Jede statistische Auswertung beginnt mit zwei unscheinbaren Fragen: Welcher Art sind die Daten, und wer oder was ist eine Beobachtung? Wer diese Fragen überspringt, wählt später falsche Kennzahlen, falsche Tests und oft eine falsche Fallzahl. In der Anästhesie ist die Versuchung besonders groß, weil Monitore in hoher Frequenz Daten erzeugen: Ein einziges Narkoseprotokoll enthält Tausende Blutdruck-, Herzfrequenz- und Sättigungswerte. Diese Menge wirkt wie eine große Stichprobe, beschreibt aber nur einen Patienten.1
Datentypen und Skalenniveaus
Kategoriale Merkmale ordnen Beobachtungen in Klassen. Sind die Klassen ungeordnet, spricht die Statistik von nominalen Daten: Geschlecht, Blutgruppe, Art des Atemwegs (Maske, Larynxmaske, Tubus) oder das Auftreten einer postoperativen Übelkeit mit „ja“ oder „nein“. Nominale Daten werden als absolute Häufigkeit und als Anteil mit Nenner berichtet, etwa „37 von 212 Patienten (17,5 %)“. Haben die Klassen eine natürliche Reihenfolge, ohne dass die Abstände zwischen ihnen gleich sind, liegen ordinale Daten vor. Die ASA-Klassifikation, die Mallampati-Klasse, die numerische Schmerzskala von 0 bis 10 oder eine Sedierungsskala sind ordinal: Der Schritt von ASA 1 nach ASA 2 ist nicht „gleich groß“ wie der von ASA 3 nach ASA 4. Für ordinale Daten eignen sich Median, Quartile und die Verteilung über alle Stufen; ein Mittelwert von „2,4 ASA-Punkten“ ist rechnerisch möglich, inhaltlich aber fragwürdig.
Metrische Daten haben gleiche Abstände. Bei Intervalldaten fehlt ein natürlicher Nullpunkt (Temperatur in Grad Celsius), bei Verhältnisdaten ist er vorhanden (Herzzeitvolumen, Körpergewicht, Blutverlust in Millilitern). Metrische Daten können stetig sein, also jeden Wert in einem Bereich annehmen (Laktat, Körpertemperatur), oder diskret, also nur ganze Zahlen annehmen (Zahl der Intubationsversuche, Zahl der Antiemetika-Gaben). Zeiten bis zu einem Ereignis bilden eine eigene Gruppe: Die Zeit bis zur Extubation oder bis zur Entlassung ist nicht immer vollständig beobachtet, weil manche Patienten zum Ende der Beobachtung das Ereignis noch nicht erreicht haben. Solche zensierten Daten brauchen eigene Verfahren der Überlebenszeitanalyse und dürfen nicht einfach gemittelt werden.2
| Skalenniveau | Beispiele | Lage | Streuung oder Verteilung | Darstellung |
|---|---|---|---|---|
| nominal | PONV ja oder nein, Atemweg, Blutgruppe | Modus, Anteil | Häufigkeiten aller Kategorien | Tabelle, Balken |
| ordinal | ASA, Mallampati, NRS 0 bis 10, RASS | Median | Quartile, Interquartilsabstand, Verteilung über Stufen | gestapelte Balken, Boxplot |
| metrisch, annähernd symmetrisch | Körpergröße, Hämoglobin | Mittelwert | Standardabweichung | Histogramm, Punktdiagramm |
| metrisch, schief | Verweildauer, Blutverlust, Opioidverbrauch | Median | Interquartilsabstand, Spannweite | Histogramm, Boxplot |
| Zeit bis Ereignis | Zeit bis Extubation, Überleben | mediane Zeit | Kaplan-Meier-Kurve | Überlebenskurve mit Zahl unter Risiko |
Die Beobachtungseinheit
Die zweite Grundfrage lautet: Was ist die Einheit, über die eine Aussage getroffen werden soll? In einer Studie zu postoperativer Übelkeit ist es in der Regel der Patient. In einer Studie zur Punktionstechnik kann es die einzelne Punktion sein, in einer Studie zur Kommunikation im Team die Schicht, in einer Registerstudie die Klinik. Die Beobachtungseinheit bestimmt, welche Werte voneinander unabhängig sind. Zwei Patienten sind in der Regel unabhängig; zwei Blutdruckwerte desselben Patienten im Abstand von einer Minute sind es nicht. Die Einheit der Randomisierung und die Einheit der Auswertung sollten zueinander passen: Wird nach Operationssälen oder Stationen randomisiert (Clusterrandomisierung), muss die Auswertung diese Gruppierung berücksichtigen.3
Praktisch hilft ein einfacher Satz vor jeder Auswertung: „Eine Zeile meiner Tabelle ist ein …“. Lautet die Antwort „ein Messwert“, obwohl die Fragestellung Patienten betrifft, ist eine Aggregation (zum Beispiel ein Wert je Patient) oder ein Modell für abhängige Daten nötig. Diese Entscheidung gehört in den Analyseplan, bevor Daten erhoben werden; SPIRIT 2025 verlangt, dass Protokolle die Analysepopulation und die statistischen Methoden vorab festlegen und den statistischen Analyseplan zugänglich machen.4
Kategorisieren kostet Information
Ein häufiger Schritt in klinischen Arbeiten ist das Zerteilen stetiger Größen: MAP unter 65 mmHg „ja oder nein“, Alter über 70 Jahre, Laktat über 2 mmol/l. Das erleichtert die Kommunikation, verschenkt aber Information. Zwei Patienten mit MAP 64 und 40 mmHg landen in derselben Kategorie, zwei Patienten mit 64 und 66 mmHg in verschiedenen. Schwellen sollten deshalb klinisch begründet und vorab festgelegt sein; die Suche nach der „besten“ Schwelle in denselben Daten erzeugt optimistische Ergebnisse, die sich in neuen Daten selten bestätigen. Wo möglich, wird die stetige Größe zusätzlich stetig ausgewertet.