Die aneurysmatische Subarachnoidalblutung ist eine Erkrankung der mittleren Lebensjahre, häufiger bei Frauen, mit Rauchen, Hypertonie und familiärer Belastung als wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren. Das Leitsymptom ist der schlagartig einsetzende, stärkste je erlebte Kopfschmerz, oft mit Übelkeit, Meningismus, kurzer Bewusstlosigkeit oder Krampfanfall. Für die Anästhesie beginnt die Arbeit häufig schon vor der Diagnose, im Schockraum oder bei der Verlegung eines bewusstseinsgestörten Patienten, und sie endet nicht mit dem Verschluss des Aneurysmas, sondern setzt sich über zwei bis drei Wochen auf der Intensivstation fort. Die Grundlagen der Hirndurchblutung und des Hirndrucks werden hier vorausgesetzt; sie sind in den Einheiten Hirndurchblutung und Liquor und Hirndruck ausführlich dargestellt.
Schweregrad: warum zwei Skalen nebeneinander stehen
Der klinische Zustand bei Aufnahme ist der stärkste einzelne Prädiktor des Ergebnisses. Zwei Skalen sind verbreitet. Die ältere Einteilung nach Hunt und Hess beschreibt Kopfschmerz, Meningismus, Vigilanz und Herdzeichen in fünf Graden; sie ist anschaulich, aber in den Übergängen unscharf. Die Skala der World Federation of Neurosurgical Societies (WFNS) stützt sich auf die Glasgow Coma Scale und das Vorliegen eines motorischen Defizits und ist deshalb besser reproduzierbar. Beide unterscheiden Patienten mit gutem Zustand (Grad I bis III) von Patienten mit schlechtem Zustand (Grad IV und V), den sogenannten Poor-Grade-Patienten. Die Leitlinie der American Heart Association und American Stroke Association (AHA/ASA) von 2023 empfiehlt, den Schweregrad bei Aufnahme mit einer validierten Skala festzuhalten, weil er Prognose, Behandlungsintensität und Studienvergleiche bestimmt.1 Die Blutmenge in der Computertomographie, eingeteilt nach der modifizierten Fisher-Skala, sagt zusätzlich das Risiko der verzögerten zerebralen Ischämie voraus.
| Grad | WFNS: Glasgow Coma Scale und Motorik | Hunt und Hess: Klinik |
|---|---|---|
| I | GCS 15, kein motorisches Defizit | asymptomatisch oder leichter Kopfschmerz, leichter Meningismus |
| II | GCS 13 bis 14, kein Defizit | mäßiger bis schwerer Kopfschmerz, Meningismus, allenfalls Hirnnervenausfall |
| III | GCS 13 bis 14 mit Defizit | Somnolenz, Verwirrtheit oder leichtes fokales Defizit |
| IV | GCS 7 bis 12, mit oder ohne Defizit | Sopor, mäßige bis schwere Hemiparese |
| V | GCS 3 bis 6, mit oder ohne Defizit | Koma, Streckzeichen |
Die ersten Stunden: Nachblutung, Blutdruck und Drainage
Solange das Aneurysma offen ist, bedroht die Nachblutung das Leben mehr als jede andere Komplikation. Das Risiko ist in den ersten Stunden nach dem Ereignis am höchsten, und eine Nachblutung verschlechtert die Prognose drastisch. Die wirksamste Vorbeugung ist deshalb die frühe Versorgung: Die AHA/ASA-Leitlinie empfiehlt, das Aneurysma so früh wie möglich zu verschließen, nach Möglichkeit innerhalb von 24 Stunden.1 Für die Anästhesie folgt daraus, dass die Narkose zur Aneurysmaversorgung häufig außerhalb der regulären Programmplanung stattfindet und gut vorbereitet werden muss.
Bis zur Versorgung wird der Blutdruck engmaschig gemessen, bei eingeschränktem Bewusstsein arteriell, und mit kurz wirksamen, gut steuerbaren Substanzen geführt. Einen durch Studien belegten Zielwert gibt es nicht. Die Leitlinie verlangt, ausgeprägte Hypertonie und starke Schwankungen zu vermeiden, ohne eine Hypotonie in Kauf zu nehmen, weil viele Patienten zugleich einen erhöhten Hirndruck haben.1 Als Orientierung dient häufig ein systolischer Wert unter etwa 160 mmHg; das ist eine Expertenempfehlung früherer Leitliniengenerationen und kein harter Grenzwert. Schmerz, Übelkeit und Unruhe treiben den Druck und werden deshalb konsequent behandelt.
Ein Gedanke hilft, diesen scheinbaren Widerspruch zu verstehen. Auf die Wand des Aneurysmas wirkt nicht der arterielle Druck allein, sondern die Differenz aus dem Druck im Gefäß und dem Druck, der von außen gegenhält. Diese transmurale Druckdifferenz entspricht rechnerisch dem zerebralen Perfusionsdruck. Ein hoher Hirndruck schützt das Aneurysma also paradoxerweise ein Stück weit, während er die Hirnperfusion bedroht. Wird der Hirndruck schlagartig gesenkt, etwa durch großzügiges Ablassen von Liquor über eine frisch angelegte externe Ventrikeldrainage, steigt die Wandbelastung, ohne dass sich der Blutdruck verändert hat. Deshalb wird Liquor vor der Versorgung nur kontrolliert und in kleinen Mengen abgeleitet (Lehrbuchwissen).
Übung 1.2, Rechenaufgabe
Ein Patient mit ungesichertem Aneurysma und akutem Hydrozephalus hat einen Mitteldruck von 92 mmHg und einen Hirndruck von 30 mmHg. Berechnen Sie den zerebralen Perfusionsdruck, der hier zugleich die transmurale Druckdifferenz am Aneurysma beschreibt.
Ein akuter Hydrozephalus entwickelt sich bei einem erheblichen Teil der Patienten, weil Blut die Liquorwege verlegt und die Resorption stört. Er äußert sich durch zunehmende Vigilanzminderung und ist eine der wichtigsten behandelbaren Ursachen einer Verschlechterung. Bei symptomatischem akutem Hydrozephalus empfiehlt die Leitlinie die dringliche Liquorableitung über eine externe Ventrikeldrainage oder in ausgewählten Fällen eine lumbale Drainage.1
Antifibrinolyse: gut begründet, aber nicht wirksam
Weil die Nachblutung ein Gerinnselproblem ist, lag es nahe, das Gerinnsel medikamentös zu stabilisieren. Die randomisierte ULTRA-Studie prüfte Tranexamsäure so früh wie möglich nach Diagnose bis zur Versorgung, höchstens 24 Stunden, bei 955 Patienten. Ein gutes Ergebnis nach sechs Monaten, definiert als modifizierte Rankin-Skala 0 bis 3, erreichten 60 Prozent mit und 64 Prozent ohne Tranexamsäure; ein Nutzen war nicht nachweisbar.2 Die AHA/ASA-Leitlinie stuft die routinemäßige antifibrinolytische Therapie entsprechend als nicht nützlich für das funktionelle Ergebnis ein.1 Der Merksatz lautet: Nicht das Medikament schützt vor der Nachblutung, sondern der frühe Verschluss.