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Regionalanästhesie, Basisblockaden 1 und 2 · Stufe WBJ 1
Basisblockaden der oberen Extremität: axillär und interskalenär
Zwei Zugänge decken fast die ganze obere Extremität: der axilläre für Unterarm und Hand, der interskalenäre für Schulter und proximalen Humerus. Diese Einheit zeigt beide Schritt für Schritt und ordnet sie in die aktuelle Evidenz ein.
Neufassung für das E-Learning aus Kursunterlagen zur Regionalanästhesie (2024) und der Übersichtsarbeit zu den sieben Basisblockaden. Fremde Abbildungen der Vorlage sind nicht übernommen; sie sind durch eigene Schemata und beschriftete Platzhalter für eigene Aufnahmen ersetzt.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
001-014 Hygieneempfehlungen für die Regionalanästhesie (S1, Stand 04/2025, gültig bis 07.04.2030): gültig
001-044 Prävention und Therapie der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST) (S1, Stand 01/2020, gültig bis 07.01.2025, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen. ergänzend ASRA-Checkliste 2020
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
Die Zugänge zum Plexus brachialis nach Ebene, Eingriff, Risiko und Stufe einordnen.
Die Nerven der Axilla sonographisch sicher identifizieren und verfolgen.
Die axilläre Blockade in-plane selektiv und hochvolumig out-of-plane mit Katheter planen.
Beim interskalenären Block die Wurzeln am Querfortsatz zuordnen und out-of-plane extrafaszikulär punktieren.
Das Risiko der Phrenikusparese einschätzen und Alternativen benennen.
Zu dieser Lerneinheit
Zwei Lektionen zu den Blöcken und eine Übersicht, drei Fälle, eine Rechenaufgabe, Aufgabenblock, Abschlussquiz, Nachschlagen.
Ein eigenes Ultraschallbild der Klinik, sieben eigene Schemata, drei Platzhalter für Originalaufnahmen.
Der Plexus brachialis lässt sich von den Wurzeln bis zu den Endästen blockieren. Wer die Innervation, die Sonoanatomie und das operative Vorgehen kennt, wählt den passenden Zugang; oft führen mehrere Wege zum Ziel. Sicher beherrscht werden müssen der interskalenäre und der axilläre Zugang; supra- und infraklavikuläre Blockaden leiten sich aus derselben Sonoanatomie ab, verlangen aber eine absolut sichere Koordination von Schallkopf und Nadel (erweiterte Blockaden).
Die Schulter versorgen vor allem der N. suprascapularis (Kapsel, Rotatorenmanschette), der N. axillaris und der N. pectoralis lateralis, alle aus C5 und C6; die Haut über Akromion und Klavikula versorgen die Nn. supraclaviculares aus dem Plexus cervicalis (C3, C4). Daraus folgt: Für Schulteroperationen in reiner Regionalanästhesie muss der Zervikalplexus zumindest teilweise mitblockiert werden.
Originalaufnahme folgtDermatome und Osteotome der oberen Extremität
Zweigeteilte Abbildung: Hautinnervation (Nn. supraclaviculares, N. axillaris, N. musculocutaneus, N. radialis, N. medianus, N. ulnaris, N. cutaneus brachii und antebrachii medialis, N. intercostobrachialis) und Knocheninnervation von Schultergürtel, Humerus, Unterarm und Hand, farbig nach Nerv.
Bilddatei: bilder/p32-derma-osteotome.jpg
Abbildung 1: Dermatome und Osteotome der oberen Extremität. Eigene Aufnahme vorgesehen. Vorlage zum Suchen: Lehrposter „Upper Extremity“ (NYSORA und B. Braun); Neal et al., Reg Anesth Pain Med 2009;34:134–170
Übung 1.1
Übung 1.2
Lektion 2
Basisblock 1: axillärer Plexusblock
Der axilläre Plexusblock ist einfach und fehlerverzeihend: kein Pneumothorax, keine klinisch relevante Phrenikusparese, Gefäßpunktionen gut komprimierbar. Er zählt nach ESAIC/ESRA zu den oberflächlichen Blockaden. Didaktisch lassen sich in-plane und out-of-plane sowie die Unterscheidung von Arterie und Vene mit Farbdoppler üben (Huppertz-Thyssen 2026). Je nach Technik reicht er für alle Eingriffe am Unterarm, gegebenenfalls ab Mitte Oberarm.
Abbildung 2: Sonoanatomie der Axilla: Nerven um die A. axillaris. Eigene schematische Darstellung
Originalaufnahme folgtAxilläres Startbild im Ultraschall
Linearsonde quer in der proximalen Axilla, Arm 90° abduziert und außenrotiert: A. axillaris mit Venen, N. medianus, N. ulnaris, N. radialis (tief, hinter der Arterie), N. musculocutaneus im M. coracobrachialis, darunter Conjoint tendon; beschriftet.
Bilddatei: bilder/p32-axillaer-startbild.jpg
Abbildung 3: Axilläres Startbild im Ultraschall. Eigene Aufnahme vorgesehen. Vorlage zum Suchen: Jankovic, Peng: Regional Nerve Blocks in Anesthesia and Pain Therapy, Kapitel axillärer Block; Gray: Atlas of Ultrasound-Guided Regional Anesthesia, Kapitel 33
Nerven sicher identifizieren: verfolgen, nicht raten
Für die axilläre Blockade muss man den Verlauf der einzelnen Nerven kennen, weil sie sich nicht alle gleich verhalten. Der N. musculocutaneus nähert sich proximal der Arterie und berührt sie oft, meist zwischen der 6- und der 11-Uhr-Position, und zieht nach distal zwischen M. biceps und M. coracobrachialis in die Tiefe; als Variante verläuft er zunächst auf dem M. biceps, und bei kräftiger Muskulatur muss die Eindringtiefe früh vergrößert werden. Der N. medianus bleibt bis in die Ellenbeuge an der Arterie und ist axillär gelegentlich zweigeteilt. Der N. ulnaris zieht oberflächlich nach medial zum Sulcus ulnaris. Der N. radialis ist durch die dorsale Schallverstärkung der Arterie oft nicht sofort sichtbar und zieht nach distal mit einem Begleitgefäß in die Tiefe zum Humerusschaft. Der N. cutaneus antebrachii medialis ist ein eigener Nerv aus dem medialen Faszikel, liegt proximal meist nahe am N. ulnaris in der Gefäß-Nerven-Scheide und selten epifaszial, wo dann zusätzlich injiziert werden muss; eine motorische Antwort hat er nicht. Der N. cutaneus brachii medialis liegt häufig außerhalb der Faszie und ist für die Toleranz der Blutsperre und für Eingriffe an der Ellenbeuge wichtig. Beim Schallen lohnt es sich, den Druck zu variieren, um Verschieblichkeit und Komprimierbarkeit zu erfassen; nach der Injektion lösen sich die Nerven von der Arterie und erscheinen umspült.
Zwei Techniken
Zwei Techniken stehen zur Wahl, und sie verfolgen unterschiedliche Ziele. Die selektive In-plane-Technik eignet sich für den Single Shot und immer dann, wenn hohe Volumina oder Gesamtdosen vermieden werden sollen, etwa in der Schwangerschaft oder bei kleinen, alten Patienten. Kleine Volumina genügen, sofern jeder Nerv sicher umspült ist; O’Donnell hat 2009 gezeigt, dass unter Ultraschallsicht sehr geringe Mengen ausreichen können. Für den Unterarm reichen die vier Hauptnerven, also N. musculocutaneus, N. medianus, N. radialis und N. ulnaris, plus der N. cutaneus antebrachii medialis. Dabei werden die tief gelegenen Nerven zuerst umspült, weil aufsteigende Luftbläschen sonst das Bild verschlechtern. Die hochvolumige Out-of-plane-Technik ist eine bewährte Variante; perivaskuläre und perineurale Injektion erreichen in randomisierten Vergleichen ähnliche Erfolgsraten (Bernucci 2012). Sie erzeugt eine sehr gute chirurgische Toleranz einschließlich der Blutsperre, und ein Katheter lässt sich in der Gefäß-Nerven-Scheide gut sichern. Katheter werden grundsätzlich out-of-plane gelegt, weil in-plane gelegte postoperativ rasch dislozieren.
Abbildung 4: Axilläre Blockade hochvolumig out-of-plane mit Katheter in acht Schritten. Eigene DarstellungAbbildung 5: Nach axillärer Injektion ist das Lokalanästhetikum (LA) um die A. axillaris bis in den infraklavikulären Bereich zu sehen. Eigene Aufnahme
Aus der Praxis: Hautnerven und Gerinnung
Drei Punkte ergänzen das Bild. Bei hochvolumiger Technik mit Betonung der proximalen Ausbreitung werden der N. cutaneus antebrachii medialis und der N. cutaneus brachii medialis mit erfasst; entscheidend dafür sind der Punktionsort in der proximalen Axilla, die Reihenfolge der Injektionen, der Nadelwinkel und die Kompression nach distal. Die axilläre Punktion ist auch bei eingeschränkter Gerinnung durchführbar, weil die Region gut komprimierbar ist; über das erhöhte Blutungsrisiko wird aufgeklärt. Und die Nn. intercostobrachiales, meist aus Th2, versorgen den medialen proximalen Oberarm und werden vom Plexusblock nicht erfasst; sie lassen sich bei Bedarf als subkutaner Wall am Oberarm blockieren oder an der Thoraxwand unter dem M. pectoralis minor, ähnlich einem oberflächlichen Serratus-Block. Das ist der Grund, warum eine Blutsperre am Oberarm trotz perfekten Plexusblocks schmerzen kann.
Evidence Box, TourniquetGezielt ultraschallgesteuert gelang die Blockade von N. cutaneus brachii medialis und N. intercostobrachialis bei 88 % der Patienten, konventionell subkutan bei 19 %; das Tourniquet tolerierten 97,6 gegen 38,1 % (Magazzeni 2018). Ob eine zusätzliche ICBN-Blockade die Tourniquettoleranz verbessert, ist nicht einheitlich belegt.
Abbildung 6: Aufstellung beim axillären Plexusblock links. Eigene Darstellung
Warum die Nerven einzeln blockiert werden
Auf axillärer Ebene verlaufen die peripheren Nerven in getrennten Bindegewebstunneln. Eine gemeinsame Gefäß-Nerven-Scheide, in der alle Strukturen von einer einzigen Hülle umschlossen wären, existiert anatomisch nicht. Daraus folgt unmittelbar: Eine einzelne Injektion in die Nähe der Arterie erreicht die Nerven nur zufällig, weil sich das Lokalanästhetikum entlang des geringsten mechanischen Widerstands ausbreitet und die Septen umgeht. Techniken, die allein auf eine zirkuläre Verteilung um die A. axillaris setzen, erreichen deshalb nicht die Erfolgsraten der selektiven Blockade der einzelnen Nerven.
Der Strom bei der Nervenstimulation folgt dagegen dem elektrischen Widerstand und kann Faszien durchqueren. Eine korrekte motorische Antwort belegt daher die Nähe der Nadel zum Nerv, nicht aber, dass das Lokalanästhetikum diesen Nerv auch erreicht. Die einzige verlässliche Erfolgsabschätzung ist die sonographische Beurteilung des Ausbreitungsmusters; bei unerwünschtem Muster kann die Nadelposition noch korrigiert werden.
Kurzanleitung für die selektive Blockade
Ziel: Nn. medianus, radialis, ulnaris und musculocutaneus selektiv; der N. cutaneus antebrachii medialis wird zwischen N. medianus und N. ulnaris regelhaft miterfasst. Für die Blutsperre zusätzlich N. cutaneus brachii medialis und N. intercostobrachialis durch Infiltration oberhalb der Oberarmfaszie.
Lagerung: Rückenlage, Arm möglichst 90 Grad abduziert. Eine Beugung im Ellenbogen ist nicht erforderlich. Günstig ist eine schmale Lafette oder Liege.
Material: echogene Kanüle 22 Gauge, 50 mm, mit Facettenschliff. Steriler, weicher Sondenbezug mit geringer Dämpfung. Für die Hautquaddel und die Faszieninfiltration eine 25-Gauge-Kanüle, bei unsicherer Spitzendarstellung stattdessen die Blockadekanüle verwenden.
Äußere Landmarke: Rand des M. pectoralis major. Bei sehr muskulösen Patientinnen und Patienten kann dessen Prominenz das Aufsuchen der inneren Landmarken erschweren.
Innere Landmarken: zwingend die Sehne des M. latissimus dorsi auf dem M. teres major, dazu A. axillaris und M. coracobrachialis. Der Humerus bestätigt den Muskelansatz.
Gerät: Linear-Array mit etwa 40 mm Auflagefläche, 10 bis 15 MHz, Preset für Nerven oder oberflächliche Strukturen. Verstärkung so, dass keine weißen zusammenfließenden Flächen entstehen und die Gefäße möglichst echofrei bleiben. Fokuszone mittig zwischen Haut und Sehne.
Nervenidentifikation: jeden Nerv durch Verfolgen bis zu seiner Leitstruktur bestätigen, nicht über Verteilungsmuster.
Blockade: out of plane, sondennaher Einstich, Kanüle vor jedem Richtungswechsel bis auf Hautniveau zurückziehen und neu angulieren. Die Position der Spitze wird über die Darstellung der Öffnung bestätigt.
Prüfung und Freigabe: motorisch und sensibel prüfen, siehe Tabelle unten.
Evidence Box, Erfolgsraten axillärEine systematische Übersicht mit Metaanalyse zur axillären Blockade gegenüber anderen Techniken bei Eingriffen an der distalen oberen Extremität fand vergleichbare Erfolgsraten bei günstigem Komplikationsprofil (Nijs 2024). Eine anatomische Untersuchung belegt den vorderen Zugang zu N. axillaris und N. intercostobrachialis aus der Achselhöhle (Feigl 2018). Ein randomisierter Vergleich mit auffällig niedriger Erfolgsrate der axillären Technik verwendete die Sehne des M. latissimus dorsi nicht als Landmarke (Vazin 2016); das erklärt einen Teil der Diskrepanz.
Tabelle 90: Prüfung der Blockade vor der Freigabe
Nerv
Motorische Prüfung
Sensibles Areal
N. radialis
Streckung im Ellenbogengelenk
dorsaler Unterarm, Handrücken radial
N. medianus
Greifen mit Daumen und Zeigefinger, Einwärtsdrehen der Hand
palmare Hand radial
N. ulnaris
Fingerspreizen, Beugung von Klein- und Ringfinger
ulnare Hand palmar und dorsal
N. musculocutaneus
Beugung im Ellenbogengelenk
radialer Unterarm
N. cutaneus brachii medialis
keine motorische Antwort, rein sensibel
medialer Oberarm
N. intercostobrachialis
keine motorische Antwort, rein sensibel
Achselhöhle und proximaler medialer Oberarm
Messfehler Box, Prüfung der BlockadeEine Prüfung allein an der Hand ist nicht ausreichend. Muskeln und Periost werden nicht von Hautnerven versorgt, und die segmentale Innervation überlappt. Wird nur sensibel an der Hand geprüft, kann eine Blockade vollständig erscheinen, obwohl der Zugang durch die Muskulatur oder die Osteosynthese am Knochen schmerzhaft bleibt. Ebenso wenig sagt eine erhaltene Motorik etwas über die Hautanästhesie unter der Blutsperre aus.
Beispiel ohne Empfehlungscharakter: axilläre Blockade mit insgesamt 25 ml Mepivacain 1 %. Patient 70 kg. Wie viele mg insgesamt, und wie viele mg/kg?
Lektion 3
Basisblock 2: interskalenärer Block
Der interskalenäre Block anästhesiert die Wurzeln und Trunci C5 bis C7 und damit auch den N. suprascapularis: zuverlässige Analgesie für Schulter und proximalen Humerus. Er bleibt Basisblock der Schulterchirurgie, weil er reproduzierbar, gut lehrbar und den Alternativen analgetisch mindestens ebenbürtig ist. Sein Preis ist die nahezu regelhafte Phrenikusparese (Huppertz-Thyssen 2026, El-Boghdadly 2017).
Darstellen: von supraklavikulär nach kranial
Die eindeutige Zuordnung der Wurzeln ist die wichtigste Voraussetzung des interskalenären Blocks. In der Supraklavikularregion ist der Plexus leicht darstellbar; von dort gleitet man nach kranial und verfolgt jede Struktur bis zu ihrem Querfortsatz, wodurch jede Wurzel sicher benannt werden kann. Vor jeder Punktion wird der Farbdoppler eingeschaltet, weil die A. vertebralis, die A. transversa colli, die A. dorsalis scapulae und kleinere Gefäße im Stichkanal liegen können. Die Zuordnung über den Querfortsatz folgt einfachen Merkmalen: C7 hat nur ein hinteres Tuberkel, und davor verläuft die A. vertebralis; C6 hat ein prominentes vorderes Tuberkel, das Chassaignac-Tuberkel; bei C5 sind beide Tuberkel etwa gleich groß.
Abbildung 7: Wurzeln am Querfortsatz zuordnen. Eigene schematische Darstellung
Originalaufnahme folgtInterskalenäre Sonoanatomie auf Höhe C5, C6 und C7
Drei Querschnitte transversal-schräg mit Wurzeln (C5, C6, C7 VR), Querfortsätzen, M. scalenus anterior und medius, A. vertebralis; bei C5 N. dorsalis scapulae und N. thoracicus longus im M. scalenus medius; daneben die Sondenposition am Hals.
Bilddatei: bilder/p32-isb-c5-c7.jpg
Abbildung 8: Interskalenäre Sonoanatomie auf Höhe C5, C6 und C7. Eigene Aufnahme vorgesehen. Vorlage zum Suchen: Karmakar MK et al. High definition ultrasound imaging of the individual elements of the brachial plexus above the clavicle. Reg Anesth Pain Med 2020;45:344–350
Beim interskalenären Zugang entscheiden anatomische Details über die Sicherheit. Der N. thoracicus longus und der N. dorsalis scapulae ziehen durch den M. scalenus medius und sind oft kaum darstellbar; eine In-plane-Punktion von posterior durch diesen Muskel kann sie verletzen, weshalb meist out-of-plane punktiert wird. Injiziert wird zwischen den Wurzeln C5 und C6 von der Seite des M. scalenus medius her. Der N. phrenicus liegt hier oft medial auf dem M. scalenus anterior, und ein „Auslaufen“ des Lokalanästhetikums auf diesen Muskel soll vermieden werden; ganz verhindern lässt sich die Phrenikusparese beim klassischen interskalenären Block allerdings nicht, sie tritt bei hohen Volumina nahezu regelhaft auf und ist bei Patienten mit eingeschränkter Lungenfunktion der Grund, auf andere Verfahren auszuweichen. Nicht injiziert werden darf „zwischen C6 und C7“, weil eine geteilte C6-Wurzel als Zwischenraum fehlgedeutet werden kann und die Injektion dann subepineural endet. Der interskalenäre Bereich ist für Nervenläsionen besonders empfindlich; es wird streng extrafaszikulär injiziert, und es gibt keinen Grund, möglichst nah an den Nerv zu gelangen. Ein Katheter wird out-of-plane entlang des Plexus eingelegt.
Abbildung 9: Interskalenäre Punktion out-of-plane zwischen C5 und C6. Eigene schematische Darstellung
Evidence Box, AbstandDie Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen interskalenären Blocks nimmt mit dem Abstand zwischen Nadelspitze und Plexus ab; in einer Dosisfindungsstudie lag sie bei etwa 2 mm Abstand bei 95 %, bei etwa 8 mm noch bei 50 % (Albrecht 2014). Periplexisch injizieren genügt.
Aus der Praxis: interskalenär
Drei Hinweise für die Praxis: Auch bei einer Katheteranlage erhält der Plexus eine vollständige Initialblockade, damit bei einer Dislokation durch Operateur oder Lagerung wenigstens in der direkten postoperativen Phase eine Analgesie besteht. Die Nervenstimulation wird zurückhaltend eingesetzt, weil die Muskelantworten von M. deltoideus und M. biceps meist schon im Ultraschallbild eindeutig sind; Zwerchfell- oder Trapeziuszuckungen sprechen dagegen für eine Fehllage der Nadel und sind ein Warnsignal. Und bei Schulteroperationen ohne Allgemeinanästhesie werden zusätzlich die Nn. supraclaviculares blockiert, die aus dem Plexus cervicalis stammen und die Haut über der Klavikula und der oberen Schulter versorgen.
Phrenikusparese: nichts ist sicher
Die Blockade des N. phrenicus (C3 bis C5) führt zu einer ipsilateralen Zwerchfellparese; Vitalkapazität und FEV1 sinken, beim Lungengesunden meist symptomarm. Volumen und Injektionsort beeinflussen die Häufigkeit, aber kein Vorgehen schließt sie sicher aus. Bei eingeschränkter Lungenfunktion (COPD, Adipositas, kontralaterale Parese) die Alternativen prüfen: Truncus superior, kostoklavikulär, N. suprascapularis mit N. axillaris.
Tabelle 2: Strategien gegen die Phrenikusparese beim interskalenären Block (Einzelstudien, nicht direkt vergleichbar)
Ansatz
Modifikation
Zwerchfellparese
weniger Volumen
10 ml Ropivacain 0,75 %
60 %
weniger Volumen
5 ml Ropivacain 0,75 %
27 bis 45 %
niedrigere Konzentration
20 ml Ropivacain 0,1 %
42 %
extrafaszial zwischen C5 und C6
20 ml Bupivacain 0,5 % oder Ropivacain
21 %
intrafaszial an C7
10 ml Ropivacain 0,75 %
13 %
Standardvolumen
20 ml und mehr
nahezu 100 %
Evidence Box, PhrenikusBei 20 ml gegen 5 ml sank die Zwerchfellparese von 100 auf 45 % bei vergleichbarer Analgesie (Riazi 2008); die Übersicht zu Anatomie, Physiologie und Modifikationen gibt El-Boghdadly 2017. Die Werte der Tabelle stammen aus Einzelstudien mit unterschiedlicher Messmethode. Im deutschen Register war keiner der vier Plexuszugänge insgesamt eindeutig sicherer (Kubulus 2026).
Abbildung 10: Aufstellung beim interskalenären Block links. Eigene Darstellung
Zwei Lehrmeinungen zur Schulter
Zur Schulterchirurgie bestehen zwei begründete Positionen, die im Alltag nebeneinander vertreten werden. Die eine hält den interskalenären Block für das Standardverfahren, weil er reproduzierbar, gut lehrbar und in der Analgesie zuverlässig ist, und nimmt die passagere Phrenikusparese in Kauf. Die andere verlässt die interskalenäre Position und blockiert selektiv den Truncus superior mit sehr kleinem Volumen und lateralem Injektionsort oder wechselt für Eingriffe in reiner Regionalanästhesie auf die supraklavikuläre Ebene. Beide Wege sind vertretbar; entscheidend ist, dass die Abteilung sich gemeinsam mit den Operierenden auf ein Vorgehen einigt und dass die anatomischen Voraussetzungen im Einzelfall geprüft werden.
Volumen: Mit 20 ml und mehr liegt die Rate der Zwerchfellparese nahe bei 100 %. Eine deutliche Volumenreduktion senkt sie bei vergleichbarer Analgesie erheblich.
Injektionsort: lateral des Truncus superior und nicht medial davon, damit sich das Lokalanästhetikum nicht unter der Fascia praevertebralis zum N. phrenicus ausbreitet.
Voraussetzung: sonographisch prüfen, ob der N. phrenicus Anteile aus C5 erhält. Ist das der Fall, ist eine Teilparese auch bei sorgfältiger Technik nicht zu vermeiden.
Ergänzung für den wachen Patienten: Die Nn. supraclaviculares aus dem Plexus cervicalis versorgen die Haut über dem Schulterdach und liegen oberhalb der tiefen Halsfaszie. Sie werden über denselben Hauteinstich gesondert blockiert, indem die Kanüle zurückgezogen und oberhalb der Faszie mit leicht lateraler Richtung injiziert wird. Die für die wache Schulterchirurgie relevanten lateralen Anteile finden sich typischerweise in der Nähe der V. jugularis externa.
Alternative: Kombination aus Blockade des N. suprascapularis und des N. axillaris, wenn eine Phrenikusbeteiligung unbedingt vermieden werden muss.
Messfehler Box, tiefes HalsdreieckDie Grenze des Verfahrens liegt nicht nur beim Zwerchfell. Eine Ausbreitung nach medial in das Trigonum scalenovertebrale erreicht den Grenzstrang mit der Folge eines Horner-Syndroms und kann den N. laryngeus recurrens sowie bei größeren Volumina den N. vagus betreffen. Hohe Volumina, rasche Injektion und hoher Injektionsdruck sind in dieser engen Region daher nicht nur ineffizient, sondern gefährlich.
Rescue-Blockaden bei unvollständiger Plexusblockade
Rescue-Blockaden sind ergänzende, distale Nervenblockaden bei unvollständiger Anästhesie nach einer primären Plexusblockade. Ihr Ziel ist die vollständige sensible und motorische Blockade, ohne die Primärblockade zu wiederholen und damit die Gesamtdosis unnötig zu erhöhen. Indikationen sind eine unvollständige sensible Blockade, eine fehlende motorische Komponente, Schmerzen unter der Blutsperre und anatomische Varianten. Ihre Vorteile sind die rasche Durchführbarkeit, das geringe Volumen, die niedrige Komplikationsrate und die hohe Akzeptanz.
Das Vorgehen folgt fünf Schritten: Prüfung der Blockadequalität nach etwa 30 Minuten, Identifikation der nicht blockierten Nervengebiete, Auswahl der geeigneten Rescue-Technik, ultraschallgestützte Durchführung und erneute Prüfung nach 15 bis 20 Minuten. Alle drei Zielnerven werden am distalen Unterarm im Querschnitt aufgesucht, wobei die begleitende Arterie jeweils die Leitstruktur ist.
Der N. radialis wird etwa 8 bis 10 cm proximal des Handgelenks blockiert; sein oberflächlicher Ast liegt lateral der A. radialis, und 3 bis 5 ml Lokalanästhetikum genügen. Sein Versorgungsgebiet ist der Handrücken vom Daumen bis zum Mittelfinger. Der N. ulnaris liegt etwa 6 bis 8 cm proximal des Handgelenks medial der A. ulnaris; nach In-plane-Punktion von radial reichen 2 bis 4 ml. Er versorgt den Kleinfinger, die ulnare Hälfte des Ringfingers sowie den ulnaren Handrücken und die ulnare Hohlhand. Der N. medianus liegt oberflächlich zwischen den Sehnen des M. flexor carpi radialis und des M. palmaris longus, radial der Palmarissehne; 3 bis 5 ml werden langsam und zirkulär um den Nerv injiziert, weil die Region druckempfindlich ist. Er versorgt Daumen bis Mittelfinger und ist besonders bei Eingriffen am Daumenballen und am Karpaltunnel wertvoll.
Zu den anatomischen Zahlen, die für die Aufklärung und die Blockwahl am Hals wichtig sind: Beim interskalenären Zugang tritt eine vorübergehende Phrenikusparese praktisch regelhaft auf, ein Horner-Syndrom je nach Serie bei 20 bis 90 %, und die C5-Wurzel kann in etwa 5 % der Fälle nicht regelrecht angelegt sein; eine versehentliche epidurale oder spinale Injektion ist selten, aber möglich.
Zum MitnehmenErst nach 30 Minuten prüfen, dann gezielt ergänzen: N. radialis lateral der A. radialis mit 3 bis 5 ml, N. ulnaris medial der A. ulnaris mit 2 bis 4 ml, N. medianus radial der Palmarissehne mit 3 bis 5 ml. Die Primärblockade wird nicht wiederholt.
Lektion 4
Fälle, Merksätze und Aufgaben
Fall 1: Schmerz an der Manschette
Handgelenkfraktur, Tourniquet am Oberarm, axilläre in-plane-Blockade von MCN, MN, RN und UN mit je 4 ml; nach 20 Minuten Schmerz unter der Manschette.
Fall 1
Fall 2: Der Bizeps arbeitet
Unterarmosteosynthese in axillärer Blockade; der Patient beugt kräftig den Ellenbogen und spürt Berührung an der lateralen Unterarmhaut.
Fall 2
Merksätze
Interskalenär und axillär sicher; supra- und infraklavikulär sind erweitert.
Nerven verfolgen, nicht raten.
In-plane: die tiefen Nerven zuerst.
Axilläre Katheter nur out-of-plane, weit vorschieben.
Tourniquet: N. cutaneus brachii medialis und Nn. intercostobrachiales mitdenken.
Vor jeder interskalenären Punktion Farbdoppler.
C7: nur hinteres Tuberkel. C6: prominentes vorderes.
Out-of-plane, extrafaszikulär, lateral; nichts auf den M. scalenus anterior.
Nicht zwischen C6 und C7 stechen.
Nichts schließt die Phrenikusparese sicher aus.
Aufgaben
Aufgabe 1: Die Schwangere
Gegeben: Schwangere in der 28. Woche, Karpaltunnelsyndrom, Operation in Regionalanästhesie gewünscht.
Frage: Welche Technik wählen Sie?
Lösung
Axillär in-plane selektiv mit niedriger Gesamtdosis (kleine Volumina je Nerv, N. medianus plus Hautnerven je nach Schnitt), Linksseitenlage und fetale Überwachung in Absprache mit der Geburtshilfe. Die hochvolumige Technik ist hier nicht nötig.
Aufgabe 2: Die geteilte Wurzel
Gegeben: Sie sehen interskalenär drei hypoechogene Kreise übereinander und vermuten C5, C6 und C7.
Frage: Wie sichern Sie die Zuordnung, und wo injizieren Sie?
Lösung
Von supraklavikulär nach kranial gleiten, jede Struktur bis zum Querfortsatz verfolgen (C7 nur hinteres Tuberkel, C6 prominentes vorderes). Zwei der Kreise können die geteilte C6-Wurzel sein. Injektion zwischen C5 und C6 von lateral, extrafaszikulär, nicht in einen vermeintlichen Zwischenraum bei C6/C7.
Aufgabe 3: Katheter für die Replantation
Gegeben: Replantation eines Fingers, mehrtägige Analgesie und Sympathikolyse gewünscht.
Frage: Welches Verfahren?
Lösung
Axillärer Katheter out-of-plane, hochvolumig mit Kompression nach distal, Vorschub etwa 3 bis 5 cm über die Kanülenspitze (Ilfeld 2011); Substanz und Laufrate nach Fachinformation und Leitlinien. Registerdaten zeigen beim axillären Katheter ein höheres Risiko für Versagen und neurologische Störungen: täglich visitieren.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlussquiz, etwa 12 Minuten
Abschlussquiz
Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Begriffe und Literatur
Begriff
Bedeutung
MCN, MN, RN, UN
N. musculocutaneus, medianus, radialis, ulnaris
MABCN, MBCN
N. cutaneus antebrachii medialis, N. cutaneus brachii medialis
ICBN
Nn. intercostobrachiales (meist Th2)
DSN, LTN
N. dorsalis scapulae, N. thoracicus longus
HDP
hemidiaphragmatische Parese
Conjoint tendon
gemeinsame Sehne von M. latissimus dorsi und M. teres major, Leitstruktur axillär
Literatur
Huppertz-Thyssen MH, Andres AH, et al. Periphere Regionalanästhesie und -analgesie: „the magnificent seven“ für die Weiterbildung. Anaesthesiologie 2026;75:426–436.
Neal JM, Gerancher JC, Hebl JR, et al. Upper extremity regional anesthesia: essentials of our current understanding, 2008. Reg Anesth Pain Med 2009;34:134–170.
Karmakar MK, Pakpirom J, Songthamwat B, et al. High definition ultrasound imaging of the individual elements of the brachial plexus above the clavicle. Reg Anesth Pain Med 2020;45:344–350.
Feigl GC, Litz RJ, Marhofer P. Anatomy of the brachial plexus and its implications for daily clinical practice: regional anesthesia is applied anatomy. Reg Anesth Pain Med 2020;45:620–627.
O’Donnell BD, Iohom G. An estimation of the minimum effective anesthetic volume of 2% lidocaine in ultrasound-guided axillary brachial plexus block. Anesthesiology 2009;111:25–29.
Magazzeni P, Jochum D, Iohom G, et al. Ultrasound-guided selective versus conventional block of the medial brachial cutaneous and the intercostobrachial nerves: a randomized clinical trial. Reg Anesth Pain Med 2018;43:832–837.
El-Boghdadly K, Chin KJ, Chan VWS. Phrenic nerve palsy and regional anesthesia for shoulder surgery: anatomical, physiologic, and clinical considerations. Anesthesiology 2017;127:173–191.
Riazi S, Carmichael N, Awad I, et al. Effect of local anaesthetic volume (20 vs 5 ml) on the efficacy and respiratory consequences of ultrasound-guided interscalene brachial plexus block. Br J Anaesth 2008;101:549–556.
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