Intensivmedizin · Stufe WBJ 1

Sepsis: Definition, Erkennung und die ersten Stunden nach SSC 2026

Sepsis ist ein Notfall wie Infarkt und Schlaganfall. Wer sie früh erkennt, Kulturen abnimmt, Antibiotika ohne Verzug gibt und Kreislauf und Fokus konsequent behandelt, beeinflusst die Prognose stärker als mit jeder späteren Maßnahme.

Neufassung für das E-Learning (P35). Diese Lerneinheit schließt die Lücke „Definition, Erkennung und Bündeltherapie“ der Einheit Sepsis. Grundlagen: Sepsis-3 (Singer 2016), Surviving Sepsis Campaign 2026 (129 Aussagen, 46 davon neu), S3-Leitlinie Sepsis (AWMF 079-001, Update 07/2025), CLASSIC, CLOVERS und ANDROMEDA-SHOCK-2 (Recherchestand September 2026). Empfehlungsstärken sind so angegeben, wie die SSC sie formuliert.
Lernziele
  • Sepsis und septischen Schock nach Sepsis-3 definieren und den SOFA-Score einordnen.
  • Das richtige Screeninginstrument wählen und den Stellenwert des qSOFA begründen.
  • Die Maßnahmen der ersten Stunden in der richtigen Reihenfolge und parallel umsetzen.
  • Volumen, Vasopressoren und Hydrocortison nach SSC 2026 dosieren und steuern.
  • Laktat und Rekapillarisierungszeit als Verlaufsgrößen richtig lesen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit zwei Rechenaufgaben, ein Fall in drei Schritten, Merksätze, Aufgabenblock, Abschlussquiz und Nachschlagen.
  2. Vertiefung: Sepsis (Pathophysiologie und Langzeitfolgen), Schock, Albumin im septischen Schock, Antimikrobielle Therapie, Mikrozirkulation.

Lektion 1

Definition und Erkennung

Sepsis ist eine lebensbedrohliche Organdysfunktion, verursacht durch eine fehlregulierte Wirtsantwort auf eine Infektion (Sepsis-3). Klinisch wird die Organdysfunktion als akuter Anstieg des SOFA-Scores um mindestens 2 Punkte erfasst. Der septische Schock ist die Untergruppe, in der trotz ausreichender Volumengabe ein Vasopressor nötig ist, um einen mittleren arteriellen Druck von mindestens 65 mmHg zu halten, und das Laktat über 2 mmol/l liegt; die Krankenhaussterblichkeit liegt dann über 40 %.

Tabelle 1: Die sechs Organsysteme des SOFA-Scores
OrganMessgrößeBeispiel für Dysfunktion
LungePaO₂/FiO₂unter 300 mmHg, mit Beatmung unter 200 mmHg
GerinnungThrombozytenunter 150 000/µl
LeberBilirubinab 1,2 mg/dl
KreislaufMAD, VasopressorenMAD unter 70 mmHg oder Vasopressorbedarf
ZentralnervensystemGlasgow Coma Scaleunter 15
NiereKreatinin, Urinmengeab 1,2 mg/dl oder unter 500 ml/Tag

Screening: welches Werkzeug?

Die SSC 2026 empfehlen stark, bei akut kranken Patientinnen und Patienten im Krankenhaus NEWS, NEWS2, MEWS oder SIRS statt des qSOFA als alleiniges Screeninginstrument zu nutzen. Der qSOFA (Atemfrequenz ab 22/min, veränderte Bewusstseinslage, systolischer Druck bis 100 mmHg) sagt die Sterblichkeit voraus, ist für das Erkennen aber zu wenig sensitiv. Ein positiver qSOFA soll trotzdem an Sepsis denken lassen.

Sepsis ist eine klinische Diagnose; ein einzelner Biomarker bestätigt oder widerlegt sie nicht. Laktat wird bei möglicher Sepsis gemessen (bedingte Empfehlung); venöses und arterielles Laktat sind für das Screening gleichwertig.

Evidence BoxIn einer Kohorte mit über 221 000 Patientinnen und Patienten hatte NEWS2 die beste Kombination aus Sensitivität und Spezifität im Vergleich mit MEWS, SIRS und qSOFA; diese Daten tragen die starke Empfehlung der SSC 2026 gegen den qSOFA als alleiniges Screening.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Die ersten Stunden: parallel statt nacheinander

Die ersten Stunden bei Sepsis und septischem Schock1. ErkennenNEWS2, MEWS, SIRSLaktat messen2. Kulturenmindestens 2 Paarevor Antibiotika3. AntibiotikaSchock: sofort,möglichst in 1 Stunde4. Volumenmind. 30 ml/kg in 3 hbalanciert, neu bewerten5. Noradrenalinfrüh, auch peripherMAD 65 (ab 65 J. 60 bis 65)6. Fokusso früh wie möglichdrainieren, entfernenParallel arbeiten, nicht nacheinander. Nach SSC 2026. Eigene Darstellung.

Kulturen: mindestens zwei Blutkulturpaare so früh wie möglich, möglichst vor der ersten Antibiotikagabe (starke Empfehlung), dazu Proben vom vermuteten Fokus. Die Antibiotikagabe darf dadurch nicht relevant verzögert werden.

Antibiotika: beim septischen Schock und bei wahrscheinlicher Sepsis sofort, möglichst innerhalb einer Stunde. Bei nur möglicher Sepsis ohne Schock rasch abklären und, wenn sich der Verdacht hält, innerhalb von drei Stunden beginnen. Beta-Lactame nach einer Initialdosis als verlängerte Infusion geben; Auswahl, Dosis und Deeskalation behandelt die Einheit Antimikrobielle Therapie.

Volumen: bei sepsisbedingter Minderperfusion (Hypotonie oder erhöhtes Laktat) mindestens 30 ml/kg Kristalloid in den ersten drei Stunden (bedingte Empfehlung, niedrige Evidenz), mit engmaschiger Neubewertung, um Unter- und Überversorgung zu vermeiden. Balancierte Kristalloide statt NaCl 0,9 %. Danach entscheiden individuelle Faktoren über eine liberale oder restriktive Strategie; CLASSIC und CLOVERS fanden keinen Unterschied in der Sterblichkeit.

Vasopressor: Noradrenalin ist erste Wahl und darf peripher über einen gut liegenden Zugang begonnen werden, bis ein ZVK liegt. Ziel initial MAD 65 mmHg, ab 65 Jahren 60 bis 65 mmHg (SSC 2026, neu, bedingt). Bei zusätzlicher kardialer Dysfunktion kommen Noradrenalin oder Adrenalin als erstes Mittel in Betracht. Vasopressin ergänzen, meist ab 0,25 bis 0,5 µg/kg/min Noradrenalin; Hydrocortison 200 mg/Tag bei anhaltendem Vasopressorbedarf. Betablocker werden im septischen Schock nicht empfohlen.

Fokuskontrolle: so früh wie möglich, sobald sie medizinisch und logistisch machbar ist: Abszess drainieren, Katheter entfernen, Anastomose revidieren.

Übung 2.1, Rechenaufgabe

Patientin 78 kg, septischer Schock. Wie viele Milliliter Kristalloid entsprechen der Initialmenge von 30 ml/kg?

Übung 2.2, Rechenaufgabe

Dieselbe Patientin braucht 0,2 µg/kg/min Noradrenalin, Perfusor 5 mg auf 50 ml (100 µg/ml). Laufrate in ml/h (eine Nachkommastelle)?

Übung 2.3

Lektion 3

Steuerung und Verlauf: Laktat, Rekapillarisierung, Reagibilität

Laktat seriell: Bei Sepsis mit erhöhtem Laktat oder septischem Schock schlagen die SSC 2026 vor, die Therapie an wiederholten Laktatmessungen auszurichten. Nach dem Initialbolus wird Flüssigkeit individuell gegeben, nicht so lange, bis das Laktat normal ist. Laktat entsteht auch adrenerg und hängt von der Clearance ab (Kritische DO₂).

Rekapillarisierungszeit: ergänzend zu anderen Perfusionszeichen (bedingte Empfehlung, niedrige Evidenz). In ANDROMEDA-SHOCK-2 verbesserte eine an der Rekapillarisierungszeit ausgerichtete, personalisierte Kreislauftherapie den hierarchischen Gesamtendpunkt, vor allem über kürzere Organunterstützung.

Volumenreagibilität: Nach der Initialphase vor jedem weiteren Bolus dynamisch prüfen: passives Beinheben mit Messung des Schlagvolumens, Pulsdruckvariation unter ihren Voraussetzungen, Tidalvolumen-Challenge (Schock).

Nach der Stabilisierung: Deeskalation der Antibiotika nach Befund, aktive Flüssigkeitsentfernung, wenn die Initialphase abgeschlossen ist, frühe Mobilisation und Planung der Nachsorge (Betreuung nach der Intensivstation).

System: Die SSC 2026 empfehlen Programme zur Qualitätsverbesserung mit Screening und standardisierten Abläufen stark und schlagen „Code Sepsis“ oder eine Sepsis-Besprechung am Bett nach positivem Screening vor. Auf Intensivstationen mit niedriger Resistenzrate wird bei beatmeten Patienten die selektive Darmdekontamination vorgeschlagen.

Intensiv BoxDie häufigsten Fehler der ersten Stunden sind organisatorisch: Kulturen verzögern die Antibiotika, Noradrenalin wartet auf den ZVK, und nach dem Initialbolus läuft Flüssigkeit weiter, ohne dass jemand die Reagibilität prüft.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Fallsimulation: Urosepsis in der Notaufnahme

Ausgangslage

74-jährige Patientin, seit zwei Tagen Dysurie, jetzt Schüttelfrost und Verwirrtheit. Atemfrequenz 26/min, Blutdruck 84/46 mmHg (MAD 59), Herzfrequenz 118/min, SpO₂ 93 % unter Raumluft, Temperatur 39,2 °C, Laktat 4,1 mmol/l, Gewicht 65 kg. Sonographisch Harnstau rechts.

Schritt 1: Einordnung

Schritt 2: Die erste Stunde

Schritt 3: Nach 2 l Kristalloid

Merksätze

  • Sepsis: Organdysfunktion durch Infektion, SOFA-Anstieg um mindestens 2. Schock: Vasopressor für MAD 65 und Laktat über 2 trotz Volumen.
  • Screening mit NEWS2, MEWS oder SIRS; der qSOFA warnt, ersetzt aber kein Screening.
  • Kulturen vor Antibiotika, Antibiotika beim Schock sofort, möglichst in der ersten Stunde.
  • Mindestens 30 ml/kg balanciertes Kristalloid in drei Stunden, dann Reagibilität prüfen.
  • Noradrenalin früh, auch peripher; MAD 65, ab 65 Jahren 60 bis 65 mmHg.
  • Laktat seriell, Rekapillarisierung ergänzend, Fokus so früh wie möglich sanieren.

Aufgaben

Aufgabe 1: Kulturen oder Antibiotika?

Gegeben:
Septischer Schock, die Blutkulturen sind nicht abnehmbar, weil die Venen schwierig sind; der Oberarzt ist auf dem Weg.

Frage:
Warten Sie mit den Antibiotika?

Lösung

Nein. Kulturen sollen möglichst vor der Antibiotikagabe abgenommen werden, dürfen sie aber beim Schock nicht relevant verzögern. Zugang sonographisch oder intraossär, Kulturen über den neuen Zugang, Antibiotikum sofort danach; gelingt das nicht rasch, Antibiotikum zuerst und Kulturen so bald wie möglich.

Aufgabe 2: Das Laktat sinkt nicht

Gegeben:
Nach 3 l Kristalloid und Noradrenalin 0,15 µg/kg/min: MAD 68 mmHg, Rekapillarisierung 2 s, Laktat von 4,1 auf 3,6 mmol/l gefallen, Beinheben ohne Anstieg des Schlagvolumens.

Frage:
Geben Sie weiter Volumen, bis das Laktat normal ist?

Lösung

Nein. Das Laktat fällt, die Perfusion bessert sich, und die Patientin ist nicht mehr volumenreagibel. Weitere Flüssigkeit würde vor allem Ödeme erzeugen. Laktat im Verlauf kontrollieren, Fokus und Antibiotika sichern, Noradrenalin nach MAD und Perfusion titrieren.

Aufgabe 3: Der ältere Patient

Gegeben:
82 Jahre, septischer Schock bei Pneumonie, MAD unter Noradrenalin 62 mmHg, Rekapillarisierung 2,5 s, Urin 0,6 ml/kg/h.

Frage:
Steigern Sie das Noradrenalin auf MAD 70?

Lösung

Nicht routinemäßig. Die SSC 2026 schlagen ab 65 Jahren ein initiales Ziel von 60 bis 65 mmHg vor, und die Perfusionszeichen sind ausreichend. Ein höheres Ziel ist bei chronischer Hypertonie oder schlechter Organperfusion zu erwägen, dann mit Blick auf die Antwort.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 8 Minuten

Abschlussquiz

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Sepsis-3Definition 2016: Organdysfunktion durch fehlregulierte Wirtsantwort auf Infektion
SOFASequential Organ Failure Assessment, sechs Organsysteme, je 0 bis 4 Punkte
qSOFAAtemfrequenz ab 22/min, veränderte Bewusstseinslage, systolisch bis 100 mmHg
NEWS2National Early Warning Score 2, Frühwarnscore aus Vitalparametern
FokuskontrolleBeseitigung oder Drainage der Infektionsquelle

Literatur

  1. Singer M, Deutschman CS, Seymour CW, et al. The third international consensus definitions for sepsis and septic shock (Sepsis-3). JAMA 2016;315:801–810.
  2. Prescott HC, et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2026. Intensive Care Med 2026 und Crit Care Med 2026.
  3. Deutsche Sepsis-Gesellschaft. S3-Leitlinie Sepsis, Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge, AWMF 079-001, Update 07/2025.
  4. Meyhoff TS, et al. Restriction of intravenous fluid in ICU patients with septic shock (CLASSIC). N Engl J Med 2022;386:2459–2470.
  5. National Heart, Lung, and Blood Institute PETAL Network. Early restrictive or liberal fluid management for sepsis-induced hypotension (CLOVERS). N Engl J Med 2023;388:499–510.
  6. Hernández G, et al. Personalized hemodynamic resuscitation targeting capillary refill time in early septic shock (ANDROMEDA-SHOCK-2). JAMA 2025.