Die Karotisendarteriektomie ist ein Eingriff an einem Organ, das während der Operation selbst gefährdet ist. Drei Probleme treffen zusammen: Die zerebrale Perfusionsreserve ist durch die Stenose und die Kollateralsituation begrenzt, von der Plaque und der Gefäßnaht gehen Embolien aus, und fast alle Patienten haben eine koronare Herzkrankheit, eine Hypertonie oder einen Diabetes als Begleiterkrankung. Die Anästhesie muss deshalb zugleich das Gehirn schützen, das Herz nicht überlasten und das Operationsfeld ruhig halten. Die Leitlinie der European Society for Vascular Surgery von 2023 ist der europäische Rahmen für Indikation, Zeitpunkt und Nachsorge.1
Vor der Operation
Der neurologische Ausgangsbefund wird vor der Einleitung genau dokumentiert, weil jede spätere Veränderung daran gemessen wird. Wichtig sind die Symptomatik (transitorische ischämische Attacke, Amaurosis fugax, Schlaganfall), der Abstand zum Ereignis, der Zustand der Gegenseite und die antithrombotische Behandlung. Symptomatische Stenosen werden früh versorgt; ESVS und die amerikanische Society for Vascular Surgery empfehlen übereinstimmend, innerhalb der ersten 14 Tage nach Symptombeginn die Endarteriektomie dem Stenting vorzuziehen.2 Für die Anästhesie folgt daraus: Der Eingriff ist oft dringlich, die kardiale Abklärung darf ihn nicht verzögern, und die Thrombozytenaggregationshemmung wird nicht pausiert. Die ESVS-Leitlinie hält eine kombinierte Plättchenhemmung im perioperativen Verlauf für erwägenswert (Empfehlungsgrad IIa), sobald eine intrakranielle Blutung bildgebend ausgeschlossen ist.1 Die Einheit Präoperative Risikoeinschätzung ordnet die Karotischirurgie als Eingriff mit mittlerem kardiovaskulärem Risiko ein.
Regional- oder Allgemeinanästhesie
Beide Verfahren sind etabliert. In Regionalanästhesie, meist als oberflächlicher oder intermediärer Zervikalplexusblock mit Infiltration durch den Operateur, bleibt der Patient wach. Er ist dann sein eigener Neuromonitor: Während der Abklemmung werden Sprache, Bewusstsein und die Kraft der Gegenhand fortlaufend geprüft, und ein Shunt wird nur eingelegt, wenn ein Defizit auftritt.3 In Allgemeinanästhesie fehlt diese direkte Beurteilung, dafür sind Atemweg, Kohlendioxid und Bewegung kontrolliert, und der Operateur arbeitet ohne Zeitdruck durch einen unruhigen Patienten. Die Blockade selbst wird in der Einheit Obere Extremität erweitert beschrieben.
Die Grundlagenstudie ist GALA: 3526 Patienten aus 95 Zentren in 24 Ländern wurden zu Allgemein- oder Lokalanästhesie randomisiert. Schlaganfall, Myokardinfarkt oder Tod innerhalb von 30 Tagen traten bei 4,8 % gegenüber 4,5 % auf; das entspricht drei verhinderten Ereignissen je 1000 Behandelte mit einem Konfidenzintervall von minus 11 bis plus 17. Ein Unterschied war also nicht nachweisbar, und die Autoren empfahlen, das Verfahren im Einzelfall gemeinsam mit dem Patienten zu wählen.4 Diese Aussage gilt bis heute: Die Wahl richtet sich nach Kooperationsfähigkeit, Lagerungstoleranz, Atemweg und Erfahrung des Teams, nicht nach einer vermeintlich überlegenen Technik. Ein wacher Patient mit Orthopnoe, Demenz oder ausgeprägter Angst ist kein guter Kandidat für Regionalanästhesie, und eine notfallmäßige Umstellung auf Allgemeinanästhesie mitten in der Abklemmung ist die ungünstigste aller Situationen.
Neuromonitoring und Shunt
In Allgemeinanästhesie ersetzen apparative Verfahren die klinische Prüfung. Sie messen unterschiedliche Dinge: Die Elektroenzephalographie zeigt die kortikale Funktion, die Nahinfrarotspektroskopie die regionale Sauerstoffsättigung im frontalen Kortex, die transkranielle Dopplersonographie die Flussgeschwindigkeit in der A. cerebri media und damit auch Embolien. Die Kriterien für einen Shunt sind nicht einheitlich; ein Überblick aus dem Jahr 2024 nennt für das EEG einen Amplitudenverlust über 50 % oder einen deutlichen Verlust schneller Aktivität, für die Nahinfrarotspektroskopie einen Abfall um mehr als 20 % vom Ausgangswert oder absolut unter 55 % und für den transkraniellen Doppler einen Abfall der Flussgeschwindigkeit um mehr als 90 %.5 Manche Zentren legen den Shunt routinemäßig, andere selektiv nach Monitoring; beide Wege haben Befürworter, und der Shunt selbst kann Dissektionen und Embolien verursachen.5
| Verfahren | Was es misst | Warnkriterium (Beispiele) | Grenze |
|---|---|---|---|
| Wacher Patient | Sprache, Bewusstsein, Kraft der Gegenhand | neues Defizit | nur in Regionalanästhesie, Mitarbeit nötig |
| EEG | kortikale elektrische Aktivität | Amplitude um mehr als 50 % vermindert | tiefe Strukturen und Hypnotikaeffekte stören |
| Nahinfrarotspektroskopie | regionale Sauerstoffsättigung frontal | Abfall über 20 % oder absolut unter 55 % | nur frontaler Ausschnitt, Extrakranium mischt mit |
| Transkranieller Doppler | Flussgeschwindigkeit der A. cerebri media, Embolien | Abfall über 90 % | kein Schallfenster bei einem Teil der Patienten |
Blutdruck während der Abklemmung
Solange die Karotis abgeklemmt ist, hängt die Hirndurchblutung der operierten Seite am Circulus Willisii und damit am Systemdruck. In dieser Phase ist Hypotonie gefährlich. Üblich ist, den Blutdruck mindestens auf dem Ausgangsniveau zu halten und ihn während der Abklemmung bei Bedarf um etwa 10 % anzuheben.3 Dabei darf das Herz nicht vergessen werden: Eine Anhebung mit einem Vasopressor erhöht die Nachlast, und bei koronarer Herzkrankheit ist die Tachykardie der gefährlichere Teil. Die Blutdruckziele werden deshalb vor dem Hautschnitt im Team vereinbart, und der Vasopressor läuft, bevor die Klemme gesetzt wird.