Übelkeit und Erbrechen betreffen etwa jeden dritten bis zweiten Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung, auch ohne Chemotherapie. Sie werden nicht nach Gewohnheit, sondern nach Mechanismus behandelt. Vier Eingänge führen zum Brechzentrum im Hirnstamm: die Chemorezeptor-Triggerzone in der Area postrema, die außerhalb der Blut-Hirn-Schranke liegt und Substanzen im Blut erkennt; Vagusafferenzen aus dem Magen-Darm-Trakt, die auf Dehnung, Reizung und Serotonin reagieren; der Vestibularapparat; und die Hirnrinde mit Angst, Erwartung, Gerüchen und erhöhtem Hirndruck. Jeder Eingang arbeitet mit bestimmten Rezeptoren, und jedes Antiemetikum blockiert bestimmte Rezeptoren. Wer die Ursache kennt, kennt damit den Wirkort und das Medikament.
Die Ursachensuche beginnt mit der Anamnese: Wann tritt die Übelkeit auf, gibt es große Mengen Erbrochenes nach dem Essen, Völlegefühl, Stuhlverhalt, Schwindel bei Kopfbewegung, Kopfschmerz am Morgen? Häufige Ursachen sind Medikamente, vor allem Opioide in den ersten Tagen, eine Obstipation, eine Magenentleerungsstörung bei Lebermetastasen oder Aszites, der sogenannte Squashed-stomach-Befund, Hyperkalzämie, Urämie, Hirnmetastasen und Angst. Eine Laborkontrolle von Kalzium und Nierenwerten ist sinnvoll, wenn eine Behandlung daraus folgt.
Metoclopramid ist bei Magenentleerungsstörung wegen seiner prokinetischen Wirkung erste Wahl und wird in Leitlinien auch allgemein bei Übelkeit fortgeschrittener Krebserkrankungen empfohlen. Seit der Bewertung durch die Europäische Arzneimittelagentur 2013 ist es auf 30 mg pro Tag und eine kurze Anwendungsdauer begrenzt, weil es extrapyramidale Störungen und Spätdyskinesien auslösen kann; der längere Einsatz in der Palliativmedizin ist off-label und wird bewusst abgewogen. Haloperidol blockiert Dopaminrezeptoren der Triggerzone und ist bei medikamentöser und metabolischer Ursache geeignet. Levomepromazin und Olanzapin wirken an Dopamin-, Serotonin-, Histamin- und Muskarinrezeptoren und sind bei unklarer oder gemischter Ursache und bei Therapieversagen sinnvoll, beide sind für diese Indikation nicht zugelassen. Dimenhydrinat wirkt bei vestibulärer Ursache und bei Obstruktion, Dexamethason bei Hirndruck und als Ergänzung. 5-HT3-Antagonisten und NK1-Antagonisten sind bei chemo- und strahlentherapiebedingter Übelkeit Standard, bei anderen Ursachen ist ihr Nutzen gering belegt; Setrone verstärken zudem die Obstipation.
Die S3-Leitlinie 3.0 hat die Medikation bei Übelkeit und Erbrechen überarbeitet und dabei 5-HT3-Antagonisten, NK1-Antagonisten, Cannabinoide und Olanzapin für Übelkeit ohne Tumortherapie neu bewertet. In einer kleinen randomisierten Studie senkte Olanzapin 5 mg die chronische, nicht therapiebedingte Übelkeit fortgeschritten Krebskranker deutlich stärker als Placebo (Navari 2020). Haloperidol und Levomepromazin waren in einer doppelblinden Studie gleich wirksam (Hardy 2019). Die Studienlage ist insgesamt klein; die Wahl nach Mechanismus bleibt der Grundsatz, und Cannabinoide gehören nicht zur ersten Wahl.
Ein Antiemetikum wird regelmäßig gegeben, nicht nur bei Bedarf, und nach 24 Stunden auf Wirkung geprüft. Bleibt Erbrechen bestehen, wird parenteral gegeben, meist subkutan. Zwei Substanzen mit gleichem Wirkprinzip werden nicht kombiniert, etwa Haloperidol und Metoclopramid, weil sich extrapyramidale Nebenwirkungen addieren. Ebenso heben Anticholinergika die prokinetische Wirkung von Metoclopramid auf. Nichtmedikamentös helfen kleine Mahlzeiten, kalte Speisen ohne starken Geruch, Frischluft, Mundpflege und das Entfernen von Auslösern wie Gerüchen aus der Küche.
Wegweiser Antiemetikum nach Ursache
Wählen Sie die wahrscheinlichste Ursache und den Zugangsweg. Richtwerte für Erwachsene; Fachinformation, Nierenfunktion und Off-label-Gebrauch beachten.
Übelkeit und Erbrechen sind zwei eigenständige Symptome, die oft, aber nicht immer zusammen auftreten. Anhaltende Übelkeit wird von vielen Patienten als belastender erlebt als gelegentliches Erbrechen. Manche Patienten mit hoher Obstruktion nehmen ein- bis zweimaliges Erbrechen am Tag bewusst in Kauf, wenn sie dafür weiter essen können, was ihnen schmeckt; entscheidend ist, was den Menschen belastet, nicht die Zahl der Episoden. In älteren Erhebungen litten 40 bis 70 % der Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung unter Übelkeit, rund 40 % in den letzten Lebenswochen unter Erbrechen. Folgen sind Appetitverlust, Exsikkose und Elektrolytstörungen, Mundgeruch, Erschöpfung, Aspiration bei Erbrechen im Schlaf oder unter Sedativa und eine unsichere Aufnahme oraler Medikamente.
Die Anamnese fragt nach Menge, Farbe und Geruch des Erbrochenen und nach dem zeitlichen Bezug zu Mahlzeiten, Medikamenten und Bewegung. Großvolumiges, schwallartiges Erbrechen kurz nach dem Essen spricht für eine Magenausgangsstenose, fäkulentes Erbrechen für einen tiefen Verschluss, morgendliches Erbrechen mit Kopfschmerz für Hirndruck. Die Untersuchung achtet auf Soor im Mund, Exsikkose, Hepatomegalie, Tumormassen, neurologische Herdzeichen und den Rektalbefund; im Labor helfen Kalzium, Natrium, Kreatinin und Harnstoff, wenn eine Konsequenz folgt. Viele Medikamente kumulieren unbemerkt, wenn Patienten an Gewicht verlieren oder die Nierenfunktion nachlässt, etwa Digitalis, Theophyllin oder Opioidmetaboliten.
| Bereich | Beispiele |
|---|---|
| Mund, Rachen, Speiseröhre | Soor, Mukositis, exulzerierender Tumor, Stenose, Regurgitation |
| Magen | Gastritis und Ulkus durch NSAR oder Kortikosteroide, Blut im Magen, Magenentleerungsstörung durch Lebervergrößerung, Aszites, Anticholinergika oder autonome Neuropathie |
| Darm | Obstipation, Obstruktion, Bestrahlung des Abdomens, Dehnung der Leberkapsel |
| Stoffwechsel und Medikamente | Hyperkalzämie, Urämie, Hyponatriämie, Sepsis; Opioide, Zytostatika, Antibiotika, Antiepileptika, Digitalis, Theophyllin |
| Zentralnervensystem | Hirnmetastasen, Meningeosis, Blutung, Hirndruck; Vestibularis und Schädelbasis bei bewegungsabhängiger Übelkeit |
| Psyche | Angst, Erwartungsangst vor Therapien, Gerüche und Erinnerungen, Depression |
Opioide lösen Übelkeit vor allem über Dopaminrezeptoren der Triggerzone aus, zusätzlich über eine verzögerte Magenentleerung und eine gesteigerte Empfindlichkeit des Vestibularapparats. Opioidrezeptoren im Brechzentrum selbst wirken dagegen hemmend. Weil sich gegen die Übelkeit innerhalb von etwa fünf bis zehn Tagen eine Toleranz entwickelt, wird ein wegen Opioidbeginn angesetztes Antiemetikum nach gut einer Woche probeweise abgesetzt.
| Substanz | Hauptangriff | Typischer Einsatz | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Metoclopramid | D2-Antagonist, 5-HT4-Agonist | Magenentleerungsstörung, inkomplette Obstruktion | höchstens 30 mg pro Tag laut Fachinformation; extrapyramidale Störungen, Gegenmittel Biperiden 2,5 bis 5 mg langsam i.v. |
| Domperidon | peripherer D2-Antagonist | Gastrostase, Parkinson-Patienten | seit 2014 höchstens 30 mg pro Tag und kurze Dauer wegen QT-Risiko |
| Haloperidol | D2-Antagonist | Opioide, Urämie, Hyperkalzämie, Obstruktion | 0,5 bis 1 mg bis dreimal täglich; nicht bei Parkinson |
| Levomepromazin, Olanzapin | D2, H1, mACh, 5-HT2 | unklare oder gemischte Ursache, Versagen der ersten Wahl | Sedierung, Hypotonie |
| Dimenhydrinat | H1, mACh | Bewegung, Vestibularis, Hirndruck, Obstruktion | sedierend, anticholinerg |
| Cyclizin | H1, mACh | wie Dimenhydrinat | in Deutschland nur über Import |
| Scopolamin transdermal | mACh | Kinetose | Verwirrtheit bei Älteren |
| Setrone | 5-HT3 | Chemo- und Strahlentherapie | Obstipation, Kopfschmerz; außerhalb dieser Indikation wenig belegt |
| Aprepitant | NK1 | Prophylaxe bei Chemotherapie | Wechselwirkungen über CYP3A4 |
| Dexamethason | Wirkort unklar | Hirndruck, Obstruktion, Ergänzung | morgens geben |
Praktisch folgt die Behandlung einer festen Reihenfolge: umkehrbare Ursachen beheben, etwa eine Obstipation lösen, eine Hyperkalzämie behandeln oder verzichtbare Medikamente absetzen; nichtmedikamentöse Maßnahmen; ein Antiemetikum nach dem wahrscheinlichen Mechanismus, regelmäßig und zusätzlich bei Bedarf; nach 24 Stunden Dosis anpassen oder wechseln; erst dann zwei Substanzen mit verschiedenen Angriffspunkten kombinieren; zuletzt ein Breitspektrum-Antiemetikum wie Levomepromazin. Für den Fall des Erbrechens wird eine subkutane oder rektale Bedarfsgabe vorab vereinbart und bereitgelegt. Selten gelingt die Einstellung im ersten Anlauf; wie in der Schmerztherapie braucht es regelmäßiges Nachfragen. Das Essen soll ohne Zeit- und Erfolgsdruck stattfinden, und Angehörige brauchen Verständnis dafür, dass eine gerade noch gewünschte Lieblingsspeise beim Servieren plötzlich abstoßend wirken kann.
Ältere Lehrbücher empfahlen Metoclopramid in Tagesdosen von 40 bis 120 mg und Domperidon als Dauertherapie; beides entspricht nicht mehr den Fachinformationen. Tegaserod ist in Europa nicht verfügbar, und Prucaloprid ist inzwischen für Erwachsene beiderlei Geschlechts mit chronischer Obstipation zugelassen. Kurzfristig kann das Makrolid Erythromycin bei schwerer Gastroparese prokinetisch wirken, off-label und unter Beachtung der QT-Zeit.
Hyperkalzämie
Die tumorbedingte Hyperkalzämie tritt vor allem bei Mamma-, Bronchial- und Nierenzellkarzinom, Plasmozytom und Knochenmetastasen auf, teils durch Knochenabbau, teils durch ein vom Tumor gebildetes parathormonverwandtes Peptid. Sie zeigt sich unspezifisch mit Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation, Durst und Polyurie, Exsikkose, Verwirrtheit, depressiver Verstimmung und verstärkten Schmerzen und wird deshalb leicht übersehen. Gemessen wird das ionisierte Kalzium oder das an das Albumin angepasste Gesamtkalzium; eine gebräuchliche Näherung lautet korrigiertes Kalzium in mmol/l gleich gemessenes Kalzium plus 0,02 mal (40 minus Albumin in g/l).
Die Behandlung setzt an vier Punkten an: Flüssigkeit, weil die Polyurie den Kreislauf entleert; Hemmung der Osteoklasten mit einem Bisphosphonat wie Zoledronsäure 4 mg als Kurzinfusion, angepasst an die Nierenfunktion, oder bei Niereninsuffizienz und Therapieversagen Denosumab; kurzfristig Calcitonin, das rasch, aber nur für ein bis zwei Tage wirkt; und, wenn möglich, die Behandlung des Tumors. Kortikosteroide helfen bei Lymphomen und Plasmozytom. Das in älteren Büchern genannte Clodronat über zehn Tage ist abgelöst. In der Sterbephase wird bewusst entschieden, ob eine Behandlung noch dem Ziel dient; eine Hyperkalzämie kann dann auch Teil eines friedlichen Sterbens sein. Einzelheiten stehen in Palliativmedizinische Krisen.