Allgemeinanästhesie, besondere Patientengruppen

Anästhesie bei geriatrischen, kardialen, onkologischen und adipösen Patientinnen und Patienten

Vier Gruppen, vier Schwerpunkte: Bei geriatrischen Patienten entscheidet die Reserve, bei kardialen der Blutdruck, bei onkologischen die Therapiefolgen und bei adipösen der Atemweg und die Dosierung. Das Vorgehen unterscheidet sich weniger im Verfahren als in der Vorbereitung.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf Leitlinien der letzten fünf Jahre (Recherchestand September 2026): ESC 2022 zu nichtkardialen Eingriffen, ESAIC-Leitlinie postoperatives Delir 2024, Empfehlungen der Society for Obesity and Bariatric Anaesthesia zum Atemweg 2025 sowie den in P11 bis P13 geprüften Studien.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-048 Perioperative Versorgung von Patient:innen mit Frailty (S3, Stand 08/2025, gültig bis 30.08.2030): gültig
  • 109-001 Delir im höheren Lebensalter (S3, Stand 04/2025, gültig bis 29.04.2029): gültig
  • 187-009 Therapie hüftgelenknaher, pertrochantärer Oberschenkelfrakturen (EvidenT-HiP) (S3, Stand 04/2026): gültig
Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Geriatrische Patientinnen und Patienten mit Blick auf Gebrechlichkeit, Kognition und Delir vorbereiten.
  • Kardiale Risikopatienten hämodynamisch stabil führen.
  • Folgen onkologischer Therapien für die Anästhesie erkennen.
  • Adipositas in Atemweg, Lagerung, Beatmung und Dosierung berücksichtigen.
  • Dosierungen nach dem richtigen Bezugsgewicht berechnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Schwerpunkte der vier Gruppen und Bezugsgewichte der Dosierung.
  3. Grundlagen: Präoperative Risikoeinschätzung, Prämedikation, Schwieriger Atemweg, Delirmanagement.

Lektion 1

Geriatrische Patientinnen und Patienten

Vier Gruppen, vier SchwerpunkteGeriatrischGebrechlichkeit, KognitionDelirprävention, EEGkeine BenzodiazepineDosen reduzierenKardialBelastbarkeit, BiomarkerBlutdruck stabil haltenDauermedikation ordnenTroponin postoperativOnkologischChemo- und ImmuntherapiefolgenAnämie, Mukositis, PortBestrahlung am HalsZeitdruck gegen OptimierungAdipösAtemweg und LagerungDosierung nach BezugsgewichtOSA und AnalgesieNachüberwachungGemeinsam: Vorbereitung entscheidet, Verfahren an Ziel und Reserve anpassen, Nachsorge früh planen.Eigene Darstellung.
Abbildung 1: Schwerpunkte bei den vier Gruppen. Eigene Darstellung

Nicht das Alter, sondern die funktionelle Reserve bestimmt das Risiko. Gebrechlichkeit (Clinical Frailty Scale ab 5) sagt Komplikationen, Delir, Pflegebedürftigkeit und Sterblichkeit besser voraus als die Jahreszahl.

Bei alten und gebrechlichen Patientinnen und Patienten unterscheidet sich jede Phase. In der Vorbereitung werden Gebrechlichkeit und Kognition erfasst, etwa mit dem Mini-Cog, die Sinnesorgane berücksichtigt, also Brille und Hörgerät, die Medikamentenliste auf ihre anticholinerge Last geprüft, Ernährungs- und Mobilitätsstatus erhoben, Angehörige einbezogen und die Therapieziele geklärt. Die Physiologie erklärt das weitere Vorgehen: Die kardiale und pulmonale Reserve ist geringer, die Gefäße sind steifer, weshalb der Blutdruck stärker schwankt, das Verteilungsvolumen ist kleiner und die Elimination langsamer, und der Anästhetikabedarf ist vermindert, weil die minimale alveoläre Konzentration mit jedem Lebensjahrzehnt sinkt. In der Durchführung werden die Dosen reduziert und titriert, die Narkosetiefe wird mit dem EEG gesteuert und eine Burst Suppression vermieden, Hypotonie und Hypothermie werden konsequent verhindert, auf eine Benzodiazepinprämedikation wird verzichtet, und Regionalverfahren sowie eine opioidsparende Analgesie werden genutzt. In der Nachsorge folgen ein Delirscreening bis zum fünften Tag, Frühmobilisation, Ernährung, Sturzprophylaxe, geriatrische Mitbetreuung und eine Entlassplanung, die am ersten Tag beginnt.

Evidence BoxDie ESAIC-Leitlinie 2024 empfiehlt präoperative Risikoerfassung, multikomponente nichtmedikamentöse Prävention, EEG-gesteuerte Narkosetiefe und den Verzicht auf Benzodiazepine; eine medikamentöse Delirprophylaxe wird nicht empfohlen. REGAIN und RAGA zeigten für die Hüftfraktur, dass Spinal- und Allgemeinanästhesie hinsichtlich Delir und Funktion gleichwertig sind (siehe Prämedikation).

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Kardiale und onkologische Patientinnen und Patienten

Kardial

Bei kardial vorerkrankten Patientinnen und Patienten gliedert sich das Vorgehen ebenfalls in drei Phasen. Die Vorbereitung erfasst die Belastbarkeit, den Revised Cardiac Risk Index, Biomarker und die Echokardiographie nach den Empfehlungen der ESC von 2022, ordnet die Dauermedikation und prüft Rhythmus sowie ein vorhandenes Schrittmacher- oder Defibrillatorsystem einschließlich Programmierung und Magnetverhalten, weil elektromagnetische Störungen durch Elektrokauter sonst unvorhersehbare Reaktionen auslösen. Die Führung während der Narkose zielt auf stabile Verhältnisse: Blutdruck und Herzfrequenz werden konstant gehalten, Anämie und Hypovolämie vermieden, Sauerstoffangebot und -bedarf ausgeglichen. Bei Aortenstenose oder hypertropher Kardiomyopathie werden Vorlast und Rhythmus geschützt und Tachykardie sowie Vasodilatation vermieden, weil der fixierte Auswurf beides nicht kompensieren kann; bei Rechtsherzbelastung werden Hypoxie, Hyperkapnie und hohe Beatmungsdrücke gemieden, die den pulmonalen Widerstand erhöhen. In der Nachsorge wird bei hohem Risiko Troponin nach 24 und 48 Stunden bestimmt, die Analgesie sichergestellt, früh mobilisiert und der Wiederbeginn der Dauermedikation ausdrücklich geplant.

Onkologisch

Tabelle 1: Therapiefolgen mit anästhesiologischer Konsequenz
TherapieFolgeKonsequenz
AnthrazyklineKardiomyopathie, oft asymptomatischEchokardiographie, Kreislauf schonend führen
BleomycinLungenfibrose, Sauerstofftoxizität diskutiertniedrigste ausreichende FiO₂, lungenprotektiv beatmen
PlatinderivateNephrotoxizität, NeuropathieNierenfunktion, Neurostatus vor Regionalverfahren dokumentieren
Tyrosinkinase- und CheckpointinhibitorenHypertonie, Myokarditis, Kolitis, Hypophysitis, ThyreoiditisImmunnebenwirkungen kennen, Steroidbedarf bedenken
Bestrahlung Kopf und HalsFibrose, eingeschränkte Mundöffnung und HWSAtemweg als erwartet schwierig planen
Tumor und Therapie allgemeinAnämie, Mangelernährung, Thromboseneigung, Port und KatheterPatient Blood Management, Ernährung, Thromboseprophylaxe, Portpflege

Dazu kommt der Zeitkonflikt: Eine Optimierung darf die onkologische Behandlung nicht unnötig verzögern. Die Abwägung gehört ins Tumorboard oder in die gemeinsame Absprache mit Chirurgie und Onkologie.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Adipositas

Bei Adipositas verändern sich Atemweg, Beatmung und Logistik zugleich. Der Atemweg birgt ein höheres Risiko für schwierige Maskenbeatmung und Intubation bei kürzerer Apnoetoleranz; deshalb werden eine Rampenlagerung, eine Präoxygenierung mit CPAP oder nichtinvasiver Beatmung, ein Videolaryngoskop, eine erfahrene Person und die Pläne B bis D vorbereitet. Bei der Beatmung richtet sich das Tidalvolumen nach dem Idealgewicht, der PEEP wird höher gewählt, bei Bedarf wird rekrutiert, der Oberkörper bleibt hoch, und es wird früh extubiert und anschließend mit CPAP unterstützt. Die Schlafapnoe wird mit dem STOP-Bang-Fragebogen erfasst; das eigene Therapiegerät wird mitgebracht, die Analgesie opioidsparend geplant und die Überwachung mit Pulsoxymetrie verlängert. Bei Zugängen und Technik helfen die sonographisch gestützte Punktion von Venen und Arterien, eine passende Blutdruckmanschette, die Prüfung der Tischbelastbarkeit, Transferhilfen und die sorgfältige Vermeidung von Lagerungsschäden. Für Thrombose und Wundheilung zählen eine gewichtsadaptierte Prophylaxe, Frühmobilisation und Normoglykämie. Regionalverfahren sind besonders attraktiv, technisch aber schwieriger, weshalb Ultraschall und längere Nadeln bereitliegen.

Welches Körpergewicht für welche Substanz?Tatsächliches Gewicht (TBW)Succinylcholin, Sugammadex (Lokalanästhetika: Höchstdosis eher nach IBW)Mageres Körpergewicht (LBW)Propofol-Einleitung, Rocuronium, Opioide zur EinleitungIdealgewicht (IBW)Tidalvolumen der Beatmung (6 bis 8 ml/kg IBW)Angepasstes GewichtErhaltungsdosen mancher Substanzen, zum Beispiel Propofol-InfusionIBW (Mann) ≈ 50 kg + 0,9 × (Größe in cm − 152); Frau ≈ 45,5 kg + 0,9 × (Größe − 152).Eigene Darstellung; Bezugsgewichte nach Fachinformation und Lehrbuchempfehlungen prüfen.
Abbildung 2: Bezugsgewichte für die Dosierung. Eigene Darstellung; Bezugsgewichte nach Fachinformation prüfen
Evidence Box, AdipositasDie Empfehlungen der Society for Obesity and Bariatric Anaesthesia 2025 zum Atemweg beruhen auf Audits und Kohorten, nicht auf randomisierten Studien: Menschen mit Adipositas sind in Auswertungen von Atemwegskomplikationen überrepräsentiert. Belegt sind der Nutzen der Rampenlagerung und der Präoxygenierung mit positivem Druck sowie der Vorteil der Videolaryngoskopie im ersten Versuch (DEVICE, siehe Schwieriger Atemweg). Für die Dosierung gibt es keine randomisierten Endpunktstudien; die Bezugsgewichte folgen pharmakokinetischen Arbeiten und der Fachinformation.
Anästhesie BoxDie häufigsten Fehler sind Dosierung nach tatsächlichem Gewicht bei lipophilen Substanzen (Überdosierung) und Beatmung mit Tidalvolumina nach tatsächlichem Gewicht (Volutrauma). Succinylcholin und Sugammadex werden dagegen nach tatsächlichem Gewicht dosiert.

Übung 3.1

Übung 3.2, Rechenaufgabe

Ein Mann ist 178 cm groß und wiegt 150 kg. Berechnen Sie das Idealgewicht nach der Formel 50 kg + 0,9 × (Größe − 152) (eine Nachkommastelle) und das Tidalvolumen für 7 ml/kg Idealgewicht (ganzzahlig).

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Alter mit Gebrechlichkeit verwechseln.
  • Standarddosen bei geriatrischen Patienten.
  • Anthrazyklin- oder Bestrahlungsanamnese nicht erfragen.
  • Bei Adipositas nach tatsächlichem Gewicht einleiten und beatmen.
  • Schlafapnoe ohne Konsequenz dokumentieren.
  • Onkologische Optimierung so lange betreiben, dass die Therapie verzögert wird.

Merksätze

  • Reserve statt Lebensjahre; Gebrechlichkeit erfassen.
  • Kardial: Druck und Frequenz stabil, Anämie vermeiden, Troponin danach.
  • Onkologisch: Herz, Lunge, Niere, Atemweg und Immuntherapiefolgen prüfen.
  • Adipös: Rampenlagerung, Präoxygenierung mit NIV, Videolaryngoskop, Dosierung nach Bezugsgewicht.
  • Tidalvolumen immer nach Idealgewicht.

Fälle

Aufgabe 1: 88 Jahre, Schenkelhalsfraktur

Gegeben:
88 Jahre, Clinical Frailty Scale 6, leichte Demenz, Aortenstenose mittleren Grades, Hämoglobin 9,8 g/dl, Operation in 12 Stunden geplant.

Frage:
Wie planen Sie?

Lösung

Früh operieren, nicht lange optimieren: Verzögerung schadet. Echokardiographie, wenn sie verfügbar ist und die Aortenstenose unklar ist; Volumen- und Rhythmusstabilität schützen, Hypotonie vermeiden, Vasopressor vorbereiten. Verfahren: Spinalanästhesie oder Allgemeinanästhesie sind gleichwertig; Faszienblock (Fascia iliaca) für die Analgesie, Opioide sparen, keine Benzodiazepine. Delirprävention von Anfang an, Hörgerät und Brille, Angehörige. Anämie beachten, restriktive Transfusion mit Blick auf die Stenose. Postoperativ Überwachungsstation, Troponin nach Risiko, geriatrische Mitbetreuung.

Aufgabe 2: 150 kg, laparoskopische Sleeve-Resektion

Gegeben:
44 Jahre, 150 kg bei 178 cm, STOP-Bang 6, kein CPAP, Refluxbeschwerden.

Frage:
Welche Maßnahmen planen Sie konkret?

Lösung

Rampenlagerung, Präoxygenierung mit CPAP, Videolaryngoskop und Plan B bis D, erfahrene Person, RSI wegen Reflux erwägen. Einleitung nach magerem Körpergewicht titrieren, Succinylcholin nach tatsächlichem, Rocuronium nach magerem Körpergewicht, Relaxometrie quantitativ. Beatmung mit Tidalvolumen nach Idealgewicht (etwa 7 ml/kg, hier rund 510 ml; Idealgewicht etwa 73 kg), PEEP höher, Oberkörper hoch. Multimodale Analgesie mit Nichtopioiden und Wundinfiltration, Opioide sparen. Extubation wach und mit erhöhtem Oberkörper, CPAP postoperativ, verlängerte Überwachung mit Pulsoxymetrie, gewichtsadaptierte Thromboseprophylaxe.

Aufgabe 3: Nach Chemotherapie und Bestrahlung

Gegeben:
61 Jahre, Hypopharynxkarzinom, Bestrahlung und Cisplatin abgeschlossen, Mundöffnung 2,5 cm, Kreatinin 1,6 mg/dl, Hämoglobin 9,2 g/dl, Panendoskopie und Neck dissection geplant.

Frage:
Welche Punkte klären Sie vorher?

Lösung

Atemweg als erwartet schwierig planen: Befunde der HNO, Wachintubation oder primäre Tracheotomie erwägen, Membrana cricothyroidea markieren (siehe Schwieriger Atemweg). Nierenfunktion und Elektrolyte nach Cisplatin, nephrotoxische Substanzen und Hypotonie vermeiden. Anämie abklären und behandeln, Blutprodukte bereitstellen. Neuropathie dokumentieren, bevor ein Regionalverfahren geplant wird. Ernährungszustand, Zahnstatus und Thromboserisiko beachten; Zeitplan mit Onkologie abstimmen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
TBWtatsächliches Körpergewicht
IBWIdealgewicht; Mann ≈ 50 + 0,9 × (Größe − 152), Frau ≈ 45,5 + 0,9 × (Größe − 152)
LBWmageres Körpergewicht (lean body weight)
Clinical Frailty ScaleGebrechlichkeit 1 bis 9, ab 5 gebrechlich
Mini-Cogkurzes kognitives Screening
STOP-BangScreening auf obstruktive Schlafapnoe

Literatur

  1. Halvorsen S, Mehilli J, Cassese S, et al. 2022 ESC guidelines on cardiovascular assessment and management of patients undergoing non-cardiac surgery. Eur Heart J 2022; 43:3826–3924.
  2. Aldecoa C, Bettelli G, Bilotta F, et al. Update of the ESAIC guideline on postoperative delirium in adult patients. Eur J Anaesthesiol 2024; 41:81–108.
  3. McKechnie A, et al. Airway management in patients living with obesity: best practice recommendations from the Society for Obesity and Bariatric Anaesthesia. Anaesthesia 2025; doi:10.1111/anae.16647.
  4. Ahmad I, El-Boghdadly K, Iliff H, et al. Difficult Airway Society 2025 guidelines. Br J Anaesth 2026; 136:283–307.
  5. Neuman MD, Feng R, Carson JL, et al. Spinal anesthesia or general anesthesia for hip surgery in older adults (REGAIN). N Engl J Med 2021; 385:2025–2035.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie und keine lokalen Standards.