Atemnot ist nach der Definition der American Thoracic Society ein subjektives Erleben unangenehmer Atmung, das sich aus qualitativ verschiedenen Empfindungen unterschiedlicher Intensität zusammensetzt. Entscheidend ist das Wort subjektiv: Weder die Sauerstoffsättigung noch die Atemfrequenz noch der Blutgasbefund sagen verlässlich, wie sehr ein Patient leidet. Ein Patient mit einer Sättigung von 96 % kann schwerste Atemnot erleben, ein anderer mit 85 % ruhig im Bett liegen. Bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen haben etwa die Hälfte bis drei Viertel der Patienten Atemnot, bei Lungenkarzinom, COPD, Lungenfibrose und Herzinsuffizienz in der letzten Lebensphase noch mehr.
Der Mechanismus erklärt, warum Opioide und Luftzug wirken. Atemnot entsteht, wenn der zentrale Atemantrieb nicht zu dem passt, was Lunge und Atemmuskulatur leisten können. Das Gehirn vergleicht den motorischen Befehl mit den Rückmeldungen aus Chemorezeptoren, Dehnungsrezeptoren der Lunge, Muskelspindeln und Rezeptoren im Gesicht. Je größer das Missverhältnis, desto stärker die Atemnot. Opioide dämpfen die Wahrnehmung dieses Missverhältnisses und senken den Atemantrieb; kühler Luftzug über das Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus meldet dem Gehirn eine ausreichende Ventilation. Angst verstärkt die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit auf die Atmung ebenso. Daraus entsteht der Teufelskreis, der in der Abbildung dargestellt ist.
Erfasst wird Atemnot durch Selbsteinschätzung, am einfachsten mit einer numerischen Skala von 0 bis 10 oder einer verbalen Skala. Zusätzlich wird nach der Belastung im Alltag gefragt, etwa mit der modifizierten Borg-Skala unter Belastung oder in umfassenden Instrumenten wie MIDOS und IPOS. Kann der Patient sich nicht äußern, helfen Fremdeinschätzungen wie die Respiratory Distress Observation Scale, die Atemfrequenz, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, paradoxe Atmung, Unruhe, Nasenflügeln, Stöhnen am Ende der Ausatmung und einen ängstlichen Gesichtsausdruck bewertet.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen anhaltender Atemnot und Atemnotattacken. Attacken sind Episoden plötzlicher, schwerer Atemnot von meist wenigen Minuten, ausgelöst durch Belastung, Sprechen, Husten oder Emotionen, oft aber ohne erkennbaren Anlass. Weil sie schneller abklingen, als ein orales Opioid wirkt, stehen bei Attacken nichtmedikamentöse Strategien und ein eingeübter Atemnotplan im Vordergrund; ein Opioid wird eher vor einer absehbaren Belastung gegeben. Zur Erfassung gehört schließlich die Suche nach behandelbaren Ursachen, soweit sie dem Patienten nutzt: Pleuraerguss, Anämie, Pneumonie, Lungenembolie, Bronchospasmus, dekompensierte Herzinsuffizienz, Aszites mit Zwerchfellhochstand oder eine Atemwegsobstruktion. Die kausale Behandlung hat Vorrang, wenn sie wirksam und zumutbar ist; die symptomatische Behandlung beginnt trotzdem sofort.
Atemnot hat, ähnlich wie Schmerz, zwei Seiten: das Wahrnehmen des Missverhältnisses und die Antwort des Menschen darauf, also Angst, Bewertung und Verhalten. Behandlung kann an beiden Seiten ansetzen. Beobachtungsstudien zeigen, wie verbreitet das Symptom ist: Etwa jeder zweite Patient mit fortgeschrittener Tumorerkrankung berichtet davon, bei Lungenkarzinom oder Lungenmetastasen rund sieben von zehn, und in den letzten Lebenstagen steigt der Anteil weiter. Bei COPD, Lungenfibrose und Herzinsuffizienz liegt er in den letzten Lebensmonaten zwischen 60 und 95 %. Unbeherrschte Atemnot ist einer der häufigsten Anlässe für ungeplante Krankenhauseinweisungen am Lebensende, und gerade diese Einweisungen lassen sich durch Vorbereitung oft vermeiden.
Für Gespräche mit Patienten und Angehörigen lohnt ein Blick auf die Physiologie. Die meisten Menschen halten Sauerstoffmangel für die Ursache der Atemnot. Der Atemantrieb reagiert aber weit empfindlicher auf steigendes Kohlendioxid und auf die mechanische Last der Atemarbeit als auf einen fallenden Sauerstoffpartialdruck; eine langsam entstehende Hypoxämie wird oft erstaunlich wenig bemerkt. Ein geschwächter Patient, der schnell und flach atmet, bewegt mit jedem Atemzug einen hohen Anteil Totraumluft. Ein Rechenbeispiel: Bei 36 Atemzügen pro Minute zu je 200 ml und einem Totraum von 150 ml erreichen nur 50 ml je Atemzug die Alveolen, zusammen 1,8 Liter in der Minute. Atmet derselbe Patient nach wirksamer Linderung 14-mal pro Minute mit je 450 ml, gelangen 300 ml je Atemzug und 4,2 Liter pro Minute in die Alveolen, bei geringerer Atemarbeit. Ein Opioid, das die Atemfrequenz senkt, kann den Gasaustausch deshalb sogar verbessern. Ziel ist eine ruhigere und sparsamere Atmung, nicht ein bestimmter Sättigungswert.
| Mechanismus | Beispiele | Mögliche kausale Maßnahme |
|---|---|---|
| Verengung der Atemwege | COPD, Asthma, Tumorstenose von Trachea oder Hauptbronchus, Fistel zwischen Speiseröhre und Trachea | Bronchodilatator, Kortikosteroid, Stent, Laser, Bestrahlung |
| Restriktion außerhalb der Lunge | Pleuraerguss, Pleurakarzinose, Pneumothorax, Thoraxwandtumor, Zwerchfellhochstand durch Aszites oder große Leber | Punktion, Drainage, Pleurodese, Aszitespunktion |
| Restriktion in der Lunge | Lungenfibrose, Lymphangiosis carcinomatosa, Pneumonie, Atelektase, Zustand nach Lungenresektion | Antibiotikum, gezielt Kortikosteroid, Physiotherapie |
| Kreislauf und Blut | Herzinsuffizienz, Lungenembolie, Perikarderguss, Anämie | Diuretikum, Antikoagulation, Perikardpunktion, Transfusion |
| Atempumpe | ALS und andere neuromuskuläre Erkrankungen, Muskelschwäche bei Kachexie | NIV, Hustenassistenz |
| Wahrnehmung und Bewertung | Angst, Panik, Erwartungsangst | Aufklärung, Atemnotplan, Anxiolyse |
Wie viel Diagnostik angemessen ist, hängt von zwei Fragen ab: Ist die Ursache umkehrbar, und in welcher Phase befindet sich der Patient? In einer stabilen Phase mit Monaten Lebenserwartung lohnen sich Punktion, Bestrahlung, Stent oder Laser. In den letzten Lebenstagen profitiert ein Patient mit behandelbarer Ursache meist nur noch von Medikamenten wie Bronchodilatatoren, Kortikosteroiden oder Diuretika. Untersuchungen sollen möglichst wenig belasten; Anamnese, Auskultation, Sonographie am Bett und Pulsoxymetrie genügen oft. Gefragt wird nach Beginn und Verlauf, Auslösern und dem, was hilft, nach Begleitsymptomen wie Husten, Schmerz und Angst und danach, welche Tätigkeiten der Patient wegen der Atemnot schon aufgegeben hat.
Die Intensität wird regelmäßig dokumentiert, etwa als stärkste Atemnot der letzten 24 Stunden und als aktueller Wert auf einer Skala von 0 bis 10. Die modifizierte Borg-Skala verknüpft die Zahlen mit Worten von „gar keine“ über „mäßig“ bis „maximal“ und hilft Patienten, denen reine Zahlen wenig sagen. Die Aufzeichnung erfüllt einen doppelten Zweck: Sie begründet die Indikation und belegt die Wirkung. Gerade bei der Behandlung am Lebensende steht oft unausgesprochen der Vorwurf im Raum, Medikamente hätten das Leben verkürzt; eine nachvollziehbare Dokumentation von Symptomlast, Dosis und Wirkung ist die beste Antwort darauf. Schätzen Angehörige oder Pflegende die Atemnot ein, kann ihr Urteil deutlich über oder unter dem des Patienten liegen.