Etwa zwei Drittel der Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung haben Schmerzen, viele davon mittlere bis starke. Ältere Erhebungen nennen für frühe Stadien 20 bis 50 Prozent und für fortgeschrittene Stadien bis über 90 Prozent; eine Metaanalyse von 2016 fand Schmerzen bei etwa der Hälfte aller Krebspatienten und bei rund zwei Dritteln im fortgeschrittenen Stadium.
Ursachen
Die Frage „Woher kommt dieser Schmerz?“ steht vor jeder Verordnung, denn „Tumorschmerz“ ist keine Diagnose. Vier Gruppen werden unterschieden. Am häufigsten ist der Schmerz durch den Tumor selbst: Metastasen reizen das Periost, Tumorgewebe wächst in Nervenwurzeln oder Plexus, verlegt Hohlorgane oder Gefäße, dehnt Organkapseln oder zerfällt nekrotisch. Knochenmetastasen sind für etwa die Hälfte aller Tumorschmerzen verantwortlich. Die zweite Gruppe entsteht durch die Behandlung, schätzungsweise bei einem Zehntel bis einem Viertel der Patienten: Narben und Nervenläsionen nach Operationen, Phantomschmerz, Lymphödem, Polyneuropathie nach Platin, Taxanen oder Vinca-Alkaloiden, Mukositis, Strahlenfibrose und Plexusschäden. Die dritte Gruppe begleitet die Erkrankung, ohne direkt vom Tumor auszugehen, etwa Zoster und Post-Zoster-Neuralgie, Thrombosen, Dekubitus oder Soor. Die vierte Gruppe hat mit dem Tumor nichts zu tun: Migräne, Arthrose oder ein Bandscheibenvorfall verschwinden nicht, weil eine Krebserkrankung hinzukommt. Die Zuordnung entscheidet, ob eine kausale Behandlung infrage kommt und welche Begleitmedikation passt; wie weit dafür Bildgebung sinnvoll ist, hängt vom Stadium und vom Wunsch des Patienten ab.
Anamnese und Untersuchung
Jede Schmerztherapie beginnt mit einer gründlichen Anamnese: Wo tut es weh, und strahlt es aus? Wie stark ist der Schmerz in Ruhe und bei Bewegung, gemessen mit der numerischen Rating-Skala? Wie fühlt er sich an: bohrend, dumpf, krampfartig, brennend, elektrisierend? Wann tritt er auf, was verstärkt oder lindert ihn, gibt es Schmerzspitzen? Welche Mittel wurden mit welcher Wirkung und welchen Nebenwirkungen genommen, und wie regelmäßig? Und was bedeutet der Schmerz für den Patienten, welche Ängste verbinden sich damit, wie beeinträchtigt er Schlaf, Mobilität und Stimmung? Die Untersuchung sucht nach Klopfschmerz, Sensibilitätsstörungen und neurologischen Ausfällen. Neue Rückenschmerzen mit Schwäche, Gefühlsstörung oder Blasenstörung sind Warnzeichen einer Rückenmarkkompression und ein Notfall, siehe Palliativmedizinische Krisen.
Die Schmerzstärke wird gemessen, nicht geschätzt. Neben der numerischen Skala von 0 bis 10 gibt es die visuelle Analogskala, eine Linie ohne Zahlen, und die verbale Skala mit Stufen von „kein“ bis „sehr stark“, die schwerkranken und älteren Patienten oft am leichtesten fällt. In der Einstellungsphase und bei instabilem Verlauf wird mindestens zweimal täglich gemessen und dokumentiert. Mehr als ein einzelner Wert zählt der Verlauf, und mehr als die Zahl zählt, ob der Patient mit seiner Lage zufrieden ist: Mancher nimmt einen Wert von 5 bewusst hin, um klar denken zu können, ein anderer leidet bei 3 und traut sich nicht aus dem Bett. Eine Senkung um etwa 30 Prozent erleben die meisten Patienten als spürbaren Erfolg.
Wenn der Patient nicht mehr berichten kann
Menschen mit Demenz erhalten im Mittel weniger Analgetika als geistig Gesunde mit denselben Befunden, obwohl nichts dafür spricht, dass sie weniger empfinden. Schmerz zeigt sich bei ihnen oft indirekt: als Unruhe, Rückzug, Aggression, Schlaflosigkeit, Abwehr bei der Pflege oder Verweigerung von Essen. Beobachtungsskalen helfen: Die BESD bewertet Atmung, Lautäußerung, Gesichtsausdruck, Körpersprache und Tröstbarkeit mit je 0 bis 2 Punkten, bei Bewusstseinsstörungen eignet sich eine Beobachtungsliste wie die ZOPA mit Lauten, Mimik, Körperhaltung und vegetativen Zeichen. Fremdeinschätzungen haben Grenzen: Ärzte und Pflegende unterschätzen Schmerz eher, Angehörige überschätzen ihn eher. Im Zweifel wird probatorisch behandelt und die Wirkung beobachtet; verschwindet die Unruhe unter einem Analgetikum, war es Schmerz.
Mechanismen
Nach dem Mechanismus unterscheidet man nozizeptive und neuropathische Schmerzen. Nozizeptiv somatische Schmerzen entstehen in Knochen, Gelenken, Muskeln und Haut; sie sind gut lokalisierbar, bohrend oder stechend und oft bewegungsabhängig, typisch bei Knochenmetastasen. Nozizeptiv viszerale Schmerzen gehen von Organkapseln und Hohlorganen aus; sie sind dumpf, schlecht lokalisierbar, oft krampfartig und werden in Hautareale übertragen, etwa der Leberkapselschmerz in die rechte Schulter. Leber und Hirngewebe selbst haben keine Nozizeptoren; es schmerzen die umgebenden Hüllen. Neuropathische Schmerzen entstehen durch Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Systems, also durch Tumorinfiltration, Kompression, Chemotherapie oder Bestrahlung von Nerv, Plexus, Wurzel oder Rückenmark. Zwei Erscheinungsformen sind klinisch nützlich: blitzartig einschießende Attacken und ein brennender Dauerschmerz, oft mit Berührungsempfindlichkeit. Hinweisend sind Minuszeichen wie Taubheit und Plusszeichen wie Kribbeln, Allodynie oder Hyperalgesie, jeweils im Versorgungsgebiet der geschädigten Struktur. Stimmen Verteilung und Befund überein und ist die Läsion belegt, gilt der neuropathische Schmerz als gesichert, sonst als möglich oder wahrscheinlich. Ein Sonderfall ist der Deafferenzierungsschmerz nach Durchtrennung afferenter Bahnen, etwa als Phantomschmerz. Die meisten Tumorschmerzen sind gemischt. Rein psychisch bedingte Schmerzen sind bei Tumorpatienten selten.
Total pain und die Gründe des Scheiterns
Das Konzept des „total pain“ beschreibt, dass Schmerz nie nur körperlich ist. Angst vor dem Fortschreiten, Trauer über Verluste, Sorgen um die Familie, finanzielle Not und die Frage nach dem Sinn verstärken das Schmerzerleben und die Schmerzäußerung. Schlaflosigkeit, Einsamkeit, Depression und das Gefühl, ausgeliefert zu sein, senken die Schmerztoleranz; Zuwendung, verlässliche Erreichbarkeit und Erklärungen heben sie. Ungelöste Konflikte gehören zu den stärksten Gründen, warum eine Schmerztherapie nicht gelingt. Ein Schmerz, der auf Dosissteigerungen nicht anspricht, ist manchmal ein Hinweis auf solche Anteile. Sie werden nicht mit höheren Opioiddosen behandelt, sondern mit Gespräch, psychologischer, sozialer und seelsorglicher Unterstützung durch das Team.
Obwohl Opioidverordnungen in Deutschland seit den 1990er-Jahren stark zugenommen haben, werden viele Tumorpatienten weiter unzureichend behandelt, während ein großer Teil der Opioide an Menschen mit Nichttumorschmerzen geht. Die Gründe wiederholen sich: Der Mechanismus wird nicht geklärt, die Stärke unterschätzt, Analgetika werden nur „bei Bedarf“ statt nach der Uhr verordnet, starke Opioide aus Angst vor Sucht oder Atemdepression zurückgehalten oder zu niedrig dosiert und nicht titriert, Intervalle passen nicht zur Wirkdauer, Koanalgetika fehlen, und der Aufwand des Betäubungsmittelrechts schreckt ab.