KernaussagenDie Frühmobilisierung beginnt innerhalb von 72 Stunden. In einer Metaanalyse senkte sie das Risiko eines Delirs um 47 % und verkürzte die Delirdauer um 1,8 Tage. In methodisch strengeren Studien war der Effekt allerdings nicht signifikant, und die große randomisierte TEAM-Studie fand mit einer sehr intensiven frühen Mobilisierung keinen Vorteil bei den Tagen außerhalb des Krankenhauses, dafür mehr unerwünschte Ereignisse. Die Dosis muss also individuell angepasst werden. Praktisch bewährt hat sich, Agitation in Aktivität zu lenken, statt sie zu sedieren, und hypoaktive Patientinnen und Patienten bei einem mittleren arteriellen Druck von mindestens 65 mmHg und ausreichender Wachheit aktiv zu mobilisieren; lange rein passive Mobilisation bringt wenig.
Dieser Artikel untersucht den Zusammenhang zwischen Frühmobilisierung und Delir auf der Intensivstation. Ein Delir wird als eine häufige Komplikation (ca. 40 %) bei Intensivpatienten beschrieben. Es ist eine akute Störung der Gehirnnetzwerke, die sich als Störung von Aufmerksamkeit und Kognition äußert. Symptome sind fluktuierendes Bewusstsein, Desorientierung, unangemessenes Verhalten und Kommunikation, Wahrnehmungsstörungen und gestörte Aufmerksamkeit. Delir ist ein Syndrom, das durch über 130 Faktoren (prädisponierende, triggernde und behandlungsassoziierte) verursacht werden kann. Da Dauer und Schwere des Delirs mit erhöhter Mortalität, kognitiven Einschränkungen und Pflegebedürftigkeit korrelieren, sind Prävention und rasche Therapie wichtig. Frühmobilisierung wird allgemein zur Prävention und Therapie empfohlen.
Frühmobilisierung ist definiert als der Beginn der Mobilisation innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation. Sie umfasst passive bis aktive Formen wie passives Durchbewegen, Sitzen, Stehen, Gehen, Cycling, NMES und Robotik. Nach einer wegweisenden Studie von Schweickert (2009), die eine geringere Delir-Inzidenz/-Dauer als sekundären Endpunkt zeigte, wurde der Zusammenhang weiter untersucht. Andere Studien bestätigten dies teilweise, während andere keinen Effekt zeigten. Die Ergebnisse scheinen widersprüchlich.
Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse (Nydahl et al. 2023) untersuchte die Effektivität der Frühmobilisierung zur Prävention und Therapie des Delirs. Die Analyse von 13 Studien (2 164 Patienten) ergab, dass Frühmobilisierung das Risiko für das Entstehen eines Delirs signifikant um 47 % senken kann, allerdings bei signifikanter Heterogenität. Die Delirdauer konnte um durchschnittlich 1,8 Tage gesenkt werden, hier ohne Heterogenität.
Subanalysen zeigten jedoch, dass Studien mit Merkmalen eines geringen Bias-Risikos, randomisierte Studien, neuere Studien (mindestens 2017), hohe Intensität der Mobilisierung oder Mobilisierung als alleinige Intervention keinen signifikanten Effekt auf die Delirprävention und -therapie hatten. Effektiv und statistisch signifikant (bei geringer Heterogenität) waren hingegen Studien mit geringer Intensität, ältere Studien (≤2016) und Studien mit moderatem Bias-Risiko. Qualitätsverbesserungsprojekte, Mobilisierung aus dem Bett und Mobilisierung als Teil eines Bündels waren effektiv, aber mit signifikanter Heterogenität. Die Heterogenität deutet auf versteckte Effekte hin, z. B. unterschiedliche Patientenpopulationen, Mobilisierungsformen oder zusätzliche Interventionen.
Die Kernfrage ist, ob Frühmobilisierung eine „one-size-fits-all“ Intervention ist oder ob es Ausnahmen und gegenteilige Effekte geben kann, bei denen Mobilisierung Delir triggern oder verstärken könnte. Frühmobilisierung ist komplex und umfasst physische, kognitive und psychosoziale Elemente. Sie kann die räumliche und zeitliche Orientierung verbessern. Als Teil eines Maßnahmenpakets kann sie durch optimierte Medikation und Familienanwesenheit positive Effekte haben.
Es gibt jedoch plausible Gründe für potenzielle Risiken oder Ineffektivität. Bei Patienten mit schwerem Schlaganfall verschlechterte umfassende Frühmobilisierung frühzeitig die Ergebnisse. Längeres Sitzen könnte die zerebrale Durchblutung verringern, schädlich bei neurologischen oder kardiovaskulären Erkrankungen. Bei Delir, das durch Hypoxie oder Stoffwechselstörungen verursacht wird, könnte Mobilisierung vorteilhaft sein, bei Patienten mit Schock hingegen weniger effektiv oder potenziell schädlich durch verminderte zerebrale Durchblutung. Verschiedene pathophysiologische Mechanismen des Delirs und der mögliche Effekt von aktiver gegenüber passiver Mobilisierung sind unklar oder variieren.
Es scheint einen Zusammenhang zwischen Delir und Frühmobilisierung zu geben, wobei eine frühzeitige Mobilisierung plausibel die Entwicklung eines Delirs verhindern kann. Die Dosierung (Dauer, Häufigkeit, Intensität) muss jedoch individuell angepasst werden. Bei agitierten Patienten sollte die Agitation in Aktivität gelenkt werden, bei hypoaktiven Patienten sollte ausdauernde passive Mobilisierung wegen der Gefahr mangelnder Hirnperfusion vermieden werden.
Empfehlungen zur Delir-Prävention und -Therapie basierend auf den Erkenntnissen: Nutzung leitlinienbasierten Delirmanagements, geschultes Team, Angehörigenintegration. Patienten sollten mehrmals täglich bis zum höchstmöglichen Niveau mobilisiert werden. Bei Patienten mit Hypovolämie-Risiko/vaskulären Pathologien sollte vor Mobilisierung eine Stabilisierung erfolgen, um zerebrale Minderperfusion zu vermeiden. Bei deliranten, agitierten Patienten sollte die Mobilisierung während der Agitation stattfinden (z. B. Stehen im Stuhl mit Hilfsmitteln und Interaktion). Bei deliranten, hypoaktiven Patienten sollte Mobilisierung erfolgen, wenn der mittlere arterielle Druck (MAD) mindestens 65 mmHg ist und die Patienten wach und ansprechbar sind. Weitere Forschung ist nötig, um geeignete Formen und Dosierungen zu definieren. Wichtig ist, Bettruhe zu vermeiden und frühzeitig patientenangepasst zu mobilisieren.
HinweisDie im Repetitorium erwähnte Tabelle zu den pathophysiologischen Mechanismen des Delirs und zur Wirkung aktiver und passiver Mobilisierung ist im Export nicht enthalten. Screening, Prävention und Therapie behandelt die Lerneinheit
Delirmanagement; das A-F-Bundle steht auch in
Betreuung nach der Intensivstation.