Kinderanästhesie, Praktisches Vorgehen

Regionalanästhesie im Kindesalter

Ein Kaudalblock oder eine ultraschallgestützte Blockade ersetzt beim Kind oft einen großen Teil der Opioide, senkt das Emergence Delir und macht die Aufwachphase ruhig. Voraussetzung sind richtige Volumina, die Höchstdosis im Kopf und sichere Technik.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf den Dosierempfehlungen der ESRA und ASRA für Kinder (2018), dem Register des Pediatric Regional Anesthesia Network (PRAN), der S2e-Leitlinie zum pädiatrischen Emergence Delir (2026), der S3-Leitlinie akuter Schmerz (AWMF 001-025, Stand 2021, Gültigkeit 08/2026 abgelaufen) und Lehrbüchern (Recherchestand September 2026). Die Handlungsempfehlung des WAKKA zur Regionalanästhesie bei Kindern stammt von 2007.
Lernziele
  • Indikationen und Grenzen der Regionalanästhesie in Allgemeinanästhesie begründen.
  • Das Volumen für einen Kaudalblock nach der gewünschten Ausbreitung berechnen.
  • Die Gesamtdosis mehrerer Blockaden gegen die Höchstdosis prüfen.
  • Eine intravasale Injektion früh erkennen und richtig reagieren.
  • Adjuvanzien mit ihren Grenzen einsetzen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit Kaudal-Volumenrechner und Höchstdosis-Rechner für mehrere Blockaden, eine Fallsimulation in vier Schritten, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Ausbreitung des Kaudalblocks nach Volumen und Blockwahl nach Operationsgebiet.
  3. Verwandt: Faszienblockaden, Einführung Regionalanästhesie, Schmerztherapie, Kritische Situationen (LAST).

Lektion 1

Warum, wann und wie sicher?

Regionalanästhesie sollte bei jedem Eingriff in einem regional erreichbaren Gebiet als Teil der präventiven Analgesie erwogen werden. Beim Kind wird sie fast immer als Single-Shot in Allgemeinanästhesie angelegt. Reine Regionalanästhesie ist Spezialindikationen und erfahrenen Teams vorbehalten, etwa beim erwartet schwierigen Atemweg oder als Spinalanästhesie beim ehemaligen Frühgeborenen.

Evidence Box, SicherheitDas PRAN-Register mit über 100 000 Blockaden zeigte sehr niedrige Komplikationsraten und keine bleibenden neurologischen Schäden; Blockaden in Allgemeinanästhesie gelten bei Kindern als Standard (Walker 2018). Die S2e-Leitlinie 2026 empfiehlt Regionalverfahren ergänzend, um das Emergence Delir zu senken (Empfehlungsgrad B). Nach GAS (Davidson 2016, McCann 2019) war eine kurze Allgemeinanästhesie im Säuglingsalter im Vergleich zur Regionalanästhesie nicht mit schlechterer neurologischer Entwicklung nach fünf Jahren verbunden.

Höchstdosen der Lokalanästhetika (Single-Shot)

Tabelle 1: Richtwerte für die Gesamtdosis beim Kind (bei Neugeborenen und jungen Säuglingen niedriger ansetzen; Fachinformation und Leitlinien beachten)
SubstanzHöchstdosisHinweis
Bupivacain, Levobupivacain2,5 mg/kgstärkste Kardiotoxizität
Ropivacain3 mg/kgab 0,2 % zunehmend motorische Blockade
Lidocain4,5 mg/kg (mit Adrenalin 7 mg/kg)Infiltration, Testdosis

Adjuvanzien

  • Clonidin 1 bis 2 µg/kg perineural oder i.v.: verlängert die Blockade und wirkt sedierend; Off-Label. Bei Neugeborenen und jungen Säuglingen wegen Apnoegefahr nicht einsetzen.
  • Dexamethason 0,15 mg/kg i.v.: PONV-Prophylaxe, koanalgetisch, verlängert Single-Shot-Blockaden mäßig.
Messfehler BoxAdjuvanzien werden pro Kilogramm dosiert, nicht pro Milliliter Lokalanästhetikum. Wer „1 bis 2 µg/ml“ liest und auf 20 ml Lösung anwendet, gibt bei einem 10-kg-Kind bis zu 40 µg, also das Doppelte bis Vierfache.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Kaudalblock und periphere Blockaden

Kaudalblock

Der häufigste Block im Kindesalter, geeignet für Eingriffe unterhalb des Rippenbogens bis etwa 7 bis 8 Jahre (danach wird der Hiatus sacralis schwerer zugänglich und die Ausbreitung unberechenbarer). Das Volumen bestimmt die Ausbreitung (nach Armitage 1979):

Kaudalblock: Volumen und AusbreitungTh6Th10L1L5S0,5 ml/kg: sakral, lumbalPenis, Leiste, Beine1,0 ml/kg: thorakolumbalUnterbauch, Orchidopexie1,25 ml/kg: mittthorakalOberbauch (Grenzbereich)Höchstens etwa 25 ml; Gesamtdosis prüfen. Eigene Darstellung nach Armitage 1979.
Abbildung 1: Ausbreitung des Kaudalblocks in Abhängigkeit vom Volumen. Eigene Darstellung nach Armitage 1979

Der Kaudalblock ist die häufigste Regionalanästhesie im Kindesalter und gut steuerbar, wenn drei Punkte beachtet werden. Bei der Technik wird das Kind in Seitenlage gebracht, der Hiatus sacralis zwischen den Cornua sacralia aufgesucht und mit einer Kanüle mit kurzem Schliff punktiert; der Durchtritt durch das Ligamentum sacrococcygeum ist als Widerstandsverlust spürbar, und der Ultraschall hilft bei der Identifikation der Landmarken und der Kontrolle der Ausbreitung. Zur Sicherheit gehören die Aspiration auf Blut und Liquor, eine Testdosis und die langsame, fraktionierte Injektion unter Beobachtung des EKG, weil Rhythmusstörungen die erste Warnung vor einer intravasalen Injektion sind; eine subkutane Schwellung zeigt eine Fehllage an. Als Komplikationen drohen eine Durapunktion mit hoher oder totaler Spinalanästhesie, weil der Duralsack beim Säugling weiter kaudal endet als beim Erwachsenen, eine intravasale Injektion mit Rhythmusstörungen sowie eine motorische Blockade und ein Harnverhalt, die beide vorübergehend sind, aber die Entlassung nach ambulanten Eingriffen verzögern können.

Periphere Blockaden

Welcher Block für welches Operationsgebiet?Penis, ZirkumzisionPeniswurzelblock oder kaudalLeiste, Hodenkaudal oder IlioinguinalisNabel, LaparoskopieRektusscheideUnterbauchTAP oder kaudalArm, HandPlexus brachialisjede WundeInfiltration (Summe beachten)Periphere Blöcke ultraschallgestützt. Eigene Darstellung.
Abbildung 2: Blockwahl nach Operationsgebiet. Eigene Darstellung
Tabelle 2: Richtvolumina ultraschallgestützter Blockaden (ESRA/ASRA 2018 und Lehrbuch; Volumen pro Seite, Gesamtdosis immer prüfen)
BlockadeTypische EingriffeVolumen pro Seite
PeniswurzelblockZirkumzision, distale Hypospadie0,1 ml/kg Bupivacain 0,5 % pro Seite, ohne Adrenalin
Ilioinguinalis/IliohypogastricusLeistenhernie, Hydrozele, Orchidopexie0,1 bis 0,3 ml/kg
TAP-BlockUnterbauch, Laparoskopie0,2 bis 0,5 ml/kg
RektusscheidenblockNabelhernie, Laparoskopie0,1 bis 0,2 ml/kg
Plexus brachialisOberarm bis Hand0,2 bis 0,5 ml/kg
Wundinfiltrationfast alle Eingriffe durch den Operateurnach Gesamtdosis

Periphere Blockaden werden ultraschallgestützt angelegt; das senkt das nötige Volumen. Bei beidseitigen Blockaden die Summe beider Seiten gegen die Höchstdosis rechnen.

Kaudal-Volumenrechner

Gewicht und Zielhöhe wählen. Beispiel Ropivacain 0,2 %.

Ziel
Volumenml
Ropivacainmg/kg (Höchstdosis 3)
Hinweis

Höchstdosis-Rechner für mehrere Blockaden

Substanz, Konzentration, Volumen pro Seite und Seitenzahl einstellen.

Konzentration
Seiten
Gesamtvolumenml
Gesamtdosis
Bewertung

Übung 2.1

Übung 2.2, Rechenaufgabe

Kind 16 kg, Orchidopexie, Kaudalblock für thorakolumbale Ausbreitung (1,0 ml/kg) mit Ropivacain 0,2 %. Wie viele Milliliter, und wie viele mg/kg Ropivacain sind das?

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Kind 20 kg, beidseitiger TAP-Block mit je 0,5 ml/kg Bupivacain 0,25 %. Wie viel mg/kg insgesamt, und wie viele Milliliter pro Seite dürften es bei 2,5 mg/kg Höchstdosis höchstens sein?

Lektion 3

Fallsimulation: Nora, 3 Jahre, Leistenhernie beidseits

Ausgangslage

Nora, 3 Jahre, 15 kg, Leistenhernie beidseits, offen operiert. Sevofluran-Narkose mit Larynxmaske, ruhige Einleitung. Sie planen eine Regionalanästhesie.

Schritt 1: Verfahren

Schritt 2: Testdosis

Schritt 3: Die T-Welle steigt

Schritt 4: Neuer Plan

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Beidseitige Blockaden ohne Summenrechnung.
  • Clonidin pro Milliliter statt pro Kilogramm dosieren.
  • Schnelle Bolusinjektion ohne Aspiration und EKG-Beobachtung.
  • Kaudalblock bei älteren Kindern mit großem Volumen erzwingen.
  • Adrenalinhaltige Lösung am Penis.

Merksätze

  • Kaudal: 0,5 ml/kg sakral, 1,0 ml/kg thorakolumbal, 1,25 ml/kg mittthorakal.
  • Höchstdosis Single-Shot: Bupivacain 2,5, Ropivacain 3, Lidocain 4,5 mg/kg.
  • Aspirieren, Testdosis, langsam fraktioniert, EKG beobachten.
  • Periphere Blockaden ultraschallgestützt.
  • Regionalanästhesie senkt Opioidbedarf und Emergence Delir.

Fälle

Aufgabe 1: Die Zirkumzision

Gegeben:
5 Jahre, 18 kg, Zirkumzision. Die Pflege reicht Bupivacain 0,5 % mit Adrenalin.

Frage:
Was korrigieren Sie, und wie viel geben Sie?

Lösung

Am Penis kein Adrenalin (Endarterien). Peniswurzelblock mit Bupivacain 0,5 % ohne Adrenalin, 0,1 ml/kg pro Seite, also je 1,8 ml, zusammen 3,6 ml (18 mg, 1 mg/kg). Alternativ Kaudalblock.

Aufgabe 2: Der Säugling

Gegeben:
Säugling, 7 Wochen, 4,5 kg, Leistenhernie. Die Kollegin möchte Clonidin 2 µg/kg zum Kaudalblock geben.

Frage:
Was sagen Sie?

Lösung

In diesem Alter wegen Apnoe- und Sedierungsgefahr auf Clonidin verzichten. Kaudalblock mit reduzierter Lokalanästhetikadosis; Überwachung mit Pulsoxymetrie, bei ehemaligen Frühgeborenen postoperativ Apnoemonitoring.

Aufgabe 3: Die Wundinfiltration

Gegeben:
Kind 12 kg; nach einem Kaudalblock mit Ropivacain 0,2 % 1 ml/kg möchte der Operateur zusätzlich mit 10 ml Bupivacain 0,5 % infiltrieren.

Frage:
Ist das vertretbar?

Lösung

Nein. Kaudal 12 ml Ropivacain 0,2 % = 24 mg (2 mg/kg). 10 ml Bupivacain 0,5 % = 50 mg (über 4 mg/kg). Lokalanästhetika addieren ihre Toxizität. Infiltration nur mit kleiner Restmenge, oder ganz darauf verzichten, und das mit dem Operateur absprechen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Hiatus sacralisÖffnung am unteren Ende des Kreuzbeins, Zugang zum Kaudalraum
Testdosiskleine Menge Lokalanästhetikum mit Adrenalin, um eine intravasale Lage zu erkennen
Single-Shoteinmalige Injektion ohne Katheter
LASTsystemische Toxizität von Lokalanästhetika

Literatur

  1. Suresh S, Ecoffey C, Bosenberg A, et al. The European Society of Regional Anaesthesia and Pain Therapy/American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine recommendations on local anesthetics and adjuvants dosage in pediatric regional anesthesia. Reg Anesth Pain Med 2018;43:211–216.
  2. Walker BJ, Long JB, Sathyamoorthy M, et al. Complications in pediatric regional anesthesia: an analysis of more than 100,000 blocks from the Pediatric Regional Anesthesia Network. Anesthesiology 2018;129:721–732.
  3. Armitage EN. Caudal block in children. Anaesthesia 1979;34:396.
  4. McCann ME, de Graaff JC, Dorris L, et al. Neurodevelopmental outcome at 5 years of age after general anaesthesia or awake-regional anaesthesia in infancy (GAS). Lancet 2019;393:664–677.
  5. DGAI. S2e-Leitlinie Prävention und Therapie des pädiatrischen Emergence Delir, AWMF 001-035, Version 2, 2026.
  6. Mader T, et al. Handlungsempfehlungen zur Regionalanästhesie bei Kindern. Anästh Intensivmed 2007;48:S79–S85.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.