Zwei Wirkstoffe können sich auf sehr verschiedene Weise beeinflussen, und die Unterscheidung entscheidet darüber, was im Narkoseprotokoll zu tun ist. Eine pharmakokinetische Wechselwirkung verändert die Konzentration eines Wirkstoffs am Wirkort: durch veränderte Aufnahme, Verteilung, Verstoffwechselung oder Ausscheidung. Eine pharmakodynamische Wechselwirkung verändert die Antwort des Organismus auf eine unveränderte Konzentration, entweder am selben Rezeptor oder über zwei Wege, die in dieselbe Richtung wirken. Die Synergie von Propofol und Remifentanil ist eine pharmakodynamische Interaktion und in der Lerneinheit Pharmakodynamik: Rezeptoren, Dosis-Wirkung und Antagonismus mit Isobologramm und Response-Surface beschrieben. Diese Lerneinheit behandelt die pharmakokinetische Seite, die gefährlichsten pharmakodynamischen Kombinationen der Anästhesie und die genetischen Varianten, die beides verändern.
Die praktische Bedeutung der Unterscheidung lässt sich an einem Beispiel zeigen. Ein Patient erhält seit einer Woche Clarithromycin und soll für eine Koloskopie mit Midazolam sediert werden. Clarithromycin hemmt das Enzym, das Midazolam abbaut; die Konzentration steigt, und die übliche Dosis wirkt tiefer und länger. Die Antwort darauf lautet: weniger geben und länger überwachen. Erhielte derselbe Patient stattdessen zusätzlich ein Opioid, wäre die Konzentration des Midazolams unverändert und trotzdem die Atemdepression verstärkt, weil beide Stoffe am Atemzentrum in dieselbe Richtung wirken. Die Antwort wäre dieselbe Vorsicht, aber aus einem anderen Grund, und eine Dosisanpassung des Midazolams allein würde nicht genügen.
Hemmung, Induktion und die Zeitachse
Der größte Teil der klinisch bedeutsamen pharmakokinetischen Wechselwirkungen betrifft die Enzyme der Cytochrom-P450-Familie in Leber und Darmwand. Eine Hemmung wirkt schnell. Sie beginnt, sobald der Hemmstoff eine ausreichende Konzentration erreicht hat, also nach einer bis wenigen Dosen, und sie endet mit dem Abklingen des Hemmstoffs. Kompetitive Hemmstoffe konkurrieren mit dem Substrat um das Enzym; mechanismusbasierte Hemmstoffe zerstören es und verlängern die Wirkung über ihre eigene Elimination hinaus, weil erst neues Enzym gebildet werden muss. Eine Induktion wirkt langsam: Das Enzym muss vermehrt hergestellt werden, was Tage bis etwa zwei Wochen dauert, und ebenso lange klingt der Effekt nach dem Absetzen ab. Für die Anästhesie folgt daraus eine einfache Regel: Ein Hemmstoff, den die Patientin heute Morgen eingenommen hat, wirkt heute; ein Induktor, der vor zehn Tagen abgesetzt wurde, wirkt möglicherweise immer noch.
Die Richtung der Folge hängt davon ab, ob der Wirkstoff selbst aktiv ist oder erst aktiviert werden muss. Bei einem gewöhnlichen Wirkstoff erhöht eine Hemmung die Wirkung und eine Induktion senkt sie. Bei einem Prodrug kehrt sich das um: Wird das aktivierende Enzym gehemmt, entsteht weniger Wirkstoff und die Analgesie bleibt aus. Codein und Tramadol sind die klassischen Beispiele, Clopidogrel ist das kardiologische Gegenstück. Eine Interaktionsprüfung muss deshalb immer zuerst klären, ob die Muttersubstanz, ein aktiver Metabolit oder beide klinisch bedeutsam sind, und erst dann die Richtung bestimmen.
Wo die Interaktion tatsächlich passiert
Nicht jede Wechselwirkung entsteht in der Leber. In der Resorption binden Antazida, Eisen und Calcium andere Stoffe im Darm, und eine veränderte Magenentleerung verschiebt den Zeitpunkt der Aufnahme. In der Verteilung spielt die Verdrängung aus der Eiweißbindung eine deutlich kleinere Rolle, als es die Lehrbücher lange nahelegten (Lektion 2). Bei der Ausscheidung konkurrieren Wirkstoffe um Transportproteine der Niere, und alles, was die glomeruläre Filtration senkt, verlängert die Wirkung renal eliminierter Stoffe und ihrer aktiven Metaboliten. Und schließlich gibt es Transporter wie das P-Glykoprotein, das Stoffe aus der Darmzelle zurück ins Lumen und aus dem Gehirn zurück ins Blut pumpt; seine Hemmung kann die Wirkung am Zielort erhöhen, ohne dass die Plasmakonzentration stark steigt (Lehrbuchwissen).
Für den Alltag im Operationssaal lassen sich die relevanten Konstellationen auf eine überschaubare Liste eindampfen. Sie ist in Tabelle 1 zusammengestellt und wird in den folgenden Lektionen begründet.
| Enzym oder Ziel | Substrat in der Anästhesie | Starke Hemmer | Starke Induktoren | Klinische Folge |
|---|---|---|---|---|
| CYP3A4 und CYP3A5 | Midazolam, Fentanyl, Alfentanil, Sufentanil, Oxycodon (teilweise), Lidocain | Clarithromycin, Itraconazol, Voriconazol, Ritonavir | Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin, Johanniskraut | Hemmung: längere Sedierung und Atemdepression. Induktion: Wirkverlust, höherer Bedarf |
| CYP2D6 | Codein und Tramadol (Aktivierung), Oxycodon (teilweise), Metoprolol, Ondansetron | Fluoxetin, Paroxetin, Bupropion | keine klinisch bedeutsamen bekannt | Prodrug: Hemmung bedeutet Wirkverlust der Analgesie; bei aktiven Substraten Wirkverstärkung |
| CYP2C19 | Clopidogrel (Aktivierung), Diazepam, Pantoprazol | Fluvoxamin, Fluconazol | Rifampicin | Clopidogrel: weniger aktiver Metabolit, schlechtere Thrombozytenhemmung |
| Butyrylcholinesterase | Succinylcholin, Mivacurium | Neostigmin, Metoclopramid, Cyclophosphamid, Bambuterol | keine | verlängerte Blockade und Apnoe |
| Ryanodinrezeptor Typ 1 | volatile Anästhetika, Succinylcholin | keine Hemmung im Sinne einer Interaktion | keine | bei entsprechender Genvariante maligne Hyperthermie |
| Monoaminoxidase und Serotonintransport | Tramadol, Pethidin, Methylenblau, Linezolid | nicht zutreffend | nicht zutreffend | Serotonintoxizität bei Kombination mit serotonergen Dauermedikamenten |
Die Tabelle nennt bewusst wenige, dafür starke Beispiele. Wer diese Handvoll Substrate und die dazugehörigen Hemmer und Induktoren sicher kennt, erkennt die überwiegende Mehrzahl der Situationen, in denen die Medikationsliste die Narkoseplanung tatsächlich ändert. Die übrigen Kombinationen lassen sich im Einzelfall nachschlagen; das Wesentliche ist, dass überhaupt jemand nachschaut.
Warum Genetik die Anamnese nicht ersetzt
Genetische Varianten der Arzneimittelenzyme erklären einen Teil der Unterschiede zwischen Menschen. Die Zusammenstellung der anästhesierelevanten Varianten zeigt jedoch, dass Alter, Organfunktion, Entzündung und vor allem die Begleitmedikation oft schwerer wiegen als der Genotyp.1 Ein genetisch unauffälliger Metabolisierer, der einen starken Enzymhemmer einnimmt, verhält sich wie ein langsamer Metabolisierer. Dieses Phänomen heißt Phenokonversion und ist in Lektion 2 ausgeführt. Umgekehrt nützt ein Genotyp wenig, wenn niemand weiß, welche Medikamente tatsächlich eingenommen werden. Die Medikationsanamnese, einschließlich frei verkäuflicher Präparate und pflanzlicher Mittel, bleibt deshalb das wichtigste Instrument der Interaktionsprüfung, und die Genetik ergänzt sie in wenigen, gut definierten Situationen.