Die Leber ist ein Organ zwischen zwei Kreisläufen. Sie erhält fast ein Viertel des Herzzeitvolumens, etwa drei Viertel davon über die Pfortader und ein Viertel über die Leberarterie, und sie gibt ihr Blut über die Lebervenen unmittelbar vor dem rechten Vorhof ab. Die Grundlagen dieser doppelten Versorgung, die Zonierung des Läppchens und die hepatische Clearance aus Blutfluss und Extraktionsrate stehen in der Einheit Die Leber als Stoffwechselorgan. Diese Einheit baut darauf auf und fragt, was aus dieser Anatomie folgt, wenn die Leber krank ist oder wenn Anästhesie und Intensivmedizin in ihren Kreislauf eingreifen.
Die arterielle Pufferantwort und ihre Grenze
Die Pfortader besitzt keine Autoregulation; ihr Fluss ist, was aus Darm, Milz und Pankreas abfließt. Die Leberarterie gleicht einen Abfall dieses Flusses teilweise aus, und der Mechanismus ist bemerkenswert einfach: Um die Portalfelder wird fortlaufend Adenosin gebildet und vom Pfortaderblut ausgewaschen. Sinkt der Pfortaderfluss, reichert sich Adenosin an, und die Arteriolen der Leberarterie weiten sich.1 Diese hepatische arterielle Pufferantwort wirkt nur in eine Richtung. Ein verminderter arterieller Zufluss wird von der Pfortader nicht kompensiert, und auch der Ausgleich eines Pfortaderausfalls ist unvollständig: In experimentellen Arbeiten glich die Arterie nur einen Teil des Verlustes aus, und die Größe der Kompensation hing von der Adenosinwirkung ab.2 Für die Praxis bedeutet das, dass die Leber bei Hypotonie, niedrigem Herzzeitvolumen und hoher Dosis von Vasokonstriktoren keine Reserve hat, die ihre Sauerstoffversorgung garantiert.
Nach einer Lebertransplantation wird dieselbe Physiologie zum klinischen Problem. Ein zu kleines Transplantat mit sehr hohem Pfortaderfluss wäscht das Adenosin aus, die Leberarterie verengt sich, und es entsteht eine arterielle Minderversorgung trotz reichlicher Gesamtdurchblutung. Behandelt wird das über eine Senkung des Pfortaderzuflusses, zunächst medikamentös mit Octreotid und bei Versagen durch Embolisation der Milzarterie.2 Die Einheit Anästhesie zur Leber- und Nierentransplantation greift diesen Zusammenhang auf.
Der venöse Abfluss: die unterschätzte Seite
Zwischen den Sinusoiden und dem rechten Vorhof liegt kein Ventil. Jeder Anstieg des Drucks im rechten Vorhof wird deshalb nahezu ungedämpft in die Lebervenen und die Sinusoide fortgeleitet. Bei Rechtsherzversagen, schwerer Trikuspidalinsuffizienz, Perikardkonstriktion oder nach einer Fontan-Operation entsteht so eine Stauungsleber: Die Sinusoide weiten sich, die Zone um die Zentralvene wird schlechter versorgt, und über Monate kann eine kardiale Fibrose entstehen. Laborchemisch dominieren Bilirubin und cholestatische Enzyme, die Transaminasen sind nur mäßig erhöht. Davon zu trennen ist die ischämische Hepatitis oder Schockleber nach einer Phase schwerer Hypotonie, oft auf dem Boden einer bereits gestauten Leber: Die Transaminasen steigen innerhalb von ein bis zwei Tagen auf ein Vielfaches und fallen danach rasch. Beide Bilder sind Lehrbuchwissen, und beide haben eine gemeinsame Botschaft: Für die Leber zählt nicht der arterielle Druck allein, sondern die Differenz zwischen Zufluss und venösem Abflussdruck.
Anästhesiologisch folgt daraus, dass ein höherer Mitteldruck eine Leberstauung nicht behebt. Beatmung mit hohem positivem endexspiratorischem Druck, eine großzügige Volumengabe mit hohem zentralvenösem Druck, ein Pneumoperitoneum und eine Rechtsherzbelastung durch pulmonale Hypertonie vermindern die Leberdurchblutung und damit die Clearance hoch extrahierter Wirkstoffe wie Lidocain, Propofol oder Fentanyl, auch wenn die Leberwerte normal sind. In der Leberchirurgie wird dieser Zusammenhang bewusst genutzt, indem ein niedriger zentralvenöser Druck den Blutverlust aus den Lebervenen vermindert.
| Merkmal | Ischämische Hepatitis | Stauungsleber |
|---|---|---|
| Auslöser | Hypotonie, Schock, Hypoxämie, oft bei vorbestehender Stauung | Rechtsherzversagen, Trikuspidalinsuffizienz, Konstriktion, Fontan-Kreislauf |
| Transaminasen | Anstieg auf ein Vielfaches in 1 bis 2 Tagen, rascher Abfall | normal bis mäßig erhöht |
| Bilirubin, Cholestaseenzyme | später, mäßig | führend, oft langsam steigend |
| Histologie | Nekrose um die Zentralvene | erweiterte Sinusoide, später kardiale Fibrose |
| Ansatz | Perfusion wiederherstellen, Sauerstoffangebot | venösen Druck senken, Herzfunktion verbessern |
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Die Leber wird vereinfacht als Organ mit einem Perfusionsdruck aus mittlerem arteriellem Druck minus Lebervenendruck betrachtet (Rechenbeispiel, Modell ohne Pfortaderanteil). Bei einem Patienten mit Rechtsherzversagen beträgt der Mitteldruck 70 mmHg bei einem zentralvenösen Druck von 22 mmHg. Nach Diurese und Senkung des PEEP liegt der Mitteldruck bei 66 mmHg, der zentralvenöse Druck bei 10 mmHg. Um wie viel mmHg hat sich der Perfusionsdruck verändert?