Pharmakodynamik beschreibt, was ein Wirkstoff mit dem Organismus macht: an welcher Zielstruktur er angreift, wie fest er dort bindet, welche Antwort er auslöst und wie sich diese Antwort mit der Konzentration verändert. Der Weg eines Wirkstoffs bis zum Wirkort, die Kinetik, ist in der Lerneinheit Pharmakokinetik, Pharmakodynamik und TCI und im Pharmakokinetik rechnen ausgeführt. Diese Lerneinheit vertieft die zweite Hälfte. Sie fällt in der Facharzt- und in der EDAIC-Prüfung oft schwerer, weil sie mit Begriffen arbeitet, die im klinischen Alltag gern durcheinandergeraten: Affinität und intrinsische Aktivität, Potenz und Wirksamkeit, kompetitiv und nichtkompetitiv, Toleranz und Tachyphylaxie. Wer diese Begriffe sauber trennt, kann auch unbekannte Wirkstoffe einordnen, ohne jede Fachinformation auswendig zu kennen.
Die meisten Anästhetika wirken über Rezeptoren. Gemeint sind Proteine, die ein körpereigenes Signal erkennen und in eine Zellantwort übersetzen. Nach Aufbau, Signalweg und Zeitmaßstab lassen sich vier Familien unterscheiden. Die Einteilung ist Lehrbuchwissen, sie hat aber eine unmittelbare klinische Folge: Sie sagt voraus, ob ein Wirkstoff in Millisekunden, Sekunden, Minuten oder erst nach Stunden wirkt, und sie erklärt, warum ein Kortikosteroid gegen einen akuten Bronchospasmus nicht rechtzeitig hilft, ein Beta-2-Agonist aber schon.
Ionotrope Rezeptoren: Millisekunden
Ionotrope Rezeptoren sind ligandengesteuerte Ionenkanäle. Bindet der Ligand, öffnet sich eine Pore, Ionen strömen entlang ihres Gradienten, und die Membranspannung ändert sich innerhalb von Millisekunden. Die wichtigsten Beispiele in der Anästhesie sind der GABA-A-Rezeptor, ein Chloridkanal, an dem Propofol, Etomidat, Barbiturate, Benzodiazepine und zum Teil die volatilen Anästhetika die hemmende Wirkung der Gamma-Aminobuttersäure verstärken; der nikotinerge Acetylcholinrezeptor der motorischen Endplatte, an dem Succinylcholin als Agonist und Rocuronium als kompetitiver Antagonist wirken; der NMDA-Rezeptor für Glutamat, den Ketamin, Lachgas und Xenon hemmen; und der Serotoninrezeptor vom Typ 5-HT3, den Ondansetron blockiert. Der 5-HT3-Rezeptor ist eine beliebte Prüfungsfalle, weil fast alle anderen Serotoninrezeptoren zur nächsten Familie gehören.
G-Protein-gekoppelte Rezeptoren: Sekunden bis Minuten
G-Protein-gekoppelte Rezeptoren durchziehen die Membran siebenmal. Der aktivierte Rezeptor setzt an der Innenseite ein G-Protein frei, das je nach Typ die Adenylylzyklase anregt (Gs), hemmt (Gi) oder die Phospholipase C aktiviert (Gq). Über Botenstoffe wie cyclisches Adenosinmonophosphat, Inositoltrisphosphat und Calcium wird das Signal vielfach verstärkt; die Kette ist in der Lerneinheit Zelluläre Signalübertragung Schritt für Schritt beschrieben. Zu dieser Familie gehören der µ-Opioidrezeptor (Gi: weniger cAMP, Öffnung von Kaliumkanälen, Hemmung spannungsabhängiger Calciumkanäle), der Alpha-2-Rezeptor für Dexmedetomidin und Clonidin, die Beta- und Alpha-1-Adrenozeptoren für Katecholamine, die Muskarinrezeptoren, die Atropin und Glycopyrronium blockieren, der Dopamin-D2-Rezeptor, den Droperidol und Metoclopramid hemmen, und der Vasopressin-V1-Rezeptor. Wegen der Signalverstärkung genügt oft die Besetzung eines kleinen Teils der Rezeptoren für eine maximale Antwort, ein Befund, der in Lektion 2 als Rezeptorreserve wiederkehrt.
Enzymgekoppelte und intrazelluläre Rezeptoren: Minuten bis Tage
Enzymgekoppelte Rezeptoren tragen selbst eine Enzymaktivität oder binden ein Enzym direkt. Der Insulinrezeptor ist eine Tyrosinkinase; in der Anästhesie begegnet er vor allem bei der Behandlung der Hyperkaliämie, wenn Insulin mit Glukose Kalium in die Zellen verlagert. Die Rezeptoren für natriuretische Peptide sind Guanylylzyklasen. Intrazelluläre Rezeptoren liegen im Zytoplasma oder im Zellkern und wirken als Transkriptionsfaktoren. Ihre Liganden sind lipophil und passieren die Membran: Glukokortikoide, Schilddrüsenhormone, Vitamin D. Die Antwort braucht die Neusynthese von Proteinen und setzt deshalb erst nach Stunden voll ein. Dexamethason wird aus diesem Grund zur Prophylaxe von Übelkeit und Erbrechen früh in der Narkose gegeben, und Hydrocortison ersetzt bei Nebenniereninsuffizienz ein fehlendes Hormon, statt einen Kreislauf in Minuten zu heben.
Zielstrukturen außerhalb der vier Familien
Viele Anästhesiewirkstoffe greifen gar nicht an einem Rezeptor im engeren Sinn an. Neostigmin hemmt ein Enzym, die Acetylcholinesterase, und erhöht dadurch die Konzentration des körpereigenen Agonisten. Nichtsteroidale Antirheumatika hemmen die Cyclooxygenasen. Lokalanästhetika blockieren spannungsgesteuerte Natriumkanäle von innen, und zwar bevorzugt im offenen und im inaktivierten Zustand, weshalb häufig feuernde Fasern empfindlicher reagieren. Antidepressiva hemmen Transporter für Serotonin und Noradrenalin, was in der Lerneinheit Wechselwirkungen und Pharmakogenetik als Ursache gefährlicher Wechselwirkungen wiederkehrt. Sugammadex und Protamin schließlich binden gar kein Körperprotein, sondern den Wirkstoff selbst.
| Familie | Aufbau und Signal | Zeitmaßstab | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Ionotrop | Ionenkanal öffnet nach Ligandbindung | Millisekunden | GABA-A (Propofol, Benzodiazepine), nikotinerg (Succinylcholin, Rocuronium), NMDA (Ketamin), 5-HT3 (Ondansetron) |
| G-Protein-gekoppelt | sieben Transmembrandomänen, Gs, Gi oder Gq, Botenstoffe | Sekunden bis Minuten | µ-Opioid (Fentanyl, Naloxon), Alpha-2 (Dexmedetomidin), Beta-1 und Alpha-1 (Katecholamine), muskarinerg (Atropin), D2 (Droperidol) |
| Enzymgekoppelt | Rezeptor mit eigener Enzymaktivität | Minuten bis Stunden | Insulinrezeptor (Tyrosinkinase), Rezeptor für natriuretische Peptide |
| Intrazellulär | Transkriptionsfaktor im Zellkern | Stunden bis Tage | Glukokortikoidrezeptor (Dexamethason, Hydrocortison), Schilddrüsenhormon |
| Andere Ziele | Enzym, spannungsgesteuerter Kanal, Transporter, Wirkstoff selbst | unterschiedlich | Acetylcholinesterase (Neostigmin), Natriumkanal (Lokalanästhetika), Serotonintransporter, Sugammadex, Protamin |
Auch die Empfindlichkeit eines Rezeptors unterscheidet sich zwischen Menschen. Genetische Varianten erklären davon meist nur einen kleinen Teil; Alter, Begleiterkrankungen, Begleitmedikation und die aktuelle Situation wiegen oft schwerer.1 Ein gut untersuchtes Beispiel ist die häufige Variante des µ-Opioidrezeptorgens OPRM1: Sie geht mit einem um etwa 10 % höheren postoperativen Morphinbedarf einher, was nach der Leitlinie des Clinical Pharmacogenetics Implementation Consortium zu gering ist, um die Dosierung danach auszurichten.2 Pharmakodynamische Variabilität wird deshalb nicht vorhergesagt, sondern durch Titration nach Wirkung beherrscht.