Die Koronaranatomie ist für die Anästhesie mehr als Prüfungsstoff. Sie erklärt, warum eine Hinterwandischämie einen AV-Block auslöst, warum eine Vorderwandischämie die Pumpfunktion so stark trifft und welches Gefäß hinter einer neuen Wandbewegungsstörung im Echo steht. Die beiden Koronararterien entspringen aus den Sinus der Aortenwurzel, unmittelbar oberhalb der Aortenklappe. Aus dem linken Sinus geht der Hauptstamm ab, der sich nach kurzer Strecke in den Ramus interventricularis anterior, RIVA, englisch LAD, und den Ramus circumflexus, RCX, teilt. Der RIVA zieht in der vorderen Interventrikularfurche zur Herzspitze und gibt Diagonaläste zur Vorderwand und Septaläste in das Kammerseptum ab. Der RCX folgt der linken Atrioventrikularfurche nach hinten und versorgt mit seinen Marginalästen die Seitenwand. Die rechte Koronararterie, RCA, entspringt aus dem rechten Sinus, verläuft in der rechten Atrioventrikularfurche und versorgt den rechten Ventrikel über Marginaläste (Lehrbuchwissen).
Versorgungstypen
Der Versorgungstyp beschreibt, welches Gefäß den Ramus interventricularis posterior abgibt und damit Hinterwand und hinteres Septum versorgt. Beim häufigsten Rechtsversorgungstyp, der Schätzungen zufolge bei etwa 70 bis 80 % vorliegt, stammt er aus der RCA; beim Linksversorgungstyp aus dem RCX; beim ausgeglichenen Typ beteiligen sich beide (Lehrbuchwissen, Angaben je nach Kollektiv verschieden). Die Folge ist klinisch unmittelbar: Beim Linksversorgungstyp hängt ein großer Teil des linken Ventrikels am Hauptstamm, und ein Verschluss des RCX kann eine Hinterwandischämie auslösen, die im EKG kaum sichtbar ist.
Territorien im Echo
Das Modell mit 17 Segmenten teilt den linken Ventrikel in basale, mittlere und apikale Ebenen und ordnet jedes Segment typischen Koronarterritorien zu.1 Abbildung 1 zeigt die mittlere Ebene. Die Zuordnung ist eine Wahrscheinlichkeit, keine Gewissheit, weil Versorgungstyp und Bypässe sie verschieben. Für die Anästhesie zählt vor allem der Unterschied zwischen regionaler und globaler Funktionsminderung: Eine neue regionale Wandbewegungsstörung spricht für Ischämie in einem Gefäßgebiet; eine gleichmäßig schwächere Kontraktion eher für veränderte Vor- oder Nachlast, Medikamentenwirkung, Azidose oder Sepsis. Die transgastrische Kurzachse in der TEE zeigt alle drei Territorien in einem Bild und ist deshalb der Standardblick zur Ischämieüberwachung.
Koronarvenen
Der venöse Abfluss des Myokards folgt nur teilweise den Arterien. Die große Herzvene begleitet den RIVA, wendet sich in die linke Atrioventrikularfurche und mündet mit weiteren Venen der linken Kammer in den Koronarsinus, der an der Hinterwand des Herzens in den rechten Vorhof führt. Der rechte Ventrikel entleert sich dagegen zu einem großen Teil über die vorderen Herzvenen direkt in den rechten Vorhof, und kleinste Venen münden unmittelbar in die Herzhöhlen. Diese Anatomie erklärt, warum eine retrograde Kardioplegie über den Koronarsinus den linken Ventrikel gut, den rechten aber unvollständig erreicht. Eine persistierende linke obere Hohlvene mündet in den Koronarsinus und erweitert ihn; im Echo fällt ein auffallend weiter Sinus auf, und eine retrograde Kardioplegie wird dadurch unzuverlässig (Lehrbuchwissen). Die Einheit zur Kardioanästhesie behandelt die Kardioplegie im Detail.
| Gefäß | Versorgtes Myokard | Wandsegmente im Echo | EKG-Ableitungen | Reizleitung | Typische Rhythmusfolge |
|---|---|---|---|---|---|
| RIVA (Ramus interventricularis anterior, LAD) | Vorderwand, vordere zwei Drittel des Septums, Spitze | anterior, anteroseptal, apikal | V1 bis V4 | Tawara-Schenkel über Septaläste | infranodale Blockierung, Schenkelblock, Mobitz II |
| RCX (Ramus circumflexus) | Seitenwand, bei Linksversorgung auch Hinterwand | anterolateral, inferolateral | I, aVL, V5, V6 | Sinusknoten in etwa 40 % | oft stumm im EKG |
| RCA (rechte Koronararterie) | rechter Ventrikel, Hinterwand, hinteres Septumdrittel bei Rechtsversorgung | inferior, inferoseptal | II, III, aVF; V4R | Sinusknoten in etwa 60 %, AV-Knoten meist | Sinusbradykardie, AV-Block auf Knotenebene |