Postoperative pulmonale Komplikationen sind häufiger als kardiale und bestimmen nach großen Eingriffen Liegedauer, Intensivaufenthalt und Sterblichkeit mit. Die Einheit Präoperative Risikoeinschätzung nennt die Risikofaktoren im Überblick; diese Einheit vertieft das pulmonale Risiko, die obstruktiven Erkrankungen, die Schlafapnoe und die Studienlage zur Beatmung.
Was als Komplikation zählt
Studien zu pulmonalen Komplikationen sind nur vergleichbar, wenn sie dasselbe messen. Die europäischen EPCO-Definitionen von 2015 fassen unter postoperativen pulmonalen Komplikationen Atemwegsinfektion, respiratorische Insuffizienz, Pleuraerguss, Atelektase, Pneumothorax, Bronchospasmus, Aspirationspneumonitis und Pneumonie zusammen.1, 2 Die respiratorische Insuffizienz ist dabei definiert als postoperativer PaO₂ unter 8 kPa (60 mmHg) unter Raumluft, als PaO₂/FiO₂ unter 40 kPa (300 mmHg) oder als pulsoxymetrische Sättigung unter 90 %, die Sauerstoff erfordert.2 Eine spätere Konsensusarbeit empfiehlt für Studien einen schlankeren Endpunkt aus Atelektase in der Bildgebung, Pneumonie nach CDC-Kriterien, ARDS nach Berlin-Definition und Aspiration mit klarer Anamnese und radiologischem Befund, jeweils mit Schweregrad.3 Für die Klinik folgt daraus: Eine Sättigung von 89 % am ersten Tag nach Laparotomie ist nach EPCO bereits eine Komplikation, auch wenn sie mit 2 l Sauerstoff behoben ist.
Die Häufigkeit schwankt je nach Definition und Eingriff zwischen 2 und 19 %; nach kleinen Eingriffen liegt sie bei 1 bis 2 %, nach Oberbaucheingriffen bei 6 bis 20 % und nach Thoraxeingriffen bei 14,5 bis 25 %.2
Risikofaktoren
Die Risikofaktoren gliedern sich in solche des Patienten und solche des Eingriffs. Das Alter wirkt kontinuierlich, ab 80 Jahren ist das Risiko etwa fünffach erhöht. Aktives Rauchen, ein ASA-Status von 2 und mehr, COPD, Herzinsuffizienz, niedriges Albumin und Anämie kommen hinzu. Auf der Seite des Eingriffs zählen Lokalisation (Oberbauch, Thorax, Aorta), Dauer (ab zwei Stunden etwa verdoppeltes Risiko), Notfallcharakter und die Allgemeinanästhesie.2 Der Eingriff trägt oft mehr zum Risiko bei als die Lunge des Patienten: Ein gesunder 60-Jähriger vor einer dreistündigen Oberbauchoperation ist pulmonal stärker gefährdet als ein Patient mit mittelgradiger COPD vor einer Kataraktoperation.
| Patient | Eingriff und Anästhesie |
|---|---|
| höheres Alter, ab 80 Jahren etwa fünffaches Risiko | Oberbauch-, Thorax- und Aorteneingriffe |
| aktives Rauchen, abhängig von den Packungsjahren | Dauer ab zwei Stunden |
| COPD, Herzinsuffizienz, ASA 2 und höher | Notfalleingriff |
| niedrige Sättigung in Ruhe, Atemwegsinfekt im letzten Monat | Allgemeinanästhesie statt Regional- oder rückenmarknaher Anästhesie |
| Anämie, niedriges Albumin | Restblockade, hohe Opioiddosen (siehe Lektion 6) |
ARISCAT: ein Punktwert aus sieben Angaben
Der ARISCAT-Score wurde in einer katalanischen Bevölkerungskohorte entwickelt und fasst sieben Angaben zusammen, die vor der Operation bekannt sind: Alter, Sauerstoffsättigung in Ruhe, Atemwegsinfekt im letzten Monat, Anämie, Lokalisation des Schnitts, geplante Dauer und Notfallcharakter.4 Weniger als 26 Punkte bedeuten ein niedriges Risiko mit 1,6 % Komplikationen in der Entwicklungskohorte, 26 bis 44 Punkte ein mittleres mit 13,3 % und 45 Punkte und mehr ein hohes mit 42,1 %.2 Der Score ist einfach, aber er ist ein Gruppenschätzer: COPD, Schlafapnoe und Rauchen sind nicht enthalten, und die Komplikationsraten gelten für die Definition und die Population der Entwicklungsstudie. Sein Wert liegt darin, Hochrisikopatienten systematisch zu erkennen und die Prävention zu bündeln.
Rechner: ARISCAT-Punktwert
Punkte nach Canet 2010 (Entwicklungskohorte, Barcelona). Risikoklassen mit der in der Originalkohorte beobachteten Komplikationsrate. Der Score schätzt die Wahrscheinlichkeit für eine Gruppe, nicht die Komplikation des Einzelnen; COPD, Schlafapnoe und Rauchen sind nicht enthalten.
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Eine 72-jährige Patientin mit einer SpO₂ von 94 % unter Raumluft hatte vor drei Wochen eine Bronchitis. Hämoglobin 12,1 g/dl. Geplant ist eine elektive offene Hemikolektomie rechts (Oberbauchschnitt) mit erwarteter Dauer von 3,5 Stunden. Berechnen Sie den ARISCAT-Punktwert und geben Sie die Risikoklasse an (1 niedrig, 2 mittel, 3 hoch).