Die peripartale Blutung ist die Situation im Kreißsaal, in der Zeit am unmittelbarsten in Blut umgerechnet wird. Die Grundzüge stehen in der Einheit Anästhesie in der Geburtshilfe; diese Einheit vertieft, was die Anästhesie in den ersten Minuten, bei der Gerinnungstherapie und bei der geplanten Hochrisikoentbindung entscheidet. Die physiologischen Grundlagen der Schwangerschaft finden Sie in der Kachel Schwangerschaft, Plazenta und Fetus.
Definitionen im Wandel
Lange galt ein Blutverlust ab 500 ml nach vaginaler Geburt und ab 1000 ml nach Sectio als peripartale Blutung (Lehrbuchdefinition). Diese Mengen haben zwei Schwächen: Sie werden meist geschätzt, und sie setzen erst ein, wenn bereits viel Blut verloren ist. Die deutschsprachige S2k-Leitlinie 015-063 stellt deshalb den Kreislauf in den Vordergrund: Zeigt eine Wöchnerin Zeichen eines hämorrhagischen Schocks mit einem Schockindex über 0,9, ist von einer Blutung auszugehen, auch wenn kein Blut zu sehen ist.1 Die WHO hat 2025 gemeinsam mit FIGO und ICM eine neue Handlungsschwelle festgelegt: Eine peripartale Blutung liegt vor, wenn ein objektiv gemessener Blutverlust ab 300 ml mit mindestens einem auffälligen Kreislaufwert zusammentrifft (Puls über 100/min, Schockindex über 1, systolischer Blutdruck unter 100 mmHg oder diastolischer Blutdruck unter 60 mmHg) oder wenn objektiv mindestens 500 ml gemessen werden, je nachdem, was innerhalb von 24 Stunden zuerst eintritt; besondere Wachsamkeit gilt in den ersten zwei Stunden.2 Die niedrigere Schwelle soll die Behandlung vorverlegen, nicht mehr Frauen transfundieren.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen werden mit den vier T geordnet: Tonus (Uterusatonie, mit Abstand am häufigsten), Trauma (Verletzungen der Geburtswege, Uterusruptur), Tissue (Plazentareste, Plazentationsstörungen) und Thrombin (Gerinnungsstörungen). Die Reihenfolge der Häufigkeit ist Lehrbuchwissen; für die Praxis wichtiger ist, dass mehrere T gleichzeitig vorliegen können und dass jede lange Blutung sekundär zur Gerinnungsstörung führt. Tabelle 1 zeigt die in der Leitlinie genannten Risikofaktoren. Viele Blutungen treffen dennoch Frauen ohne erkennbares Risiko; deshalb setzen alle neueren Konzepte auf Messung und Struktur bei jeder Geburt, nicht allein auf Risikolisten.
| Risikofaktor | Odds Ratio | Bedeutung für die Anästhesie |
|---|---|---|
| Placenta praevia | 4 bis 13,1 | Zentrum, Blutprodukte und Zugänge vorab planen |
| vorzeitige Plazentalösung | 2,9 bis 12,6 | frühe Gerinnungsstörung möglich, Fibrinogen früh messen |
| Plazentaretention | 4,1 bis 7,8 | Anästhesie zur manuellen Lösung, Blutung unterschätzt |
| Präeklampsie | 5,0 | Methylergometrin kontraindiziert, Thrombozyten beachten |
| Zustand nach peripartaler Blutung | 3,0 bis 3,6 | antepartale Vorstellung |
| Mehrlinge | 2,3 bis 4,5 | Atonie wahrscheinlicher |
| Notsectio / elektive Sectio | 3,6 / 2,5 | Uterotonika und Zugänge vor dem Schnitt klären |
| Anämie unter 9 g/dl | 2,2 | geringe Reserve; Anämie vor der Geburt behandeln |
| Von-Willebrand-Syndrom (Typ 2 und 3) | 3,3 | Hämostaseologie vorab einbinden |
Tabelle 1 nennt nur einen Teil der Liste; auch Adipositas, lange Wehenunterstützung mit Oxytocin, Einleitung, Polyhydramnion, Makrosomie und hohe Parität erhöhen das Risiko.1 Wie die antepartale anästhesiologische Vorstellung organisiert wird, beschreibt die Einheit Organisation, Aufklärung und Risikoschwangerschaft.
Messen statt schätzen, Schockindex lesen
Schwangere kompensieren einen Volumenverlust lange über Tachykardie und Vasokonstriktion; der Blutdruck fällt spät. Visuell geschätzte Mengen liegen bei großen Blutungen regelhaft zu niedrig. Die Leitlinie verlangt, dass bei zunehmender Blutung alle Unterlagen, Tücher und Koagel gesammelt und gewogen werden.1 Der Schockindex aus Herzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck ist ein einfacher Frühindikator. In einer älteren, aber grundlegenden Kohorte von Frauen mit mindestens 1500 ml Blutverlust sagte er eine Intensivaufnahme besser voraus als der Blutdruck allein (Fläche unter der ROC-Kurve 0,75 gegenüber 0,64); ein Wert unter 0,9 war beruhigend, ein Wert ab 1,7 hatte eine Spezifität von 97,7 % für eine Intensivaufnahme.3 Der Schockindex ist kein Beweis einer Blutung: Schmerz, Fieber und Oxytocin erhöhen die Herzfrequenz, Betablocker dämpfen sie.
Schockindex, gemessener Blutverlust und Eskalationsstufe
Lernmodell nach den Diagnosekriterien der WHO 2025 und den Eskalationsschwellen der S2k-Leitlinie 015-063. Der Rechner ersetzt weder den klinischen Blick noch den lokalen Alarmplan. Er kennt weder Ursache noch Dynamik der Blutung, und bei Betablockern, Präeklampsie oder Schmerz ist der Schockindex nur eingeschränkt verwertbar.
Bündel statt Stufenleiter
Klassische Algorithmen arbeiten eine Maßnahme nach der anderen ab. Die E-MOTIVE-Studie hat gezeigt, dass Gleichzeitigkeit wirkt: In 80 Kliniken in Kenia, Nigeria, Südafrika und Tansania mit 210 132 vaginalen Geburten wurden ein kalibrierter Auffangbeutel zur Messung und ein sofort gemeinsam begonnenes Behandlungsbündel eingeführt. Der kombinierte Endpunkt aus schwerer Blutung ab 1000 ml, Laparotomie wegen Blutung oder mütterlichem Tod durch Blutung trat bei 1,6 % gegenüber 4,3 % auf (relatives Risiko 0,40; 95 % KI 0,32 bis 0,50). Die Erkennungsrate stieg von 51,1 % auf 93,1 %, die Anwendung des Bündels von 19,4 % auf 91,2 %.4 Die WHO empfiehlt seitdem für alle vaginalen Geburten die objektive Messung und ein Bündel aus Uterusmassage, Uterotonikum, Tranexamsäure, intravenöser Flüssigkeit, Untersuchung der Geburtswege und Eskalation (Merkwort MOTIVE); isotone Kristalloide sind Kolloiden vorzuziehen.2
Für Kliniken mit hohen Ressourcen liefert das walisische Projekt OBS Cymru die passende Erfahrung. Alle zwölf geburtshilflichen Einheiten führten 2017 und 2018 bei 61 094 Geburten ein Bündel ein: Risikoeinschätzung bei jeder Aufnahme, quantitative Blutverlustmessung nach jeder Geburt, strukturierte Eskalation zu erfahrenen Ärzten und viskoelastisch gesteuerte frühe Fibrinogengabe. Massive Blutungen über 2500 ml nahmen um 1,10 je 1000 Geburten und Jahr ab, der Anteil moderater Blutungen, die massiv wurden, sank von 7,0 % auf 5,0 %, und der Anteil der Frauen mit Erythrozytenkonzentraten sank von 2,3 % auf 1,8 %, ohne dass mehr Frauen mit einem Hämoglobin unter 80 g/l entlassen wurden.5 Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe; der Effekt ist plausibel, aber nicht als kausal bewiesen.
Eskalation und die Rolle der Anästhesie
Die S2k-Leitlinie empfiehlt, ab einem Blutverlust von mehr als 1000 ml rechtzeitig erfahrene Hilfe hinzuzuziehen, und macht dies bei anhaltendem Verlust von 1500 ml verpflichtend.1 Für die Anästhesie heißt das: nicht erst kommen, wenn der Kreislauf versagt. Mit der Alarmierung beginnen zwei großlumige Zugänge, Blutentnahme für Blutbild, Gerinnung mit Fibrinogen und Kreuzprobe, Blutgasanalyse mit Laktat, ionisiertem Calcium und Hämoglobin, Temperaturmessung und Wärmetherapie. Die Anästhesie führt dabei die Uhr: Wie lange blutet es, was wurde wann gegeben, wann ist die nächste Entscheidung fällig.