Allgemeinanästhesie, Pharmakologie vertieft · Stufe WBJ 1

Antihypertensiva und Antiarrhythmika perioperativ

Nicht die Substanzklasse entscheidet über Fortführen oder Pausieren, sondern die Indikation, der Eingriff und das, was beim Wegfall geschieht.

Lernziele
  • Sie begründen pharmakologisch, warum eine bestehende Betablockertherapie fortgeführt, aber nicht am Operationstag neu begonnen wird.
  • Sie geben die Ergebnisse von Stop-or-Not korrekt wieder und leiten daraus eine indikationsbezogene Entscheidung zu RAS-Hemmern ab.
  • Sie erklären die euglykämische Ketoazidose unter SGLT2-Hemmern und nennen die empfohlene Pause.
  • Sie ordnen Antiarrhythmika nach Vaughan Williams und nach der modernisierten Klassifikation ein.
  • Sie kennen Wirkprofil, Elimination und gefährliche Konstellationen von Amiodaron, Adenosin, Digoxin, Magnesium und kurz wirksamen Betablockern.
  • Sie behandeln perioperatives Vorhofflimmern nach ESC 2024 in der Reihenfolge Stabilität, Auslöser, Frequenz oder Rhythmus, Antikoagulation.
  • Sie berechnen die frequenzkorrigierte QT-Zeit und erkennen Konstellationen mit hohem Torsade-Risiko.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit sieben Übungen, zwei Rechnern und einer Rechenaufgabe, ein klinischer Fall mit drei Fragen, Aufgaben und ein Abschlussquiz.
  2. Voraussetzung: Herz, pulmonale Hypertonie und kardiale Implantate und Präoperative Risikoeinschätzung.
  3. Physiologische Grundlagen: Herzmuskel und glatte Muskulatur und Bauplan des Kreislaufs.
  4. Notfallperspektive: Hypertensive Notfälle und Rhythmusstörungen; Kardioanästhesie: Kardioanästhesie und Herz-Lungen-Maschine.

Lektion 1

Dauermedikation, Betablocker und Alpha-2-Agonisten

Am Vorabend einer Operation liegt der Medikationsplan auf dem Tisch, und für jede Zeile muss eine Entscheidung fallen: weitergeben, pausieren oder ersetzen. Die Substanzklasse allein beantwortet diese Frage nicht. Entscheidend ist, wofür ein Medikament genommen wird und was geschieht, wenn es plötzlich fehlt. Ein Betablocker, der seit Jahren eine koronare Herzkrankheit schützt, ist etwas anderes als ein Betablocker, der zwei Stunden vor dem Schnitt erstmals gegeben wird. Ein Sartan gegen eine gut eingestellte Hypertonie ist etwas anderes als ein Sartan, das bei reduzierter Ejektionsfraktion zur prognoseverbessernden Therapie gehört. Beide großen Leitlinien, die europäische von 2022 und die amerikanische von 2024, formulieren ihre Empfehlungen deshalb nach Indikation und Eingriffsrisiko, nicht nach Wirkstoff.1, 2 Diese Lerneinheit setzt dort an, wo die Einheit zu Herz und Implantaten mit einer kurzen Tabelle aufhört, und erklärt die Pharmakologie und die Studienlage hinter jeder Entscheidung.

Warum ein Betablocker nicht abrupt fehlen darf

Unter einer Dauertherapie mit Betablockern nimmt die Dichte der Betarezeptoren am Herzen zu. Solange der Blocker wirkt, bleibt das unbemerkt. Fällt er weg, trifft das endogene Noradrenalin der Operationsbelastung auf mehr Rezeptoren als vorher: Tachykardie, Hypertonie und ein steigender Sauerstoffbedarf des Myokards sind die Folge, bei koronarer Herzkrankheit mit dem Risiko einer Ischämie. Dieses Rebound-Phänomen ist der pharmakologische Grund, warum eine bestehende Therapie perioperativ fortgeführt wird. Die ESC-Leitlinie empfiehlt die Fortführung mit der höchsten Empfehlungsklasse, die amerikanische Leitlinie ebenso.1, 2 Kann der Patient postoperativ nicht schlucken, wird die Wirkung überbrückt, etwa intravenös, und nicht einfach ausgesetzt. Gleichzeitig ist Fortführen kein Selbstzweck: Bei Hypotonie, Bradykardie, Blutung oder Sepsis wird die Dosis angepasst oder pausiert, denn ein Betablocker nimmt dem Kreislauf die Möglichkeit, einen Volumenverlust über die Herzfrequenz auszugleichen.

POISE: warum der Neubeginn kurz vor der Operation schadet

Der Gedanke war physiologisch einleuchtend: Wenn Tachykardie und Katecholaminstress perioperative Infarkte auslösen, müsste eine Betablockade sie verhindern. Die POISE-Studie prüfte das an 8351 Patienten mit kardiovaskulärem Risiko, die zwei bis vier Stunden vor dem Eingriff erstmals retardiertes Metoprolol in hoher Dosis erhielten. Der Myokardinfarkt wurde tatsächlich seltener, doch die Gesamtsterblichkeit und die Schlaganfallrate stiegen.3 Der Mechanismus liegt in der Pharmakodynamik: Ein nicht auftitrierter Betablocker trifft auf einen Kreislauf, der durch Narkose, Blutverlust und Flüssigkeitsverschiebung ohnehin an seine Kompensationsgrenze kommt. Hypotonie und Bradykardie waren in POISE häufiger und hingen mit Schlaganfall und Tod zusammen. Seitdem gilt: kein Neubeginn am Operationstag. Die amerikanische Leitlinie stuft ihn ausdrücklich als schädlich ein; besteht eine neue Indikation, soll ein Betablocker weit im Voraus begonnen werden, nach ihrer Formulierung optimal mehr als sieben Tage vor dem Eingriff, damit Zeit zum Auftitrieren bleibt.2 Die ESC-Leitlinie empfiehlt die routinemäßige präoperative Neueinstellung ebenfalls nicht und lässt einen frühzeitigen Beginn nur bei ausgewählten Hochrisikopatienten offen.1

Für die intravenöse Anwendung im Operationssaal sind zwei kurz wirksame Betablocker wichtig. Esmolol wird von Esterasen der Erythrozyten gespalten, seine Halbwertszeit liegt im Bereich weniger Minuten; es eignet sich deshalb zum Titrieren gegen einen Frequenzanstieg bei Intubation oder Extubation. Landiolol ist noch stärker beta-1-selektiv und ebenso kurz wirksam. Beide Substanzen sind in der ESC-Leitlinie zum Vorhofflimmern als Optionen der akuten Frequenzkontrolle aufgeführt.4 Der Vorteil der kurzen Wirkdauer ist zugleich die Grenze: Nach dem Ende der Infusion kehrt die Frequenz rasch zurück, und die Ursache der Tachykardie ist damit nicht behandelt.

Alpha-2-Agonisten: Dauertherapie ja, Neubeginn zur Organprotektion nein

Clonidin senkt über zentrale Alpha-2-Rezeptoren den Sympathikotonus. Auch hier lag die Hoffnung nahe, perioperative Ischämien zu verhindern. Die POISE-2-Studie gab 10 010 Patienten niedrig dosiertes Clonidin oder Placebo und fand keinen Rückgang von Tod oder Myokardinfarkt, dafür häufiger klinisch bedeutsame Hypotonien und nicht tödliche Herzstillstände.5 Die amerikanische Leitlinie rät deshalb davon ab, Clonidin zur Senkung des kardiovaskulären Risikos neu zu beginnen.2 Anders ist die Lage bei Patienten, die Clonidin seit langem nehmen: Ein abruptes Absetzen kann eine überschießende Hypertonie mit Tachykardie auslösen, weil der zentral gedämpfte Sympathikus plötzlich enthemmt wird. Die Dauertherapie wird deshalb fortgeführt oder bei Nahrungskarenz überbrückt (Lehrbuchwissen). Dexmedetomidin wirkt über denselben Rezeptor und wird als Sedativum eingesetzt; seine Kreislaufwirkungen, zunächst Blutdruckanstieg nach schneller Gabe, dann Bradykardie und Hypotonie, folgen derselben Pharmakologie.

Merke

Fortführen und Neubeginnen sind pharmakologisch verschiedene Eingriffe. Fortführen verhindert einen Rebound; ein Neubeginn kurz vor der Operation setzt einen nicht titrierten Wirkstoff in einen instabilen Kreislauf.

Übung 1.1

Lektion 2

RAS-Hemmer, Calciumantagonisten, Diuretika und SGLT2-Hemmer

Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems, also ACE-Hemmer und Sartane, sind die Substanzgruppe, bei der sich perioperative Praxis am stärksten unterscheidet. Der Grund ist physiologisch gut verstanden. Unter Allgemeinanästhesie fällt der Sympathikotonus, der venöse Rückstrom sinkt, und der Blutdruck wird zunehmend von zwei Hormonsystemen gestützt: dem Renin-Angiotensin-System und dem Vasopressin. Ist das erste pharmakologisch ausgeschaltet, bleibt nur das zweite. Die Folge ist eine Hypotonie nach der Einleitung, die auf Volumen und auf Katecholamine manchmal schlechter anspricht als erwartet (Lehrbuchwissen). Auf der anderen Seite schützen dieselben Substanzen Herz und Niere, und ein Absetzen kann bei Herzinsuffizienz eine Dekompensation begünstigen.

Stop-or-Not: was die größte randomisierte Studie zeigt

Die Studie Stop-or-Not randomisierte 2222 Patienten, die seit mindestens drei Monaten einen RAS-Hemmer nahmen und vor einem größeren nichtkardialen Eingriff standen. Die eine Gruppe nahm das Medikament bis zum Operationstag weiter, die andere setzte es 48 Stunden vorher ab, nahm die letzte Dosis also drei Tage vor dem Eingriff. Der primäre Endpunkt aus Tod und schweren Komplikationen innerhalb von 28 Tagen trat in beiden Gruppen bei 22 % auf (relatives Risiko 1,02; 95-%-KI 0,87 bis 1,19). Intraoperative Hypotonien waren unter Fortführung häufiger, 54 % gegenüber 41 % (relatives Risiko 1,31). Weitere Unterschiede fanden sich nicht.6 Die Aussage ist damit präzise: Fortführen ist nicht gefährlicher als Absetzen, verursacht aber mehr behandlungsbedürftige Hypotonie. Wie die Hypotonie behandelt wurde und ob sie in anderen Kollektiven Folgen hat, beantwortet die Studie nicht. Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz waren kaum vertreten, und für sie lässt sich aus dem Ergebnis kein Absetzen ableiten.

POISE-3 prüfte in einem faktoriellen Teil eine ganze Strategie: Bei der Hypotonievermeidung wurden Antihypertensiva vor und nach dem Eingriff pausiert und ein mittlerer arterieller Druck von mindestens 80 mmHg angestrebt, bei der Hypertonievermeidung wurden sie weitergegeben und ein Mitteldruck von mindestens 60 mmHg toleriert. Der zusammengesetzte Endpunkt aus vaskulärem Tod und schweren vaskulären Komplikationen unterschied sich nicht.7 Zusammen mit Stop-or-Not zeigt das: Die Pausenentscheidung verschiebt vor allem die Häufigkeit intraoperativer Hypotonie; das Ergebnis hängt davon ab, dass Hypotonie erkannt und konsequent behandelt wird.

Was die Leitlinien daraus machen

Die amerikanische Leitlinie von 2024 hält es bei Patienten mit gut eingestelltem Blutdruck vor Eingriffen mit erhöhtem Risiko für möglicherweise sinnvoll, den RAS-Hemmer 24 Stunden vorher zu pausieren, um intraoperative Hypotonie zu begrenzen; bei Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion hält sie die Fortführung für sinnvoll.2 Die ESC-Leitlinie von 2022 unterscheidet ebenso: Bei stabiler Herzinsuffizienz kann fortgeführt werden, bei Hypertonie ohne Herzinsuffizienz ist eine kurze Pause am Operationstag zu erwägen.1 Wird pausiert, gehört der Wiederbeginn in die postoperative Anordnung, sobald Kreislauf, Volumenstatus und Nierenfunktion es erlauben; vergessene Wiederaufnahmen sind ein häufiger Fehler.

Calciumantagonisten und Diuretika

Calciumantagonisten werden in der Regel fortgeführt (Expertenmeinung). Pharmakologisch zerfallen sie in zwei Gruppen mit unterschiedlichem Risikoprofil. Dihydropyridine wie Amlodipin wirken vorwiegend auf die Gefäßmuskulatur; Amlodipin hat eine Halbwertszeit von mehreren Tagen, sodass ein Weglassen am Operationsmorgen die Wirkung kaum verändert. Verapamil und Diltiazem wirken zusätzlich am Herzen, verlangsamen die AV-Überleitung und sind negativ inotrop. In Kombination mit einem Betablocker oder mit Amiodaron können sie eine ausgeprägte Bradykardie oder einen AV-Block auslösen, und bei reduzierter Ejektionsfraktion sind sie zur Frequenzkontrolle ungeeignet.4 Diuretika werden am Operationsmorgen häufig pausiert, weil Nüchternheit, Narkose und Blutverlust mit einer diuretikabedingten Hypovolämie zusammentreffen; bei Stauung und Herzinsuffizienz überwiegt dagegen der Nutzen der Entstauung (Expertenmeinung). Entscheidend sind Volumenstatus, Kalium und Magnesium, denn Hypokaliämie und Hypomagnesiämie begünstigen Rhythmusstörungen, besonders unter Digoxin oder QT-verlängernden Substanzen.

SGLT2-Hemmer und euglykämische Ketoazidose

SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin und Dapagliflozin sind vom Antidiabetikum zu einer Basistherapie der Herzinsuffizienz und der chronischen Niereninsuffizienz geworden. Sie hemmen die Glucoserückresorption im proximalen Tubulus, sodass Glucose mit dem Urin verloren geht. Perioperativ ist das gefährlich, weil der Blutzucker dadurch niedrig bleibt, während Insulin abfällt und Glucagon steigt: Nahrungskarenz, Stresshormone und reduzierte Insulindosen treiben die Ketogenese an. Es entsteht eine Ketoazidose, deren Blutzucker normal oder nur leicht erhöht ist und die deshalb übersehen wird. Die amerikanische Leitlinie empfiehlt mit der höchsten Empfehlungsklasse, SGLT2-Hemmer drei bis vier Tage vor einem geplanten Eingriff abzusetzen;2 die ESC-Leitlinie nennt mindestens drei Tage vor Eingriffen mit mittlerem und hohem Risiko.1 Bei Notfalleingriffen lässt sich die Pause nicht einhalten; dann werden Säure-Basen-Status und Ketone kontrolliert, auch wenn der Blutzucker unauffällig ist. Wiederbegonnen wird, wenn der Patient wieder normal isst und trinkt (Expertenmeinung).

Tabelle 1: Antihypertensiva und Herzinsuffizienzmedikamente im perioperativen Vergleich (Wirkzeiten gerundet, Lehrbuchwissen)
GruppeMechanismusWirkeintrittWirkendeEliminationErwünschte WirkungHäufige NebenwirkungGefährliche KonstellationMonitoring
Betablocker (Metoprolol, Bisoprolol)Blockade der Beta-1-Rezeptorenoral StundenTag (Dosierintervall)Metoprolol hepatisch (CYP2D6), Bisoprolol hepatisch und renalniedrigere Frequenz, geringerer SauerstoffbedarfBradykardie, MüdigkeitHypovolämie, Sepsis, AV-Block, Kombination mit VerapamilHerzfrequenz, Blutdruck, EKG
ACE-Hemmer (Ramipril), Sartane (Candesartan)Hemmung von Bildung oder Wirkung des Angiotensin IIStundenetwa ein Tag, bei Prodrugs längerüberwiegend renalNachlastsenkung, Organschutz bei Herz- und NiereninsuffizienzHypotonie nach Einleitung, HyperkaliämieVolumenmangel, rückenmarksnahe Anästhesie, NierenarterienstenoseBlutdruck invasiv bei Risiko, Kalium, Kreatinin
Dihydropyridine (Amlodipin)Blockade der L-Typ-Calciumkanäle der GefäßmuskulaturStundenlang, Amlodipin mehrere Tagehepatisch (CYP3A4)arterielle VasodilatationÖdeme, ReflextachykardieHypotonie zusammen mit Narkose und VolumenmangelBlutdruck
Verapamil, DiltiazemL-Typ-Calciumkanäle an Herz und Gefäßoral Stunden, i.v. MinutenStundenhepatisch (CYP3A4)Bremsung der AV-ÜberleitungBradykardie, ObstipationHerzinsuffizienz mit reduzierter EF, Präexzitation, Kombination mit BetablockerEKG, Frequenz, Blutdruck
Schleifendiuretika (Furosemid, Torasemid)Hemmung des Na-K-2Cl-Transportersi.v. Minuten, oral etwa 1 hStundenrenalEntstauungHypovolämie, HypokaliämieNüchternheit plus Blutverlust, Digoxin mit HypokaliämieBilanz, Kalium, Magnesium, Kreatinin
SGLT2-Hemmer (Empagliflozin, Dapagliflozin)Hemmung der Glucoserückresorption im proximalen TubulusStundenTage bis zum Abklingen der Glucosuriehepatisch und renalOrganschutz bei Herzinsuffizienz, Diabetes und NiereninsuffizienzGenitalinfektionen, VolumenverlustNahrungskarenz, Operation, Insulinmangel: euglykämische KetoazidoseBlutgase, Ketone, Anionenlücke
Aktuelle Evidenz

Stop-or-Not (2222 Patienten, 40 Zentren): Tod oder schwere Komplikationen nach 28 Tagen 22 % unter Absetzen und 22 % unter Fortführung (relatives Risiko 1,02); intraoperative Hypotonie 41 % gegenüber 54 %.6 Amerikanische Leitlinie 2024: SGLT2-Hemmer drei bis vier Tage vor dem Eingriff pausieren; RAS-Hemmer bei gut eingestelltem Blutdruck 24 Stunden vorher pausieren erwägen, bei Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion fortführen; Betablocker nicht am Operationstag neu beginnen; Clonidin nicht zur Risikosenkung neu beginnen.2

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Antiarrhythmika: Vaughan Williams und die modernisierte Einteilung

Die Klassifikation nach Vaughan Williams ordnet Antiarrhythmika nach ihrem vorherrschenden Angriffspunkt am Aktionspotenzial der Myokardzelle. Sie ist über fünfzig Jahre alt und hat sich gehalten, weil sie Wirkung und Nebenwirkung aus der Physiologie ableitbar macht. Wer weiß, in welcher Phase eine Substanz eingreift, kann vorhersagen, welche EKG-Strecke sich verändert und welche Gefahr droht. Die Grundlagen des Aktionspotenzials behandelt die Einheit zum Herzmuskel; hier geht es um die pharmakologische Übersetzung.

+20-85mV01234Klasse I: Natriumkanal, Phase 0Klasse III: Kaliumkanal, Phase 3Klasse IV: Calciumkanal, Phase 2Klasse II: Betarezeptor, Phase 4Klasse 0: HCN-Kanal, Phase 4Zeit, etwa 300 ms Aktionspotenzialdauer
Abbildung 1: Aktionspotenzial einer Kammermyokardzelle mit den Phasen 0 bis 4 und den vorrangigen Angriffspunkten der Antiarrhythmikaklassen. Klasse 0 und II wirken vor allem an Sinus- und AV-Knoten, deren Aktionspotenzial anders aussieht. Eigene Darstellung

Die vier klassischen Klassen

Klasse I blockiert den schnellen Natriumeinstrom der Phase 0. Die Leitungsgeschwindigkeit sinkt, der QRS-Komplex wird breiter. Die Untergruppen unterscheiden sich in der Bindungskinetik: Ia-Substanzen wie Ajmalin verlängern zusätzlich das Aktionspotenzial, Ib-Substanzen wie Lidocain dissoziieren schnell und wirken vor allem an depolarisiertem, ischämischem Gewebe, Ic-Substanzen wie Flecainid dissoziieren langsam und bremsen die Leitung am stärksten. Gerade diese Eigenschaft macht sie bei Narben und struktureller Herzerkrankung proarrhythmisch. Klasse II umfasst die Betablocker, die an Sinus- und AV-Knoten die diastolische Depolarisation der Phase 4 abflachen und die Überleitung verlangsamen. Klasse III blockiert repolarisierende Kaliumströme der Phase 3; das Aktionspotenzial und damit die QT-Zeit werden länger, die Refraktärzeit steigt. Das ist antiarrhythmisch gegen Kreiserregungen und zugleich die Grundlage der Torsade de pointes. Klasse IV blockiert L-Typ-Calciumkanäle; am AV-Knoten, dessen Aktionspotenzial calciumgetragen ist, verlangsamt das die Überleitung.

Warum eine modernisierte Einteilung nötig wurde

Die klassische Einteilung hat Lücken. Adenosin, Digoxin und Atropin passen in keine der vier Klassen, und viele Substanzen wirken in mehreren. Amiodaron etwa blockiert Kaliumkanäle, aber auch Natrium- und Calciumkanäle und Betarezeptoren. Die 2018 vorgeschlagene modernisierte Klassifikation behält die vier Klassen bei, ergänzt aber eine Klasse 0 für den Schrittmacherstrom über HCN-Kanäle, unterteilt Klasse II in verschiedene autonome Angriffspunkte, zu denen nun auch Atropin, Digoxin über den Vagus und Adenosin gehören, und führt Klassen für mechanosensitive Kanäle, Gap Junctions und langfristige Umbauvorgänge ein. In diese letzte Klasse fallen ACE-Hemmer und Sartane, die über eine Hemmung der Fibrose des Vorhofs antiarrhythmisch wirken können.8 Für die Prüfung genügt die klassische Einteilung als Gerüst; das Verständnis der Mehrfachwirkungen ist wichtiger als die Zuordnung zu einer Ziffer.

Tabelle 2: Klassifikation der Antiarrhythmika: klassisch nach Vaughan Williams und in der modernisierten Fassung (Auswahl)
KlasseZielstrukturBeispieleWirkung im EKGAnästhesiologisch wichtig
0HCN-Kanal (Schrittmacherstrom)IvabradinSinusfrequenz sinktkeine Wirkung auf den Blutdruck
I (Ia, Ib, Ic, Id)spannungsabhängiger NatriumkanalAjmalin (Ia), Lidocain (Ib), Flecainid (Ic), Ranolazin (Id)QRS breiter (Ia, Ic)Ic nicht bei struktureller Herzerkrankung; Lidocain ist auch Lokalanästhetikum
II (IIa bis IIe)autonome RezeptorenBetablocker (IIa), Atropin (IIc), Digoxin (IId), Adenosin (IIe)PQ länger, Frequenz sinktin der modernen Fassung gehören Atropin und Adenosin hierher
IIIKaliumkanäleAmiodaron, SotalolQT längerTorsade de pointes vor allem bei Sotalol
IV (IVa bis IVe)CalciumhandhabungVerapamil, Diltiazem (IVa)PQ längernegativ inotrop, AV-Block mit Betablocker
V bis VIImechanosensitive Kanäle, Gap Junctions, strukturelle UmbauvorgängeACE-Hemmer, Sartane (VII)keine direkteerklärt, warum Therapie der Grunderkrankung antiarrhythmisch wirkt
Vorsicht

Eine Klasse beschreibt einen Mechanismus, keine Indikation. Flecainid und Lidocain gehören beide zu Klasse I, werden aber für völlig verschiedene Situationen eingesetzt. Ob ein Antiarrhythmikum nützt oder schadet, hängt vom Substrat ab: strukturelle Herzerkrankung, Ischämie, Pumpfunktion, QT-Zeit und Elektrolyte.4

Übung 3.1

Lektion 4

Amiodaron, Adenosin, Digoxin, Magnesium und Vernakalant

Im Operationssaal und im Aufwachraum werden nur wenige Antiarrhythmika akut gebraucht. Sie sollten so vertraut sein, dass ihre gefährlichen Konstellationen ohne Nachschlagen präsent sind. Tabelle 3 fasst sie mit denselben Spalten zusammen wie Tabelle 1; die folgenden Absätze erklären, was hinter den Einträgen steckt.

Amiodaron

Amiodaron ist das vielseitigste und zugleich tückischste Antiarrhythmikum. Es wirkt vor allem als Klasse-III-Substanz, blockiert aber zusätzlich Natrium- und Calciumkanäle und Betarezeptoren. Deshalb senkt es sowohl die Kammerfrequenz bei Vorhofflimmern als auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Rhythmus in Sinusrhythmus übergeht. Die ESC-Leitlinie nennt es als Option der akuten Frequenzkontrolle bei hämodynamischer Instabilität oder stark eingeschränkter Pumpfunktion und als Medikament der Kardioversion, auch bei struktureller Herzerkrankung.4 Die intravenöse Gabe verursacht häufig Hypotonie und Bradykardie. Amiodaron wird in Fettgewebe gespeichert und hat eine Eliminationshalbwertszeit von Wochen; unerwünschte Wirkungen an Schilddrüse, Lunge, Leber und Haut treten deshalb vor allem bei Dauertherapie auf. Es hemmt den Abbau vieler Arzneimittel und den Transport durch P-Glykoprotein: Digoxinspiegel und Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten steigen. Obwohl es die QT-Zeit deutlich verlängert, sind Torsades unter Amiodaron allein selten, anders als unter Sotalol; in Kombination mit weiteren QT-verlängernden Substanzen und bei Hypokaliämie steigt das Risiko.9

Adenosin

Adenosin aktiviert A1-Rezeptoren am AV-Knoten, öffnet einen Kaliumstrom und blockiert die Überleitung für wenige Sekunden. Reentrytachykardien, die den AV-Knoten als Teil ihres Kreises benötigen, werden dadurch beendet; bei Vorhofflattern oder atrialer Tachykardie wird die Vorhofaktivität sichtbar, ohne dass die Rhythmusstörung endet. Die Halbwertszeit liegt bei wenigen Sekunden, deshalb wird Adenosin als schneller Bolus über einen großlumigen, herznahen Zugang mit sofortiger Nachspülung gegeben; die ESC-Leitlinie beginnt mit 6 mg und steigert bei fehlender Wirkung.10 Dipyridamol verstärkt die Wirkung, weil es die Wiederaufnahme hemmt, Theophyllin und Coffein schwächen sie. Nach Herztransplantation ist das denervierte Herz überempfindlich. Bei Vorhofflimmern mit Präexzitation, erkennbar an breiten, unregelmäßigen und wechselnd konfigurierten Komplexen, kann die Blockade des AV-Knotens die Überleitung über die akzessorische Bahn beschleunigen; hier sind Adenosin und alle AV-Knoten-Bremsen gefährlich.10

Digoxin

Digoxin hemmt die Natrium-Kalium-ATPase, erhöht damit indirekt das intrazelluläre Calcium und wirkt positiv inotrop. Seine frequenzsenkende Wirkung bei Vorhofflimmern beruht vor allem auf einer Verstärkung des Vagus am AV-Knoten. Daraus folgt die klinische Grenze: Bei hohem Sympathikotonus, also bei Fieber, Schmerz, Blutung oder Sepsis, bremst Digoxin wenig. Es wird renal eliminiert, hat eine enge therapeutische Breite, und Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, Niereninsuffizienz sowie Amiodaron oder Verapamil steigern seine Toxizität. Die ESC-Leitlinie führt Digoxin als Mittel der Frequenzkontrolle unabhängig von der Ejektionsfraktion, allein oder in Kombination.4

Magnesium, Kalium und Vernakalant

Magnesium passt in keine Klasse. Es stabilisiert die Membran, hemmt frühe Nachdepolarisationen und ist das Mittel der ersten Wahl bei Torsade de pointes, auch wenn der Serumspiegel normal ist.11 Kalium verlangt eine differenziertere Sicht, als die Routine vermuten lässt. Nach Herzoperationen war es lange üblich, Kalium großzügig auf hochnormale Werte anzuheben. Die randomisierte Studie TIGHT K verglich nach Bypassoperationen einen Zielwert von mindestens 4,5 mmol/l mit einer Substitution erst unter 3,6 mmol/l und fand keinen Unterschied in der Häufigkeit von Vorhofflimmern nach der Operation.12 Hypokaliämie bleibt proarrhythmisch; eine Anhebung über den Normbereich hinaus hat aber keinen belegten Zusatznutzen. Vernakalant blockiert Ionenkanäle vorhofbetont und kann frisch aufgetretenes Vorhofflimmern rasch in Sinusrhythmus überführen. Die ESC-Leitlinie nennt es als Option der medikamentösen Kardioversion bei Patienten ohne schwere strukturelle Herzerkrankung; Hypotonie, schwere Aortenstenose, ein kürzlich abgelaufenes akutes Koronarsyndrom und schwere Herzinsuffizienz schließen es aus.4 Für den perioperativen Einsatz gibt es keine eigenen Studien, und im Operationssaal ist es selten die erste Wahl.

Tabelle 3: Akut eingesetzte Antiarrhythmika und Frequenzbremsen im Vergleich (Lehrbuchwissen und Fachinformationen, Wirkzeiten gerundet)
SubstanzMechanismusWirkeintrittWirkendeEliminationErwünschte WirkungHäufige NebenwirkungGefährliche KonstellationMonitoring
EsmololBeta-1-BlockadeMinutenetwa 10 bis 20 min nach InfusionsendeEsterasen der ErythrozytenFrequenzsenkungHypotonieHypovolämie, dekompensierte HerzinsuffizienzFrequenz, Blutdruck
Landiololhoch selektive Beta-1-BlockadeMinutenMinuten nach InfusionsendeEsterasen im PlasmaFrequenzsenkung mit geringer BlutdruckwirkungHypotonie, Bradykardiewie EsmololFrequenz, Blutdruck
AmiodaronKaliumkanal, dazu Natrium, Calcium, Betai.v. Frequenzwirkung in StundenWochen (sehr lange Halbwertszeit)hepatisch, Speicherung im GewebeFrequenz- und Rhythmuskontrolle, auch bei reduzierter EFHypotonie und Bradykardie bei i.v. Gabe, PhlebitisPräexzitation, Kombination mit anderen QT-Verlängerern, DigoxinEKG mit QT, Blutdruck, später Schilddrüse, Leber, Lunge
AdenosinA1-Rezeptor, kurzer AV-BlockSekundenweniger als eine MinuteAufnahme in Zellen, DesaminierungUnterbrechung von Reentry über den AV-Knoten, Demaskierung von VorhofflatternFlush, Brustdruck, kurze AsystolieAsthma, Vorhofflimmern mit Präexzitation, Dipyridamol, Herztransplantationlaufendes EKG, Defibrillator bereit
DigoxinHemmung der Na-K-ATPase, vagale AV-Bremsungi.v. etwa 30 min bis StundenTagerenalFrequenzkontrolle in Ruhe, positive InotropieÜbelkeit, SehstörungenHypokaliämie, Niereninsuffizienz, Amiodaron, VerapamilSpiegel, Kalium, Kreatinin, EKG
Verapamil, Diltiazem i.v.L-Typ-CalciumkanalMinutenStundenhepatischAV-BremsungHypotoniereduzierte EF, Präexzitation, BetablockerFrequenz, Blutdruck
MagnesiumCalciumantagonismus an Membran und KanalMinutenStundenrenalUnterdrückung früher NachdepolarisationenWärmegefühl, HypotonieNiereninsuffizienz, Kombination mit MuskelrelaxanzienReflexe, Serumspiegel, Atmung
Vernakalantvorhofbetonte Kalium- und NatriumkanalblockadeMinutenStundenhepatisch (CYP2D6)rasche Konversion von frisch aufgetretenem VorhofflimmernGeschmacksstörung, Niesen, Hypotonieschwere Aortenstenose, Hypotonie, akutes Koronarsyndrom, schwere Herzinsuffizienz, lange QT-ZeitBlutdruck, EKG

Übung 4.1

Lektion 5

Perioperatives Vorhofflimmern nach ESC 2024

Vorhofflimmern ist die häufigste perioperative Rhythmusstörung. Die ESC-Leitlinie von 2024 ordnet die Behandlung unter dem Kürzel AF-CARE: Begleiterkrankungen und Auslöser behandeln, Schlaganfall und Thromboembolie vermeiden, Beschwerden durch Frequenz- und Rhythmuskontrolle lindern und den Verlauf dynamisch neu bewerten.4 Für die Anästhesie ist die Reihenfolge der Fragen wichtig, denn sie verhindert, dass ein Medikament gegeben wird, bevor die Ursache bekannt ist.

Erste Frage: stabil oder instabil?

Führt Vorhofflimmern mit schneller Überleitung zu Schock, Ischämie oder akuter Herzinsuffizienz, ist die synchronisierte elektrische Kardioversion die Therapie der Wahl. Im Operationssaal ist der Patient bereits narkotisiert, und die Kardioversion ist schneller verfügbar als jede Medikamentenwirkung. Ist der Kreislauf stabil, folgt die Suche nach Auslösern: Hypoxie, Hyperkapnie, Hypovolämie, Anämie, Schmerz, flache Narkose, Katecholamine, Elektrolytstörung, Sepsis, Lagerungsdruck auf den Vorhof durch Katheter. Die amerikanische Leitlinie hält es ausdrücklich für sinnvoll, solche Auslöser zu behandeln, bevor oder während die Frequenz gesenkt wird.2

Zweite Frage: Frequenz oder Rhythmus?

Die Frequenzkontrolle beginnt mit einem nachsichtigen Ziel: Eine Kammerfrequenz unter 110/min genügt zunächst, strengere Ziele sind nur bei fortbestehenden Beschwerden nötig. Die Wahl des Medikaments richtet sich nach der Ejektionsfraktion. Betablocker und Digoxin sind unabhängig davon möglich, Diltiazem und Verapamil nur bei einer Ejektionsfraktion über 40 %, Amiodaron bleibt Situationen vorbehalten, in denen die anderen nicht wirken oder der Kreislauf instabil ist.4 Eine Rhythmuskontrolle ist sinnvoll, wenn Vorhofflimmern trotz Frequenzkontrolle Beschwerden macht oder die Hämodynamik beeinträchtigt. Hier greift die Zeitgrenze der Leitlinie: Besteht Vorhofflimmern länger als 24 Stunden, wird vor einer geplanten Kardioversion entweder mindestens drei Wochen wirksam antikoaguliert oder ein Thrombus im linken Vorhofohr per transösophagealer Echokardiographie ausgeschlossen.4 Viele perioperative Episoden konvertieren spontan, wenn die Auslöser beseitigt sind; ein abwartendes Vorgehen mit Frequenzkontrolle ist deshalb bei stabilen Patienten legitim.

Dritte Frage: Antikoagulation

Das Schlaganfallrisiko wird mit dem CHA2DS2-VA-Score geschätzt. Die Leitlinie von 2024 hat das weibliche Geschlecht aus dem Score gestrichen. Ab zwei Punkten wird eine orale Antikoagulation empfohlen, bei einem Punkt ist sie zu erwägen.4 Perioperativ steht dem das Blutungsrisiko des frischen Operationsgebiets gegenüber. Die Entscheidung über Beginn und Zeitpunkt fällt deshalb gemeinsam mit dem operativen Fach und oft erst nach der Entlassung aus der Überwachung.

CHA2DS2-VA-Score

Nach ESC 2024 ohne Punkt für das Geschlecht. Der Score schätzt das Schlaganfallrisiko, nicht das Blutungsrisiko und nicht den richtigen Zeitpunkt nach einer Operation; beides entscheidet sich individuell.





Punkte
Einordnung nach ESC 2024

Postoperatives Vorhofflimmern

Nach nichtkardialen Eingriffen tritt Vorhofflimmern vor allem in den ersten Tagen auf, ausgelöst durch Entzündung, Sympathikusaktivierung, Volumenverschiebung und Elektrolytstörungen. Es ist kein harmloses Begleitphänomen: Patienten mit neu aufgetretenem perioperativem Vorhofflimmern haben ein erhöhtes Schlaganfallrisiko und ein hohes Rezidivrisiko. Die amerikanische Leitlinie empfiehlt deshalb eine ambulante kardiologische Nachsorge zur Risikoeinschätzung und Rhythmusüberwachung und hält eine Antikoagulation unter Abwägung des Blutungsrisikos für sinnvoll;2 die ESC-Leitlinie empfiehlt, eine langfristige Antikoagulation nach nichtkardialen Eingriffen nach dem individuellen Thromboembolierisiko zu erwägen.4 Nach Herzoperationen ist Vorhofflimmern noch häufiger; hier nennt die ESC-Leitlinie eine perioperative Amiodaronprophylaxe und bei Bypassoperationen eine posteriore Perikardiotomie als vorbeugende Maßnahmen.4

Vorsicht

Breite, unregelmäßige und wechselnd konfigurierte Kammerkomplexe bei sehr hoher Frequenz sprechen für Vorhofflimmern mit Präexzitation. Betablocker, Calciumantagonisten, Digoxin und Adenosin sind dann kontraindiziert; bei Instabilität wird kardiovertiert.4, 10

Übung 5.1

Lektion 6

QT-Verlängerung, Torsade de pointes und typische Fehlannahmen

Viele Medikamente, die in der Anästhesie täglich gegeben werden, verlängern die QT-Zeit: Ondansetron, Droperidol, Haloperidol, Methadon, Makrolide und Fluorchinolone, Amiodaron und Sotalol, und auch volatile Anästhetika wie Sevofluran verlängern das frequenzkorrigierte QT-Intervall messbar. Die gefürchtete Folge ist die Torsade de pointes, eine polymorphe ventrikuläre Tachykardie mit um die Grundlinie drehender Achse, die in Kammerflimmern übergehen kann. Ihr Mechanismus sind frühe Nachdepolarisationen in einem Myokard, dessen Repolarisation verzögert und ungleichmäßig ist.9

Das Risiko entsteht aus der Summe

Ein einzelnes Medikament in üblicher Dosis löst bei einem Herzgesunden selten eine Torsade aus. Das Risiko entsteht, wenn Faktoren zusammentreffen: angeborenes Long-QT-Syndrom, weibliches Geschlecht, höheres Alter, strukturelle Herzerkrankung, Bradykardie oder Pausen, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie und Hypocalciämie, eingeschränkte Nieren- oder Leberfunktion, die den Abbau verlangsamt, und mehrere QT-verlängernde Substanzen gleichzeitig. Eine frequenzkorrigierte QT-Zeit über 500 ms oder ein Anstieg um mehr als 60 ms gegenüber dem Ausgangswert gilt als Warnsignal mit deutlich erhöhtem Torsade-Risiko.9 Die praktische Konsequenz ist unspektakulär, aber wirksam: präoperatives EKG bei Risikopatienten ansehen, Elektrolyte ausgleichen, Kombinationen vermeiden und bei verlängerter QT-Zeit Antiemetika wählen, die das Intervall weniger beeinflussen.

Frequenzkorrigierte QT-Zeit

Bazett: QT geteilt durch die Wurzel aus RR; Fridericia: QT geteilt durch die dritte Wurzel aus RR (RR in Sekunden). Beide Formeln sind Näherungen. Bazett überkorrigiert bei hoher und unterkorrigiert bei niedriger Frequenz; bei Schenkelblock und Schrittmacherrhythmus ist jede Korrektur unsicher.

RR-Intervall
QTc nach Bazett
QTc nach Fridericia

Übung 6.2, Rechenaufgabe

Rechenaufgabe: Im Aufwachraum messen Sie eine QT-Zeit von 400 ms bei einer Herzfrequenz von 100/min. Berechnen Sie die frequenzkorrigierte QT-Zeit nach Bazett und nach Fridericia (auf ganze ms).

Torsade de pointes behandeln

Ist die Torsade anhaltend und der Kreislauf instabil, wird defibrilliert. Danach und bei selbstlimitierenden Episoden wird Magnesium intravenös gegeben, auslösende Medikamente werden abgesetzt, und Kalium wird in den hochnormalen Bereich angehoben. Da Bradykardie und Pausen die Torsade begünstigen, kann eine Anhebung der Herzfrequenz durch Stimulation oder Isoprenalin weitere Episoden verhindern.11 Antiarrhythmika mit eigener QT-Verlängerung, etwa Amiodaron, sind hier fehl am Platz.

Typische Fehlannahmen
  • „Der Blutdruck ist hoch, also wird der Betablocker am Operationsmorgen zum ersten Mal gegeben.“ Falsch: Neubeginn am Operationstag erhöhte in POISE Schlaganfälle und Sterblichkeit.3
  • „ACE-Hemmer müssen immer abgesetzt werden.“ Falsch: Stop-or-Not fand keinen Unterschied im Ergebnis, nur mehr Hypotonie; bei Herzinsuffizienz überwiegt der Nutzen der Fortführung.6, 2
  • „Normaler Blutzucker schließt eine Ketoazidose aus.“ Falsch: Unter SGLT2-Hemmern ist die Ketoazidose typischerweise euglykämisch.2
  • „Kalium muss nach Herzoperationen über 4,5 mmol/l liegen.“ Nicht belegt: TIGHT K fand keinen Vorteil.12
  • „Adenosin ist bei jeder Tachykardie mit breitem Komplex harmlos, weil es so kurz wirkt.“ Falsch: Bei Vorhofflimmern mit Präexzitation kann es die Kammerfrequenz gefährlich steigern.10
  • „Amiodaron ist das sicherste Antiarrhythmikum.“ Nur mit Einschränkung: Hypotonie bei intravenöser Gabe, viele Wechselwirkungen und Organtoxizität bei Dauertherapie.4

Übung 6.1

Lektion 7

Fälle, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Hypotonie nach Einleitung und Vorhofflimmern am zweiten Tag

Ein 74-jähriger Patient mit Hypertonie und Herzinsuffizienz mit einer Ejektionsfraktion von 45 % soll eine offene Hemikolektomie erhalten. Er nimmt Candesartan 16 mg, Metoprolol 95 mg, Empagliflozin 10 mg und Torasemid 10 mg. Empagliflozin wurde vier Tage vorher pausiert, Candesartan wegen der Herzinsuffizienz fortgeführt, Metoprolol am Operationsmorgen gegeben. Nach Einleitung mit Propofol, Sufentanil und Rocuronium fällt der Blutdruck von 145/85 auf 78/45 mmHg bei einer Herzfrequenz von 58/min. Zwei Boli Cafedrin/Theodrenalin und eine Noradrenalininfusion von 0,15 µg/kg/min heben den Mitteldruck nur auf 60 mmHg; nach 1 IE Vasopressin steigt er auf 75 mmHg. Die Operation verläuft ohne größeren Blutverlust. Am zweiten postoperativen Tag klagt der Patient über Herzrasen. Das EKG zeigt Vorhofflimmern mit 132/min, Blutdruck 118/72 mmHg, keine Brustschmerzen, keine Stauungszeichen. Kalium 3,2 mmol/l, Magnesium 0,6 mmol/l, Hämoglobin 10,8 g/dl, Schmerz auf der Skala 6 von 10.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Indikation vor Substanzklasse: Was schützt, wird fortgeführt; was nur Blutdruck senkt, darf kurz pausieren.
  • Betablocker fortführen, nie am Operationstag neu beginnen (POISE).3
  • RAS-Hemmer: Absetzen ändert Tod und schwere Komplikationen nicht, Fortführen erhöht die Hypotonie (Stop-or-Not).6
  • SGLT2-Hemmer drei bis vier Tage vorher pausieren; Ketoazidose trotz normalem Blutzucker.2
  • Vorhofflimmern: Stabilität, Auslöser, Frequenz oder Rhythmus, Antikoagulation, in dieser Reihenfolge.4
  • Diltiazem und Verapamil nur bei einer Ejektionsfraktion über 40 %.4
  • Breit, unregelmäßig, wechselnd: Präexzitation denken und keine AV-Knoten-Bremse geben.10
  • Torsade: Magnesium, Kalium hochnormal, Auslöser absetzen, Frequenz anheben.11

Aufgaben

Aufgabe 1: Medikationsplan vor der Operation

Gegeben:
Eine 68-jährige Patientin mit Hypertonie und Typ-2-Diabetes soll in fünf Tagen eine laparoskopische Cholezystektomie erhalten. Medikation: Ramipril 5 mg, Amlodipin 5 mg, Bisoprolol 2,5 mg (seit Jahren wegen Vorhofflimmerns), Dapagliflozin 10 mg, Metformin. Die Herzfunktion ist normal, der Blutdruck gut eingestellt.

Frage:
Welche Medikamente führen Sie fort, welche pausieren Sie, und warum?

Lösung

Bisoprolol wird fortgeführt, weil ein Absetzen einen Rebound mit Tachykardie und Vorhofflimmern mit schneller Überleitung auslösen kann.2 Dapagliflozin wird drei bis vier Tage vor dem Eingriff pausiert, um eine euglykämische Ketoazidose zu vermeiden.2 Ramipril kann bei gut eingestellter Hypertonie ohne Herzinsuffizienz 24 Stunden vorher pausiert werden; Stop-or-Not zeigt, dass beide Wege gleichwertig sind, die Fortführung aber mehr Hypotonie bringt.6 Amlodipin wird wegen seiner langen Halbwertszeit meist weitergegeben (Expertenmeinung). Der Wiederbeginn von Ramipril und Dapagliflozin wird schriftlich angeordnet, sobald die Patientin normal isst und trinkt und der Kreislauf stabil ist.

Aufgabe 2: QT-Zeit im Aufwachraum

Gegeben:
Ein 81-jähriger Patient erhielt Ondansetron und Haloperidol gegen Übelkeit. Im Aufwachraum: QT 480 ms bei einer Herzfrequenz von 60/min, Kalium 3,3 mmol/l.

Frage:
Wie hoch ist die QTc nach Bazett, und was tun Sie?

Lösung

Bei 60/min ist RR = 1 s; Bazett und Fridericia ergeben beide 480 ms. Die Zeit liegt knapp unter der Warnschwelle von 500 ms, aber mehrere Risikofaktoren treffen zusammen: Alter, zwei QT-verlängernde Substanzen und Hypokaliämie.9 Weitere QT-verlängernde Antiemetika werden vermieden, Kalium und Magnesium werden ausgeglichen, und der Patient bleibt am Monitor, bis die Kontrolle eine Normalisierung zeigt. Bei Torsade: Magnesium intravenös.11

Aufgabe 3: CHA2DS2-VA berechnen und einordnen

Gegeben:
Eine 69-jährige Patientin mit Diabetes und peripherer arterieller Verschlusskrankheit entwickelt nach Hüftendoprothetik erstmals Vorhofflimmern, das nach einem Tag spontan endet.

Frage:
Wie viele Punkte hat sie, und welche Empfehlung folgt daraus?

Lösung

Alter 65 bis 74 Jahre 1 Punkt, Diabetes 1 Punkt, vaskuläre Erkrankung 1 Punkt, zusammen 3 Punkte. Das Geschlecht zählt nach ESC 2024 nicht mehr. Ab 2 Punkten wird eine Antikoagulation empfohlen;4 nach nichtkardialer Operation ist sie unter Abwägung des Blutungsrisikos sinnvoll, und eine kardiologische Nachsorge mit Rhythmusüberwachung wird veranlasst.2 Den Zeitpunkt legen Anästhesie, Orthopädie und Kardiologie gemeinsam fest.

Aufgabe 4: Digoxin und Amiodaron

Gegeben:
Ein 77-jähriger Patient mit Vorhofflimmern und Niereninsuffizienz nimmt Digoxin. Wegen schneller Überleitung nach einer Laparotomie erhält er zusätzlich Amiodaron intravenös. Am nächsten Tag hat er Übelkeit, eine Herzfrequenz von 44/min und ventrikuläre Extrasystolen, Kalium 3,1 mmol/l.

Frage:
Was ist passiert, und wie gehen Sie vor?

Lösung

Wahrscheinlich eine Digitalisintoxikation: Amiodaron hemmt die Ausscheidung von Digoxin, die Niereninsuffizienz verlangsamt sie zusätzlich, und die Hypokaliämie steigert die Empfindlichkeit des Myokards. Digoxin wird pausiert, der Spiegel bestimmt, Kalium und Magnesium werden ausgeglichen. Bei bedrohlichen Rhythmusstörungen ist ein Digoxin-Antikörper indiziert. Die Frequenzkontrolle wird danach mit einer Substanz neu geplant, die zur Nierenfunktion passt.4

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Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Reboundüberschießende Gegenregulation nach abruptem Absetzen, etwa Tachykardie nach Betablockerentzug
RAS-HemmerACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptorblocker (Sartane)
Euglykämische KetoazidoseKetoazidose mit normalem oder nur leicht erhöhtem Blutzucker, typisch unter SGLT2-Hemmern
Vaughan-Williams-KlassifikationEinteilung der Antiarrhythmika nach dem Angriffspunkt am Aktionspotenzial (Klassen I bis IV)
Präexzitationvorzeitige Kammererregung über eine akzessorische Leitungsbahn
CHA2DS2-VAScore zur Schätzung des Schlaganfallrisikos bei Vorhofflimmern, seit ESC 2024 ohne Geschlechtspunkt
QTcfrequenzkorrigierte QT-Zeit, etwa nach Bazett oder Fridericia
Torsade de pointespolymorphe Kammertachykardie bei verlängerter Repolarisation
AF-CAREBehandlungsgerüst der ESC 2024: Comorbidity, Avoid stroke, Reduce symptoms, Evaluation

Literatur

  1. Halvorsen S, Mehilli J, Cassese S et al. 2022 ESC Guidelines on cardiovascular assessment and management of patients undergoing non-cardiac surgery. Eur Heart J. 2022;43(39):3826-3924. doi:10.1093/eurheartj/ehac270
  2. Thompson A, Fleischmann KE, Smilowitz NR et al. 2024 AHA/ACC/ACS/ASNC/HRS/SCA/SCCT/SCMR/SVM Guideline for Perioperative Cardiovascular Management for Noncardiac Surgery. Circulation. 2024;150(19):e351-e442. doi:10.1161/CIR.0000000000001285
  3. Devereaux PJ, Yang H, Yusuf S et al. Effects of extended-release metoprolol succinate in patients undergoing non-cardiac surgery (POISE trial): a randomised controlled trial. Lancet. 2008;371(9627):1839-1847. doi:10.1016/S0140-6736(08)60601-7 (Grundlagenstudie)
  4. Van Gelder IC, Rienstra M, Bunting KV et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J. 2024;45(36):3314-3414. doi:10.1093/eurheartj/ehae176
  5. Devereaux PJ, Sessler DI, Leslie K et al. Clonidine in patients undergoing noncardiac surgery. N Engl J Med. 2014;370(16):1504-1513. doi:10.1056/NEJMoa1401106 (Grundlagenstudie)
  6. Legrand M, Falcone J, Cholley B et al. Continuation vs discontinuation of renin-angiotensin system inhibitors before major noncardiac surgery: the Stop-or-Not randomized clinical trial. JAMA. 2024;332(12):970-978. doi:10.1001/jama.2024.17123
  7. Marcucci M, Painter TW, Conen D et al. Hypotension-avoidance versus hypertension-avoidance strategies in noncardiac surgery: an international randomized controlled trial. Ann Intern Med. 2023;176(5):605-614. doi:10.7326/M22-3157
  8. Lei M, Wu L, Terrar DA, Huang CLH. Modernized classification of cardiac antiarrhythmic drugs. Circulation. 2018;138(17):1879-1896. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.118.035455 (Grundlagenarbeit)
  9. Tisdale JE, Chung MK, Campbell KB et al. Drug-induced arrhythmias: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation. 2020;142(15):e214-e233. doi:10.1161/CIR.0000000000000905
  10. Brugada J, Katritsis DG, Arbelo E et al. 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia. Eur Heart J. 2020;41(5):655-720. doi:10.1093/eurheartj/ehz467
  11. Zeppenfeld K, Tfelt-Hansen J, de Riva M et al. 2022 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death. Eur Heart J. 2022;43(40):3997-4126. doi:10.1093/eurheartj/ehac262
  12. O'Brien B, Campbell NG, Allen E et al. Potassium supplementation and prevention of atrial fibrillation after cardiac surgery: the TIGHT K randomized clinical trial. JAMA. 2024;332(12):979-988. doi:10.1001/jama.2024.17888

Standardwerke

  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI, Fleisher LA, Leslie K, Wiener-Kronish JP (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 10. Aufl. Elsevier; 2024
  • Flood P, Rathmell JP, Urman RD (Hrsg.). Stoelting’s Pharmacology and Physiology in Anesthetic Practice. 6. Aufl. Wolters Kluwer; 2021
  • Brunton LL, Knollmann BC (Hrsg.). Goodman & Gilman’s The Pharmacological Basis of Therapeutics. 14. Aufl. McGraw Hill; 2023

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