Unter dem Begriff neuromuskuläre Erkrankungen werden sehr verschiedene Krankheiten zusammengefasst, deren gemeinsames Merkmal eine Störung der motorischen Einheit ist. Die motorische Einheit besteht aus dem Motoneuron im Vorderhorn des Rückenmarks oder im Hirnstamm, seinem peripheren Axon, der motorischen Endplatte und den Muskelfasern, die dieses Axon versorgt. Jede dieser vier Stationen kann erkranken, und je nach Ort unterscheiden sich nicht nur die Symptome, sondern auch die Antwort auf Relaxanzien, die Gefahr durch Succinylcholin und volatile Anästhetika und das Risiko nach der Operation. Wer diese Ordnung im Kopf hat, kann auch bei einer seltenen Diagnose in wenigen Minuten die richtigen Fragen stellen. Die Grundlagen der Endplatte und der Relaxanzien behandelt die Einheit zur neuromuskulären Blockade; hier geht es um die Übertragung auf kranke Patienten.
Einteilung nach dem Ort
Erkrankungen des Motoneurons, etwa die spinale Muskelatrophie und die amyotrophe Lateralsklerose, führen zum Untergang der Nervenzelle und damit zur Denervierung der zugehörigen Muskelfasern. Erkrankungen des peripheren Nervs, etwa das Guillain-Barré-Syndrom oder die hereditären motorisch-sensiblen Neuropathien, stören die Leitung im Axon oder zerstören es; auch hier verliert der Muskel seine Innervation. Die Folge beider Gruppen ist dieselbe: Der denervierte Muskel bildet Acetylcholinrezeptoren außerhalb der Endplatte, die auf Succinylcholin mit einem massiven Kaliumausstrom antworten.1 Erkrankungen der Endplatte, allen voran die Myasthenia gravis und das Lambert-Eaton-Syndrom, verändern dagegen gezielt die Empfindlichkeit für Relaxanzien. Erkrankungen des Muskels selbst, also Muskeldystrophien, myotone Erkrankungen, kongenitale und metabolische Myopathien, bringen eigene Gefahren mit: Rhabdomyolyse, maligne Hyperthermie bei bestimmten Genvarianten, Kardiomyopathie und Reizleitungsstörungen sowie Stoffwechselentgleisungen bei längerer Nüchternheit.2
| Ort | Beispiele | Mechanismus | Führendes anästhesiologisches Risiko |
|---|---|---|---|
| Motoneuron | spinale Muskelatrophie, amyotrophe Lateralsklerose | Untergang der Nervenzelle, Denervierung | Hyperkaliämie durch Succinylcholin, Ateminsuffizienz, bulbäre Schwäche |
| Peripherer Nerv | Guillain-Barré-Syndrom, Charcot-Marie-Tooth | Demyelinisierung oder axonaler Schaden | Hyperkaliämie durch Succinylcholin, autonome Instabilität, Ateminsuffizienz |
| Endplatte | Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom | weniger Rezeptoren oder weniger Transmitterfreisetzung | veränderte Empfindlichkeit für Relaxanzien, Krise nach der Operation |
| Muskel | Duchenne, Becker, myotone Dystrophie, RYR1-Myopathien, mitochondriale Myopathien | Membraninstabilität, Kanaldefekt, Energiemangel | Rhabdomyolyse, maligne Hyperthermie, Kardiomyopathie, Reizleitung, Hypoglykämie |
Risiko entsteht aus Funktion, nicht aus der Diagnose
Eine Diagnosegruppe allein sagt wenig über das Risiko des einzelnen Patienten. Ein junger Erwachsener mit gut behandelter okulärer Myasthenie ist anästhesiologisch fast unauffällig, ein Patient mit derselben Diagnose und bulbärer Schwäche kann nach einer kleinen Operation in eine Krise geraten. Der Konsens des European Neuromuscular Centre (ENMC) aus dem Jahr 2022 verlangt deshalb vor jeder Narkose, die genaue neuromuskuläre Diagnose, das Ausmaß der Muskelschwäche und die aktuelle Behandlung zu dokumentieren und gezielt nach kardiorespiratorischen Manifestationen zu suchen: Kardiomyopathie, Reizleitungsstörungen, restriktive Lungenerkrankung und Cor pulmonale. Bei der Untersuchung ist auf kraniofaziale Besonderheiten zu achten, die einen schwierigen Atemweg ankündigen. Je nach Eingriff kommen EKG, Röntgenaufnahme des Thorax, Echokardiographie, Langzeit-EKG, Lungenfunktion im Sitzen und Liegen, Polysomnographie und Laborwerte hinzu, darunter Blutgase, Elektrolyte, Laktat und Kreatinkinase.2
Die Lungenfunktion im Sitzen und im Liegen ist mehr als eine Formalie. Fällt die Vitalkapazität im Liegen deutlich ab, spricht das für eine Zwerchfellschwäche, und genau diese Patienten hypoventilieren in Rückenlage, unter Opioiden und im Schlaf. Ein schwacher Hustenstoß bedeutet, dass Sekret nach der Operation nicht abgehustet werden kann. Bulbäre Schwäche zeigt sich in näselnder Sprache, Verschlucken, nasaler Regurgitation und Gewichtsverlust; sie erhöht das Aspirationsrisiko vor, während und besonders nach der Narkose. Viele dieser Patienten haben zusätzlich eine gestörte Magen-Darm-Motilität. Der Konsens nennt die Sonographie des Magens als Möglichkeit, den Inhalt vor der Einleitung einzuschätzen.2
Herz und Reizleitung
Die Herzbeteiligung wird leicht übersehen, weil die Patienten wegen ihrer Muskelschwäche körperlich kaum belastbar sind und deshalb keine Belastungsdyspnoe angeben. Bei den Dystrophinopathien entwickelt sich eine dilatative Kardiomyopathie, bei der myotonen Dystrophie stehen Reizleitungsstörungen im Vordergrund, bei einigen Gliedergürteldystrophien und bei laminbedingten Erkrankungen beides. Für Patienten mit Andersen-Tawil-Syndrom und mit antiarrhythmischer Therapie empfiehlt der Konsens vor der Operation ein EKG und ein Langzeit-EKG.2 Die Antwort auf die Frage nach der Belastbarkeit ersetzt bei diesen Patienten keine Echokardiographie.
Organisation und Vorbereitung
Der ENMC-Konsens formuliert einige organisatorische Grundsätze, die für alle Gruppen gelten. Narkose oder Sedierung sollen nur in einer Einrichtung mit Überwachungsmöglichkeit rund um die Uhr erfolgen, eine ambulante Versorgung ohne diese Möglichkeit ist also ungeeignet. Regionalanästhesie wird bevorzugt, wo sie möglich ist, allein oder in Kombination. Wegen der erhöhten Empfindlichkeit für Sedativa sind Benzodiazepine zur Prämedikation zu vermeiden oder nur in reduzierter Dosis unter Pulsoxymetrie und Beobachtung der Atemfrequenz zu geben. Die Patienten sollen als erste auf dem Operationsplan stehen, weil lange Nüchternheit bei geringer Muskelmasse zu Hypoglykämie führt. Die Körpertemperatur wird kontinuierlich gemessen und durch Vorwärmen stabil gehalten, denn Hypothermie verstärkt die Wirkung von Sedativa, Anästhetika und nichtdepolarisierenden Relaxanzien, während übermäßige Wärme und Muskelaktivität das Risiko für Hyperthermie und Rhabdomyolyse erhöhen.2
Ein weiterer Punkt betrifft die Kommunikation. Viele Patienten tragen einen Notfallausweis ihrer Patientenorganisation, und der Konsens empfiehlt, Diagnose, mögliche Komplikationen und Vorsichtsmaßnahmen in der elektronischen Akte deutlich sichtbar zu hinterlegen und im Arztbrief zu nennen.2 Fragen Sie im Vorgespräch aktiv nach früheren Narkosen, nach Problemen beim Aufwachen, nach Nachbeatmung und nach Familienangehörigen mit Narkosezwischenfällen.