Bei Eingriffen an der Wirbelsäule droht eine Schädigung des Rückenmarks, der Nervenwurzeln oder der Cauda equina, am häufigsten bei Korrekturen von Deformitäten, bei Tumoren im Spinalkanal, bei hochgradiger Kompression mit Myelopathie und bei instabilen Verletzungen. Der Patient in Narkose kann nicht mitteilen, dass er die Beine nicht mehr bewegt. Das intraoperative Neuromonitoring übernimmt diese Aufgabe, indem es die Leitfähigkeit der Bahnen fortlaufend prüft. Eine Leitlinie der AO Spine und des Praxis-Instituts von 2024 empfiehlt das Neuromonitoring für Patienten mit hohem Risiko einer intraoperativen Rückenmarkschädigung ausdrücklich, als starke Empfehlung bei niedriger Evidenzqualität. Zusätzlich schlägt sie vor, solche Patienten vorab zu identifizieren, im interdisziplinären Team zu besprechen und ein festes intraoperatives Protokoll zu nutzen.1 Zu den Hochrisikosituationen zählt die Leitlinie unter anderem rigide thorakale Deformitäten, Revisionen angeborener Deformitäten mit Kompression, intramedulläre Tumoren, instabile Frakturen und die Ossifikation des hinteren Längsbands mit deutlicher Myelopathie.1
Somatosensorisch evozierte Potenziale
Für die somatosensorisch evozierten Potenziale (SSEP) wird ein peripherer Nerv elektrisch gereizt, an den Beinen meist der N. tibialis hinter dem Innenknöchel, an den Armen der N. medianus oder N. ulnaris am Handgelenk. Die Erregung läuft über die Hinterwurzel in die Hinterstränge derselben Seite, wird in den Kernen der Medulla oblongata umgeschaltet, kreuzt dort zur Gegenseite und erreicht über den Thalamus den sensiblen Kortex. Abgeleitet wird entlang des Weges, peripher, zervikal oder subkortikal und über dem Kortex. Weil das einzelne Signal im Grundrauschen des EEG verschwindet, werden Hunderte Antworten gemittelt; eine Veränderung wird deshalb mit einer Verzögerung von etwa ein bis zwei Minuten sichtbar. Die kortikalen Antworten sind empfindlich gegenüber Anästhetika, besonders gegenüber Inhalationsanästhetika und Lachgas, die subkortikalen und peripheren kaum.2
Motorisch evozierte Potenziale
Für die motorisch evozierten Potenziale (MEP) wird der Motorkortex über Elektroden an der Kopfhaut mit einer kurzen Serie elektrischer Impulse gereizt. Die Erregung läuft über die Pyramidenbahn, kreuzt in der Medulla oblongata, zieht im Pyramidenseitenstrang abwärts und wird im Vorderhorn synaptisch auf das α-Motoneuron übertragen. Abgeleitet wird das Muskelsummenpotenzial, etwa am M. abductor pollicis brevis, am M. tibialis anterior und am M. abductor hallucis. Die Antwort ist sofort verfügbar, aber jede Reizung bewegt den Patienten und wird deshalb nur in Abständen und nach Ansage ausgelöst. Bei intramedullären Tumoren wird zusätzlich die D-Welle über eine epidurale Elektrode abgeleitet; sie misst die direkte Erregung der Pyramidenbahn ohne Synapse und ist deshalb von Relaxanzien unabhängig. Die freie und die getriggerte Elektromyographie überwachen Nervenwurzeln, zum Beispiel beim Setzen von Pedikelschrauben (Lehrbuchwissen).
Warum beide Modalitäten nötig sind
Die Gefäßversorgung erklärt, warum SSEP allein nicht genügen. Die A. spinalis anterior versorgt die vorderen zwei Drittel des Rückenmarks mit Vorderhörnern und Pyramidenbahnen, die beiden Aa. spinales posteriores die Hinterstränge. Eine Ischämie im Gebiet der A. spinalis anterior, etwa durch Hypotonie bei Distraktion oder durch Unterbindung segmentaler Arterien, kann die Motorik zerstören, während die SSEP normal bleiben. Umgekehrt reagieren MEP empfindlicher auf Narkose und Physiologie. Die Kombination beider Modalitäten, als multimodales Monitoring bezeichnet, ist deshalb bei Eingriffen mit Rückenmarkrisiko der übliche Standard.
| Modalität | Geprüfte Bahn | Reiz und Ableitung | Gebräuchliches Warnkriterium | Relaxanz |
|---|---|---|---|---|
| SSEP | Hinterstrang, Lemniscus medialis | peripherer Nerv; zervikal und kortikal | Amplitude minus 50 % oder Latenz plus 10 % | erlaubt, verbessert oft das Signal |
| MEP | Pyramidenbahn und Vorderhorn | transkraniell; Muskel | Verlust oder Amplitude minus 80 %; steigende Reizschwelle | nicht erlaubt |
| D-Welle | Pyramidenbahn ohne Synapse | transkraniell; epidural | Amplitude minus 50 % | erlaubt |
| EMG, getriggert | Nervenwurzel | Schraube oder Sonde; Muskel | niedrige Reizschwelle | nicht erlaubt |
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Das kortikale Tibialis-SSEP hatte nach Lagerung eine Amplitude von 2,4 µV und eine Latenz von 38,0 ms. Nach der Korrektur messen Sie 1,0 µV und 41,5 ms. Berechnen Sie die Amplitudenabnahme und die Latenzzunahme in Prozent.