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Facharztprüfung · Stufe WBJ 4
Prüfungsfälle Anästhesie: sechs Fälle wie in der Facharztprüfung
Die Prüfung fragt selten nach Definitionen. Sie legt einen Fall hin und will wissen, was Sie jetzt tun, warum, und was Sie tun, wenn es nicht funktioniert. Genau so sind diese Fälle gebaut: Sie entscheiden Schritt für Schritt, danach folgt das Prüfergespräch.
So funktioniert der PrüfungsmodusJeder Fall entwickelt sich in Schritten. Entscheiden Sie, bevor Sie weiterlesen. Fragetypen: Einfachauswahl, Mehrfachauswahl (die Zahl der richtigen Antworten steht dabei), Reihenfolge, Rechnen und das Prüfergespräch mit Erwartungshorizont. Beim Prüfergespräch erst selbst antworten, dann aufklappen und gegen den Erwartungshorizont prüfen. Dosierungen folgen den genannten Leitlinien und der Fachinformation.
Lernziele
Atemwegskrise, maligne Hyperthermie und Anaphylaxie nach Algorithmus führen.
Aspirationsrisiko, Antikoagulation und Aortenstenose in die Verfahrenswahl übersetzen.
Eine peripartale Blutung strukturiert eskalieren und gerinnungsgesteuert behandeln.
Im Prüfergespräch Entscheidungen begründen, Alternativen nennen und die Nachsorge planen.
Zu dieser Lerneinheit
Sechs Fälle mit je drei bis vier Entscheidungen und einem Prüfergespräch, Abschlussquiz mit zwölf Fragen, Literatur.
54-jähriger Mann, 118 kg, 176 cm, Cholezystektomie. Atemwegsbefund präoperativ unauffällig dokumentiert. Präoxygenierung bis zu einer exspiratorischen Sauerstofffraktion von 0,9, Einleitung mit Propofol, Sufentanil und Rocuronium. Zwei Versuche mit dem Videolaryngoskop durch die Assistenzärztin: Epiglottis nicht aufzurichten, Glottis nicht sichtbar. Die SpO₂ fällt auf 86 %.
Schritt 1, Einfachauswahl
Schritt 2, Reihenfolge
Verlauf
Zwei Larynxmasken der zweiten Generation dichten nicht, die Maskenbeatmung mit zwei Personen und Guedeltubus gelingt nicht. SpO₂ 71 %, fallend.
Schritt 3, Mehrfachauswahl
Prüfergespräch
Der Patient wurde über eine Koniotomie oxygeniert und ist stabil. Die Prüferin fragt: Was tun Sie nach der Krise, und was bekommt der Patient mit?
Erwartungshorizont
Definitiven Atemweg planen (meist chirurgische Tracheotomie), Emphysem und Blutung kontrollieren, Intensivüberwachung. Nachbesprechung im Team. Genaue Dokumentation mit Befund, verwendeten Hilfsmitteln und Versuchen; Aufklärung des Patienten, Atemwegspass und Brief an Hausarzt; Meldung im Fehlerberichtssystem. Für künftige Narkosen: wache fiberoptische oder videolaryngoskopische Intubation planen.
Fall 2
Das CO₂ steigt
Ausgangslage
19-jähriger Mann, 70 kg, Kreuzbandplastik, Allgemeinanästhesie mit Sevofluran. Nach 40 Minuten steigt das etCO₂ trotz verdoppelter Minutenventilation von 38 auf 68 mmHg. Herzfrequenz 138/min, Temperatur 38,4 °C und steigend, Masseter und Oberschenkel rigide. Inspiratorisches CO₂ 0 mmHg. Blutgas: pH 7,16, PaCO₂ 78 mmHg, Kalium 6,1 mmol/l, Laktat 5,2 mmol/l.
Schritt 1, Einfachauswahl
Schritt 2, Mehrfachauswahl
Schritt 3, Rechnen
Dantrolen 2,5 mg/kg als Initialdosis, 70 kg. Wie viele Milligramm, und wie viele Durchstechflaschen zu 20 mg brauchen Sie (aufgerundet)?
Schritt 4, Einfachauswahl
Prüfergespräch
Der Patient kommt ein Jahr später zur Metallentfernung, die MH-Veranlagung ist bestätigt. Wie planen Sie die Narkose?
Erwartungshorizont
Triggerfreie Anästhesie: keine volatilen Anästhetika, kein Succinylcholin; TIVA oder Regionalanästhesie. Gerät vorbereiten: Verdampfer entfernen, nach Herstellerangabe spülen oder Aktivkohlefilter einsetzen, frischer Absorber und frische Schläuche. Dantrolen griffbereit, Temperatur- und etCO₂-Monitoring. Bei unauffälligem Verlauf ist eine ambulante Versorgung möglich. Familienangehörige auf die Veranlagung hinweisen.
Fall 3
Kreislaufeinbruch nach der Einleitung
Ausgangslage
63-jährige Frau, 82 kg, Hemikolektomie. Cefazolin 2 g, Einleitung mit Propofol, Sufentanil und Rocuronium, Intubation problemlos. Drei Minuten später Blutdruck 58/30 mmHg, Herzfrequenz 128/min, Beatmungsspitzendruck von 18 auf 38 cmH₂O gestiegen, etCO₂-Kurve abgeflacht, flächiges Erythem am Oberkörper.
Schritt 1, Einfachauswahl
Schritt 2, Rechnen
Sie verdünnen 1 mg Adrenalin auf 10 ml. Wie viele Milliliter entsprechen einem Bolus von 50 µg?
Schritt 3, Mehrfachauswahl
Prüfergespräch
Nach drei Boli Adrenalin liegt der Blutdruck bei 70/40 mmHg. Die Patientin nimmt einen Betablocker. Wie eskalieren Sie?
Erwartungshorizont
Adrenalin kontinuierlich (etwa 0,05 bis 0,1 µg/kg/min), rasch weiteres kristalloides Volumen (20 ml/kg und mehr), Noradrenalin oder Vasopressin ergänzen. Unter Betablockade Glukagon i.v. erwägen. Echokardiographie zur Einordnung, bei Kreislaufstillstand Reanimation mit Adrenalin 1 mg. Operation abbrechen oder nur beenden, was nötig ist; Intensivüberwachung wegen möglicher biphasischer Reaktion. Antihistaminika und Kortikosteroide sind nachrangig.
Fall 4
Einleitung beim Dünndarmileus
Ausgangslage
76-jährige Frau, 64 kg, mechanischer Dünndarmileus, seit dem Morgen zweimal erbrochen, keine Magensonde. Notfalllaparotomie. SpO₂ 95 % unter Raumluft, Blutdruck 105/60 mmHg, Herzfrequenz 104/min.
Schritt 1, Mehrfachauswahl
Schritt 2, Einfachauswahl
Schritt 3, Einfachauswahl
Prüfergespräch
Bei einer anderen Patientin ist unklar, ob der Magen leer ist. Wie klären Sie das vor der Einleitung?
Erwartungshorizont
Anamnese (letzte Mahlzeit, Diabetes, GLP-1-Rezeptoragonisten, Opioide, Schmerz, Schwangerschaft) und Magensonographie: Antrum in Rückenlage und Rechtsseitenlage, Einteilung nach Perlas; Volumen aus der Querschnittsfläche, über 1,5 ml/kg oder feste Nahrung gelten als voller Magen. Bei vollem oder unklarem Magen RSI oder, wenn möglich, Regionalanästhesie.
Fall 5
Hüftfraktur mit Rivaroxaban und Aortenstenose
Ausgangslage
89-jährige Frau, 58 kg, Schenkelhalsfraktur, am Vorabend gestürzt. Vorhofflimmern, Rivaroxaban 15 mg, letzte Einnahme vor 18 Stunden. Kreatinin-Clearance 34 ml/min. Hochgradige Aortenstenose (Öffnungsfläche 0,7 cm², mittlerer Gradient 46 mmHg), bisher ohne Synkopen. Leichte kognitive Einschränkung, lebt allein.
Schritt 1, Einfachauswahl
Schritt 2, Einfachauswahl
Schritt 3, Mehrfachauswahl
Prüfergespräch
Wie senken Sie das Risiko eines postoperativen Delirs bei dieser Patientin?
Erwartungshorizont
Screening und Orientierung: Brille und Hörgerät, Angehörige, Tag-Nacht-Rhythmus. Kurze Nüchternheit, frühe Operation, gute Analgesie mit Regionalanästhesie und wenig Opioid. Keine Benzodiazepine als Prämedikation, Narkosetiefe mit EEG steuern und Burst-Suppression vermeiden, Hypotonie vermeiden. Frühe Mobilisation, Ernährung, Flüssigkeit, Harnverhalt und Obstipation beachten; Delir-Screening im Aufwachraum und auf Station. Bei eingeschränkter Einwilligungsfähigkeit Betreuung oder Vorsorgevollmacht klären.
Wie hoch ist der Schockindex (Herzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck, eine Nachkommastelle)?
Schritt 2, Mehrfachauswahl
Schritt 3, Reihenfolge
Prüfergespräch
Welche Rolle spielen viskoelastische Tests bei der peripartalen Blutung, und welche Rahmenbedingungen der Gerinnung sichern Sie?
Erwartungshorizont
Viskoelastische Tests (ROTEM oder TEG) zeigen in Minuten den Fibrinogenmangel, der in der Geburtshilfe früh und führend ist, und eine Hyperfibrinolyse; eine niedrige Fibrinogenkomponente (etwa FIBTEM A5 unter 12 mm) steuert die gezielte Gabe von Fibrinogen statt pauschaler Plasmagabe. Rahmenbedingungen: Normothermie, pH über 7,2, ionisiertes Kalzium über 1,1 mmol/l, Thrombozyten über 50 000/µl bei anhaltender Blutung, Tranexamsäure früh. Massivtransfusionsprotokoll und Kommunikation mit Blutbank.
Abschlussquiz, etwa 10 Minuten
Abschlussquiz
Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Literatur
Frerk C, Mitchell VS, McNarry AF, et al. Difficult Airway Society 2015 guidelines for management of unanticipated difficult intubation in adults. Br J Anaesth 2015;115:827–848.
Glahn KPE, Ellis FR, Halsall PJ, et al. Recognizing and managing a malignant hyperthermia crisis: guidelines from the European Malignant Hyperthermia Group. Br J Anaesth 2010;105:417–420.
Harper NJN, Cook TM, Garcez T, et al. Anaesthesia, surgery, and life-threatening allergic reactions: epidemiology and clinical features of perioperative anaphylaxis in the 6th National Audit Project (NAP6). Br J Anaesth 2018;121:159–171.
Warner MA, Warner ME, Weber JG. Clinical significance of pulmonary aspiration during the perioperative period. Anesthesiology 1993;78:56–62.
Birenbaum A, Hajage D, Roche S, et al. Effect of cricoid pressure compared with a sham procedure in the rapid sequence induction of anesthesia (IRIS). JAMA Surg 2019;154:9–17.
Kietaibl S, Ferrandis R, Godier A, et al. Regional anaesthesia in patients on antithrombotic drugs: joint ESAIC/ESRA guidelines. Eur J Anaesthesiol 2022;39:100–132.
Neuman MD, Feng R, Carson JL, et al. Spinal anesthesia or general anesthesia for hip surgery in older adults (REGAIN). N Engl J Med 2021;385:2025–2035.
WOMAN Trial Collaborators. Effect of early tranexamic acid administration on mortality, hysterectomy, and other morbidities in women with post-partum haemorrhage. Lancet 2017;389:2105–2116.