Altern ist kein Krankheitszustand, sondern ein langsamer Verlust an Reserve. Jedes Organsystem büßt über die Jahrzehnte an Leistungsfähigkeit ein, aber in Ruhe reicht die verbliebene Kapazität meist aus. Die Operation ändert das: Blutverlust, Flüssigkeitsverschiebung, Schmerz, Entzündung und Anästhetika verlangen eine Steigerung, die ein älterer Organismus nicht mehr leisten kann. Das Schema der Abbildung fasst diese Idee zusammen. Die zellulären Grundlagen des Alterns, von der Seneszenz bis zur mitochondrialen Funktion, behandelt die Einheit zu Hypoxie, Zellschaden und Altern; hier geht es um die Folgen für Anästhesie und perioperative Versorgung. Die physiologischen Angaben dieser Lektion sind Lehrbuchwissen, soweit keine Quelle genannt ist.
Herz und Kreislauf
Die großen Arterien verlieren elastische Fasern und werden steifer. Die Pulswelle läuft schneller, die reflektierte Welle trifft früher im Herzzyklus auf das Herz, und der systolische Druck steigt, während der diastolische sinkt. Der linke Ventrikel antwortet auf die erhöhte Nachlast mit Hypertrophie, und die Relaxation in der Diastole wird langsamer. Die Füllung hängt dann stärker von der Vorhofkontraktion und einer ausreichenden Vorlast ab. Ein Vorhofflimmern oder eine Hypovolämie wirken deshalb stärker als beim jungen Patienten, und eine zu großzügige Volumengabe führt bei der steifen Kammer schneller zum Lungenödem. Das Fenster zwischen zu wenig und zu viel ist schmal.
Zugleich lässt die Reaktion auf Katecholamine nach, weil die Beta-Rezeptoren weniger empfindlich sind, und der Baroreflex wird träge. Fällt der Blutdruck bei der Einleitung durch Vasodilatation und Sympathikolyse, steigt die Herzfrequenz kaum an, und der Blutdruck sinkt stärker und länger. Viele ältere Patienten nehmen außerdem Antihypertensiva, die diese Reaktion weiter dämpfen. Daraus folgt eine Einleitung, die langsam titriert, den Vasopressor bereithält und die Dauermedikation kennt; die Einheit zur intraoperativen Komplikationsprävention behandelt die Blutdruckziele.
Lunge und Atemweg
Mit dem Alter nimmt die elastische Retraktion der Lunge ab, die kleinen Atemwege schließen früher, und die Closing Capacity, also das Lungenvolumen, bei dem sie sich zu schließen beginnen, steigt. Nach klassischen Lehrbuchangaben übersteigt sie im Liegen etwa ab der fünften Lebensdekade und im Sitzen etwa ab der siebten die funktionelle Residualkapazität. Dann schließen sich Atemwege schon bei normaler Ruheatmung, es entstehen Bereiche mit niedrigem Verhältnis von Ventilation zu Perfusion, und der arterielle Sauerstoffpartialdruck sinkt. Narkose und Rückenlage senken die funktionelle Residualkapazität zusätzlich. Die Atemantwort auf Hypoxie und Hyperkapnie ist abgeschwächt, Husten und Schlucken sind weniger wirksam, und die Schutzreflexe des Kehlkopfs lassen nach. Das erklärt, warum ältere Patienten nach der Operation häufiger aspirieren, Atelektasen entwickeln und unter Opioiden hypoventilieren.
Niere, Leber und Körperzusammensetzung
Die Zahl funktionierender Nephrone nimmt ab, und die glomeruläre Filtrationsrate sinkt. Weil zugleich die Muskelmasse abnimmt, wird weniger Kreatinin gebildet, und das Serumkreatinin bleibt trotz schlechterer Filtration im Normbereich. Ein Kreatinin von 0,9 mg/dl bedeutet bei einer 85-jährigen Frau mit 55 kg etwas völlig anderes als bei einem 40-jährigen Mann mit 80 kg. Die Formel nach Cockcroft und Gault bezieht Alter und Gewicht ein und zeigt diesen Unterschied.1 Medikamente, die renal ausgeschieden werden, und aktive Metaboliten, etwa von Morphin, reichern sich an. Die Leber verliert an Masse und Durchblutung, sodass Substanzen mit hoher hepatischer Extraktion langsamer eliminiert werden.
Kreatinin ist nicht gleich Nierenfunktion
Rechenbeispiel mit der Formel nach Cockcroft und Gault: Kreatinin-Clearance = (140 minus Alter) mal Gewicht geteilt durch (72 mal Kreatinin in mg/dl), bei Frauen mal 0,85. Modellgrenzen: ungenau bei Sarkopenie, Adipositas, Ödemen und akuter Nierenschädigung; die Formel schätzt die Clearance und ist keine eGFR.
Die Körperzusammensetzung verschiebt sich: weniger Muskelmasse und Körperwasser, mehr Fett. Wasserlösliche Substanzen verteilen sich in einem kleineren Volumen und erreichen nach derselben Dosis höhere Spitzenkonzentrationen. Fettlösliche Substanzen verteilen sich in einem größeren Volumen und bleiben länger im Körper, ihre Halbwertszeit verlängert sich. Das zentrale Kompartiment ist kleiner, und bei langsamerer Kreislaufzeit tritt die Wirkung eines Bolus später ein, was zu Nachinjektionen und damit zur Überdosierung verleitet.
Gehirn und Pharmakodynamik
Das alternde Gehirn ist empfindlicher für Anästhetika, Opioide und Benzodiazepine. Für die volatilen Anästhetika ist das gut belegt: Nach einer Metaanalyse von Mapleson sinkt die minimale alveoläre Konzentration ab dem ersten Lebensjahr um etwa 6 % je Jahrzehnt, und dieser Faktor gilt für die verschiedenen Inhalationsanästhetika gleichermaßen.2 Ein 80-Jähriger braucht also gut ein Fünftel weniger als ein 40-Jähriger. Für intravenöse Anästhetika gilt Entsprechendes: Die Fachinformationen mehrerer Hypnotika und Opioide sehen für ältere Patienten reduzierte Anfangsdosen vor. Das alternde Gehirn zeigt unter Narkose ein kleineres EEG-Signal mit schwächerem Alphaband, und der Weg bis zur Burst Suppression ist kürzer; die Einzelheiten stehen in der EEG-Einheit zum alternden Gehirn. Auch die Thermoregulation lässt nach, sodass ältere Patienten rascher auskühlen.
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Rechenbeispiel, keine Dosierungsempfehlung: Die MAC von Sevofluran beträgt bei 40 Jahren etwa 2,05 %. Berechnen Sie die zu erwartende MAC bei 80 Jahren, wenn sie je Jahrzehnt um 6 % sinkt (Faktor 0,94 je Jahrzehnt), mit zwei Nachkommastellen, und den prozentualen Rückgang gegenüber 40 Jahren (ganzzahlig).
| Organsystem | Veränderung | Folge |
|---|---|---|
| Kreislauf | steife Arterien, diastolische Dysfunktion, träger Baroreflex, weniger Betarezeptorantwort | Hypotonie nach Einleitung, schmales Volumenfenster, Vorhofflimmern schlecht toleriert |
| Lunge | Closing Capacity steigt, Atemantwort und Schutzreflexe schwächer | niedrigerer paO₂, Atelektasen, Aspiration |
| Niere | GFR sinkt bei normalem Kreatinin | Kumulation renal eliminierter Medikamente |
| Körperzusammensetzung | weniger Muskel und Wasser, mehr Fett | höhere Spitzen wasserlöslicher, längere Wirkung fettlöslicher Substanzen |
| Gehirn | geringere Reserve, empfindlicher | MAC etwa 6 % niedriger je Jahrzehnt, Delirneigung |
| Temperatur | schwächere Gegenregulation | rasche Auskühlung |
Lehrbuchwissen; MAC nach Mapleson, Clearance nach Cockcroft und Gault.2, 1