Am Vorabend einer Operation liegt der Medikationsplan auf dem Tisch, und für jede Zeile muss eine Entscheidung fallen: weitergeben, pausieren oder ersetzen. Die Substanzklasse allein beantwortet diese Frage nicht. Entscheidend ist, wofür ein Medikament genommen wird und was geschieht, wenn es plötzlich fehlt. Ein Betablocker, der seit Jahren eine koronare Herzkrankheit schützt, ist etwas anderes als ein Betablocker, der zwei Stunden vor dem Schnitt erstmals gegeben wird. Ein Sartan gegen eine gut eingestellte Hypertonie ist etwas anderes als ein Sartan, das bei reduzierter Ejektionsfraktion zur prognoseverbessernden Therapie gehört. Beide großen Leitlinien, die europäische von 2022 und die amerikanische von 2024, formulieren ihre Empfehlungen deshalb nach Indikation und Eingriffsrisiko, nicht nach Wirkstoff.1, 2 Diese Lerneinheit setzt dort an, wo die Einheit zu Herz und Implantaten mit einer kurzen Tabelle aufhört, und erklärt die Pharmakologie und die Studienlage hinter jeder Entscheidung.
Warum ein Betablocker nicht abrupt fehlen darf
Unter einer Dauertherapie mit Betablockern nimmt die Dichte der Betarezeptoren am Herzen zu. Solange der Blocker wirkt, bleibt das unbemerkt. Fällt er weg, trifft das endogene Noradrenalin der Operationsbelastung auf mehr Rezeptoren als vorher: Tachykardie, Hypertonie und ein steigender Sauerstoffbedarf des Myokards sind die Folge, bei koronarer Herzkrankheit mit dem Risiko einer Ischämie. Dieses Rebound-Phänomen ist der pharmakologische Grund, warum eine bestehende Therapie perioperativ fortgeführt wird. Die ESC-Leitlinie empfiehlt die Fortführung mit der höchsten Empfehlungsklasse, die amerikanische Leitlinie ebenso.1, 2 Kann der Patient postoperativ nicht schlucken, wird die Wirkung überbrückt, etwa intravenös, und nicht einfach ausgesetzt. Gleichzeitig ist Fortführen kein Selbstzweck: Bei Hypotonie, Bradykardie, Blutung oder Sepsis wird die Dosis angepasst oder pausiert, denn ein Betablocker nimmt dem Kreislauf die Möglichkeit, einen Volumenverlust über die Herzfrequenz auszugleichen.
POISE: warum der Neubeginn kurz vor der Operation schadet
Der Gedanke war physiologisch einleuchtend: Wenn Tachykardie und Katecholaminstress perioperative Infarkte auslösen, müsste eine Betablockade sie verhindern. Die POISE-Studie prüfte das an 8351 Patienten mit kardiovaskulärem Risiko, die zwei bis vier Stunden vor dem Eingriff erstmals retardiertes Metoprolol in hoher Dosis erhielten. Der Myokardinfarkt wurde tatsächlich seltener, doch die Gesamtsterblichkeit und die Schlaganfallrate stiegen.3 Der Mechanismus liegt in der Pharmakodynamik: Ein nicht auftitrierter Betablocker trifft auf einen Kreislauf, der durch Narkose, Blutverlust und Flüssigkeitsverschiebung ohnehin an seine Kompensationsgrenze kommt. Hypotonie und Bradykardie waren in POISE häufiger und hingen mit Schlaganfall und Tod zusammen. Seitdem gilt: kein Neubeginn am Operationstag. Die amerikanische Leitlinie stuft ihn ausdrücklich als schädlich ein; besteht eine neue Indikation, soll ein Betablocker weit im Voraus begonnen werden, nach ihrer Formulierung optimal mehr als sieben Tage vor dem Eingriff, damit Zeit zum Auftitrieren bleibt.2 Die ESC-Leitlinie empfiehlt die routinemäßige präoperative Neueinstellung ebenfalls nicht und lässt einen frühzeitigen Beginn nur bei ausgewählten Hochrisikopatienten offen.1
Für die intravenöse Anwendung im Operationssaal sind zwei kurz wirksame Betablocker wichtig. Esmolol wird von Esterasen der Erythrozyten gespalten, seine Halbwertszeit liegt im Bereich weniger Minuten; es eignet sich deshalb zum Titrieren gegen einen Frequenzanstieg bei Intubation oder Extubation. Landiolol ist noch stärker beta-1-selektiv und ebenso kurz wirksam. Beide Substanzen sind in der ESC-Leitlinie zum Vorhofflimmern als Optionen der akuten Frequenzkontrolle aufgeführt.4 Der Vorteil der kurzen Wirkdauer ist zugleich die Grenze: Nach dem Ende der Infusion kehrt die Frequenz rasch zurück, und die Ursache der Tachykardie ist damit nicht behandelt.
Alpha-2-Agonisten: Dauertherapie ja, Neubeginn zur Organprotektion nein
Clonidin senkt über zentrale Alpha-2-Rezeptoren den Sympathikotonus. Auch hier lag die Hoffnung nahe, perioperative Ischämien zu verhindern. Die POISE-2-Studie gab 10 010 Patienten niedrig dosiertes Clonidin oder Placebo und fand keinen Rückgang von Tod oder Myokardinfarkt, dafür häufiger klinisch bedeutsame Hypotonien und nicht tödliche Herzstillstände.5 Die amerikanische Leitlinie rät deshalb davon ab, Clonidin zur Senkung des kardiovaskulären Risikos neu zu beginnen.2 Anders ist die Lage bei Patienten, die Clonidin seit langem nehmen: Ein abruptes Absetzen kann eine überschießende Hypertonie mit Tachykardie auslösen, weil der zentral gedämpfte Sympathikus plötzlich enthemmt wird. Die Dauertherapie wird deshalb fortgeführt oder bei Nahrungskarenz überbrückt (Lehrbuchwissen). Dexmedetomidin wirkt über denselben Rezeptor und wird als Sedativum eingesetzt; seine Kreislaufwirkungen, zunächst Blutdruckanstieg nach schneller Gabe, dann Bradykardie und Hypotonie, folgen derselben Pharmakologie.
Fortführen und Neubeginnen sind pharmakologisch verschiedene Eingriffe. Fortführen verhindert einen Rebound; ein Neubeginn kurz vor der Operation setzt einen nicht titrierten Wirkstoff in einen instabilen Kreislauf.