Ein Nierenersatzverfahren ersetzt zwei Leistungen der Niere, die Entfernung gelöster Stoffe und die Regelung des Wasserhaushalts, und es tut das mit drei physikalischen Mechanismen. Die Grundzüge von Diffusion und Konvektion und die Frage, wann ein Verfahren überhaupt begonnen wird, stehen in der Einheit Die geschädigte Niere: akutes Nierenversagen und Nierenersatz. Diese Einheit setzt dort an und geht in die Tiefe, die Sie am Gerät, bei der Verordnung und in der Facharztprüfung brauchen: Wie groß ist die Dosis wirklich, warum gerinnt ein Filter, wie funktioniert die Citratantikoagulation, woran erkennen Sie ihre Komplikationen, und wie dosieren Sie Antibiotika unter einem kontinuierlichen Verfahren?
Diffusion, Konvektion und Adsorption
Bei der Diffusion wandern gelöste Teilchen entlang eines Konzentrationsgefälles durch die Membran in ein Dialysat, das dem Blut entgegenströmt. Die Wanderungsgeschwindigkeit nimmt mit der Molekülgröße rasch ab. Kleine Moleküle wie Harnstoff, Kreatinin und Kalium werden deshalb sehr wirksam entfernt, mittelgroße Moleküle wie viele Zytokine oder Myoglobin kaum. Bei der Konvektion presst ein Druckgefälle Plasmawasser durch die Membran, und die gelösten Teilchen werden mitgerissen, solange sie durch die Poren passen. Die Entfernung hängt dann weniger von der Molekülgröße als von der Porengröße der Membran ab. Das Maß dafür ist der Siebkoeffizient: das Verhältnis der Konzentration eines Stoffes im Ultrafiltrat zu seiner Konzentration im Plasma. Ein Siebkoeffizient von 1 bedeutet, dass der Stoff ungehindert passiert, wie Harnstoff; ein Wert nahe 0 bedeutet, dass er zurückgehalten wird, wie Albumin. Das Gegenstück für die Diffusion heißt Sättigungskoeffizient; er gibt an, wie weit sich das Dialysat an die Plasmakonzentration angleicht. Beide Werte sind Lehrbuchwissen und für die Arzneimitteldosierung in Lektion 6 wichtig. Die Adsorption an die Membran oder an eigene Sorbentien spielt bei Membranen mit großer Oberfläche und bei Spezialverfahren eine Rolle; sie sättigt sich mit der Zeit und ist deshalb schlecht planbar.
Die Verfahren im Vergleich
Aus diesen Mechanismen setzen sich die Verfahren zusammen. Die kontinuierliche venovenöse Hämofiltration (CVVH) arbeitet rein konvektiv; das entzogene Ultrafiltrat wird durch eine Substitutionslösung ersetzt, die vor dem Filter (Prädilution) oder nach dem Filter (Postdilution) zugegeben wird. Die kontinuierliche venovenöse Hämodialyse (CVVHD) arbeitet rein diffusiv mit einem Dialysatstrom, die Hämodiafiltration (CVVHDF) kombiniert beides. Die intermittierende Hämodialyse entfernt kleine Moleküle in wenigen Stunden mit hohem Blut- und Dialysatfluss; sie ist effizient, verlangt aber eine rasche Flüssigkeits- und Elektrolytverschiebung, die kreislaufinstabile Patienten schlecht vertragen. Dazwischen stehen die verlängerten intermittierenden Verfahren (englisch prolonged intermittent renal replacement therapy, PIRRT, oder sustained low-efficiency dialysis, SLED), die mit mittleren Flüssen über 6 bis 12 Stunden laufen.
Für kreislaufinstabile Patienten schlägt der Entwurf der neuen KDIGO-Leitlinie ein kontinuierliches Verfahren oder eine akute Peritonealdialyse statt der konventionellen intermittierenden Dialyse vor und nennt verlängerte intermittierende Verfahren ausdrücklich als annehmbare Alternative.1 Einen Überlebensvorteil eines bestimmten Verfahrens belegt keine große Studie. Die Wahl richtet sich deshalb nach Kreislauf, Hirndruck, Verfügbarkeit und Erfahrung des Teams: Bei erhöhtem Hirndruck oder schwerer Hyponatriämie spricht die langsame, gleichmäßige Wirkung für ein kontinuierliches Verfahren, bei lebensbedrohlicher Hyperkaliämie oder Vergiftung mit kleinen, wasserlöslichen Stoffen die hohe Effizienz der intermittierenden Dialyse.
| Verfahren | Mechanismus | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|---|
| CVVH | Konvektion, Substitution vor oder nach dem Filter | mittelgroße Moleküle, gleichmäßiger Entzug | Postdilution: Hämokonzentration im Filter; Prädilution: geringere Effizienz |
| CVVHD | Diffusion | kleine Moleküle, niedrige Filtrationsfraktion, lange Filterlaufzeit | mittelgroße Moleküle kaum entfernt |
| CVVHDF | Diffusion und Konvektion | breites Spektrum, flexible Einstellung | mehr Lösungen, komplexere Bilanz |
| PIRRT, SLED | meist Diffusion, 6 bis 12 h | Pausen für Diagnostik und Mobilisation, annehmbare Alternative bei Instabilität1 | Arzneimitteldosierung schwer planbar |
| Intermittierende Hämodialyse | Diffusion, 3 bis 5 h | sehr rasche Entfernung kleiner Moleküle, Hyperkaliämie, Vergiftungen | Hypotonie, rasche Osmolalitätsverschiebung, Hirndruck |
Filtrationsfraktion: warum Postdilution den Filter belastet
Bei der Hämofiltration wird dem Blut im Filter Wasser entzogen. Je größer der Anteil des Plasmawassers, der dabei abgepresst wird, desto mehr dicken Hämatokrit und Eiweiß am Ende der Kapillaren ein. Diesen Anteil beschreibt die Filtrationsfraktion, das Verhältnis aus gesamtem Ultrafiltrat zum Plasmafluss durch den Filter, wobei der Plasmafluss aus Blutfluss und Hämatokrit folgt und eine Prädilution ihn erhöht. Als Faustregel aus Lehrbüchern soll die Filtrationsfraktion bei Postdilution unter etwa 20 bis 25 Prozent bleiben, weil die Gerinnungsneigung darüber steil ansteigt. Die Prädilution senkt die Filtrationsfraktion und verlängert die Filterlaufzeit, verdünnt aber das Blut vor dem Filter und mindert damit die Wirksamkeit jedes Milliliters Effluat. Die Diffusion belastet den Filter kaum, weil ihr Effluat nicht aus dem Blut stammt. Das ist einer der Gründe, warum viele Citratprotokolle diffusive oder gemischte Verfahren verwenden.
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Ein Patient wird mit CVVH in Postdilution behandelt. Blutfluss 150 ml/min, Hämatokrit 30 Prozent, Substitution nach dem Filter 2 000 ml/h, Nettoentzug 100 ml/h, keine Prädilution. Berechnen Sie die Filtrationsfraktion in Prozent (Rechenbeispiel).