmritze, eine funktionelle Obstruktion. Relaxieren (zum Beispiel Rocuronium), dann beatmen; Opioide künftig langsam injizieren.

Aufgabe 2: Die Hautrötung

Gegeben:
8 Jahre, 25 kg, zwei Minuten nach Cefazolin Blutdruckabfall auf 60/30 mmHg, Bronchospasmus, Flush.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Anaphylaxie Grad III. Zufuhr stoppen, Hilfe, 100 % Sauerstoff, Adrenalin i.m. 250 µg sofort oder bei Monitoring i.v. titriert 1 µg/kg (25 µg), Volumen 10 ml/kg bis 20 ml/kg, bei Bronchospasmus zusätzlich Beta-2-Mimetikum; Tryptase abnehmen; allergologische Abklärung.

Aufgabe 3: Die Krampfanfälle

Gegeben:
Nach einem großvolumigen Block krampft ein 12-jähriges Kind (40 kg), danach ventrikuläre Tachykardie.

Frage:
Welche Maßnahmen?

Lösung

LAST. Injektion stoppen, Hilfe, Atemweg sichern, Krampfanfall mit Benzodiazepin, Lipid 20 %: 60 ml Bolus, dann 10 ml/min; bei Kreislaufstillstand Reanimation mit reduzierter Adrenalindosis nach ASRA, lange fortführen, extrakorporale Unterstützung erwägen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
10 Cdie zehn kritischen Situationen der Safetots-Initiative
CICOcan't intubate, can't oxygenate
LASTsystemische Toxizität von Lokalanästhetika
Second VictimBelastung des Teams nach einem schweren Zwischenfall

Literatur

  1. Habre W, Disma N, Virag K, et al. Incidence of severe critical events in paediatric anaesthesia (APRICOT). Lancet Respir Med 2017;5:412–425.
  2. Disma N, Asai T, Cools E, et al. Airway management in neonates and infants: European Society of Anaesthesiology and Intensive Care and British Journal of Anaesthesia joint guidelines. Eur J Anaesthesiol 2024;41:3–23.
  3. Weiss M, et al. Handlungsempfehlung zur Prävention und Behandlung des unerwartet schwierigen Atemwegs in der Kinderanästhesie. Anästh Intensivmed 2011;52:S54–S63.
  4. Ring J, Beyer K, Biedermann T, et al. Leitlinie zu Akuttherapie und Management der Anaphylaxie, Update 2021. AWMF 061-025.
  5. Neal JM, Neal EJ, Weinberg GL. American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine Local Anesthetic Systemic Toxicity checklist: 2020 version. Reg Anesth Pain Med 2021;46:81–82.
  6. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Paediatric Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110767.
  7. Safe Anesthesia For Every Tot, safetots.org.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.